Befreiung zweier Besessener in Gergesa

Befreiung zweier Besessener in Gergesa

Matthäus 8,28-34; Markus 5,1-20; Lukas 8,26-39

Früh am Morgen – die Sonne ging gleichsam als Zeichen des Friedens am Horizont auf – erreichte Jesus mit seinen Begleitern das Ufer. Aber kaum hatten sie Land unter den Füßen, bot sich ihnen ein Anblick, der schrecklicher als das Toben des heftigen Sturmes war. Aus einem Versteck bei den Gräbern stürzten zwei Wahnsinnige auf sie zu, als wollten sie die Ankommenden in Stücke reißen. Überreste von Ketten, die sie gesprengt hatten, um ihrer Haft zu entfliehen, hingen an ihrem Körper. Weil sie sich selbst mit scharfen Steinen geschnitten hatten, war ihre Haut aufgerissen und blutig. Ihre Augen starrten unter dem langen, verfilzten Haar hervor. Es schien, als hätten die Dämonen, von denen sie besessen waren, alles Menschenähnliche in ihnen ausgelöscht. Sie sahen eher wie wilde Tiere als wie Menschen aus. Die Jünger und ihre Begleiter flohen vor Entsetzen. Aber sogleich merkten sie, dass Jesus nicht bei ihnen war. Sie kehrten um, um nach ihm zu sehen. Er stand immer noch dort, wo sie ihn verlassen hatten. Er, der den Sturm gestillt hatte, der Satan gegenübergestanden war und ihn überwunden hatte, floh nicht vor diesen Dämonen. Als sich ihm die Besessenen zähneknirschend und mit schäumendem Mund näherten, erhob Jesus die Hand, die den wilden Wellen Einhalt geboten hatte, sodass die Männer nicht näher kommen konnten. Sie standen rasend vor Wut und doch hilflos vor ihm. Mit Vollmacht gebot er den unreinen Geistern, aus den Männern auszufahren. Seine Worte durchdrangen die umnachteten Sinne der unglücklichen Männer. Sie nahmen undeutlich wahr, dass jemand vor ihnen stand, der sie von den quälenden Geistern erlösen konnte. Sie fielen Jesus zu Füßen, um ihn anzubeten. Doch als sie ihren Mund öffneten und um seine Gnade flehen wollten, sprachen die Dämonen aus ihnen und schrien mit Macht: »Was haben wir mit dir zu tun, Sohn Gottes? Du hast kein Recht, uns jetzt schon, vor dem von Gott festgesetzten Zeitpunkt, zu quälen!« (Matthäus 8,29b NLB) Jesus fragte: »Wie heißt du?« Und dieser antwortete: »Legion heiße ich; denn wir sind viele.« (Markus 5,9) Die Dämonen, welche diese gequälten Männer als Sprachrohr benutzten, flehten nun Jesus an, sie nicht aus der Gegend zu verweisen. Nicht weit entfernt von ihnen, an einem Berghang, weidete eine große Schweineherde. Die Dämonen baten, in die Schweine fahren zu dürfen. Jesus ließ es geschehen. Augenblicklich brach in der Herde Panik aus. Wild jagten die Tiere auf die Klippen zu, nicht imstande, ihren Lauf zu bremsen. Sie stürzten in den See und ertranken. Unterdessen ging in den Besessenen eine erstaunliche Veränderung vor sich. Licht erhellte ihren Verstand, und ihr Blick wurde klar. Ihre entstellten Gesichtszüge, die so lange Satans Bild widergespiegelt hatten, wurden plötzlich weich. Die blutbefleckten Hände ruhten nun, und mit freudiger Stimme priesen sie Gott für ihre Befreiung.

