Wahre Reue

Wie kann ein sündiger Mensch Gott gegenüber gerecht werden? Nur durch Christus können wir in die wahre, heilige Übereinstimmung mit Gott zurückversetzt werden. Wie aber sollen wir zu Christus gelangen? Viele rufen noch heute im Bewußtsein ihrer Sünden wie damals die Menge zu Pfingsten: „Was sollen wir tun?“ Die Antwort des Apostels Petrus war: „Tut Buße!“ Bei anderer Gelegenheit antwortete er: „So tut nun Buße und bekehret euch, daß eure Sünden vertilgt werden.“ (Apostelgeschichte 2,37.38; 3,19) Wahre Buße schließt aufrichtige Traurigkeit über unsere Sünden und Abkehr von ihnen ein. Wir werden sie nicht ablegen, bis wir ihre Sündhaftigkeit erkannt haben. Eine wirkliche Veränderung in unserem Leben wird erst dann eintreten, wenn wir von Herzen der Sünde abgesagt haben. Viele missverstehen die wahre Bedeutung der Buße. Sie sind traurig über ihre Sünden, ja, sie bekehren sich äußerlich, weil sie sich vor den Leiden fürchten, die ihre Missetaten über sie bringen. Das ist jedoch keine Buße im Sinne des Wortes Gottes. Solche Menschen beklagen die Folgen ihrer Sünden statt die Sünde selbst.

So klagte und jammerte auch Esau, als er sein Erstgeburtsrecht für immer verloren sah (Hebräer 12,17). Bileam erkannte und bekannte seine Schuld, als der Engel ihm mit gezogenem Schwert in den Weg trat (4. Mose 22,34). Wohl fürchtete er für sein Leben; von wahrer Buße, von wahrer Bekehrung, von wahrem Abscheu vor der Sünde sehen wir jedoch keine Spur. In ähnlichem Geiste rief Judas Ischariot aus, nachdem er seinen Herrn und Meister verraten hatte: „Ich habe übel getan, daß ich unschuldig Blut verraten habe.“ (Matthäus 27,4) Das Geständnis wurde seinem schuldgeplagten Herzen durch das entsetzliche Bewusstsein der Verdammnis und den furchtbaren Ausblick auf das Gericht abgerungen. Die Folgen der Sünde erfüllten ihn mit Schrecken; nichts lässt jedoch auf tiefe Traurigkeit, auf wirkliches Herzeleid darüber schließen, daß er den schuldlosen Sohn Gottes verraten und den Heiligen Israels verleugnet hatte. Pharao bekannte zwar seine Schuld, wenn er unter der Zuchtrute Gottes seufzte, freilich nur, um der ferneren Strafe zu entgehen (z.B. 2. Mose10,17). Sobald aber den Plagen Einhalt getan war, kehrte er zu seinem Trotz gegen Gott zurück. Alle diese Männer beklagen wohl die Folgen ihrer Sünden, jedoch nicht die Sünde selbst.

Ergibt sich aber ein Herz dem Einfluss des Geistes Gottes, dann erwacht das Gewissen, dann empfindet der Sünder etwas von der Tiefe und Heiligkeit des göttlichen Gesetzes, der Grundlage seiner Herrschaft im Himmel und auf Erden. Das „Licht, welches alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen“, leuchtet in die geheimen Falten seines Herzens und macht die verborgenen Dinge der Finsternis offenbar. (Johannes 1,9) Eine volle Überzeugung ergreift Besitz von Kopf und Herz. Einerseits ahnt der Sünder etwas von der Gerechtigkeit des Ewigtreuen und erschrickt bei dem Gedanken, in seiner Schuld und Unreinheit vor dem Herzenskündiger erscheinen zu müssen. Anderseits sieht er die Liebe Gottes, erkennt des Höchsten wunderbare Heiligkeit und schmeckt die Freuden aus dem Besitz eines reinen Herzens. Es verlangt ihn danach, gereinigt und wieder in die Gemeinschaft mit Gott versetzt zu werden. Deutlich zeigt z.B. David in seinem Gebet nach seinem Fall die wahre Betrübnis über die Sünde.

