Das Vorrecht des Gebets

Gott redet zu uns durch die Natur, durch die Offenbarung seines Wortes, durch seine Vorsehung wie durch das Walten seines Geistes. Dies genügt jedoch nicht; wir müssen ihm auch unsere Herzen auftun. Um rechtes geistliches Leben zu besitzen, müssen wir in tatsächlicher Verbindung mit unserem himmlischen Vater stehen. Mag auch unser Innerstes sich zu ihm hingezogen fühlen, mögen wir auch seine Werke, seine Barmherzigkeit und seine Segnungen vor Augen haben und bewundern, so heißt das doch nicht im vollsten Sinne des Wortes, mit ihm in enger Gemeinschaft zu stehen. Wenn wir das wollen, müssen wir ihn in den Angelegenheiten unseres täglichen Lebens zu Rate ziehen. Im Gebet öffnen wir uns Gott wie einem Freund, nicht, als wäre es notwendig, ihm zu sagen, was wir sind und wessen wir bedürfen, sondern um ihn in unsere Herzen aufzunehmen. Das Gebet bringt Gott nicht zu uns, vielmehr uns zu Ihm.

Als Christus auf Erden wandelte, lehrte er seine Jünger, wie man recht beten müsse (Lukas 11,1 ff). Er unterwies sie, täglich ihr Anliegen vor Gott zu bringen und alle ihre Sorgen auf ihn zu werfen. Die Verheißung, dass er ihre Bitten und Gebete erhören wollte, gilt auch für uns. Jesus selbst betete oft, während er unter den Menschen wandelte (Lukas 9,18; Markus 1,35). Der Heiland nahm unsere Not und unsere Schwächen auf sich und erflehte inbrünstig für seine Lebensaufgabe von seinem himmlischen Vater Beistand und Hilfe. Er ist in allem ein Vorbild, er wurde uns ein Bruder in unsern Schwachheiten, „der versucht ist allenthalben gleichwie wir“ (Hebräer 4,15); als der Sündlose schreckte er jedoch zurück vom Bösen und erduldete Pein und Seelenschmerz in der sündhaften Welt. Da er wahrhaftiger Mensch war, brauchte er das Gebet und schätzte es hoch ein. Im Umgang mit seinem Vater fand er Trost und Freude. Wenn der Erlöser der Menschheit, der Sohn Gottes, die Unentbehrlichkeit des Gebets empfand, wieviel mehr sollten wir schwache, sündige Menschen erkennen, dass wir innig und beständig zu Gott beten müssen!

Unser himmlischer Vater wartet darauf, die Fülle seiner Segnungen über uns auszugießen. Dank seiner Gnadenerweisung können wir unaufhörlich aus dem Brunnen unbegrenzter Liebe trinken. Ist es nicht fast ein Wunder, dass wir so wenig beten? Gott ist immer willens, das aufrichtige Flehen seiner geringsten Kinder zu erhören; dennoch offenbaren wir so viel Abneigung, ihm unsere Bedürfnisse vorzutragen. Was mögen die Engel des Himmels beim Anblick der armen, hilflosen, der Versuchung unterworfenen Wesen denken, wenn Gottes Herz in seiner unendlichen Liebe nach ihnen sucht, stets bereit, ihnen über Bitten und Verstehen hinaus zu geben? Trotzdem beten wir so wenig und haben so wenig Glauben. Es ist die Freude der Engel, dem Allwaltenden zu dienen, in seiner Nähe zu weilen. Innige Gemeinschaft mit Gott ist ihre höchste Wonne; aber die Kinder dieser Welt, die der göttlichen Hilfe so sehr bedürfen, scheinen ohne das Licht seines Geistes, ohne Gemeinschaft mit ihm zufrieden zu sein. Finsternis des Bösen umgibt die Gläubigen, die das Gebet vernachlässigen. Die Einflüsterungen des Feindes verleiten sie nur deshalb zur Sünde, weil sie die Gnadengabe nicht beanspruchen, die Gott ihnen mit der göttlichen Einrichtung des Gebets gegeben hat. Dürfen die Kinder Gottes so mit ihrem Gebet zurückhalten? Das Gebet ist der Schlüssel in der Hand des Glaubens, der uns die Kammern des Himmels öffnet, in denen unermeßliche Schätze der Allmacht aufbewahrt liegen! Ohne ununterbrochenes Flehen und eifriges Wachen setzen wir uns der Gefahr aus, nachlässig zu werden und vom rechten Pfade abzuweichen (Matthäus 26,41). Unser Widersacher sucht uns fortwährend den Weg zum Gnadenthron zu versperren, damit wir nicht durch inniges Gebet und ernsten Glauben die Kraft der Gnade erhalten, der Versuchung zu widerstehen.

