Babylon ist gefallen

In Offenbarung 14 folgt dem ersten Engel ein zweiter, mit dem Ruf: „Sie ist gefallen, sie ist gefallen, Babylon, die große Stadt; denn sie hat mit dem Zorneswein ihrer Hurerei getränkt alle Nationen.“ (Offbenbarung 14, 8) Die erste Engelsbotschaft von Offenbarung 14, die die Zeit des Gerichtes Gottes anzeigt und jedermann auffordert, ihn anzubeten, war dazu bestimmt, das wahre Volk Gottes von den verderblichen Einflüssen der Welt zu trennen und es zu erwecken, um seinen wahren Zustand der Weltlichkeit und der Abtrünnigkeit zu erkennen. In dieser Botschaft hatte Gott der Gemeinde eine Warnung gesandt, die, falls sie angenommen worden wäre, den Übelständen abgeholfen hätte, die die Menschen von ihm trennten. Hätten sie die Botschaft vom Himmel angenommen, ihre Herzen vor dem Herrn gedemütigt und aufrichtig die Vorbereitung gesucht, in seiner Gegenwart bestehen zu können, so wäre der Geist und die Macht Gottes unter ihnen offenbart worden. Die Gemeinde würde abermals den glücklichen Zustand der Einheit, des Glaubens und der Liebe erreicht haben, der in den apostolischen Zeiten bestand, als alle Gläubigen „ein Herz und eine Seele“ waren und „das Wort Gottes mit Freudigkeit“ redeten, als der Herr hinzufügte „täglich zur Gemeinde, die gerettet werden sollten.“ (Apostelgeschichte 4, 32.31; 2, 47) Nähmen die bekenntlichen Christen das Licht an, wie es aus dem Worte Gottes auf sie scheint, so würden sie jene Einigkeit erreichen, um die der Heiland für sie bittet und die der Apostel beschreibt als „die Einigkeit im Geist, durch das Band des Friedens.“Das ist, sagt er, „ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe.“ (Epheser 4, 35.)
Derart segensreich waren die Folgen für die, die die Adventbotschaft annahmen. Sie kamen aus verschiedenen religiösen Gemeinschaften, aber die trennenden Schranken wurden niedergerissen, sich widersprechende Glaubensbekenntnisse wurden vernichtet, die schriftwidrige Hoffnung eines tausendjährigen Friedensreiches auf Erden wurde aufgegeben, falsche Ansichten über die Wiederkunft Christi wurden berichtigt, Stolz und Gleichstellung mit der Welt beseitigt, Unrecht wurde wieder gut gemacht, Herzen wurden in inniger Gemeinschaft vereint, und Liebe und Freude herrschten. Vollbrachte die Lehre dies für die wenigen, die sie annahmen, so hätte sie gleiches für alle getan, falls alle sie angenommen hätten.

Aber die Kirchen als Ganzes nahmen die Warnung nicht an. Ihre Prediger, die als Wächter im Hause Israels die ersten hätten sein sollen, die Anzeichen von der Wiederkunft Christi zu erkennen, hatten die Wahrheit weder aus den Zeugnissen der Propheten noch an den Zeichen der Zeit erkannt. Da weltliche Hoffnungen und Ehrgeiz ihr Herz erfüllten, war die Liebe zu Gott und der Glaube an sein Wort erkaltet, und als die Adventlehre gebracht wurde, erweckte sie bei ihnen nur Vorurteile und Unglauben. Die Tatsache, dass die Botschaft größtenteils von Laien verkündigt wurde, führte man als einen Beweis gegen sie an. Wie vor alters wurde dem deutlichen Zeugnis des Wortes Gottes die Frage entgegengebracht: „Glaubt auch irgendein Oberster oder Pharisäer an ihn?“ Und da sie fanden, dass es eine schwierige Aufgabe war, die aus den prophetischen Zeitperioden gezogenen Beweise zu widerlegen, rieten viele vom Studium der Weissagungen ab und lehrten, die prophetischen Bücher seien versiegelt und sollten nicht verstanden werden. Viele, blind ihren Seelenhirten vertrauend, weigerten sich, der Warnung Gehör zu schenken, und andere, obgleich von der Wahrheit überzeugt, wagten es nicht, sie zu bekennen, auf „dass sie nicht in den Bann getan würden.“ Die von Gott zur Prüfung und Läuterung der Gemeinde gesandte Botschaft offenbarte nur zu deutlich, wie groß die Zahl derer war, die ihr Herz dieser Welt statt Christus zugewandt hatten. Die Bande, die sie mit der Erde verknüpften, waren stärker als die, die sie himmelwärts zogen. Sie gehorchten der Stimme weltlicher Weisheit und wandten sich von der herzergründenden Botschaft der Wahrheit ab.
Indem sie die Warnung des ersten Engels zurückwiesen, verwarfen sie auch das Mittel, das der Himmel für ihre Genesung vorgesehen hatte. Sie verachteten den gnadenreichen Boten, der den Übelständen, die sie von Gott trennten, hätte abhelfen können, und kehrten sich mit größerer Zuneigung der Freundschaft der Welt zu. Hier lag die Ursache jenes fürchterlichen Zustandes der Verweltlichung, der Abtrünnigkeit und des geistlichen Todes, wie er in den Kirchen im Jahre 1844 vorherrschte.

