Von den bösen Weingärtnern

Von den bösen Weingärtnern

Matthäus 21,33-46; Lukas 20,9-19

Im Gleichnis von den beiden Söhnen hatte Christus der jüdischen Geistlichkeit gezeigt, dass es darauf ankommt, Gehorsam in die Tat umzusetzen. In dem nachfolgenden Gleichnis vom Weinberg wies er darauf hin, wie reich Gott die Juden gesegnet hatte und dass sie deshalb verpflichtet waren, ihm zu gehorchen. Nur auf diese Weise — so versicherte er ihnen — konnte Gott sie nämlich nach seinem herrlichen Plan führen.

Das Volk Israel

Er lüftete den Schleier vor der Zukunft, als er ihnen zeigte, dass das ganze Volk sich seinem Plan widersetzen, seine Segnungen verscherzen und nur noch Verderben über sich bringen würde: „Es war ein Hausherr, der pflanzte einen Weinberg“, so erzählte Christus, „und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter darin und baute einen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes.“ Matthäus 21,33. Auch der Prophet Jesaja gebraucht das Bild vom Weinberg: „Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte.“ Jesaja 5,1.2. Der Weinbergbesitzer wählt in der Wildnis ein Stück Land, zäunt es ein, säubert es von Steinen, pflügt es und pflanzt auserlesene Reben hinein. Weil der Boden nun im Vergleich mit dem umliegenden Brachland viel besser ist, erwartet er, dass seine Mühe und Arbeit mit reichem Ertrag belohnt wird. So hatte auch Gott ein Volk aus der Welt erwählt, um es durch Christus erziehen und ausbilden zu lassen. Der Prophet sagt: „Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing.“ Jesaja 5,7. Diesem Volk hatte Gott große Vorrechte eingeräumt und es reich gesegnet. Nun wartete er darauf, dass es ihm Ehre machen und die Grundsätze seines Reiches der gefallenen, gottlosen Welt vor Augen führen würde, indem es das Wesen Gottes in seinem Leben widerspiegelte.

Der Weinberg des Herrn sollte ganz andere Früchte tragen, als man sie bei den Heiden finden konnte. Diese Götzendiener hatten sich vollkommen der Sünde verschrieben: Gewalttätigkeit und Verbrechen, Habgier, Unterdrückung und Laster waren bei ihnen an der Tagesordnung. Ungerechtigkeit, Entartung und Elend waren das Ergebnis dieser Verdorbenheit. Die Früchte von Gottes Weinberg sollten dazu in deutlichem Gegensatz stehen. Die Juden waren dazu ausersehen worden, das Wesen Gottes so widerzuspiegeln, wie es Mose offenbart worden war. Die Bitte Moses: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ hatte der Herr mit der Verheißung beantwortet: „Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen.“ 2.Mose 33,18.19. „Und der Herr ging vor seinem Angesicht vorüber, und er rief aus: Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde.“ 2.Mose 34,6.7. Diese Wesensmerkmale erwartet Gott von seinem ganzen Volk. Ihr reines Herz und gläubiger Lebenswandel, ihr Einfühlungsvermögen und liebevolles Verständnis für andere sollte es zum Ausdruck bringen: „Das Gesetz des Herrn ist vollkommen und erquickt die Seele.“ Psalm 19,8. Gott wollte durch die Juden alle Völker der Erde segnen und ihnen sein Licht zukommen lassen. Die Heiden hatten infolge ihrer Verstrickung in die Sünde die Kenntnis von Gott verloren; dennoch vernichtete Gott sie in seiner Gnade nicht, sondern wollte ihnen Gelegenheit geben, ihn durch seine Gemeinde kennen zu lernen. Durch das Vorbild seines Volkes plante er, das Ebenbild Gottes im Menschen wiederherzustellen.