Unter gewissen Bedingungen dürfen wir erwarten, dass Gott unsere Gebete erhört. Die erste ist, dass wir die Notwendigkeit seiner Hilfe fühlen. Er hat ja verheißen: „Ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf das Dürre.“ (Jesaja 44,3) Die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit und ein inniges Verlangen nach Gott haben, dürfen fest davon überzeugt sein, dass er ihr Sehnen stillt. Das Herz muss aber zuerst für den Einfluss des Heiligen Geistes geöffnet sein, ehe es die Segnungen Gottes empfangen kann. Unsere große Not ist selbst der beredteste Beweis. Der Herr wünscht jedoch, dass wir ihm unsere Anliegen im Gebet vorlegen. Er sagt: „Bittet, so wird euch gegeben.“ (Matthäus 7,7) Und er, der „auch seines eigenen Sohnes nicht hat verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben; wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken“? (Römer 8,32)

Wenn wir Ungerechtigkeit im Innern dulden und irgendeiner bewussten Sünde nachhängen, wird der Herr uns nicht erhören „Wer sein Ohr abwendet, um die Weisung nicht zu hören, dessen Gebet ist ein Greuel… Wer seine Sünde leugnet, dem wird’s nicht gelingen; wer sie aber bekennt und lässt, der wird Barmherzigkeit erlangen“ (Sprüche 28,9.13); nur das Gebet eines reuigen und zerschlagenen Herzens wird stets von ihm angenommen. Wenn alles erkannte Unrecht gut gemacht ist, schenkt er sicherlich unseren Bitten Gehör. Unser eigener Verdienst wird uns nie der Gnade Gottes empfehlen; nur Jesu Würdigkeit und Gerechtigkeit werden uns erlösen; sein Blut wird uns reinigen. Doch müssen wir solchen Bedingungen der Annahme als Kinder Gottes nachkommen.

Eine andere Eigenschaft des ernsten Gebets ist der Glaube. „Wer zu Gott kommen will, der muß glauben, daß er sei und denen, die ihn suchen, ein Vergelter sein werde.“ (Hebräer 11,6) Jesus sprach zu den Jüngern: „Alles, was ihr bittet in eurem Gebet, glaubet nur, daß ihr’s empfangen werdet, so wird’s euch werden.“ (Markus 11,24) Nehmen wir ihn aber bei seinem Wort? Seine Versicherung ist unbeschränkt, und der die Verheißung gegeben hat, ist getreu. Empfangen wir auch nicht sofort das, worum wir bitten, so sollen wir doch glauben, dass der Herr uns hört und unsere Bitten beantwortet. Wir sind so im Irrtum befangen und so kurzsichtig, dass wir oft unnütze Dinge erbitten. Liebevoll geht unser himmlischer Vater auf unsere Gebete ein und gibt uns jeweils gerade das, wonach wir selbst von Herzen verlangten, wenn wir durch göttliche Erleuchtung die wahre Sachlage richtig erkennen könnten. Findet auch unser Flehen anscheinend keine Antwort, sollten wir trotzdem an der Verheißung festhalten. Die Zeit der Erhörung wird sicherlich kommen, und wir werden die Segnungen empfangen, die uns am meisten nottun. Es ist jedoch Vermessenheit, wenn wir mit Gebetserhörung so rechnen, auch was die einzelnen Dinge betrifft, wie wir es wünschen. Gott ist zu weise, als daß er einen Irrtum beginge; zu gut, als dass er den Aufrichtigen das vorenthielte, was zu ihrem Besten dient. Deshalb vertraut ihm getrost, obschon eure Gebete nicht sofort erhört werden. Verlasst euch felsenfest auf seine Verheißung: „Bittet, so wird euch gegeben.“ (Matthäus 7,7) Wenn wir unsere Befürchtungen und Zweifel zu Rate ziehen oder alle Geheimnisse zu durchdringen versuchen, noch ehe wir den rechten Glauben haben, dann werden unsere Schwierigkeiten immer größer werden. Kommen wir aber im Gefühl unserer Hilflosigkeit und Schwäche, gerade wie wir sind, zu Gott, vertrauen wir ihm, der alle Dinge am besten weiß, der alle seine Geschöpfe kennt und der durch sein Wort und seinen Willen alles lenkt, demütig und gläubig alles an, was unsere Herzen bedrückt, dann kann und wird er auf unsern Notschrei achten und unsere Sinne erleuchten. Ein aufrichtiges Gebet versetzt uns in innige Gemeinschaft mit dem Herzen des Unendlichen. Wenn wir auch im Augenblick keinen merkbaren Beweis dafür haben, dass der Heiland und Erlöser sich in Liebe und Mitgefühl zu uns neigt es ist doch so. Wir mögen seine Nähe vielleicht nicht sofort verspüren, dennoch ruht seine Hand in Liebe und zartfühlendem Mitleid auf uns.

