Von den Arbeitern im Weinberg

Von den Arbeitern im Weinberg

Matthäus 19,16-30; Matthäus 20,1-16; Matthäus 10,17-31; Lukas 18,18-30

Vorgeschichte

Dass die Gnade Gottes ein Geschenk ist, hatten die Juden fast vergessen. Die Rabbis lehrten nämlich, man müsse sich Gottes Gunst verdienen, und hofften, den Lohn der Gerechten durch eigene Werke zu erhalten. Ihre Gottesverehrung entsprang also der Gewinnsucht. Von dieser Einstellung waren auch die Jünger Christi nicht ganz frei, und deshalb nahm der Heiland jede Gelegenheit wahr, um ihnen ihren Irrtum zu zeigen. Bevor er das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg erzählte, hatte er eine Begegnung mit einem jungen Mann, die es ihm ermöglichte, zu zeigen, worauf es wirklich ankommt. Er war gerade unterwegs, als ein junger Oberster zu ihm trat, niederkniete und ihn ehrfürchtig grüßte. „Guter Meister“, sagte er, „was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“ Der Oberste redete Jesus nur wie einen verehrten Rabbi an, ohne in ihm den Sohn Gottes zu erkennen. Deshalb erwiderte der Heiland: „Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein.“ Lukas 18,18.19. Wie kommst du darauf, mich gut zu nennen? Gott allein ist gut! Wenn du mich als gut bezeichnest, musst du mich auch als seinen Sohn und Stellvertreter anerkennen. „Willst du aber zum Leben eingehen“, fuhr er dann fort, „so halte die Gebote.“ Matthäus 19,17. Das Wesen Gottes kommt in seinem Gesetz zum Ausdruck. Wer in Einklang mit Gott leben möchte, muss sein Handeln von den Grundsätzen dieses Gesetzes prägen lassen. Christus spielt die Forderung des Gesetzes nicht herunter. Er sagt unmissverständlich, dass Gehorsam die Grundvoraussetzung für das ewige Leben ist — die gleiche Bedingung also, der schon Adam vor dem Sündenfall unterworfen war. Der Herr erwartet vom Menschen heute nicht weniger als damals im Paradies: vollkommenen Gehorsam, makellose Gerechtigkeit. Der Bund der Gnade hat also dieselbe Bedingung, wie sie damals im Garten Eden herrschte: Übereinstimmung mit Gottes Gesetz, das „heilig, recht und gut“ (Römer 7,12) ist.

Als Jesus ihn aufforderte: „Halte die Gebote!“, fragte der junge Mann: „Welche?“ Er dachte dabei wohl an irgendwelche Vorschriften oder Regeln der Rabbis. Christus meinte jedoch das Gesetz vom Sinai, zitierte auch einige Gebote von der zweiten Tafel des Dekalogs und fasste sie dann alle zusammen in der Regel: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Matthäus 19,19. Der junge Mann erwiderte ohne Zögern: „Das habe ich alles gehalten; was fehlt mir noch?“ Matthäus 19,20. Er verstand das Gesetz nur oberflächlich. Nach menschlichem Ermessen war sein Charakter zwar tadellos und sein Leben frei von Schuld. So glaubte er allen Ernstes, er sei immer vollkommen gehorsam gewesen. Trotzdem war da eine geheime Furcht, zwischen ihm und Gott könnte doch nicht alles in Ordnung sein. Daher seine Frage: „Was fehlt mir noch?“ „Jesus sprach zu ihm: Willst du vollkommen sein, so geh hin, verkaufe, was du hast, und gib‘s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach! Als der Jüngling das Wort hörte, ging er betrübt davon; denn er hatte viele Güter.“ Matthäus 19,21.22.