Babylon – Wer oder was ist gefallen?

In Offenbarung 14 folgt dem ersten Engel ein zweiter, mit dem Ruf: „Sie ist gefallen, sie ist gefallen, Babylon, die große Stadt; denn sie hat mit dem Zorneswein ihrer Hurerei getränkt alle Nationen.“ (Offenbarung. 14, 8.) Der Ausdruck Babylon ist von Babel abgeleitet und bedeutet Verwirrung. Er wird in der Heiligen Schrift angewandt, um die verschiedenen Formen falscher oder abgefallener Religionen zu bezeichnen. In Offenbarung 17 wird Babylon als eine Frau dargestellt, ein Bild, dessen sich die Bibel als Symbol einer Gemeinde bedient, und zwar versinnbildet eine tugendhafte Frau eine reine Gemeinde und eine lasterhafte Frau eine abtrünnige Kirche/Gemeinde.
In der Bibel wird der heilige und bleibende Charakter des zwischen Christus und seiner Gemeinde bestehenden Verhältnisses durch den Ehebund dargestellt. Der Herr hat seine Gemeinde durch einen feierlichen Bund mit sich vereint, seinerseits durch die Verheißung, ihr Gott zu sein, und ihrerseits durch die Verpflichtung, ihm allein angehören zu wollen. Er sagt: „Ich will mich mit dir verloben für alle Ewigkeit; ich will mich mit dir verloben in Gerechtigkeit und Gericht, in Gnade und Barmherzigkeit.“ Und abermals: „Ich will euch mir vertrauen.“ (Hosea 2, 21.19; Jeremia 3, 14) Und Paulus bedient sich derselben Redewendung im Neuen Testament, wenn er sagt: „Ich habe euch verlobt einem einzigen Mann, damit ich Christus eine reine Jungfrau zuführte.“ (2. Korinther 11, 2)

Die Untreue der Gemeinde gegen Christus, indem sie ihr Vertrauen und ihre Liebe von dem Herrn abwandte und die Weltliebe von ihrer Seele Besitz nehmen ließ, wird mit dem Bruch des Ehegelübdes verglichen. Israels Sünde, die Trennung von dem Herrn, wird unter diesem Bild dargestellt, und Gottes wunderbare Liebe, die es auf diese Weise verachtete, wird eindrucksvoll geschildert: „Ich schwor dir’s und schloß mit dir einen Bund, spricht Gott der Herr, dass du solltest mein sein … Und warst überaus schön und kamst zu königlichen Ehren. Und dein Ruhm erscholl unter den Völkern deiner Schönheit wegen, die ganz vollkommen war durch den Schmuck, den ich dir angelegt hatte. … Aber du verließest dich auf deine Schönheit. Und weil du so gerühmt wurdest, triebst du Hurerei.“ „Aber das Haus Israel hat mir nicht die Treue gehalten, gleichwie ein Weib wegen ihres Liebhabers nicht die Treue hält, spricht der Herr.“ Wie eine „Ehebrecherin, die du dir Fremde anstelle deines Mannes nimmst!“ (Hesekie 16, 8. 13-15; Jeremia 3, 20; Hesekiel 16, 32)
Im neuen Testament werden ganz ähnliche Worte an bekenntliche Christen gerichtet, die die Freundschaft der Welt vor der Gunst Gottes suchen. Der Apostel Jakobus sagt: „Ihr Ehebrecher und Ehebrecherinnen, wisst ihr nicht, dass Freundschaft mit der Welt Feindschaft mit Gott ist? Wer der Welt Freund sein will, der wird Gottes Feind sein.“ (Jakobus 4, 4)