Erflehen wir Gnade und Segen von Gott, dann müssen auch unsere Herzen vom Geist der Liebe und Vergebung durchdrungen sein. Wie können wir beten: „Vergib uns unsere Schulden, wie wir unsern Schuldigern vergeben“ und doch der Unversöhnlichkeit Raum geben? (Matthäus 6,12) Hoffen wir auf Erhörung unserer Gebete, so müssen wir in gleicher Art und in gleichem Maße anderen vergeben, wie wir Vergebung unserer Sünden erwarten.

Ausdauer im Gebet ist eine weitere Bedingung der Erhörung. Wir müssen täglich beten, wollen wir im Glauben wachsen und an Erfahrung zunehmen. Wir müssen anhalten am Gebet und darin wachen mit Danksagung. Petrus spricht zu den Gläubigen: „So seid nun mäßig und nüchtern zum Gebet.“ (1.Petrus 5,8; vgl. Römer 12,12; Kolosser 4,2) Der Apostel Paulus ermahnt: „In allen Dingen lasset eure Bitten im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden.“ (Philipper 4,6) Im Brief des Judas heißt es: „Ihr aber, meine Lieben, erbauet euch auf euren allerheiligsten Glauben durch den heiligen Geist und betet, und erhaltet euch in der Liebe Gottes.“ (Judas 20,21) Anhaltendes Gebet ist ununterbrochene Gemeinschaft mit Gott; das von Gott ausgehende Leben ergießt sich in das unsrige, während von unserem Reinheit und Heiligkeit zu Gott zurückströmen. Weiter sind Fleiß und Beharrlichkeit im Gebet nötig! Lasst euch durch nichts daran behindern, sondern haltet mit allen euren Kräften die Verbindung zwischen Jesus und euch aufrecht. Sucht jede Gelegenheit zum Gebet, wo sie sich auch darbietet. Wer in Wahrheit nach Gemeinschaft mit Gott verlangt, wird die Gebetsversammlungen regelmäßig besuchen, treulich seine Pflicht erfüllen und mit ernstem Eifer alle nur möglichen Segnungen für sich einernten. Er wird jede Gelegenheit benutzen, sich von den Strahlen des himmlischen Lichtes bescheinen zu lassen.