Von den Klippen aus hatten die Schweinehirten alles, was sich zugetragen hatte, mit angesehen. Nun eilten sie davon, um ihren Arbeitgebern und allen Leuten die Neuigkeit zu erzählen. Voller Angst und Bestürzung versammelte sich die ganze Bevölkerung, um Jesus zu begegnen. Die beiden Besessenen waren der Schrecken der ganzen Gegend. Niemand war in der Nähe der beiden sicher gewesen. In ihrer dämonischen Wut hatten sie sich auf jeden gestürzt, der an ihnen vorüberging. Nun saßen sie bekleidet und mit klarem Verstand zu den Füßen von Jesus, hörten seinen Worten zu und priesen den Namen dessen, der sie geheilt hatte. Aber die Menschen, die diese wunderbare Veränderung miterlebt hatten, freuten sich nicht darüber. Der Verlust der Schweine erschien ihnen wichtiger als die Befreiung der Gefangenen Satans. Aus Erbarmen gegenüber den Schweinehaltern war dieser Verlust zugelassen worden. Irdische Dinge hatten sie ganz in Anspruch genommen, und sie kümmerten sich nicht um ihr geistliches Leben. Jesus wünschte sich, ihr Verharren in dieser selbstsüchtigen Gleichgültigkeit durchbrechen zu können, damit sie seine Gnade annehmen. Aber Bedauern und Empörung über ihren irdischen Verlust machten sie für die göttliche Barmherzigkeit blind. Die Offenbarung übernatürlicher Kraft weckte den Aberglauben der Menschen und flößte ihnen Angst ein. Wenn dieser Fremde noch länger unter ihnen weilen würde, könnten noch weitere Schicksalsschläge folgen. Sie fürchteten ihren finanziellen Ruin und waren entschlossen, Jesus loszuwerden. Jene, die mit Jesus den See überquert hatten, erzählten alles, was in der vergangenen Nacht geschehen war, wie sie im Sturm der größten Gefahr ausgesetzt gewesen waren und wie Jesus dem Wind und dem stürmischen See Einhalt geboten hatte. Aber ihre Worte blieben wirkungslos. Verängstigt drängten sich die Bewohner um Jesus und flehten ihn an, ihre Gegend zu verlassen. Er erfüllte ihre Bitte unverzüglich, bestieg das Boot und fuhr auf die gegenüberliegende Seite des Sees. Der lebendige Beweis für die Macht und Gnade von Christus wurde den Menschen von Gergesa vor Augen geführt. Sie sahen die Männer, deren Verstand wiederhergestellt worden war. Aber sie fürchteten so sehr, ihre irdischen Belange in Gefahr zu bringen, dass sie den, der vor ihren Augen den Fürsten der Finsternis besiegt hatte, wie einen Eindringling behandelten und das Geschenk des Himmels abwiesen. Wir haben nicht die Möglichkeit, uns so wie die Einwohner von Gergesa von Christus als Person abzuwenden. Und doch gibt es viele, die sich weigern, seinem Wort zu gehorchen, denn Gehorsam würde bedeuten, weltliche Interessen aufzugeben. Aus Furcht, seine Gegenwart könnte materielle Verluste nach sich ziehen, lehnen viele seine Gnade ab und weisen Gottes Geist von sich.

Aber ganz anders empfanden die geheilten Besessenen. Es war ihr Wunsch, ihren Erlöser zu begleiten. In seiner Gegenwart fühlten sie sich vor den bösen Geistern sicher, die sie gequält und ihrer besten Kräfte beraubt hatten. Als Jesus ins Boot steigen wollte, drängten sie sich an seine Seite, knieten vor ihm nieder und flehten ihn an, bei ihm bleiben zu dürfen, um stets seinen Worten lauschen zu können. Doch Jesus gebot ihnen, nach Hause zu gehen und den Menschen zu erzählen, was der Herr Großes für sie getan hatte. Hier hatten sie eine Aufgabe zu erfüllen. Sie sollten in ihre heidnischen Familien zurückkehren und von den Segnungen erzählen, die sie von Jesus erhalten hatten. Es fiel ihnen schwer, sich von ihrem Erlöser zu trennen. Ihnen war bewusst, dass sie im Umgang mit ihren heidnischen Landsleuten mit großen Schwierigkeiten zu rechnen hatten. Weil sie lange Zeit abgesondert von der Gesellschaft gelebt hatten, schienen sie für die Arbeit, die er ihnen aufgetragen hatte, untauglich geworden zu sein. Doch als Jesus sie auf ihre Aufgabe hinwies, gehorchten sie bereitwillig. Sie erzählten nicht nur in ihrem eigenen Zuhause und bei ihren Nachbarn von Jesus. Sie zogen durch die ganze Gegend der zehn Städte und erzählten überall von der rettenden Macht von Jesus und wie er sie von den Dämonen befreit hatte. Auf diese Weise empfingen sie durch ihr Wirken den größeren Segen, als wenn sie bloß zu ihrem eigenen Vorteil bei Jesus geblieben wären. Wir werden Christus näher gebracht, wenn wir mithelfen, die gute Nachricht der Erlösung zu verbreiten. Die beiden geheilten Besessenen waren die ersten Missionare, die Jesus in das Gebiet der zehn Städte sandte, um die gute Nachricht von der Erlösung zu verkünden. Nur für wenige Minuten hatten sie das Vorrecht gehabt, der Unterweisung von Jesus zuzuhören. Keine einzige Predigt hatten sie von seinen Lippen vernommen. Sie konnten die Menschen nicht belehren, wie es die Jünger taten, die täglich mit Jesus zusammen waren. Doch ihre eigene Person war Beweis genug, dass Jesus der Messias war. Sie konnten das erzählen, was sie wussten, was sie selbst von Christus und seiner Macht gesehen, gehört und erlebt hatten. Jeder, dessen Herz von der Gnade Gottes berührt worden ist, kann dies tun. Johannes, der Lieblingsjünger, schrieb: »Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unseren Augen, was wir betrachtet haben und unsere Hände betastet haben, vom Wort des Lebens … das verkündigen wir auch euch.« (1. Johannes 1,1.3) Als Zeugen von Christus sollen wir verkündigen, was wir wissen, was wir selbst gesehen, gehört und erlebt haben. Wenn wir Jesus Schritt für Schritt gefolgt sind, können wir erzählen, wie es uns auf dem Weg, den er uns geführt hat, ergangen ist. Wir können von seinen Verheißungen erzählen, die wir erprobt und die sich als zuverlässig erwiesen haben. Wir können davon Zeugnis ablegen, auf welche Art wir die Gnade von Christus erlebt haben. Das ist der Zeugendienst, zu dem uns unser Herr aufruft und ohne den die Welt zugrunde geht. Obwohl die Menschen von Gergesa Jesus nicht angenommen hatten, überließ er sie doch nicht der Finsternis, für die sie sich selbst entschieden hatten. Als ihn die Leute baten, sie zu verlassen, hatten sie seine Worte noch nicht gehört. Sie wussten nicht, was sie damit ablehnten. Darum sandte er ihnen das Licht der Erlösung erneut, aber jetzt durch Boten, denen sie bereitwillig zuhörten. Mit der Vernichtung der Schweine wollte Satan erreichen, dass sich die Leute vom Erlöser abwenden. Es war seine Absicht, die Verbreitung des Evangeliums in diesem Gebiet zu verhindern. Aber gerade dieses Ereignis rüttelte die Menschen so auf wie kein anderes und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf Christus. Nachdem Jesus weggegangen war, blieben die Männer, die er geheilt hatte, als Zeugen seiner Macht zurück. Einst waren sie Werkzeuge des Fürsten der Finsternis gewesen, nun aber wurden sie Lichtträger und Botschafter des Sohnes Gottes. Immer wieder staunten die Menschen, wenn sie die wundersame Nachricht vernahmen. In diesem Gebiet hatte sich eine Tür für das Evangelium aufgetan. Als Jesus in das Gebiet der zehn Städte zurückkehrte, versammelten sich die Menschen um ihn. Drei Tage lang hörten nicht nur die Bewohner einer einzigen Stadt, sondern Tausende aus der ganzen Umgebung die Botschaft von der Erlösung. Sogar die Macht der Dämonen steht unter der Kontrolle unseres Erlösers, und das Werk des Bösen wird zum Guten umgewandelt.