Babylon, das Weib aus der Offenbarung 17, wird uns geschildert als „bekleidet mit Purpur und Scharlach und geschmückt mit Gold und edlen Steinen und Perlen und hatte einen goldenen Becher in der Hand, voll von Greuel und Unreinheit ihrer Hurerei, und auf ihrer Stirn war geschrieben ein Name, ein Geheimnis: Das große Babylon, die Mutter der Hurerei und aller Greuel auf Erden.“ Der Prophet sagt: „Und ich sah die Frau, betrunken von dem Blut der Heiligen und von dem Blut der Zeugen Jesu.“ (Offenbarung 17, 46) Von Babylon wird weiter gesagt: „Und die Frau, die du gesehen hast, ist die große Stadt, die die Herrschaft hat über die Könige auf Erden.“ (Offenbarung. 17, 18) Die Macht, die so viele Jahrhunderte lang unumschränkt über die Fürsten der Christenheit herrschte, ist Rom. Purpur und Scharlach, Gold, Edelstein und Perlen schildern lebhaft die Pracht und das mehr als königliche Gepränge, das der anmaßende römische Stuhl zur Schau trägt. Von keiner anderen Macht konnte man so sehr mit Recht sagen, sie war „trunken von dem Blut der Heiligen“, als von jener Kirche, die die Nachfolger Christi auf so grausame Weise verfolgt hat. Babylon wird ebenfalls der Sünde der gesetzwidrigen Verbindung mit „den Königen auf Erden“ angeklagt. Durch das Abweichen vom Herrn und die Verbindung mit den Heiden wurde die jüdische Gemeinde zu einer Hure; und Rom, das auf gleiche Weise verderbt ward, indem es die Unterstützung der weltlichen Mächte suchte, empfängt das gleiche Urteil.

Babylon wird „die Mutter der Hurerei“ genannt. Unter den Töchtern müssen Kirchen versinnbildet sein, die ihre Lehren und Überlieferungen festhalten und ihrem Beispiel folgen, indem sie die Wahrheit und das Wohlwollen Gottes darangeben, um eine gesetzwidrige Verbindung mit der Welt einzugehen. Die Botschaft aus Offenbarung 14, die den Fall Babylons verkündigt, muss auf religiöse Gemeinschaften Anwendung finden, die einst rein waren, aber verderbt geworden sind. Da diese Botschaft der Warnung vor dem Gericht erfolgt, so muss sie in den letzten Tagen verkündigt werden, und kann deshalb nicht allein auf die römische Kirche Bezug haben, denn diese war schon seit vielen Jahrhunderten in einem gefallenen Zustand.