Egoismus ist Gesetzesübertretung, das wollte Jesus dem jungen Mann klarmachen. Er stellte ihn auf eine Probe, die alle Selbstsucht seines Herzens offenbaren musste. Da war der wunde Punkt in seinem Leben. Plötzlich hatte der junge Mann keine weiteren Fragen mehr. In seinem tiefsten Inneren betete er einen Götzen an, nämlich den Götzen Welt. Zwar behauptete er, die Gebote gehalten zu haben, doch gerade den Grundsatz, der diesen eigentlich erst Geist und Leben gibt, befolgte er nicht; ihm fehlte die aufrichtige Liebe zu Gott und den Menschen. Damit fehlte ihm aber gerade die entscheidende Voraussetzung dafür, ins Reich Gottes zu kommen. Sein Egoismus und seine Gewinnsucht waren unvereinbar mit dem Prinzip der himmlischen Liebe. Der aufrichtige Ernst des jungen Mannes gefiel dem Heiland: „Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb.“ Markus 10,21. Er sah, dass dieser junge Mann aus vornehmem Haus durchaus die Fähigkeiten hatte, ein Verkündiger der göttlichen Gerechtigkeit zu werden. Gern hätte er ihn ebenso in seinen Dienst gestellt wie die ärmlichen Fischer, die ihm nachfolgten. Wäre der junge Mann bereit gewesen, seine Fähigkeiten für die Rettung von Seelen einzusetzen, dann hätte er sicherlich eine erfolgreiche Arbeit geleistet. Doch zuerst wurden ihm bestimmte Bedingungen gestellt, wenn er ein echter Jünger werden wollte: Er wurde aufgefordert, sich rückhaltlos Gott anzuvertrauen. Als beispielsweise Matthäus den Ruf des Heilands erhielt, „verließ [er] alles, stand auf und folgte ihm nach“. Lukas 5,28. Nicht anders hatten es Johannes, Petrus und ihre Freunde gemacht. Eine solche Hingabe forderte Christus nun von dem Obersten, und er verlangte damit kein größeres Opfer, als er selbst gebracht hatte, denn „obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet.“ 2.Korinther 8,9. Damit hatte der junge Mann ein Beispiel, dem er nur zu folgen brauchte. Wie gerne hätte Christus den jungen Mann für sich gewonnen, um durch ihn andere Menschen segnen zu können. Für alles das, was er aufgeben sollte, bot Christus ihm seine Gemeinschaft an. „Folge mir nach“, forderte er ihn auf. Petrus, Jakobus und Johannes waren dem freudig nachgekommen. Auch der junge Mann verehrte Christus und fühlte sich zu ihm hingezogen, doch er war nicht bereit zur Selbstaufgabe. Sein Reichtum war ihm wichtiger als Jesus. Er wünschte sich zwar ewiges Leben, wollte auf der anderen Seite sein Wesen aber nicht von jener selbstlosen Liebe prägen lassen, die allein zum Leben führt. Traurig wandte er sich von Christus ab.