Zu diesem Zweck rief Gott schon Abraham von seinen ungläubigen Verwandten fort und gab ihm den Auftrag, sich im Land Kanaan niederzulassen. „Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.“ 1.Mose 12,2. Die Nachkommen Abrahams, Jakob und seine Söhne, führte Gott nach Ägypten, damit sie dort dem großen, gottlosen Volk die Grundbegriffe und grundsätzlichen Forderungen des Reiches Gottes vorleben konnten. Tatsächlich wurde Joseph durch seine untadelige Lebenshaltung und die Art und Weise, wie er dem ägyptischen Volk über die Hungersnot hinweghalf, zu einem Ebenbild Christi. Genauso waren auch Mose und viele andere aus seinem Volk treue Zeugen Gottes. Erneut offenbarte der Herr seine Macht und Barmherzigkeit, als er die Israeliten aus Ägypten herausführte. Ihre wunderbare Befreiung und die Erfahrung der Gegenwart Gottes während ihrer Wanderung durch die Wüste sollten nicht nur ihr eigenes geistliches Wachstum fördern, sondern auch die umliegenden Völker auf Gott aufmerksam machen. Der Herr erwies sich damit als der Gott, der über aller menschlichen Autorität und Größe steht. Die Zeichen und Wunder an seinem Volk offenbarten seine Macht über die Natur und über alle, die diese anbeten. Gott strafte das stolze Ägypten, wie er in den letzten Tagen die ganze Erde strafen wird. Durch Feuer und Sturm, Erdbeben und Tod rettete der große „Ich bin“ sein Volk und führte es fort aus dem Land der Sklaverei „durch die große und furchtbare Wüste, wo feurige Schlangen und Skorpione und lauter Dürre und kein Wasser war“. Er ließ „Wasser aus dem harten Felsen hervorgehen“. 5.Mose 8,15. „und gab ihnen Himmelsbrot“. Psalm 78,24. „Denn“, so sagte Mose, „des Herrn Teil ist sein Volk, Jakob ist sein Erbe. Er fand ihn in der Wüste, in der dürren Einöde sah er ihn. Er umfing ihn und hatte acht auf ihn. Er behütete ihn wie seinen Augapfel. Wie ein Adler ausführt seine Jungen und über ihnen schwebt, so breitete er seine Fittiche aus und nahm ihn und trug ihn auf seinen Flügeln. Der Herr allein leitete ihn und kein fremder Gott war mit ihm.“ 5.Mose 32,9-12. So rief Gott sein Volk zu sich, damit es unter seinem Schutz lebte.

Christus führte die Israeliten während ihrer Wanderung durch die Wüste. Bei Tag durch die Wolkensäule und bei Nacht durch die Feuersäule verhüllt, leitete und lenkte er sie. Er behütete sie vor den Gefahren der Wüste, brachte sie sicher ins verheißene Land und machte sie vor allen Völkern, die nicht an ihn glaubten, zu seinem kostbarsten Besitz, zum Weinberg des Herrn. Diesem Volk vertraute Gott seine Prophezeiungen an. Er gab ihm sein Gesetz mit den ewigen Grundsätzen der Wahrheit, Gerechtigkeit und Reinheit. Die Gebote sollten die Kinder Israel vor der selbstzerstörerischen Sünde bewahren. Und wie der Turm im Weinberg stand, so ließ Gott mitten im Land seinen heiligen Tempel errichten. So wie Christus mit dem Volk Israel in der Wüste gewesen war, blieb er auch weiterhin ihr geistlicher Lehrer und Führer. In der Stiftshütte wie im Tempel zeigte sich seine Herrlichkeit in Gestalt der heiligen Schechina über der Bundeslade. Ununterbrochen zeigte er den Israeliten den Reichtum seiner Geduld und Gnade.