Desweiteren wird im 18. Kapitel der Offenbarung das Volk Gottes aufgefordert, aus Babylon herauszukommen; demzufolge müssen noch viele vom Volk Gottes in Babylon sein. In welchen religiösen Gemeinschaften wird aber jetzt der größere Teil der Nachfolger Christi gefunden? Zweifellos in den verschiedenen Gemeinschaften, die sich zum protestantischen Glauben bekennen. Zur Zeit ihres Aufkommens nahmen diese Gemeinschaften eine ehrliche Stellung Gott und seiner Wahrheit gegenüber ein, und Gottes Segen war mit ihnen. Selbst die ungläubige Welt musste die wohltätigen Ergebnisse, die der Annahme der Evangeliumsgrundsätze folgten, anerkennen, wie der Prophet zu Israel sagte: „Dein Ruhm erschall unter den Völkern deiner Schönheit wegen, die vollkommen war durch den Schmuck, den ich dir angelegt hatte, spricht Gott der Herr.“ (Hesekiel 16, 14.15) Aber diese Gemeinschaften fielen durch die gleichen Gelüste, die Israel zum Fluch und zum Verderben gereichten – das Verlangen, die Sitten der Gottlosen nachzuahmen und ihre Freundschaft zu erwerben. „Du verließest dich auf deine Schönheit. Und weil du so gerühmt wurdest, triebst du Hurerei.“ (Hesekiel 16, 14.15)
Viele der protestantischen Kirchen folgen Roms Beispiel der schriftwidrigen Verbindung mit „den Königen der Erde“, die Staatskirchen durch ihre Beziehung zu den weltlichen Regierungen und andere Gemeinschaften, indem sie die Gunst der Welt suchen. Der Ausdruck Babylon (Verwirrung) mag mit Recht auf diese Gemeinschaften angewandt werden, da alle bekennen, ihre Lehren der Bibel zu entnehmen, und doch in fast unzählige Sekten zersplittert sind mit weit voneinander abweichenden Glaubensbekenntnissen und Lehren.

Außer einer sündhaften Verbindung mit der Welt weisen die Gemeinden, die sich von Rom getrennt haben, noch andere seiner Merkmale auf.
Ein römisch-katholisches Werk behauptet: „Falls die römische Kirche sich in der Verehrung der Heiligen je der Abgötterei schuldig machte, so steht ihre Tochter, die anglikanische Kirche ihr nicht nach; denn sie hat zehn Kirchen, die der Jungfrau Maria gewidmet sind, gegen eine, die Christus geweiht ist.“ (Dr. Challoner, Unterweisung des kath. Christen, Vorwort, S. 21. 22.)
Dr. Hopkins macht in einer Abhandlung über das Tausendjährige Reich folgende Aussage: „Wir haben keinen Grund, den antichristlichen Geist und seine Gebräuche auf die sogenannte römische Kirche zu beschränken. Die protestantischen Kirchen tragen viel von dem Antichristen in sich und sind weit davon entfernt, frei von Verderbtheit und Gottlosigkeit zu sein.“ (Hopkins Werke, 2. Bd., S. 328.)
Über die Trennung der presbyterianischen Kirche von Rom schreibt Dr. Guthrie: „Vor 300 Jahren verließ unsere Kirche mit einer offenen Bibel auf ihrer Fahne und dem Wahlspruch: ,Erforscht die Schrift!‘ auf ihrer Urkunde die Tore Roms.“ Dann stellt er die bedeutungsvolle Frage: „Verließ sie rein die Tore Babylons?“ (Guthrie, Evangelium in Hesekiel, S. 23.)
Spurgeon äußert sich folgendermaßen: „Die anglikanische Kirche scheint ganz und gar durchsäuert zu sein von der Lehre, dass das Heil in den Sakramenten liege; aber die, die von dieser Kirche getrennt sind, sind gleichermaßen von philosophischem Unglauben durchdrungen. Auch die, von denen wir bessere Dinge erwartet hätten, wenden sich, einer nach dem anderen, von den Grundpfeilern des Glaubens ab. Das innerste Herz Englands ist, glaube ich, ganz durchlöchert von einem verderblichen Unglauben, der es noch wagt, auf die Kanzel zu steigen und sich christlich zu nennen.“