Da sagte Jesus zu seinen Jüngern: „Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen!“ Markus 10,23. Diese Worte schockierten die Jünger, denn man hatte ihnen immer gesagt, dass die Reichen vom Himmel besonders begünstigt seien. Sie hofften ja, im Reich des Messias einmal selbst zu weltlicher Macht und Reichtum zu kommen. Wenn nun schon die Reichen nicht in den Himmel kommen konnten, welche Hoffnung blieb dann noch für die anderen? „Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu ihnen: Liebe Kinder, wie schwer ist‘s, ins Reich Gottes zu kommen! Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme. Sie entsetzten sich aber noch viel mehr.“ Markus 10,24-26. Jetzt erkannten sie, dass diese Warnung auch ihnen galt. Jesus hatte ihnen ihr eigenes geheimes Verlangen nach Macht und Reichtum klargemacht. Tief besorgt fragten sie: „Wer kann dann selig werden? Jesus aber sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist‘s unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.“ Markus 10,26.27. Wer reich ist, kann nicht schon deshalb in den Himmel kommen. Geld verschafft kein Anrecht auf das Erbe der Heiligen im Licht. Nur die unverdiente Gnade Christi lässt uns Eingang finden in die Stadt Gottes. Reichen wie Armen gelten die Worte des Heiligen Geistes: „Wisst ihr nicht, dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid teuer erkauft.“ 1.Korinther 6,19.20. Wer das glaubt, versteht seinen Besitz nur als anvertrautes Gut, das nach dem Willen Gottes dazu dienen soll, Menschen aus der Sünde zu retten und die Not in der Welt zu lindern. Für einen unbekehrten Menschen ist dies unmöglich, weil sein Herz am Irdischen hängt. Wer Geld über alles stellt, ist blind für jede menschliche Not. Doch bei Gott ist nichts unmöglich. Wenn wir uns die unvergleichliche Liebe Christi vor Augen halten, dann schwindet unser Egoismus, und auch der Reiche fühlt sich gedrängt, mit dem Pharisäer Saulus zu bekennen: „Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn.“ Philipper 3,7.8. Dann wissen wir, dass nichts uns selbst gehört, und sind stattdessen glücklich, für Christus die Gnade Gottes weitergeben und anderen dienen zu dürfen.

Petrus fand als Erster seine Fassung wieder, nachdem sie alle von Jesus wegen ihrer falschen Einstellung überführt worden waren. Selbstzufrieden dachte er daran, wie viel er und seine Glaubensbrüder für Christus aufgegeben hatten. „Siehe“, sagte er, „wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt.“ Matthäus 19,27. Weil er gerade die — allerdings an eine Bedingung geknüpfte — Verheißung gehört hatte: „So wirst du einen Schatz im Himmel haben“, erkundigte er sich, welche Belohnung er und seine Freunde für ihre Opfer erwarten konnten. Die Antwort des Heilands ließ das Herz der galiläischen Fischer höher schlagen, denn da war von Ehren die Rede, die alle ihre Träume übertrafen: „Wahrlich, ich sage euch: Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, werdet bei der Wiedergeburt, wenn der Menschensohn sitzen wird auf dem Thron seiner Herrlichkeit, auch sitzen auf zwölf Thronen und richten die zwölf Stämme Israels. Und wer Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker verlässt um meines Namens willen, der wird‘s hundertfach empfangen und das ewige Leben ererben.“ Matthäus 19,28.29. Die Frage des Petrus: „Was wird uns dafür gegeben?“ (Matthäus 19,27) bewies allerdings, dass sich an seiner Einstellung noch einiges ändern musste, ehe er ein Botschafter für Christus sein konnte. Jetzt redete er wie einer, der nur einen lukrativen Job sucht. Obwohl die Liebe Jesu sie anzog, waren die Jünger nicht völlig frei von pharisäerhaftem Denken. Immer noch waren sie auf eine Belohnung aus, die ihren Verdiensten entsprechen sollte. Stolz und selbstgefällig verglichen sie sogar untereinander ihre Leistungen. Musste einer von ihnen einen Misserfolg hinnehmen, dann fühlten die anderen sich ihm überlegen. Weil die Jünger die Grundsätze des Evangeliums nicht vergessen sollten, erzählte Christus ihnen ein Gleichnis, das zeigt, wie Gott seine Mitarbeiter behandelt und welche Gesinnung er von ihnen erwartet.

Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg

„Das Himmelreich“, begann er, „gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen.“ Matthäus 20,1. Es war damals üblich, dass man auf den Marktplatz ging, wenn man Arbeit suchte. Dahin konnten die Grundbesitzer sich wenden, wenn sie Leute brauchten. Der Mann im Gleichnis wirbt zu verschiedenen Tageszeiten solche Arbeiter an. Die ersten, die ganz früh morgens angestellt werden, einigen sich mit dem Weinbergsbesitzer auf einen bestimmten Lohn. Die anderen, die mit der Arbeit später beginnen, überlassen die Höhe ihrer Entlohnung dem Weinbergbesitzer. „Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. Da kamen, die um die elfte Stunde eingestellt waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen. Als aber die ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und auch sie empfingen ein jeder seinen Silbergroschen.“ Matthäus 20,8-10. Die Art und Weise, wie der Weinbergbesitzer seinen Arbeitern begegnet, ist ein Bild dafür, wie Gott uns Menschen behandelt — nämlich ganz anders, als wir es erwarten. Im Berufsleben richtet sich die Bezahlung im Allgemeinen nach der erbrachten Leistung. Ein Arbeiter erwartet nur so viel Lohn, wie er von Rechts wegen beanspruchen kann. Im vorliegenden Gleichnis jedoch veranschaulicht Christus die Grundsätze seines Reiches, das nicht von dieser Welt ist und mit keinem menschlichen Maßstab gemessen werden kann. „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.“ Jesaja 55,8.9. Im Gleichnis vereinbarten die Arbeiter, die am frühen Morgen angestellt wurden, einen bestimmten Lohn und erhielten ihn auch — aber keinen Pfennig mehr. Die später Hinzugekommenen vertrauten der Zusage des Arbeitgebers, er werde sie gerecht bezahlen, und hatten dazu keine Frage mehr. vgl. Matthäus 20,7. Sie zweifelten seinen Sinn für Gerechtigkeit nicht an. Und tatsächlich wurden sie nicht nach der Menge ihrer geleisteten Arbeit, sondern entsprechend der Freigebigkeit des Weinbergbesitzers entlohnt.

Gott möchte, dass auch wir in gleicher Weise ihm vertrauen, der die Sünder gerecht macht und uns nicht nach unserem Verdienst belohnt, sondern nach seinem Vorsatz. „Diesen ewigen Vorsatz hat Gott ausgeführt in Christus Jesus, unserm Herrn.“ Epheser 3,11. „Nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit“ rettet er uns. Titus 3,5. Denen, die ihm vertrauen, will er „überschwänglich tun … über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen“. Epheser 3,20. Nicht wie viel wir geleistet haben oder wie erfolgreich wir gewesen sind, zählt vor Gott, sondern die innere Einstellung, die wir für unsere Arbeit mitbringen. Die Arbeiter, die erst in der elften Stunde im Weinberg eintrafen, waren von Herzen dankbar für die Gelegenheit, die sich ihnen doch noch bot. Als der Weinbergbesitzer ihnen zum Feierabend nun den Lohn für einen ganzen Tag auszahlen ließ, überraschte sie das außerordentlich, denn so viel hatten sie ja nicht verdient. Die freundliche Art, mit der ihnen der Weinbergbesitzer begegnete, machte sie glücklich, und nie vergaßen sie seine Großzügigkeit. Genauso ergeht es dem Sünder, der sich seiner eigenen Unwürdigkeit bewusst ist und um die elfte Stunde in den Weinberg des Herrn kommt. Er weiß, dass er für Gott wirklich nicht mehr lange genug arbeiten kann, um eine Belohnung dafür zu verdienen. Aber er ist froh, dass Gott ihn überhaupt annimmt. Demütig und vertrauensvoll erfüllt er seinen Auftrag und ist dankbar für das Vorrecht, ein Mitarbeiter Christi zu sein. Diese Einstellung gefällt Gott. Der Herr will, dass wir uns ganz auf ihn verlassen, ohne nach unserem Lohn zu fragen. Für den, der Christus im Herzen hat, ist die Belohnung auch gar nicht das Wichtigste und erst recht nicht das Motiv seines Dienstes. Gewiss dürfen wir den künftigen Lohn schon im Auge haben; wir sollen uns ja über die verheißenen Segnungen freuen. Aber Gott möchte nicht, dass wir nur noch vom Gedanken daran erfüllt sind und gewissermaßen eine Belohnung für jede gute Tat erwarten. Es darf uns nicht so sehr darum gehen, belohnt zu werden, als vielmehr darum, das Richtige zu tun, ohne nach unserem Vorteil zu fragen. Die Liebe zu Gott und zu unserem Mitmenschen muss unser Beweggrund sein.