Seine Buße war tief und aufrichtig. Wir hören nichts von einer Beschönigung seiner Schuld; auch veranlaßte ihn nicht der Wunsch, dem angedrohten Gericht zu entrinnen, zu seinem Gebet. David sah das Ungeheure seiner Übertretung; er erkannte seine innere Befleckung; er fühlte tiefen Abscheu vor seiner Sünde. Er bat nicht allein um Vergebung, sondern auch um Reinheit des Herzens. Ihn dürstete nach wahrer Heiligkeit, danach, wieder in vollen Frieden und in Gemeinschaft mit Gott zu kommen:  „Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedeckt ist! Wohl dem Menschen, dem der Herr die Missetat nicht zurechnet, in des Geist kein Falsch ist!“ „Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit. Wasche mich rein von meiner Missetat und reinige mich von meiner Sünde. Denn ich erkenne meine Missetat, und meine Sünde ist immer vor mir. An dir allein habe ich gesündigt und übel vor dir getan… Entsündige mich mit Isop, daß ich rein werde; wasche mich, daß ich schneeweiß werde… Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, gewissen Geist. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir… Errette mich von den Blutschulden, Gott, der du mein Gott und Heiland bist, daß meine Zunge deine Gerechtigkeit rühme.“ (Psalm 32,1.2; 51,3-16)

Eine solche Buße bringen wir nie aus eigener Kraft zustande, sondern nur durch Christus, der in die Höhe aufgefahren ist und den Menschen Gaben verliehen hat. Gerade darüber haben viele Menschen irrige Ansichten und gehen deshalb der Hilfe verlustig, die Christus ihnen zu geben wünscht. Sie glauben, nicht eher zu Christus kommen zu können, als bis sie Buße getan haben; denn nach ihrer Meinung bereitet die Buße den Weg für die Vergebung der Sünden vor. Wohl muss die Buße der Sündenvergebung vorausgehen; denn nur ein geängstigtes und zerschlagenes Herz fühlt die Notwendigkeit eines Erlösers. Muss aber ein Sünder warten, bis er Buße getan hat, ehe er zu Jesus kommen kann? Soll der Mangel der Buße ein Hindernis sein zwischen dem Sünder und dem Heiland? Die Bibel lehrt an keiner Stelle, daß der Sünder Buße tun muß, ehe er der Einladung Christi Folge leisten kann: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (Matthäus 11,28) Die Heilskraft, die von Christus ausgeht, leitet zur wahren Buße. Petrus machte den Israeliten dies mit den Worten klar: ,,Den hat Gott durch seine rechte Hand erhöht zu einem Fürsten und Heiland, zu geben Israel Buße und Vergebung der Sünden.“ (Apostelgeschichte 5,31) Wir können ebensowenig ohne den Geist Christi, der das Gewissen weckt, Buße tun, wie wir ohne Christus Vergebung unserer Sünden erhalten.

Christus ist die Quelle jedes rechten Beweggrundes. Er allein kann unseren Herzen Feindschaft gegen die Sünde einpflanzen. Jeder aufrichtige Wunsch nach Wahrheit und Reinheit, jede Überzeugung von unserer Sündhaftigkeit ist ein deutlicher Beweis dafür, dass der Heilige Geist an uns wirkt. Jesus sprach dies aus mit den Worten: „Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich sie alle zu mir ziehen.“ (Johannes 12,32) Christus muss dem Sünder als der Heiland offenbart werden, der für die Sünden der Welt in den Tod ging. Wenn wir den Sohn Gottes am Kreuz auf Golgatha anschauen, dann beginnt das Geheimnis der Erlösung sich für uns zu enthüllen: die Güte Gottes leitet uns zur Buße (Römer 2,4). Christus hat durch sein Leiden und Sterben für uns Sünder eine unbegreifliche Liebe offenbart; betrachtet der Sünder diese Liebe, dann wird das harte Herz erweicht, das Gemüt bewegt und mit Zerknirschung erfüllt.