Wir sollten auch im häuslichen Kreise beten, aber vor allen Dingen das Gebet im Kämmerlein nicht vernachlässigen; denn diese Art der Verbindung mit Gott verleiht uns besonderes Leben (Matthäus 6,6). Unser innerer Mensch kann unmöglich wachsen und gedeihen, wenn wir das Gebet vernachlässigen. Das Gebet im häuslichen Kreise und in den Versammlungen genügt nicht. In der Einsamkeit bringe dein Herz vor das alles durchforschende Auge Gottes. Das Gebet in der Einsamkeit soll allein zu dem Ohr dessen dringen, der Gebete erhört. Kein neugieriges Ohr soll solche Bitten vernehmen. Im stillen Gebet fühlt man sich frei von umgebenden Einflüssen und von Aufregung. Ruhig, jedoch inbrünstig soll dein Gebet zu Gott dringen. Heilend und fortdauernd wird der Einfluss dessen sein, der in das Verborgene sieht, dessen Ohr stets den Bitten derer geöffnet ist, die von Herzensgrund beten. Durch ruhigen, einfachen Glauben erhält man die Gemeinschaft mit Gott und empfängt Strahlen des göttlichen Lichts, die Kraft und Ausdauer im Kampf gegen Satan verleihen. Gott ist unsere Stärke!

Betet im Kämmerlein; erhebt eure Herzen bei eurer täglichen Arbeit oft zum Herrn. So wandelte Henoch mit Gott. Gleich einem kostbaren Rauchopfer steigen diese Gebete zum Thron der Gnade auf. Satan kann den nicht überwinden, der auf Gott vertraut. Keine Zeit, kein Ort ist ungeeignet, zu Gott zu beten. Nichts vermag uns davon abzuhalten, unsere Herzen im Geiste inbrünstigen Gebets zu Gott zu wenden. Im Gedränge der Straßen, inmitten unserer täglichen Geschäfte können wir zu ihm beten und um seinen göttlichen Beistand flehen, wie es Nehemia tat, als er seine Bitte vor den König Artaxerxes brachte. Innige Gemeinschaft mit Gott können wir allenthalben pflegen. Wir sollten unsere Herzenstür stets offen halten und Jesus mit diesen Worten einladen: „Komm, wohne als himmlischer Gast in meinem Herzen!“ Mag unsere Umwelt noch so verdorben sein, so brauchen wir deshalb ihr Gift nicht in uns aufzunehmen. Wir können in der reinen Welt des Himmels leben, können unreinen Begierden und unheiligen Gedanken jeden Zugang fest verschließen, wenn wir unsern Sinn in innigem Gebet zum Allwaltenden emporheben. Die ihre Herzen der Hilfe und dem Segen Gottes geöffnet halten, werden in einer heiligeren Luft als der irdischen wandeln; sie werden in steter inniger Verbindung mit dem Himmel stehen.

Wir müssen einen klaren Begriff von Jesus, ein volles Verständnis für den Wert der ewigen Wahrheit haben. Seine heilige Schönheit muss die Kinder Gottes erfüllen, und zu diesem Zweck müssen wir um göttliche Enthüllung himmlischer Dinge beten. Richten wir unsern Sinn aufwärts, damit Gott uns einen Hauch des himmlischen Lebens zuteil werden lasse! Wir können uns so nahe zu Gott halten, dass unsere Gedanken sich ihm in jeder unerwarteten Prüfung so natürlich zuwenden wie die Blume dem Licht der Sonne. Bringt eure Sorgen, eure Freuden, eure Anliegen, eure Befürchtungen, alles, was euch drückt und quält, vor Gott. Eure Lasten können ihm nie beschwerlich sein; ihr werdet ihn nie ermüden. Er, der die Haare auf eurem Haupt gezählt, ist nicht gleichgültig gegen die Bedürfnisse seiner Kinder. „Der Herr ist barmherzig und ein Erbarmer.“ (Jakobus 5,11) Sein Herz wird gerührt von unserem Elend, von unserm Notschrei. Alles, was eure Gemüter belastet, bringt vor ihn. Nichts ist so schwer, dass er es nicht tragen könnte; denn er trägt alle Welten und herrscht über alle Dinge des Weltalls. Nichts, was zu unserem Frieden gereicht, ist zu unbedeutend, als dass er es nicht beachtete. Kein Abschnitt in unserer Lebenserfahrung ist zu dunkel, als dass er ihn nicht lesen, keine Lage, in die wir geraten sind, zu schwierig, als dass er sie nicht meistern könnte. Kein Schaden kann die geringsten seiner Kinder befallen, keine Sorge das Herz quälen, keine Freude uns ergötzen, kein aufrichtiges Gebet von unseren Lippen kommen, die unser himmlischer Vater nicht beobachtete und an denen er nicht unmittelbar Anteil nähme. „Er heilt, die zerbrochenes Herzens sind, und verbindet ihre Schmerzen.“ (Psalm 147,3)