Was war der Ursprung des großen Abfalls? Wie ist die Kirche zuerst von der Einfachheit des Evangeliums abgewichen? Indem sie sich den Gebräuchen des Heidentums anpasste, um den Heiden die Annahme des Christentums zu erleichtern. Der Apostel Paulus erklärte schon in seinen Tagen: „Es regt sich bereits das Geheimnis der Gesetzlosigkeit.“ (2. Thessalonicher 2,7) Während die Apostel lebten, erhielt sich die Gemeinde verhältnismäßig rein. Doch „gegen das Ende des zweiten Jahrhunderts nahmen die meisten Gemeinden eine andere Gestalt an; die frühere Einfachheit verschwand, und unmerklich, als die alten Jünger gestorben waren, kamen ihre Kinder und Neubekehrte … und gestalteten die Sache neu.“ (Robinson, Kirchl. Forschungen, 6. Kap., 17. Abschn.) Um Anhänger zu gewinnen, nahm man es mit dem erhabenen Richtmaß des christlichen Glaubens weniger genau, und infolgedessen brachte „eine heidnische Flut, die in die Kirche hineinströmte, ihre Gewohnheiten, Gebräuche und Götzen mit.“ (Gavazzi, Vorträge, S. 278.) Da die christliche Religion sich die Gunst und die Unterstützung weltlicher Herrscher sicherte, wurde sie dem Namen nach von Scharen von Menschen angenommen; doch wenn auch dem Schein nach Christen, „blieben viele in Wirklichkeit Heiden und beteten im geheimen ihre Götzen weiter an.“ (Gavazzi, Vorträge, S. 278.)

Wiederholt sich nicht derselbe Vorgang in beinahe jeder Kirche, die sich protestantisch nennt? Mit dem Dahinscheiden ihrer Gründer, die von dem wahren Geist der Reform beseelt waren, treten ihre Nachkommen in den Vordergrund und gestalten die Sache neu. Während die Kinder der Reformatoren blind vertrauend zu den Glaubenssätzen ihrer Väter halten und sich weigern, eine Wahrheit anzunehmen, die über den Gesichtskreis jener hinausgeht, weichen sie von deren Beispiel der Demut, der Selbstverleugnung und der Weltentsagung weit ab. So „verschwindet die erste Einfalt.“ Eine weltliche Flut „mit ihren Gewohnheiten, Gebräuchen und Götzen“ überschwemmt die Kirche.
Ach, wie sehr wird jene Freundschaft der Welt, die „Feindschaft wider Gott“ ist, jetzt unter den bekenntlichen Nachfolgern Christi gehegt! Wie weit sind die volkstümlichen Kirchen im ganzen Christentum von dem biblischen Maßstab der Demut, der Selbstverleugnung, der Einfachheit und der Gottseligkeit abgewichen!

John Wesley sagte, als er von dem richtigen Gebrauch des Geldes redete: „Verschwendet keinen Teil einer so köstlichen Gabe in bloßer Befriedigung der Augenlust durch überflüssige oder kostspielige Kleidung oder unnötigen Putz. Verschwendet keinen Teil desselben in künstlicher Ausschmückung eurer Häuser, in überflüssigen oder teuren Einrichtungen, in kostbaren Bildern, Gemälden, Vergoldungen. … Gebt nichts aus, um hoffärtigem Leben zu frönen, um die Bewunderung oder das Lob der Menschen zu gewinnen. … Solange es dir wohlgeht, wird man Gutes von dir reden. Solange du dich kleidest mit Purpur und köstlicher Leinwand und alle Tage herrlich und in Freuden lebst, werden ohne Zweifel viele deinen feinen Geschmack, deine Freigebigkeit und Gastfreundschaft loben. Erkaufe aber ihren Beifall nicht so teuer; begnüge dich lieber mit der Ehre, die von Gott kommt.“ (Wesleys Werke, 50. Predigt) In vielen Kirchen jedoch werden heutzutage solche Lehren verachtet.
Es ist in der Welt üblich, irgendeinem Religionsbekenntnis anzugehören. Herrscher, Politiker, Juristen, Doktoren, Kaufleute treten der Kirche bei, um sich die Achtung und das Vertrauen der Gesellschaft zu erwerben und ihre eigenen weltlichen Angelegenheiten zu fördern. Auf diese Weise suchen sie ihre ungerechten Handlungen unter einem christlichen Bekenntnis zu verbergen. Die verschiedenen religiösen Gemeinschaften, verstärkt durch den Reichtum und den Einfluss dieser getauften Weltmenschen, bieten noch mehr auf, um Volkstümlichkeit und Gönnerschaft zu gewinnen. Prächtige Kirchen, die auf die verschwenderischste Weise ausgeschmückt sind, werden in vornehmen Straßen errichtet. Die Kirchgänger kleiden sich kostbar und nach der neuesten Mode. Man zahlt einem begabten Prediger ein hohes Gehalt, um das Volk zu unterhalten und anzuziehen. Seine Predigten dürfen die allgemein verbreiteten Sünden nicht rügen, sondern müssen den vornehmen Ohren weich und gefällig klingen. Auf diese Weise werden vornehme Sünder in die Kirchenbücher eingetragen und sogenannte Modesünden unter dem Vorwand der Gottseligkeit verborgen.