Es ist wahr, dass die Menschen sich zuzeiten ihrer sündhaften Wege schämen, dass sie manche ihrer bösen Gewohnheiten aufgeben, ehe sie sich zu Christus gezogen fühlen. Aber wenn die Menschen sich der Besserung befleißigen, wenn in ihnen das ernste Verlangen rege wird, recht zu handeln, so treibt sie nur die Macht Christi dazu an. Ein ihnen unverständlicher Einfluss übt seine Macht auf sie aus, das Gewissen ist erwacht, infolgedessen wird der Lebenswandel besser. Wenn Christus ihr Augenmerk auf sich und sein Kreuz lenkt, wenn sie erkennen, dass ihre Sünden ihn durchbohrt haben, dann wendet sich das Gesetz an ihr Gewissen. Die Verderbtheit ihres Lebens, die Verstockung ihres Herzens wird ihnen offenbar. Sie fangen an, etwas von der Gerechtigkeit Christi zu begreifen, und rufen aus: „Was ist die Sünde, dass sie solch großes Opfer zur Erlösung erheischt? War all diese Liebe, all dieses Leiden, all diese Demütigung nötig, damit wir nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben ererben?“

Der Sünder kann sich solcher Liebe widersetzen, er kann sich weigern, sich Christus näherbringen zu lassen; doch wenn er sich nicht sträubt, wird er zu Jesus gezogen werden. Wenn der Sünder den Ratschluss der Erlösung erkannt hat, dann wird er in aufrichtiger Buße für seine Sünden, welche die Ursache der Leiden des teuren Gottessohnes gewesen sind (Jesaja 53,5.8), zum Fuße des Kreuzes geführt. Dieselbe göttliche Kraft, die in der Natur wirkt, spricht zu den Herzen der Menschen. Sie erweckt in ihnen ein unaussprechliches Verlangen nach etwas, was sie noch nicht haben. Die Dinge dieser Welt können ihr Sehnen nicht stillen. Gottes Geist arbeitet an ihnen, nach den Gütern zu streben, die allein Frieden und Ruhe geben: der Gnade Christi und der Freude, die aus der Heiligkeit kommt. Unser Heiland wirkt fortwährend durch sichtbare Einflüsse an den Menschen, um sie von den unbefriedigenden Freuden der Sünde zu den unendlichen Segnungen, die nur in ihm zu finden sind, hinzuführen. An alle, die vergebens aus den löchrigen Brunnen dieser Welt zu schöpfen suchen, ergeht noch heute die göttliche Botschaft: „Wen dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.“ (Offenbarung 22,17) Ihr, die ihr von Herzen nach besseren Gütern verlangt, als die Welt sie geben kann, vernehmt doch in dieser Sehnsucht die lockende Stimme Gottes! Betet zu ihm um wahre Buße, bittet ihn, daß er euch Christus in seiner unendlichen Liebe und vollkommenen Reinheit offenbare.

