Erkenntnis Gottes

Gar mancherlei Wege hat Gott, sich mit uns bekannt zu machen und uns in Gottes enge Gemeinschaft mit sich zu bringen. Die Stimme der Natur ergeht unaufhörlich an unsere Sinne, das geöffnete Herz wird empfänglich für die Liebe und Herrlichkeit Gottes, wie sie sich durch seiner Hände Werk offenbaren. Ein lauschendes Ohr vermag die Stimme des Allwaltenden in der Natur zu vernehmen und zu verstehen. Die grünen Felder, die stattlichen Bäume, die Knospen und Blüten, die segelnde Wolke, der fallende Regen, der murmelnde Bach, die Herrlichkeit des Himmels reden zu unseren Herzen und laden uns zur näheren Bekanntschaft mit dem Schöpfer aller dieser Dinge ein. Unser Heiland flocht stets Gleichnisse aus der Natur in seine köstlichen Lehren. Die Bäume, die Vögel, die Blumen in den Tälern, die Berge, der See und das prächtig geschmückte Himmelszelt, sowie alle Umstände und Vorkommnisse in unserem täglichen Leben stehen in engster Verbindung mit dem Wort der Wahrheit. Dadurch sollten uns die Weisungen des Erlösers, gerade unter den Sorgen und Plagen des menschlichen Lebens, oft in die Erinnerung zurückgerufen werden. Gott will, dass seine Kinder auch seine Werke zu schätzen wissen, dass sie sich an der einfachen, stillen Pracht ergötzen, mit der er unsere irdische Heimat geschmückt hat. Er selbst hat das Schöne gern, aber vor allem äußerlich Gefälligen liebt er die Schönheit des Herzens (1. Samuel 16,7). Er möchte, dass wir Reinheit und Schlichtheit, die stillen Zierden der Blumenwelt, pflegen. Wollten wir nur lauschen, dann würden uns Gottes Schöpfungswerke wertvolle Belehrungen über das Vertrauen und den Gehorsam erteilen.

Von den Sternen, die in ihrem erdfreien Lauf durch das Weltall seit Jahrtausenden ihrer vorgezeichneten Bahn folgen, bis zum kleinsten Sonnenstäubchen gehorchen alle dem Willen des Schöpfers. Der Allwaltende sorgt für alles und erhält alles, was er geschaffen hat. In seinen Händen ruhen die zahllosen Welten des Alls, aber er gedenkt zu gleicher Zeit der Bedürfnisse des kleinen braunen Sperlings, der furchtlos sein einfaches Lied singt. Wenn der Mensch an seine Tagesarbeit geht und sich zum Gebet anschickt, wenn er sich zur Ruhe begibt oder wenn er am Morgen erwacht, wenn der reiche Mann in seinem Palaste schwelgt oder wenn der Arme seine Kinder zur kärglichen Mahlzeit ruft; über jedem einzelnen wacht das zärtliche Auge des himmlischen Vaters. Keine Träne fällt, die Gott nicht kennt; kein fröhliches Lächeln gibt es, das er nicht bemerkt. Glaubten wir dies nur recht, dann schwänden bald alle unnötigen Beklemmungen. Wir fühlten uns im Leben nicht so enttäuscht, würden getrost alle großen und kleinen Nöte in die Hand Gottes befehlen, der sich nie durch die Fülle der Sorgen verwirren oder sich von ihrer Last erdrücken lässt. Wir verspürten dann eine Seelenruhe, die uns lange Zeit fremd gewesen ist. Wenn unsere Sinne an der Lieblichkeit und Schönheit der Erde Gefallen finden, dann lasst uns an jene zukünftige Welt denken, die nichts vom Elend der Sünde und des Todes weiß, in der die Natur nicht mehr den Schatten des Fluches trägt. Macht euch im Geiste ein Bild von der Heimat der Seligen, wisst aber, dass sie noch viel herrlicher ist, als die kühnste Einbildung sie auszumalen vermag.

In den verschiedenen Gaben, die Gott uns in der Natur mitteilt, erkennen wir doch nur einen äußerst schwachen Abglanz seiner Herrlichkeit. „Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.“ (1.Korinther 2,9) Dichter und Naturforscher haben viel über die Natur zu sagen, ein Christ jedoch kann sich an den Erdenschönheiten mit der höchsten Freude ergötzen; denn er erkennt in ihnen des Vaters Werk, er erblickt sowohl in der Blume wie im Busch und im Baum seine Liebe. Niemand versteht die Bedeutung von Berg und Tal, Fluss und See recht, der nicht darin einen Ausdruck der göttlichen Liebe zu uns Menschen erkennt. Gott redet zu uns durch sein fürsorgliches Wirken sowie durch den Einfluss seines Geistes auf das Herz. Aus unseren Verhältnissen, aus unserer Umgebung und aus dem täglichen Wechsel können wir wertvolle Weisungen entnehmen, wenn unsere Herzen dafür empfänglich sind. Der Psalmdichter singt im Loblied über die fürsorgliche Tätigkeit Gottes: „Die Erde ist voll der Güte des Herrn.“ (Psalm 31,5) Und an einer anderen Stelle: „Wer ist weise und behält dies? So werden sie merken, wie viel Wohltaten der Herr erzeigt.“ (Psalm 107,43)