Gott wollte durch sein Volk gepriesen und verherrlicht werden. Er hatte den Israeliten so viel geistlichen Segen zukommen lassen und ihnen nichts vorenthalten, was ihnen dabei helfen konnte, ihm immer ähnlicher zu werden und somit sein Wesen der Welt darzustellen. Wenn sie seinem Gesetz gehorchten, wollte er sie mehr als alle anderen Völker mit Wohlstand segnen. Der Herr, der ihnen Weisheit und praktische Begabung schenken konnte, wollte auch weiterhin ihr Lehrer sein und durch seine Gebote ihr Wesen verfeinern. Ihr Gehorsam sollte sie vor den Krankheiten bewahren, von denen andere Völker heimgesucht wurden, und ihnen große geistige Fähigkeiten schenken. Gottes Herrlichkeit, seine Majestät und Kraft sollten in ihrem Wohlergehen zum Ausdruck kommen. Der Herr schenkte ihnen als Volk von Priestern und Fürsten alle Fähigkeiten, durch die sie zum bedeutendsten Volk auf der Erde hätten werden können. Durch Mose hatte Christus ihnen ganz klar den Plan Gottes vorgelegt und ihnen auch die Bedingungen für den in Aussicht gestellten Segen genannt: „Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind … So sollst du nun wissen, dass der Herr, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten … So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der Herr, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat, und wird dich lieben und segnen und mehren, und er wird segnen die Frucht deines Leibes und den Ertrag deines Ackers, dein Getreide, Wein und Öl, und das Jungvieh deiner Kühe und deiner Schafe in dem Lande, das er dir geben wird, wie er deinen Vätern geschworen hat. Gesegnet wirst du sein vor allen Völkern … Der Herr wird von dir nehmen alle Krankheit und wird dir keine von all den bösen Seuchen der Ägypter auflegen.“ 5.Mose 7,6.9.11-15. Gott versprach, ihr Getreide gedeihen zu lassen, ihnen aus Felsen Honig fließen zu lassen und sie mit Wohlstand zu segnen, wenn sie seinen Geboten gehorchten. Er wollte ihnen ein langes Leben schenken und ihnen sein Heil erweisen.

Wegen ihres Ungehorsams hatten Adam und Eva den Garten Eden verloren. Die Sünde lastete als Fluch auf der ganzen Erde. Doch wenn die Israeliten den Anweisungen Gottes folgten, dann sollte ihr Land seine frühere Schönheit und Fruchtbarkeit zurückerhalten. Der Herr selbst sagte ihnen, wie sie den Boden bestellen sollten, um mit seiner Hilfe dem ganzen Land seine ursprüngliche Fruchtbarkeit zurückzugeben. Mithin wäre ihr Land unter der Herrschaft Gottes zum Anschauungsunterricht für geistliche Wahrheiten geworden. Wie nämlich die Erde in Übereinstimmung mit den Naturgesetzen ihre Schätze hervorbringt, so spiegeln Menschen, die sich an Gottes Sittengesetz halten, sein Wesen wider. Selbst die Heiden sollten auf diese Weise die Überlegenheit derer erkennen, die dem lebendigen Gott dienen und ihn anbeten. „Sieh“, sagte Mose, „ich hab euch gelehrt Gebote und Rechte, wie mir der Herr, mein Gott, geboten hat, dass ihr danach tun sollt im Lande, in das ihr kommen werdet, um es einzunehmen. So haltet sie nun und tut sie! Denn dadurch werdet ihr als weise und verständig gelten bei allen Völkern, dass, wenn sie alle diese Gebote hören, sie sagen müssen: Ei, was für weise und verständige Leute sind das, ein herrliches Volk! Denn wo ist so ein herrliches Volk, dem ein Gott so nahe ist wie uns der Herr, unser Gott, sooft wir ihn anrufen? Und wo ist so ein großes Volk, das so gerechte Ordnungen und Gebote hat wie dies ganze Gesetz, das ich euch heute vorlege?“ 5.Mose 4,5-8.