Das Leben des Heilandes ist ein herrliches Beispiel der Grundsätze des göttlichen Gesetzes: Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst (Lukas 10,27; Psalm 40,9; vgl. Hebräer 10). In Güte und uneigennütziger Liebe ging sein Leben auf. Wenn wir auf ihn blicken, wenn die göttlichen Strahlen erlösender Liebe auf uns fallen, erst dann erkennen wir recht die Sündhaftigkeit unserer eigenen Herzen. Wie einst Nikodemus haben auch wir uns vielleicht mit dem Bewusstsein geschmeichelt, daß unser Lebenswandel rechtschaffen gewesen ist, dass unser sittliches Empfinden keinen Schatten aufweist, und halten es deshalb nicht für nötig, uns vor Gott wie ein gemeiner Sünder zu demütigen. Wenn Christus uns aber mit seinem Licht erleuchtet, dann erkennen wir die unreine Beschaffenheit unserer Herzen, die Selbstsucht unserer Beweggründe, die Feindschaft gegen Gott, durch die jegliche Handlung unseres Lebens entstellt worden ist. Dann wird uns bewusst, dass unsere Gerechtigkeit wirklich „wie ein unflätig Kleid“ ist und dass allein das Blut Christi uns von der Befleckung der Sünde reinigen und unsere Herzen nach seinem Bilde erneuern kann. (Jesaja 64,5) Ein Strahl der Herrlichkeit Gottes, ein Abglanz der Reinheit Christi, der unser Innerstes durchdringt, lässt jeden hässlichen Fleck an uns deutlicher hervortreten und offenbart unsere menschlichen Fehler und Schwächen, unsere unheiligen Wünsche und Begierden, die Untreue unserer Herzen, die Unreinheit unserer Lippen. Die Treulosigkeit des Sünders, der das Gesetz Gottes für ungültig erklären will, wird sichtbar. Der Geist des Herrn bricht seinen Hochmut und demütigt ihn. Der Sünder verabscheut sich selbst, wenn er das reine, unbefleckte Wesen Christi betrachtet. Als der Prophet Daniel die Herrlichkeit Gottes schaute, die den zu ihm gesandten himmlischen Boten umgab, da überwältigte ihn das Gefühl seiner eigenen Schwäche und Unvollkommenheit. Er beschrieb die Wirkung dieser wunderbaren Begebenheit mit folgenden Worten: „Ich blieb allein und sah dies große Gesicht. Es blieb aber keine Kraft in mir, und ich ward sehr entstellt und hatte keine Kraft mehr.“ (Daniel 10,8) Ein in solcher Weise gerührtes Herz lernt Selbstsucht und Eigenliebe hassen; es beginnt, unter dem Beistand der Gerechtigkeit Christi nach der Reinheit des Herzens zu streben, die im Einklang mit dem Gesetz Gottes und der Liebe Christi steht.Der Apostel Paulus schreibt, er sei „nach der Gerechtigkeit im Gesetz gewesen unsträflich“ (Philipper 3,6), soweit also die äußeren Werke in Betracht kamen; aber als er die geistige Seite, die innere Deutung, verstanden hatte, erkannte er sich als Sünder. Nach dem Buchstaben des Gesetzes beurteilt, wie es die Menschen auf das äußere Leben anwenden, hatte sich der Apostel der Sünde enthalten; aber als er in die Tiefe des heiligen Gesetzes eindrang und sich selbst so betrachtete, wie Gott ihn sah, demütigte er sich tief und bekannte seine Schuld mit den Worten: „Ich aber lebte einst ohne Gesetz; da aber das Gebot kam, ward die Sünde wieder lebendig, ich aber starb.“(Römer 7,9.10) Als er die geistliche Natur des Gesetzes recht begriffen hatte, erschien ihm die Sünde in ihrer wahren Furchtbarkeit, und sein Hochmut verschwand.

Gott sieht nicht alle Sünden als gleich groß an; er macht ebenso wie die Menschen einen Unterschied nach ihrer Größe; aber wie klein auch immer diese oder jene Schwäche in den Augen der Menschen sein mag, so ist doch keine Sünde gering in Gottes Augen. Der Menschen Urteil ist parteilich, unvollkommen; Gott aber sieht und beurteilt alle Dinge nach ihrer wirklichen Beschaffenheit. Ein Trunkenbold wird verachtet, und man sagt ihm, dass seine Sünde ihn vom Himmel ausschließe. Wie oft aber bleiben Hochmut, Eigenliebe, Habsucht und Geiz ungetadelt? Aber gerade diese Sünden fallen nach Gottes Beurteilung schwer in die Waagschale, weil sie zu der Barmherzigkeit seines Wesens, zu jener selbstlosen Liebe, die in dem sündlosen Weltall herrscht, in schroffem Widerspruch stehen. Wer in grobe Sünden gefallen ist, fühlt seine Schande und Armut, merkt, daß er der Gnade Christi bedarf. Hochmut und Stolz fühlen keinen Mangel; sie verschließen daher die Herzen vor Christus und seinen unendlichen Segnungen. Der arme Zöllner, der da betete: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ (Lukas 18,13), hielt sich für sehr gottlos, und andere betrachteten ihn in demselben Licht; aber er erkannte sein Elend, kam mit der Last seiner entehrenden Schuld zu Gott und erflehte Vergebung. Sein Herz war offen, so dass der Geist Gottes sein gnädiges Werk tun und ihn von der Macht der Sünde befreien konnte. Der stolze und selbstgerechte Pharisäer dagegen bewies durch sein Gebet, dass sein Herz dem Einfluss des Heiligen Geistes verschlossen war. Infolge seiner Entfernung von Gott hatte er kein Gefühl von seiner eigenen Befleckung im Gegensatz zu dem vollkommenen Glanz göttlicher Heiligkeit. Er bedurfte nichts, deshalb erhielt er auch nichts. Wenn wir unsere Sündhaftigkeit erkannt haben, dann lasst uns keine Zeit damit verlieren, uns selbst bessern zu wollen! Wie viele glauben, dass sie nicht gut genug seien, sich Christus zu nahen! Glaubst du, du könntest aus eigener Kraft besser werden? „Kann auch ein Mohr seine Haut wandeln oder ein Parder seine Flecken? So könnt ihr auch Gutes tun, die ihr des Bösen gewohnt seid.“ (Jeremia 13,23) Unsere Hilfe steht einzig bei Gott. Wir dürfen nicht auf stärkeren Glauben, bessere Gelegenheiten oder heiligere Menschen warten; wir können nichts durch uns selbst erreichen. Wir müssen zu Christus kommen, wie wir sind. Niemand aber betrüge sich selbst mit dem Gedanken, dass Gott in seiner großen Liebe und Barmherzigkeit auch solche selig machen werde, die sich seiner Gnade widersetzen.