Das Gleichnis ist keine Entschuldigung für die, denen zuerst Arbeit angeboten wurde, die es aber ablehnten, in den Weinberg des Herrn zu gehen. Als der Weinbergbesitzer in der elften Stunde auf dem Marktplatz unbeschäftigte Männer vorfand, fragte er sie: „Was stehet ihr den ganzen Tag müßig da? Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt.“ Matthäus 20,6.7. Keiner dieser Arbeitslosen hatte schon am Morgen dort gestanden und das Angebot des Weinbergbesitzers abgelehnt. Wer dies allerdings tut und später bereut, ist gut beraten, zu bereuen; aber es ist gefährlich, den ersten Gnadenruf auf die leichte Schulter zu nehmen. Als die Weinbergarbeiter alle ihren Silbergroschen empfingen, ärgerten sich die, die schon frühmorgens mit der Arbeit begonnen hatten. Waren sie nicht zwölf Stunden lang fleißig gewesen? argumentierten sie. War es nicht ihr gutes Recht, mehr als die anderen zu bekommen, die nur eine einzige Stunde gearbeitet hatten, noch dazu, als es schon kühler war? Ihrem Unmut machten sie Luft mit den Worten: „Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben.“ Matthäus 20,12. „Mein Freund“, antwortete der Arbeitgeber einem von ihnen, „ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin? So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.“ Matthäus 20,13-16.

Die Arbeiter der ersten Gruppe im Gleichnis stehen für all die Menschen, die auf Grund ihrer Verdienste vor anderen bevorzugt werden möchten. Bei dem, was sie leisten, denken sie nur an sich selbst und bringen keinen Opfergeist auf. Vielleicht haben sie einmal versprochen, Gott ihr Leben lang zu dienen, und waren sogar bei den Ersten, die große Strapazen, Entbehrungen und Versuchungen durchgemacht haben. Deshalb glauben sie, das Recht auf eine besondere Belohnung zu haben. Für sie ist es mehr Verdienst als Vorrecht, Christi Mitarbeiter sein zu dürfen. In ihren Augen haben sie sich durch Mühen und Opfer das Anrecht darauf verdient, mehr als andere geehrt zu werden. Sie sind beleidigt, wenn Gott diesen Anspruch nicht anerkennt. Durch Hingabe und Vertrauen bei ihrer Arbeit können sie auch weiterhin die Ersten sein, doch ihre Neigung, zu klagen und zu nörgeln, ist völlig unchristlich und beweist, dass sie nicht vertrauenswürdig sind. Nur um ihr eigenes Fortkommen bemüht, misstrauen sie Gott, sind eifersüchtig und dem Bruder gegenüber neidisch. Die Güte und Freigebigkeit unseres Herrn nehmen sie zum Anlass, sich zu beschweren, und das zeigt, dass sie mit ihm keine Gemeinschaft haben. Sie wissen nichts von der Freude, mit dem Meister zusammenarbeiten zu dürfen. Nichts beleidigt Gott mehr als eine solch egoistische Engstirnigkeit. Mit Menschen, die so eingestellt sind, kann Gott nicht zusammenarbeiten. Sie sind ja unempfänglich für das Wirken seines Geistes.