Das Verhältnis zwischen Gott und jedem Gläubigen ist von solcher Zartheit und Innigkeit, als habe er nur für diesen einen seinen geliebten Sohn in den Tod gegeben. Jesus sagte: „Ihr werdet bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, daß ich den Vater für euch bitten will; denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, darum daß ihr mich liebet“. (Johannes 16,26.27) Vorher sagt er schon: „Ich habe euch erwählt… auf daß, so ihr den Vater bittet in meinem Namen, er’s euch gebe.“ (Johannes 15,16) In Jesu Namen beten heißt jedoch mehr, als nur seinen Namen am Anfang oder am Ende des Gebets erwähnen. Wir müssen im Verständnis und im Geiste Jesu beten, an seine Verheißungen glauben, seiner Gnade vertrauen und seine Werke vollbringen. Gott verlangt von uns nicht, dass wir Einsiedler oder Mönche werden und uns gänzlich von der Welt zurückziehen, um uns seinem Dienst zu weihen. Unser Leben muss dem Leben Christi gleichen: wir brauchen Einsamkeit und Gemeinsamkeit. Wer nur betet und sonst nichts tut, wird bald aufhören zu beten, oder seine Gebete werden zur bloßen Form. Sobald die Menschen sich von dem gesellschaftlichen Leben, von den Pflichten und dem Kreuztragen eines Christen absondern, sobald sie aufhören, ernstlich für ihren Herrn und Meister zu arbeiten, der so treu für sie gewirkt hat, haben sie nichts, worum sie beten sollen, und verlieren den Trieb zur Andacht. Ihre Gebete werden eigennützig. Sie können nicht mehr für die Bedürfnisse der Menschheit oder um Kraft zur Mitarbeit am Aufbau des Reiches Gottes beten. Es bedeutet einen schweren Verlust für uns, wenn wir die Gnadengabe vernachlässigen, uns im Verein mit anderen zur Arbeit für Gott zu stärken und zu ermutigen. Die Lehren seines Wortes büßen an Klarheit und Bedeutung für uns ein und hören auf, unsere Herzen zu erleuchten und durch ihren heiligenden Einfluss zu erwecken. Dadurch wird unsere Geistesstärke beeinträchtigt. In unserem Verkehr als Christen verlieren wir viel durch den Mangel an Mitgefühl füreinander. Wer nur für sich selbst lebt, füllt nicht die ihm von Gott anvertraute Stellung aus. Die richtige Pflege unserer gesellschaftlichen Fähigkeiten bringt uns in enge Gemeinschaft mit anderen und fördert in uns die Entwicklung und Kraft für den Dienst Gottes. Sprächen Christen in ihrem täglichen Verkehr miteinander mehr von der Liebe des Allwaltenden und der Erlösung, so würde ihren Herzen Erquickung zuteil, und sie würden sich gegenseitig mehr stärken.

Wenn wir Tag für Tag mehr von unserem himmlischen Vater lernen und neue Erfahrungen mit seiner Gnade machen, wird auch der Wunsch in uns rege, mehr von seiner Liebe zu reden; ein solches Zeugnis aber würde unsere Herzen erwärmen und ermutigen. Wenn wir mehr an Jesus dächten und über ihn sprächen, würden wir auch mehr seine Gegenwart verspüren. Wenn wir unsere Gedanken nur so oft zu Gott schickten, wie wir Beweise seiner Gnade an uns erleben, müsste unser geistiges Leben stets bei ihm verweilen; es würde für uns ein Vergnügen bedeuten, von ihm zu reden und ihn zu preisen. Wir sprechen gern von zeitlichen Dingen, weil sie uns am nächsten liegen; wir reden von unseren Angehörigen, weil wir sie lieben, weil wir Freud und Leid vereint mit ihnen tragen. Doch haben wir viel größere Ursache, Gott mehr zu lieben als unsere irdischen Freunde, und es sollte für uns das Allernatürlichste sein, zuerst über ihn nachzusinnen, von seiner Güte zu sprechen und seine Wundermacht zu rühmen. Die Gnadengeschenke, mit denen er uns überhäuft, sollten unsere Liebe nicht so in Anspruch nehmen, dass wir nichts für ihn selbst übrig haben, sie sollten uns vielmehr täglich auf ihn hinweisen und uns mit Banden der Liebe und Dankbarkeit an unseren himmlischen Wohltäter fesseln. Wir beschäftigen uns zuviel mit den irdischen Niederungen.

