Was braucht der Sünder?

Dem Menschen waren bei seiner Erschaffung edle leibliche und geistige Eigenschaften und Gaben verliehen worden. Er war ein vollkommenes Wesen und lebte in Harmonie mit Gott. Seine Gedanken waren rein und seine Ziele heilig. (1.Mose 1,26.27.31) Aber der Ungehorsam lenkte diese Fähigkeiten in andere Bahnen; Selbstsucht trat an die Stelle der wahren Liebe. (1. Mose 3,12.13) Durch die Übertretung wurde der Mensch so geschwächt, daß es ihm unmöglich war, aus eigener Kraft der Sünde Widerstand zu leisten. (2. Petrus 2,19) Er wurde ein Gefangener Satans und würde es auf ewig geblieben sein, wäre nicht Gott in seiner Liebe als Vermittler dazwischengetreten. (1. Mose 3,15) Es lag in der Absicht des Versuchers, den göttlichen Plan bei der Erschaffung des Menschen zu durchkreuzen und die Erde mit Weh und Verderben anzufüllen. Ja, er scheute sich nicht, alles Übel als eine Folge der göttlichen Erschaffung des Menschen zu bezeichnen. In seinem sündlosen Zustand war der Mensch aufs glücklichste verbunden mit ihm, „in welchem verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis“. (Kolosser 2,3) Nach dem Sündenfall aber fand der Mensch keine Freude mehr an der Heiligkeit und suchte sich vor der Gegenwart Gottes zu verbergen. (1. Mose 3,8-10) Ebenso sieht es jetzt noch in einem nicht wiedergeborenen Herzen aus. Es lebt nicht in Übereinstimmung mit Gott und hat kein Wohlgefallen und keine Freude an der Gemeinschaft mit ihm. (1. Korinther 2,14) Der Sünder könnte sich auch in der Gegenwart Gottes nicht glücklich fühlen und würde vor der Berührung und dem Zusammenleben mit heiligen Wesen zurückschrecken. Selbst wenn er Zutritt zum Himmel erhielte, würde er doch nie wahre Freude empfinden. Die selbstlose Liebe, die dort herrscht (ein jedes Herz schlägt der ewigen Liebe entgegen), würde in ihm keine verwandten Neigungen aufklingen lassen. Seine Gedanken, Neigungen und Beweggründe würden ganz andere sein als die, welche die Herzen der sündlosen Bewohner durchdringen. Er würde ein Misston in der Klangwelt des Himmels sein. Der Himmel wäre für ihn ein Ort der Qual. Solch ein Unglücklicher würde alles aufbieten, sich vor dem zu verbergen, der das ewige Licht und der Mittelpunkt aller Wonne ist.

Es ist kein willkürlicher Ratschluss des Herrn, die Gottlosen vom Himmel fernzuhalten; sie haben sich ja durch eigene Schuld von der seligen Gemeinschaft getrennt. Die Herrlichkeit Gottes wäre daher für sie ein verzehrendes Feuer. (Hebräer 12,29) Sie würden den Tod bewillkommnen, wenn sie sich nur vor dem Antlitz dessen verbergen könnten, der für ihre Erlösung am Kreuz starb. Es ist für uns unmöglich, aus eigener Kraft dem Abgrund der Sünde zu entfliehen, in den wir gefallen sind. (Römer 7,14) Das Trachten unserer Herzen ist böse, aber wir können sie nicht anders machen. „Kann wohl ein Reiner kommen von den Unreinen? Auch nicht einer.“ (Hiob 14,4) „Denn fleischlich gesinnt sein ist eine Feindschaft wider Gott, sintemal das Fleisch dem Gesetz Gottes nicht untertan ist; denn es vermag’s auch nicht.“ (Römer 8,7) Erziehung und Bildung, Willensübung und menschliche Anstrengung haben ihren eigenen Wirkungskreis, sind aber in diesem Falle machtlos. Sie mögen eine äußere Verbesserung der Sitten herbeiführen, können aber das Herz nicht verändern; sie sind nicht imstande, die geheimen Triebfedern des Lebens zu reinigen. Es muß zuerst eine Macht im Innern wirken, ein neues Leben von oben kommen, ehe der Mensch von der Sünde zur Heiligkeit bekehrt wird. Diese Macht ist Christus. Seine Gnade allein ist fähig, die toten Seelenkräfte wieder zu beleben und sie zu Gott, zur vollkommenen Heiligkeit hinzuleiten. Der Heiland selbst sagt: „Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ (Johannes 3,3)

Der Mensch muss ein neues Herz, ein neues Verlangen, neue Vorsätze und Beweggründe zu einem neuen Lebenswandel empfangen. Es ist eine grobe Täuschung, wenn wir glauben, dass wir nur das Gute in uns zu entwickeln brauchen. „Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich gerichtet sein.“(1.Korinther 2,14) „Lass dich’s nicht wundern, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden.“ (Johannes 3,7) Von Christus sagt die Schrift: „In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.“ (Johannes 1,4) „Und ist in keinem anderen das Heil, ist auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darin wir sollen selig werden.“ (Apostelgeschichte 4,12) Wir dürfen uns nicht damit begnügen, die liebevolle Güte Gottes zu verstehen; nicht, das Wohlwollen und die väterliche Zartheit seines Wesens zu erkennen. Wir dürfen nicht damit zufrieden sein, die Weisheit und Gerechtigkeit seines Gesetzes zu begreifen; nicht, zu wissen, dass es auf den ewigen Grundsatz der Liebe gegründet ist. Der Apostel Paulus hatte dies alles erkannt, als er schrieb: „So ich aber das tue, was ich nicht will, so gebe ich zu, dass das Gesetz gut sei.“ „Das Gesetz ist ja heilig, und das Gebot ist heilig, recht und gut.“ (Römer 7,16.12) Doch er fügt in Seelenangst und Verzweiflung hinzu: „Ich bin aber fleischlich, unter die Sünde verkauft.“ (Römer 7,14) Er sehnte sich nach der Reinheit, nach der Gerechtigkeit, die er aus sich nicht erlangen konnte, und rief deshalb aus: „Ich elender Mensch! wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?“ (Römer 7,24) Das ist derselbe Schmerzensruf, den viele beladene Herzen in allen Landen und zu allen Zeiten ausgestoßen haben. Auf diese Frage gibt es nur eine Antwort:

„Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt!“ (Johannes 1,29) Zahlreich sind die Bildreden des Geistes Gottes. Dadurch versucht er, diese Wahrheit zu erläutern und sie denen klarzumachen, die nach Freiheit von der Sündenlast verlangen. Als Jakob nach dem Betrug an seinem Bruder Esau aus dem Hause des Vaters floh, drückte ihn das Bewusstsein der Schuld zu Boden. Verlassen und verstoßen, losgelöst von allem, was ihm das Leben teuer und wert machte, litt er am meisten unter dem Druck des einen Gedankens, dass seine Sünde ihn von Gott getrennt habe und er vom Himmel aufgegeben sei. In seiner Betrübnis legte er sich auf den bloßen Erdboden nieder, um zu ruhen. Rings um ihn die einsamen Hügel und über ihm der Himmel in seiner Sternenpracht. Als er schlief, überkam ihn ein wunderbarer Traum. (1. Mose 28,10-12) Von dem Boden, auf dem er ruhte, sah er eine Leiter bis an die Pforten des Himmels reichen, auf der die Engel Gottes empor- und herniederstiegen; aus dem geöffneten Himmel aber vernahm er eine göttliche Botschaft des Trostes und der Hoffnung. Dieses Gesicht zeigte Jakob, was dem Bedürfnis und Verlangen seiner Seele entsprach: einen Heiland. Mit Freude und Dankbarkeit sah er den Weg, auf dem er als Sünder wieder zur Gemeinschaft mit Gott kommen konnte. Die geheimnisvolle Leiter im Traum stellte Jesus dar, den alleinigen Mittler zwischen Gott und Mensch. Auf dasselbe Gleichnis deutete nämlich Christus in seinem Zwiegespräch mit Nathanael hin: „Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Von nun an werdet ihr den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf und herab fahren auf des Menschen Sohn.“ (Johannes 1,51)

Mit dem Sündenfall entfernte sich der Mensch von Gott; die Erde wurde vom Himmel getrennt. Über den Abgrund, der dazwischen lag, führte keine Verbindung. Aber durch Christus wurde der Verkehr zwischen Erde und Himmel wiederhergestellt. Seine Verdienste überbrücken die tiefe Kluft, welche die Sünde hervorgerufen hat; nun können die dienenden Engel mit den Menschen aufs neue Gemeinschaft pflegen. Christus verband die gefallene Menschheit in ihrer Schwäche und Ohnmacht mit der Quelle der unendlichen Kraft Gottes. Vergebens träumt die Menschheit von Fortschritt, vergeblich sind alle Bemühungen um eine Veredlung der Menschen, wenn sie den Urborn aller Hoffnung und Hilfe für das gefallene Geschlecht außer Acht lassen. „Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts.“ (Jakobus 1,17) Ohne Gott gibt es keine Vollkommenheit, der einzige Weg zu Gott aber ist Christus. Er sagt von sich: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“(Johannes 14,6) Stärker als der Tod ist die Liebe, mit der Gott sich nach seinen Kindern auf Erden sehnt. In der Hingabe des Sohnes, in dieser einen Gabe, hat er uns den ganzen Himmel geschenkt. Leben, Tod und Vermittlung des Heilandes, der Dienst der Engel, die Vertretung des Geistes, der Vater, wirkend über allem und durch alles, die immerwährende Teilnahme himmlischer Wesen; alles dient der Erlösung der gefallenen Menschheit. O lasst uns dies für uns gebrachte wunderbare Opfer gläubig bedenken! Möchten wir doch die Langmut und Mühe anerkennen, mit welcher der Himmel die verlorene Menschheit erlösen und wieder in des Vaters Haus zurückbringen will! Stärkere Beweggründe, gewaltigere Mittel hätten nie verwandt werden können.

Die ungeahnten Belohnungen für rechtschaffenes Handeln, die Freuden des Himmels, die Gesellschaft der Engel, die selige Gemeinschaft mit Gott und seinem Sohn, die Veredlung und Ausdehnung aller unserer geistigen Kräfte für ewige Zeiten sollten uns diese mächtigen Triebkräfte nicht dazu anspornen, unsere Herzen völlig dem Schöpfer und Erlöser zu weihen? Sollten uns auf der anderen Seite nicht die gegen die Sünde angedrohten Gerichte Gottes, die unvermeidliche Vergeltung, die Verschlechterung unseres Innern, das Endgericht und die Vernichtung, wie sie klar im Worte Gottes dargestellt sind, vor Satans Dienst warnen? Erkennen wir nicht die Gnade Gottes? Was hätte er mehr für uns tun können? Schaffen wir selbst das richtige Verhältnis zu ihm, der uns mit wunderbarer Liebe geliebt hat! Nützen wir die für uns vorgesehenen Mittel, in sein Bild verwandelt und in die Gesellschaft der dienenden Engel, in Eintracht und Gemeinschaft mit dem Vater und seinem Sohne zurückversetzt zu werden!