Die Kinder Israel sollten das ganze Gebiet einnehmen, das ihnen der Herr zuwies, und alle Völker daraus vertreiben, die nicht bereit waren, ihn anzubeten und ihm zu dienen. Gott hatte aber vor allem den großen Wunsch, dass Menschen den Weg zu ihm finden würden, wenn sie sein Wesen in seinem Volk erkannten. Die ganze Welt sollte die Einladung des Evangeliums erhalten. Der Opferdienst hatte den tieferen Sinn, Christus vor allen Völkern zu erhöhen, damit alle, die auf ihn schauten, das ewige Leben haben konnten. Wer den Götzendienst aufgab und den wahren Gott anbetete — wie Rahab, die Kanaaniterin, und Rut, die Moabiterin —, gehörte von da an zum auserwählten Volk. So sollte Israel nach und nach wachsen, seine Grenzen immer mehr erweitern und schließlich die ganze Erde umfassen. Gott wollte alle Völker unter seine gütige Herrschaft bringen und die ganze Erde mit Frieden und Freude erfüllen. Der Mensch war ja dafür geschaffen worden, um glücklich zu sein, und Gott möchte jedem Einzelnen himmlischen Frieden schenken. Er möchte so gern, dass die Familien hier auf der Erde ein Sinnbild für die große himmlische Familie sind.

Doch Israel richtete sich nicht nach Gottes Plänen. Der Herr erklärte: „Ich aber hatte dich gepflanzt als einen edlen Weinstock, ein ganz echtes Gewächs. Wie bist du mir denn geworden zu einem schlechten, wilden Weinstock?“ Jeremia 2,21. Israel ist ein „üppig rankender Weinstock … Ihr Herz ist falsch.“ Hosea 10,1. „Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel … Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.“ Jesaja 5,3-7. Der Herr hatte sein Volk durch Mose vor den Folgen der Untreue gewarnt. Wenn sie den Bund mit ihm nicht hielten, so würden sie damit jede Verbindung zu Gott, ihrer Lebensquelle, abbrechen und damit auch seinen Segen verlieren. „So hüte dich nun davor“, hatte Mose gewarnt, „den Herrn, deinen Gott, zu vergessen, sodass du seine Gebote und seine Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, nicht hältst. Wenn du nun gegessen hast und satt bist und schöne Häuser erbaust und darin wohnst und deine Rinder und Schafe und Silber und Gold und alles, was du hast, sich mehrt, dann hüte dich, dass dein Herz sich nicht überhebt und du den Herrn, deinen Gott, vergisst … du könntest sonst sagen in deinem Herzen: Meine Kräfte und meiner Hände Stärke haben mir diesen Reichtum gewonnen … Wirst du aber den Herrn, deinen Gott, vergessen und andern Göttern nachfolgen und ihnen dienen und sie anbeten, so bezeuge ich euch heute, dass ihr umkommen werdet; eben wie die Heiden, die der Herr umbringt vor eurem Angesicht, so werdet ihr auch umkommen, weil ihr nicht gehorsam seid der Stimme des Herrn, eures Gottes.“ 5.Mose 8,11-14.17-20.

Die Juden schlugen diese Warnung in den Wind. Sie vergaßen Gott und damit die großartige Aufgabe, ihn ihren Mitmenschen nahe zu bringen. Was sie selbst an Gutem empfangen hatten, nützte daher der Welt gar nichts, sondern diente den Juden nur dazu, sich selbst zu verherrlichen. Sie dachten gar nicht daran, Gott so zu gehorchen, wie er es von ihnen verlangte, und konnten deshalb weder religiöse Führer noch Vorbild für andere sein. Wie bei den Menschen vor der Sintflut war ihre ganze Denkweise und Lebenshaltung gottlos. Ihr so genannter Glaube war eine Farce, wenn sie einerseits sagten: „Hier ist des Herrn Tempel, hier ist des Herrn Tempel, hier ist des Herrn Tempel!“ (Jeremia 7,4), andererseits aber von Gottes Wesen ein Zerrbild lieferten, seinem Namen Schande machten und sein Heiligtum verunreinigten.