Eine führende weltliche Zeitung, die sich über die gegenwärtige Stellung der bekenntlichen amerikanischen Christen der Welt gegenüber ausspricht, sagt: „Allmählich hat sich die Kirche dem Zeitgeist ergeben und die Formen des Gottesdienstes den modernen Bedürfnissen angepaßt. … In der Tat verwendet die Kirche nun alles, was hilft, die Religion anziehend zu machen, als ihr Werkzeug.“ Ein Schreiber spricht in dem New Yorker „Independent“ folgendermaßen vom Methodismus, wie er ist: „Die Trennungslinie zwischen den Gottseligen und den Gottlosen verblaßt zu einem Halbschatten, und auf beiden Seiten bemühen sich eifrige Männer, alle Unterschiede zwischen ihren Handlungsweisen und Vergnügungen zu verwischen. Die Volkstümlichkeit der Religion trägt ungeheuer viel dazu bei, die Zahl derer zu vermehren, die sich ihre Segnungen verschaffen möchten, ohne redlich ihren Pflichten nachzukommen.“
Howard Crosby sagte: „Es ist eine sehr ernste Sache, daß Christi Kirche so wenig den Absichten des Herrn nachkommt. Wie die Juden vor alters durch ein freundschaftliches Verhältnis mit Götzendienern ihre Herzen von Gott abwandten, … so verläßt die heutige Kirche Christi durch ihr verkehrtes Verhältnis mit der ungläubigen Welt die göttlichen Richtlinien ihres wahren Lebens und gibt sich den verderblichen, wenngleich oft scheinbar richtigen Gewohnheiten einer unchristlichen Gesellschaft hin und benutzt Beweisführungen und kommt zu Schlüssen, die den Offenbarungen Gottes fremd und dem Wachstum in der Gnade zuwider sind.“ (Der gesunde Christ, S. 141. 142)

In dieser Flut von Weltlichkeit und Vergnügungssucht gehen Selbstverleugnung und Selbstaufopferung um Christi willen beinahe gänzlich verloren. „Manche Männer und Frauen, die jetzt in unseren Kirchen ein tätiges Leben führen, wurden als Kinder dazu angehalten, Opfer zu bringen, damit sie imstande wären, für Christus etwas zu geben oder zu tun.“ Doch „falls es nun an Mitteln fehlt, … darf niemand aufgefordert werden, etwas zu geben. Oh nein, haltet einen Basar ab, veranstaltet eine Darstellung lebender Bilder, ein Scheinverhör, ein altertümliches Abendessen oder eine Mahlzeit – irgend etwas, um das Volk zu belustigen.“
Gouverneur Washburn von Wisconsin erklärte in seiner Jahresbotschaft vom 9. Januar 1873: „Es scheinen Gesetze notwendig zu werden, um Schulen schließen zu können, die geradezu Spieler heranzüchten. Man findet solche überall. Selbst die Kirche (ohne Zweifel unwissentlich) lässt sich oft dabei ertappen, daß sie des Teufels Werk ausführt. Wohltätigkeitskonzerte, Prämienunternehmungen, Verlosungen, oft um religiösen und Wohltätigkeitszwecken, häufig aber auch weit geringeren Absichten zu dienen, werden veranstaltet; Lotterien, Preispakete usw. erfüllen den Zweck, Geld zu erlangen, ohne den entsprechenden Wert dafür zu geben. Nichts ist so entsittlichend, so berauschend, besonders für die Jugend, als das Erlangen von Geld oder Gut, ohne dafür zu arbeiten. Wenn achtbare Personen sich mit derartigen Glücksunternehmungen befassen und ihr Gewissen damit beruhigen, dass das Geld für einen guten Zweck angewandt werde, dann kann man sich nicht wundern, wenn die Jugend so oft in solche Gewohnheiten verfällt, die durch die Erregung der Glücksspiele so leicht hervorgerufen werden.“