Die Juden waren als Erste in den Weinberg des Herrn gerufen worden. Das hatte sie stolz und selbstgerecht gemacht. Sie glaubten wirklich, die langen Jahre ihres Dienstes berechtigten sie zu einer größeren Belohnung als andere. Darum waren sie erbittert, als sie erfuhren, dass den Heiden die gleichen Segnungen zuteilwerden sollten wie ihnen. Christus warnte die Jünger, die er zuerst berufen hatte, vor einer ähnlich negativen Reaktion. Er sah voraus, dass Selbstgerechtigkeit und Egoismus der Gemeinde nur schadeten, dass die Menschen glaubten, sie könnten selbst viel dazu beitragen, sich einen Platz im Himmelreich zu verdienen. Der Herr, so bildeten sie sich ein, werde ihnen beistehen, wenn sie nur erst einige Fortschritte von allein gemacht hätten. Auf diese Weise würden sie selbst das meiste tun, und Christus brauchte ihnen nur hin und wieder zu helfen. Auf jeden kleinsten Fortschritt würden solche Leute stolz sein und sich dadurch anderen überlegen fühlen. Sie wollten gelobt werden und wären eifersüchtig, wenn man ihnen nicht genügend Beachtung schenkte. Vor dieser Gefahr wollte Christus seine Jünger bewahren. Wenn es um unsere Verdienste geht, ist Eigenlob fehl am Platz: „Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr.“ Jeremia 9,22.23. Belohnt werden wir nicht auf Grund unserer Verdienste — damit sich niemand rühmen kann —, sondern aus Gnade. „Was sagen wir denn von Abraham, unserm leiblichen Stammvater? Was hat er erlangt? Das sagen wir: Ist Abraham durch Werke gerecht, so kann er sich wohl rühmen, aber nicht vor Gott. Denn was sagt die Schrift? ‚Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden.‘ Dem aber, der mit Werken umgeht, wird der Lohn nicht aus Gnade zugerechnet, sondern aus Pflicht. Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, glaubt aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit.“ Römer 4,1-5. Es besteht also gar kein Anlass, sich für besser zu halten als andere oder missgünstig zu sein. Kein Vorrecht stellt uns über andere Menschen, und niemand hat überhaupt einen Anspruch auf Belohnung. Die Ersten und die Letzten werden in der Ewigkeit gleichermaßen belohnt werden, und die Ersten sollen die Letzten freudig willkommen heißen. Wer anderen die Belohnung missgönnt, vergisst, dass er selbst nur aus Gnade gerettet ist. Das Gleichnis von den Arbeitern verdammt alle Eifersucht und allen Neid. Wer liebt, der freut sich über die Wahrheit und stellt keine neidvollen Vergleiche an; wer liebt, vergleicht einzig die Vollkommenheit Christi mit der eigenen Unvollkommenheit.

Dieses Gleichnis ist eine Warnung für alle Mitarbeiter Christi, ganz gleich, wie lange sie schon dienen und wie viel sie geleistet haben: Ohne Liebe zum Bruder, ohne Demut vor Gott ist alles dies nichts wert. Wer an Christus glaubt, kann nicht gleichzeitig sein eigenes Ich vergöttern, sonst wird er bald feststellen, dass ihm die Gnade fehlt, die im Dienst Christi allein Erfolg schenkt. Wo sich Stolz und Selbstgefälligkeit breit machen, leidet die Arbeit für Gottes Reich. Nicht wie lange, sondern wie treu und willig wir für ihn arbeiten, zählt bei Gott. Dazu ist völlige Hingabe notwendig. Wenn eine noch so unbedeutende Aufgabe treu und selbstlos wahrgenommen wird, ist das in Gottes Augen mehr wert als die beeindruckendste Leistung, die von Egoismus geprägt ist. Er achtet darauf, wie viel wir vom Geist Christi besitzen und wie ähnlich wir ihm geworden sind. Liebe und Treue sind ihm wichtiger als die Größe unserer Leistung. Erst wenn die Selbstsucht in uns gestorben und jedes Geltungsbedürfnis verbannt ist, wenn Dankbarkeit unser Herz erfüllt und die Liebe unser Leben prägt — erst dann wohnt Christus wirklich in uns, und erst dann sind wir Gottes anerkannte Mitarbeiter. So hart die Arbeit auch sein mag, betrachten die wahren Diener Gottes sie doch nicht als eine Last. Gern sind sie bereit, sich aufzuopfern, und sie bewahren sich dabei ihr fröhliches Herz. Mit Jesus können sie sagen: „Meine Speise ist die, dass ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk.“ Johannes 4,34. Das Bewusstsein, mit dem Herrn der Herrlichkeit zusammenarbeiten zu dürfen, nimmt jeder Last ihr Gewicht, stärkt den Willen und baut den Geist auf für alles, was noch geschehen mag. In ihrer Selbstlosigkeit dürfen Christi Mitarbeiter Anteil haben an seinen Leiden, aber auch an seinem mitfühlenden Wesen. So tragen sie dazu bei, der Welt die frohe Botschaft zu bringen, und geben damit Gott die Ehre. Diese Einstellung müssen wir als Gottes Mitarbeiter zeigen. Wo sie fehlt, werden die scheinbar Ersten einmal die Letzten sein. Wer sie besitzt, mag zwar zu den Letzten gezählt werden, doch später einmal bei den Ersten sein.