Gott redet zu uns aber auch durch sein Wort. Darin offenbart sich noch klarer sein Wesen, sein Handeln an uns Menschen, sein großes Erlösungswerk. Es liegt vor uns aufgeschlagen die Geschichte der Erzväter, Gotteskinder und anderer heiliger Männer vor alters. Sie waren Menschen „gleich wie wir“. (Jakobus 5,17) Wir sehen, dass auch sie mit Enttäuschungen zu kämpfen hatten, der Versuchung unterlagen, sich aber doch wieder aufrichteten und durch die Gnade Gottes den Sieg davontrugen. Durch solche Beispiele werden wir in unserm Trachten nach der Gerechtigkeit ermutigt. Wenn wir von den herrlichen Erfahrungen dieser Männer lesen, von dem Licht, der Liebe und dem Segen, worüber sie erfreut sein durften; wenn wir von den Werken lesen, die sie durch die ihnen verliehene Gnade verrichteten, dann zündet noch heute der gleiche Geist, der in ihnen mächtig war, eine Flamme heiliger Begeisterung in unseren Herzen an; ein Verlangen wird in uns wach, ihnen ähnlich zu werden und, gleich ihnen, mit Gott zu wandeln. Jesus sagt von der Schrift des Alten Bundes (wieviel mehr gilt dasselbe von der des Neuen) : „Sie ist’s, die von mir zeuget“, von ihm, dem Erlöser, in dem sich alle unsere Hoffnungen auf ein ewiges Leben vereinigen. (Johannes 5,39) Ja, die ganze Heilige Schrift redet von Christus. Von dem ersten Bericht der Schöpfung an, dass ohne Christus „ist nichts gemacht, was gemacht ist“ (Johannes 1,3), bis zu der Schlussverheißung „Siehe, ich komme bald“(Offenbarung 22,12) lesen wir von seinen Werken und hören ihm zu. Wenn ihr den Heiland Jesus Christus kennenlernen wollt, dann forscht in der Heiligen Schrift! Erfüllt eure Herzen mit den Worten Gottes. Sie sind das lebendige Wasser, das euren brennenden Durst löscht; sie sind das lebendige Brot vom Himmel. Jesus sagt davon: „Werdet ihr nicht essen das Fleisch des Menschensohnes und trinken sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch“ (Johannes 6,53), und kurz darauf als Erklärung: „Die Worte, die ich rede, die sind Geist und sind Leben.“ (Johannes 6,63)

Unser Körper wächst und gedeiht von dem, was wir essen und trinken. Wie in der natürlichen Ordnung der Dinge, so ist es auch in der geistlichen: das, was wir in uns aufnehmen, verleiht unserer geistlichen Natur Kraft und Stärke. Die Tatsache der Erlösung wünschen selbst die Engel zu erforschen (1. Petrus 1,12). Sie wird der Inhalt des Lobliedes der Erlösten durch die endlosen Jahrtausende der Ewigkeit sein. Ist dies nicht einer sorgfältigen Betrachtung wert? Die unbeschreibliche Barmherzigkeit und Liebe Jesu, das für uns gebrachte Opfer, erfordern unser ernstestes und gründlichstes Nachdenken. Wir sollten über das Wesen unseres Erlösers und Vermittlers und über seine Aufgabe (alle, die an ihn glauben, von ihren Sünden zu erlösen) mehr nachsinnen. Wenn wir solchen himmlischen Dingen unsere Aufmerksamkeit schenken, werden Glaube und Liebe in uns stärker; unsere Gebete werden Gott angenehmer sein, weil sie immer mehr von Glauben und Liebe durchdrungen sind. Unser Vertrauen auf Jesus wird wachsen, unsere tägliche Erfahrung mit seiner Wundermacht, alles zu retten, die ihn um Rettung anflehen, wird reicher. Betrachten wir die Vollkommenheit unseres Heilandes, dann wird sich unser ein Verlangen nach gänzlicher Umbildung und Erneuerung unserer Herzen nach seinem reinen Bild bemächtigen. Wir werden hungern und dürsten, dem ähnlich zu werden, den wir anbeten. Je mehr sich unsere Gedanken auf Christus richten, desto mehr werden wir von ihm zu anderen reden und ihn der Welt verkündigen. Die Bibel ist nicht für die Gelehrten allein geschrieben, im Gegenteil, sie ist für das Volk bestimmt. Die großen, zur Erlösung notwendigen Heilswahrheiten sind klar wie das Mittagslicht. Niemand wird im Irrtum befangen sein und den rechten Weg verfehlen, außer denen, die ihrem eigenen Urteil statt dem klar mitgeteilten Willen Gottes folgen.