Der Geist, sich der Welt anzupassen, durchdringt alle Kirchen des ganzen Christentums. Robert Atkins malte in einer in London gehaltenen Predigt ein dunkles Bild von dem geistlichen Verfall, der in England herrschte. Er sagte: „Die wahrhaft Gerechten werden weniger auf Erden, und niemand nimmt es zu Herzen. Die heutigen Bekenner der Religion in jeder Kirche lieben die Welt, passen sich ihr an, trachten nach persönlicher Bequemlichkeit und streben nach Ansehen. Sie sind berufen, mit Christus zu leiden, aber sie schrecken schon vor einem Schmähwort zurück. … Abfall, Abfall, Abfall! steht vorn an jeder Kirche geschrieben, und wüssten sie es und könnten sie es fühlen, so wäre noch Hoffnung da; doch ach! sie rufen: ‚Wir sind reich und haben gar satt und bedürfen nichts.'“ (Traktat Nr. 39, über das zweite Kommen.)
Die große, Babylon zur Last gelegte Sünde ist, dass sie „mit dem Zorneswein ihrer Hurerei getränkt hat alle Völker.“ Dieser betäubende Becher, den sie der Welt anbietet, stellt die falschen Lehren dar, die sie als Folge ihrer schriftwidrigen Verbindung mit den Großen der Erde angenommen hat (vgl. Jesaja 29,9-13). Freundschaft mit der Welt verdirbt den Glauben und übt ihrerseits einen verderblichen Einfluss auf die Welt aus, indem sie Lehren verbreitet, die den deutlichsten Aussagen der Heiligen Schrift zuwiderlaufen.

Rom enthielt dem Volk die Bibel vor und verlangte von allen, dass man seine Lehren an deren Statt annehme. Es war die Aufgabe der Reformation, der Menschheit das Wort Gottes wiederzugeben; und doch ist es wahr, dass in den Kirchen unserer Zeit die Menschen gelehrt werden, ihren Glauben mehr auf die Glaubensbekenntnisse und die Satzungen ihrer Kirche zu gründen als auf die Heilige Schrift. Charles Beecher sagte von den protestantischen Kirchen: „Sie schrecken vor irgendeinem rauhen Wort gegen die Glaubensbekenntnisse mit derselben Empfindlichkeit zurück, mit der jene heiligen Väter sich über irgendein hartes Wort gegen die aufkommende Verehrung der Heiligen und Märtyrer entsetzt haben würden. … Die protestantisch-evangelischen Gemeinschaften haben sich gegenseitig und sich selbst derartig die Hände gebunden, dass unter ihnen allen niemand Prediger werden kann, ohne das eine oder andere Buch außer der Bibel anzunehmen. … Es ist keine Einbildung, wenn man sagt, dass die Macht der Glaubensbekenntnisse anfängt, die Bibel ebenso wirklich zu verbieten, wie Rom dies tat, wenn auch auf eine feiner angelegte Weise.“ (Predigt über die Bibel als genügendes Glaubensbekenntnis, 1846.)
Wenn treue Lehrer das Wort Gottes auslegen, dann erheben sich gelehrte Männer, Prediger, die behaupten, die Schrift zu verstehen, beschimpfen gesunde Lehren als Ketzerei und wenden auf diese Weise die nach Wahrheit Suchenden ab. Wäre die Welt nicht hoffnungslos trunken von dem Wein Babylons, so würden sehr viele überzeugt und bekehrt werden durch die klaren, durchdringenden Wahrheiten des Wortes Gottes. Aber der christliche Glaube erscheint so verwirrt und widerspruchsvoll, dass das Volk nicht weiß, was als Wahrheit zu glauben ist. Die Schuld der Unbußfertigkeit der Welt lastet auf der Kirche.