Nur im Licht des Kreuzes erkennen wir die außerordentliche Sündhaftigkeit der Sünde. Solche, die behaupten, Gottes Liebe und Erbarmen seien zu groß, als daß er sie verdammen könne, sollten nach Golgatha blicken. Es gab keinen andern Erlösungsweg für die Menschen; ohne das Opfer am Kreuz konnten sie nicht der Sündenmacht entrinnen und in die Gemeinschaft der Heiligen zurückversetzt werden; es war für sie unmöglich, wieder teilzuhaben am geistlichen Leben. Christus nahm deshalb die Schuld der Sünder auf sich und litt an ihrer Statt. Die Liebe, das Leiden und der Tod des Sohnes Gottes legen Zeugnis ab von der furchtbaren Größe der Sünde und machen es verständlich, daß wir nur dann ihrer Macht entfliehen und auf ein höheres Leben hoffen können, wenn wir Christus untertan werden. Unbußfertige Menschen entschuldigen sich oft damit, daß sie von den bekenntlichen Christen sagen: „Ich bin so gut wie sie. Sind sie doch nicht selbstverleugnender, nicht nüchterner oder umsichtiger in ihrem Lebenswandel als ich. Sie lieben die Freuden und Vergnügungen der Welt geradeso wie ich.“

Auf diese Weise entschuldigen sie ihre eigene Pflichtvergessenheit mit den Fehlern jener. Aber die Sünden und Schwächen anderer sind keine Entschuldigung für die Menschen; denn der Herr hat uns kein irrendes, menschliches Vorbild gegeben. Der unbefleckte Gottessohn ist uns zum Beispiel gesetzt, und solche, die über die verkehrte Lebensführung bekenntlicher Christen klagen, sollten selbst mit ihrem Wandel ein besseres Beispiel geben. Wird daher ihre Sünde nicht um so größer, wenn sie eine so hohe Vorstellung davon haben, wie ein wahrer Christ beschaffen sein muss? Sie kennen das Rechte, wollen es aber nicht tun. Hütet euch vor langem Zögern! Schiebt es nicht zu lange auf, euch von euren Sünden zu bekehren und durch die Mittlerkraft Jesu nach wahrer Reinheit des Herzens zu trachten! Der Aufschub ist der Irrtum, in dem Tausende und aber Tausende befangen sind, der Irrtum, durch den sie sich die ewige Seligkeit verscherzt haben.