Betreffs der Lehre der Heiligen Schrift sollen wir uns nicht nach dem Zeugnis irgendeines Menschen richten, sondern selbst in dem Worte Gottes forschen. Wenn wir andere für uns denken lassen, wird unsere eigene Kraft darunter leiden, unsere eigenen Fähigkeiten werden zu Schaden kommen. Üben wir unsere Geisteskräfte nicht in der Betrachtung wertvoller Gegenstände, so werden sie im Wachstum gehindert und verlieren die Kraft für einen tieferen Einblick in das göttliche Wort. Wenn wir aber den Gegenständen der Bibel rechte Aufmerksamkeit schenken, wenn wir Schriftstelle mit Schriftstelle und geistliche Dinge mit geistlichen Dingen vergleichen (1. Korinther 2,13), dann wird unser Verständnis für die Heilswahrheiten zunehmen. Nichts ist besser dazu angetan, unseren Geist zu stärken, als die eingehende Beschäftigung mit der Heiligen Schrift. Kein anderes Buch ist so geeignet, unsere Gedanken zu erheben, unsere geistigen Fähigkeiten zu kräftigen, wie die tiefen, veredelnden Wahrheiten des Wortes Gottes. Würde dieses Wort so durchforscht, wie es der Fall sein sollte, so fände man eine geistliche Erleuchtung, einen Edelsinn und eine Zuverlässigkeit unter den Menschen, wie man sie selten trifft. Von einem schnellen Lesen der Heiligen Schrift haben wir aber nur geringen Nutzen. Es mag jemand das göttliche Wort von Anfang bis Ende durchlesen und dennoch keinen Blick für seine Schönheiten, kein Verständnis für seine tiefen und verborgenen Schätze haben. Das gründliche Durchdenken einer Schriftstelle, bis ihr Inhalt uns klar geworden, bis wir den Heils- und Erlösungsplan Gottes erfasst haben, ist mehr wert als das flüchtige Lesen vieler Kapitel ohne einen bestimmten Zweck und ohne die Absicht, belehrt zu werden.

Habt eure Bibeln stets bei euch. Lest, so oft ihr Gelegenheit dazu habt; versucht es, euch bestimmte Abschnitte einzuprägen. Selbst wenn ihr auf der Straße geht, könnt ihr den einen oder andern Spruch aus der Heiligen Schrift lesen, darüber nachdenken und ihn im Gedächtnis behalten. Ohne ernstes Forschen, ohne andachtsvolle Vertiefung können wir nicht zur wahren Weisheit gelangen. Manche Teile der Heiligen Schrift sind so klar, dass sie unmöglich missverstanden werden können; doch gibt es viele andere, deren Inhalt nicht so klar zutage liegt, dass er auf den ersten Blick verstanden werden könnte. Schriftstelle muss mit Schriftstelle verglichen werden; sorgfältiges Forschen und Nachdenken unter Gebet sind Hauptbedingungen. Solche geistige Betätigung lohnt sich jedoch reichlich. Wie der Bergmann Adern des edlen Metalls tief unter der Erdoberfläche entdeckt, so wird jeder, der unermüdlich im Worte Gottes nach verborgenen Schätzen forscht, Wahrheiten von größter Bedeutung finden; aber dem Auge des nachlässigen Lesers entziehen sie sich (Sprüche 2,1-6). Die geistdurchhauchten Worte Gottes werden, recht im Herzen erwogen, wie Ströme aus der Quelle des Lebens fließen. Das Wort Gottes sollte niemals ohne Gebet gelesen werden. Ehe wir seine Blätter öffnen, sollten wir um die Erleuchtung des Heiligen Geistes bitten, und sie wird uns gegeben werden.

Als Nathanael zu Jesus kam, rief der Heiland aus: „Siehe, ein rechter Israelit, in welchem kein Falsch ist!“ Nathanael antwortete darauf: „Woher kennst du mich?“ Die Antwort Jesu lautete: „Ehe denn dich Philippus rief, da du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich.“ (Johannes 1,47.48) Jesus sieht uns jetzt immer noch so, wenn wir im Kämmerlein zu ihm beten, wenn wir ihn um Erleuchtung bitten, die Wahrheit recht zu erkennen. Engel aus der Welt des Lichts werden die Führer derer sein, die demütigen Herzens um göttlichen Beistand bitten. Der Heilige Geist erhebt und verherrlicht den Heiland (Johannes 16,13.14). Er versucht den Herrn in seiner Reinheit und Gerechtigkeit und die Erlösung, die durch ihn geschehen ist, uns vor Augen zu führen. Jesus sagt über den Heiligen Geist: „Von dem Meinen wird er’s nehmen und euch verkündigen.“ (Johannes 16,14) Dieser Geist ist der einzige wirksame Lehrer der göttlichen Wahrheit. Wie hoch muss doch Gott das menschliche Geschlecht schätzen, dass er seinen einzigen Sohn zu unserer Errettung dem Tod überantwortet und uns seinen Geist zum beständigen Lehrer und Begleiter gegeben hat?!