Die zweite Engelsbotschaft aus Offenbarung 14 wurde zum ersten Mal im Sommer 1844 gepredigt und fand damals eine mehr direkte Anwendung auf die Kirchen in den Vereinigten Staaten, wo die Warnung des Gerichte unter der ersten Engelsbotschaft am weitesten verbreitet und am allgemeinsten verworfen worden war, und wo der Verfall in den Kirchen am schnellsten um sich gegriffen hatte. Aber die Botschaft des zweiten Engels fand im Jahre 1844 nicht ihre vollständige Erfüllung. Damals erlitten die Kirchen durch ihre Weigerung, das Licht der Adventbotschaft anzunehmen, einen sittlichen Fall, der aber noch nicht vollständig war. Da sie weiterhin die besonderen Wahrheiten für diese Zeit zu verwarfen, sind sie immer tiefer gefallen; jedoch lässt sich noch nicht sagen: „Babylon ist gefallen; … denn sie hat mit dem Wein ihrer Hurerei getränkt alle Völker.“ Sie hat noch nicht alle Heiden oder Völker dahin gebracht, dies zu tun. Der Geist der Verweltlichung und der Gleichgültigkeit gegen die prüfenden Wahrheiten für unsere Zeit besteht und hat in den Kirchen des protestantischen Glaubens in allen Ländern der Christenheit Boden gewonnen; und diese Kirchen schließt die feierliche und schreckliche Beschuldigung des zweiten Engels mit ein. Doch der Abfall hat seinen Höhepunkt noch nicht erreicht.

Die Bibel sagt uns, dass vor der Wiederkunft des Herrn der Satan wirken wird „mit großer Kraft und lügenhaften Zeichen und Wundern und mit jeglicher Verführung zur Ungerechtigkeit bei denen, die verloren werden, weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, dass sie gerettet würden. Darum sendet ihnen Gott die Macht der Verführung, so dass sie der Lüge glauben.“ (2. Thessalonicher 2, 9-11) Nicht eher als bis dieser Zustand erreicht und die Vereinigung der Kirche mit der Welt über die ganze Christenheit hin völlig hergestellt sein wird, wird der Fall Babylons vollständig sein. Die Veränderung schreitet voran, und die vollkommene Erfüllung von Offenbarung 14, 8 ist noch zukünftig.
Trotz der geistlichen Finsternis und der Trennung von Gott, die in den Kirchen, die Babylon ausmachen, bestehen, findet sich die Mehrzahl der wahren Nachfolger Christi noch immer in ihrer Gemeinschaft. Es gibt viele unter diesen, die noch nie die besonderen Wahrheiten für diese Zeit gehört haben. Nicht wenige sind unzufrieden mit ihrem gegenwärtigen Zustand und sehnen sich nach hellerem Licht. Sie schauen sich in den Kirchen, mit denen sie in Verbindung stehen, vergebens nach dem Ebenbild Christi um. Indem diese Gemeinden weiter und weiter von der Wahrheit abweichen und sich immer enger mit der Welt verbinden, wird sich der Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen erweitern und schließlich zu einer Trennung führen. Die Zeit wird kommen, da die, die Gott über alles lieben, nicht länger in Verbindung bleiben können mit denen, die „die Wollust mehr“ lieben „als Gott; sie haben den Schein der Frömmigkeit, aber deren Kraft verleugnen sie.“ (2. Timotheus 3, 4)

Offenbarung 18 verweist auf die Zeit, da die Kirche infolge der Verwerfung der dreifachen Warnung von Offenbarung 14, 6-12 völlig den Zustand erreicht haben wird, der durch den zweiten Engel vorhergesagt ist, und das Volk Gottes, das sich noch immer in Babylon befindet, aufgefordert werden wird, sich von ihrer Gemeinschaft zu trennen. Diese Botschaft ist die letzte, die der Welt je gegeben werden wird, und sie wird ihr Werk ausführen. Wenn die Seelen, „die der Wahrheit nicht glaubten, sondern Lust hatten an der Ungerechtigkeit“, (2. Thessalonicher 2, 12) kräftigen Irrtümern preisgegeben werden, dass sie der Lüge glauben, dann wird das Licht der Wahrheit auf alle strahlen, deren Herzen offen stehen, es zu empfangen, und alle Kinder Gottes, die in Babylon verweilen, werden dem Ruf: „Geht aus von ihr, mein Volk!“ Folge leisten. (Offenbarung 18, 4)