Die Begegnung mit den beiden Besessenen in Gergesa war für die Jünger lehrreich. Sie sahen die tiefe Erniedrigung, in die Satan das ganze Menschengeschlecht hineinziehen möchte, und die Aufgabe von Christus, die Menschen von Satans Macht zu befreien. Jene elenden Geschöpfe, die bei den Gräbern hausten, von bösen Geistern besessen waren und von ungezügelten Leidenschaften und Begierden beherrscht wurden, zeigen uns, was aus der Menschheit werden würde, wenn sie der satanischen Herrschaft ausgeliefert wäre. Satan übt ständig Einfluss auf die Menschen aus, um ihre Sinne abzulenken, ihren Verstand mit Bösem zu beeinflussen und sie zu Gewalt und Verbrechen anzustiften. Er schwächt den Körper, trübt den Geist und erniedrigt die Seele. Jedes Mal, wenn Menschen die Einladung des Erlösers ablehnen, ergeben sie sich Satan. Unzählige Menschen in allen Lebenslagen, in der Familie, im Geschäftsleben und sogar in der Gemeinde, handeln heute so. Darum haben sich Gewalt und Verbrechen in der ganzen Welt verbreitet. Die Finsternis des sittlichen Zerfalls umhüllt einem Leichentuch gleich die Wohnungen der Menschen. Durch seine trügerischen Verlockungen verführt Satan die Menschen zu immer schwereren Sünden. Die Folge davon sind völlige Verdorbenheit und Ruin. Den einzigen Schutz vor Satans Macht finden wir in der Gegenwart von Jesus. Vor den Menschen und den Engeln wurde es offenbar, dass Satan der Feind und Zerstörer der Menschheit ist. Christus aber wurde als Freund und Erlöser erkannt. Sein Geist wird im Menschen all das hervorbringen, was den Charakter veredelt und dem Wesen Würde verleiht. Er möchte den Menschen zur Ehre Gottes an Leib, Seele und Geist umgestalten. »Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.« (2. Timotheus 1,7) Er hat uns dazu berufen, die »Herrlichkeit« – den Charakter – »unseres Herrn Jesus Christus« zu erlangen (2. Thessalonicher 2,14). Wir sollten dem Bild seines Sohnes gleich sein (vgl. Römer 8,29). Menschen, die zu Satans Werkzeugen herabgewürdigt worden sind, können auch heute noch durch die Macht von Christus verwandelt und Botschafter der Gerechtigkeit werden. Gottes Sohn wird sie aussenden, um zu verkünden, »welch große Dinge der Herr an dir getan und wie er sich über dich erbarmt hat« (Markus 5,19 Schl.)

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