Viele haben ihr Leben Christus anvertraut, sehen aber keine Möglichkeit, in seinem Dienst etwas Großes zu leisten oder große Opfer zu bringen. Sie dürfen wissen, dass es für Gott nicht unbedingt darauf ankommt, uns als Märtyrer zu sehen. Vielleicht steht auch der Missionar, der täglich Tod und Gefahr ins Auge blickt, nicht einmal an erster Stelle in den Himmelsbüchern. Wer sich im Alltag als Christ bewährt, in täglicher Hingabe um Reinheit im Denken und Handeln bemüht ist, wer selbst dann demütig bleibt, wenn er provoziert wird, wer gläubig und treu im Kleinen ist und auch zu Hause das Wesen Christi widerspiegelt — der ist in Gottes Augen vielleicht wertvoller als ein weltbekannter Missionar oder Märtyrer. Wie verschieden sind doch die Maßstäbe, nach denen Gott und die Menschen den Charakter bewerten! Gott weiß von vielen überwundenen Versuchungen, von denen oft nicht einmal gute Freunde etwas ahnen — Versuchungen in der Familie, im eigenen Herzen. Er sieht es, wenn wir angesichts unserer Fehlerhaftigkeit ganz niedergeschlagen sind und selbst Reue über einen bösen Gedanken empfinden. Ungeteilte Hingabe im Dienst für ihn bleibt ihm nicht verborgen. Er weiß, wie wir mit dem eigenen Ich gekämpft und dabei gesiegt haben. Gott und den Engeln ist all dies bekannt. Ein Buch der Erinnerung ist vor dem Herrn für die geschrieben, die ihn fürchten und seinen Namen heiligen. Weder Bildung noch gesellschaftliche Position, weder die Anzahl der uns Gleichgesinnten noch die uns anvertrauten Gaben oder gar unser menschlicher Wille sind für den Erfolg unserer Arbeit ausschlaggebend. Lasst uns im Bewusstsein unserer eigenen Unzulänglichkeit auf Christus sehen! Durch ihn, der die Kraft aller Kräfte, der Gedanke aller Gedanken ist, werden wir, sofern wir willig und gehorsam sind, Sieg um Sieg erringen. Wie kurz unser Dienst und wie bescheiden unsere Arbeit auch sein mag, wenn wir in kindlichem Glauben Christus nachfolgen, werden wir hinsichtlich der Belohnung nicht enttäuscht werden. Was der Größte und Weiseste aus sich heraus nicht erreichen kann, wird gerade dem Schwächsten und Bescheidenen angeboten. Das goldene Himmelstor bleibt dem Überheblichen verschlossen. Auch für die geistlich Stolzen öffnet es sich nicht; doch auf das zaghafte Pochen eines kleinen Kindes öffnet es sich weit. Wer in schlichtem Glauben und voll Liebe für Gott gewirkt hat, wird den Lohn aus Gnade erhalten.

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