Heben wir unsere Augen auf zu der offenen Tür des himmlischen Heiligtums, wo wir das herrliche Licht Gottes sich im Antlitz Christi widerspiegeln sehen, der auch kann „selig machen immerdar, die durch ihn zu Gott kommen“! (Hebräer 7,25) Preisen wir daher Gott mehr „für seine Güte und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut“! (Psalm 107,8) Unsere Andachtsübungen sollten nicht allein im Bitten und Empfangen bestehen, unsere Gedanken nicht nur auf unsere Bedürfnisse gerichtet sein, sondern wir sollten auch dankbar der Wohltaten gedenken, die wir erhalten. Wir beten niemals zuviel, allein wir sind zu sparsam mit unserm Dank. Täglich schenkt uns Gott seine Gnadengaben; aber wie wenig zeigen wir ihm unsere Dankbarkeit, wie wenig loben und preisen wir ihn für das, was er uns getan hat! Vor alters gebot der Herr dem Volke Israel als Anweisung für die Zusammenkunft zum Gottesdienst: Ihr „sollt daselbst vor dem Herrn, eurem Gott, essen und fröhlich sein, ihr und euer Haus, über alles, was eure Hand vor sich bringt, darin dich der Herr, dein Gott, gesegnet hat“. (5.Mose 12,7) Mit freuderfülltem Herzen, mit Liedern des Lobes und der Danksagung, nicht mit Trauer und Betrübnis, sollten wir alles zur Ehre Gottes ausrichten. Unser Gott ist ein liebevoller, barmherziger Vater. Wir sollten unseren Dienst für ihn darum nicht als schwer und niederdrückend ansehen. Es sollte uns eine Freude sein, ihm zu dienen und an seinem Werke teilzunehmen. Gott will nicht, dass seine Kinder, für die er eine überaus erhabene Erlösung vorgesehen hat, so handeln, als ob er ein harter, unnachsichtiger Werkmeister wäre. Er ist ihr bester Freund, und wenn sie ihm dienen, können sie von ihm Trost und Segnungen erwarten, die ihre Herzen mit Freude und Liebe erfüllen. Gott will, dass seine Kinder aus ihrer Anbetung Trost schöpfen und in seinem Dienst mehr Freude als Bürde erblicken. Es ist sein innigster Wunsch, dass alle, die ihn anbeten, daraus köstliche Gedanken von seiner Vorsehung und Liebe lernen. Dadurch werden sie in ihrer alltäglichen Arbeit aufgeheitert und empfangen die Gnadengabe, in allen Dingen ehrlich und treu zu handeln. Wir müssen uns unter das Kreuz stellen. Christus, der Gekreuzigte, soll der Gegenstand unserer Betrachtung, unserer heiligsten Freude sein. Wir sollten stets der Segnungen Gottes eingedenk sein, und wenn wir seine große Liebe erkannt haben, dann sollten wir auch gern alles der Hand anbefehlen, die um unsertwillen an das Kreuz geschlagen wurde. Unser Herz nähert sich dem Himmel auf den Flügeln des Gebets. In den oberen Höfen wird Gott verherrlicht mit Gesang und Saitenspiel, und wenn wir ihm unsere Dankbarkeit darbringen, wird unsere Anbetung derjenigen der himmlischen Heerscharen immer ähnlicher. „Wer Dank opfert, der preiset mich“, sagt der Herr. (Psalm 50,23) Lasst uns alle mit ehrerbietiger Freude vor unseren Schöpfer hintreten, mit „Dank und Lobgesang“. (Jesaja 51,3)