Ich will nicht viele Worte machen über die Kürze und Ungewissheit des menschlichen Lebens; doch darin liegt eine entsetzliche Gefahr eine Gefahr, die wir leider nicht genugsam würdigen , dass wir so lange damit säumen, der Stimme des Heiligen Geistes Gehör zu schenken, und es vorziehen, ein Sündenleben zu führen; denn solch eine Gefahr ist dieser Aufschub wirklich. Auch die kleinsten Sünden können wir nur begehen auf die Gefahr hin, die ewige Seligkeit zu verlieren. Was wir nicht überwinden, wird uns überwinden und wird unsere Vernichtung herbeiführen. Adam und Eva suchten die Stimme ihres Gewissens mit dem Gedanken zu beschwichtigen, dass etwas so Geringfügiges wie das Essen der verbotenen Frucht unmöglich so schreckliche Folgen nach sich ziehen könne, wie der Allwaltende sie angedroht hatte. Aber diese Kleinigkeit war die Übertretung des unveränderlichen und heiligen Gesetzes Gottes; sie trennte den Menschen von Ihm und öffnete die Pforten des Todes und unsäglichen Jammers auf der Welt. Seit Jahrtausenden ist ein beständiger Schmerzensschrei von der Erde zum Himmel aufgestiegen, die ganze Schöpfung seufzt und klagt in Elend infolge des Ungehorsams der ersten Menschen (Römer 8,22). Der Himmel selbst hat die Wirkungen dieser Empörung gegen den Schöpfer fühlen müssen. Golgatha steht als ein Denkstein des wunderbaren Opfers da, durch das die Verletzung des göttlichen Gesetzes gesühnt werden musste. Lasst uns die Sünde nie als etwas Geringfügiges ansehen! Jede Übertretung der Gebote, jede Vernachlässigung oder Verwerfung der Gnade Christi fällt in ihren Folgen auf uns zurück. Diese Sünden verhärten unsere Herzen, schwächen unsern Willen, betäuben den Verstand und machen uns immer unfähiger, der liebevoll lockenden Stimme des Heiligen Geistes Folge zu leisten.

Viele suchen ihr erwachtes Gewissen mit dem Gedanken zu beruhigen, dass sie ihren bösen Weg jederzeit ändern können. Sie meinen, sie würden doch immer wieder gemahnt werden und bräuchten die Gnadeneinladung deshalb nicht zu ernst zu nehmen. Sie haben den Geist der Gnade verachtet und sich mit ihrem Einfluss auf die Seite Satans gestellt und glauben daher, noch im Augenblick des Äußersten ihr Leben umgestalten zu können. Das ist aber nicht so leicht getan. Die Erfahrung, die Erziehung eines ganzen Lebens hat das Innerste dieser Menschen so geformt, dass dann nur wenige den Wunsch haben, Christus ähnlich zu werden. Ein falscher Wesenszug, ein sündhaftes Verlangen, geraume Zeit in uns gehegt und gepflegt, ist wohl imstande, die Kraft der Heilsbotschaft aufzuheben. Jede unerlaubte Befriedigung vermehrt die Abneigung des Menschen gegen Gott. Wer einen ungläubigen Trotz, eine störrische Gleichgültigkeit gegen die göttliche Wahrheit offenbart, erntet nur das, was er selbst gesät hat. In der ganzen Bibel finden wir keine ernstere Warnung vor dem Spiel mit dem Bösen als die: „Er wird mit dem Strick seiner Sünde gebunden werden.“ (Sprüche 5,22) Christus ist stets bereit, uns von der Sünde zu erlösen; doch er zwingt uns nicht dazu. Wenn also unser Wille durch fortwährende Übertretung dem Bösen gänzlich untertan geworden ist, wenn wir nicht den Wunsch haben, frei zu werden, und nicht den Willen, seine Gnade anzunehmen was kann er mehr für uns tun? Wir selbst tragen die Schuld an unserem ewigen Verderben, weil wir beharrlich Gottes Liebe zurückgestoßen haben. „Seht, jetzt ist die angenehme Zeit, jetzt ist der Tag des Heils!“(2.Korinther 6,2) „Heute, so ihr hören werdet seine Stimme, so verstockt eure Herzen nicht.“(Hebräer 3,7.8) „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an“ (1.Samuel 16,7) das menschliche Herz, in dem Freude und Leid beieinander wohnen, das irrende, launische Herz, die Wohnstätte so vieler Unreinheit und Heuchelei. Gott kennt die Beweggründe, Absichten und Vorsätze des Menschen.

Geht zu ihm mit eurem befleckten, unreinen Herzen; öffnet seinem allsehenden Auge die Winkel eures Innern und ruft aus: „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. Und siehe, ob ich auf bösem Weg bin, und leite mich auf ewigem Wege.“(Psalm 139,23) Viele nehmen einen Verstandesglauben oder eine bloße Form von Gottseligkeit an ohne dass ihr Herz gereinigt ist. Lasst unser Gebet sein: „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, gewissen Geist.“ (Psalm 51,12) Seid aufrichtig eurem eigenen Herzen gegenüber. Seid ebenso ernst und beständig, als ob euer irdisches Leben davon abhinge; denn dieses Ringen nach Reinheit muss zwischen Gott und eurer Seele für die Ewigkeit entschieden werden. Eine nur trügerische Hoffnung hat den ewigen Tod zur Folge. Sucht in der Heiligen Schrift mit Gebet! Sie zeigt euch im Gesetz Gottes und im Leben Christi die herrlichen Grundsätze der Heiligung, „ohne welche wird niemand den Herrn sehen“. (Hebräer 12,14) Sie überzeugt euch von euren Sünden, offenbart aber auch den Weg zur Rettung. Folgt ihr, Gottes Stimme spricht durch sie zu euch! Verzweifelt nicht in Anbetracht der Ungeheuerlichkeit eurer Sündenschuld, im Hinblick auf euren tatsächlichen Zustand. Christus kam in die Welt, um Sünder zu retten. Wir versöhnen nicht Gott mit uns, sondern o überschwengliche Liebe! Gott in Christus „versöhnte die Welt mit ihm selber“ (2.Korinther 5,19). Er wirbt in innigster Liebe um die Herzen seiner irrenden Söhne und Töchter. Irdische Eltern können mit den Schwächen und Fehlern ihrer Kinder nicht so geduldig sein, wie Gott mit denen verfährt, die er zu retten sucht. Keiner wäre imstande gewesen, herzlicher für den Übertreter zu bitten, als er es getan hat. Von keines Menschen Lippen flossen zartere Bitten für den Erdenpilger. Alle seine Verheißungen, seine Warnungen atmen unaussprechliche Liebe. Wenn Satan euch zuflüstert, dass ihr große Sünder seid, dann blickt zu eurem Erlöser auf und redet von seinen Verdiensten; in seinem Lichte findet ihr allein Hilfe. Erkennt eure Sünden, doch ruft dem Bösen zu: „Das ist gewisslich wahr und ein teuer wertes Wort, das Christus Jesus gekommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen.“ (1. Timotheus 1,15) Sagt ihm auch, dass ihr durch diese unvergleichliche Liebe gerettet sein wollt. Jesus richtete an Simon eine Frage, die zwei Schuldner betraf. Der eine schuldete seinem Herrn eine kleine, der andere eine sehr große Summe; aber der Herr schenkte sie ihnen beiden. Christus fragte nun Simon, welcher wohl von den beiden Schuldnern den Herrn am meisten liebhätte. Simon antwortete darauf: „Ich meine, dem er am meisten geschenkt hat.“ (Lukas 7,43) Wir alle haben schwer gesündigt, aber Christus ist gestorben, damit wir Vergebung erlangen. Die Verdienste seines Opfers genügen, uns mit dem Vater zu versöhnen. Die, denen er am meisten vergeben hat, werden ihn am meisten lieben und werden seinem Thron am nächsten stehen und ihn für seine große Liebe und sein unendliches Opfer loben und preisen. Wenn wir die Liebe Gottes erkennen, dann verstehen wir auch die Sündhaftigkeit der Sünde. Wenn wir auf die Retterhand schauen, die uns entgegengestreckt ist, wenn wir etwas ahnen von der Tragweite des Opfers, das Christus für uns gebracht hat, dann werden unsere Herzen in Liebe und Dankbarkeit, aber auch in Reue und Buße schmelzen.