Die Weingärtner, denen der Herr die Verantwortung für seinen Weinberg übertragen hatte, rechtfertigten das in sie gesetzte Vertrauen nicht. Priester und Lehrer des Volkes hätten sie sein sollen, aber sie erwiesen sich als treulos, weil sie es versäumten, den Menschen Gottes Güte und Gnade vor Augen zu malen und ihnen zu sagen, dass dieser Gott einen Anspruch auf ihre Liebe und Mitarbeit hatte. Diesen Weingärtnern ging es nur um ihr eigenes Ansehen. Die Früchte des Weingartens wollten sie allein genießen, alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen und sich verehren lassen. Die jüdische Geistlichkeit machte sich auf andere Weise schuldig als der durchschnittliche Sünder, denn diese Männer waren Gott in besonderem Maß verpflichtet. Sie hatten gelobt, nichts anderes zu lehren als „So spricht der Herr!“ und im täglichen Leben diesem Wort stets strikten Gehorsam zu zollen, doch in der Praxis verdrehten sie die Heilige Schrift und erschwerten das Leben der Menschen durch Vorschriften, die jeden Schritt regelten. Das Volk lebte deshalb in ständiger innerer Unruhe, denn niemand konnte alle Forderungen der Schriftgelehrten erfüllen. So kam es schließlich dazu, dass selbst Gottes Gesetz nicht mehr wichtig genommen wurde, weil die Menschengebote sich als unerfüllbar erwiesen hatten. Der Herr hatte seinem Volk deutlich gesagt, dass er selbst der Eigentümer des Weinbergs sei und dass es all seinen Besitz als Leihgabe von ihm erhalten habe, um ihn zu seiner Ehre einzusetzen. Aber die Priester und Lehrer übten ihr Amt keineswegs in dem Bewusstsein aus, dass sie dabei Gottes Eigentum verwalteten. Systematisch setzten sie alle Fähigkeiten und Mittel, die der Herr ihnen zur Förderung seines Werkes anvertraut hatte, nur zu ihrem eigenen Vorteil ein. Wegen ihrer Habgier wurden sie sogar von den Heiden verachtet, und diese bekamen dadurch eine völlig falsche Vorstellung von Gott und seinem Reich. Väterliche Geduld hatte Gott mit seinem Volk. Durch gewährte Gnadengeschenke und vorenthaltene Segnungen versuchte er inständig, ihr Herz zu bewegen. Mit großer Geduld wies er sie auf ihre Sünden hin und wartete darauf, dass sie ihre Schuld eingestehen würden. Er sandte Propheten und Boten, um die Weingärtner an seine Ansprüche zu erinnern; diese aber erhielten alles andere als einen freundlichen Empfang, sondern sie wurden wie Feinde behandelt und teilweise sogar verfolgt und getötet. Daraufhin schickte Gott neue Boten, aber auch denen erging es nicht anders, im Gegenteil: Der Hass der Weingärtner wurde mit der Zeit nur noch größer.

Als letzten Versuch sandte Gott schließlich seinen Sohn, weil er dachte: „Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen.“ Matthäus 21,37. Doch ihr langer Widerstand hatte die Weingärtner bösartig gemacht, und sie sagten zueinander: „Das ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten und sein Erbgut an uns bringen!“ Matthäus 21,38. Dann werden wir in Zukunft den Weinberg für uns allein haben und mit dem Ertrag machen können, was wir wollen. Die jüdische Geistlichkeit liebte Gott nicht. Diese Männer hatten sich bewusst von der Verbindung mit ihm abgeschnitten und gingen auf keinen seiner Versöhnungsversuche ein. Als Christus kam, der geliebte Sohn Gottes, um seine Ansprüche auf den Weinberg geltend zu machen, da zeigten ihm die Gärtner unverhohlen ihre Verachtung und sagten: „Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche.“ Lukas 19,14. Sie waren neidisch auf das tadellose Wesen Christi und fürchteten seinen Erfolg, weil er die Menschen viel besser ansprechen konnte als sie. Hinzu kam, dass er ihnen Vorwürfe machte, ihre Heuchelei entlarvte und ihnen zu verstehen gab, wohin ihre Haltung sie führen werde. Das alles erregte ihren Zorn aufs Äußerste. Es war für sie unerträglich, Vorwürfe anhören zu müssen, denen sie nichts entgegnen konnten. Das hohe Ideal von Gerechtigkeit, das Christus ihnen ständig vor Augen führte, war ihnen verhasst. Sie merkten, wie er durch das, was er sagte, ihre Selbstsucht bloßstellte, und darum beschlossen sie, ihn zu töten. Seine beispielhafte Wahrhaftigkeit, seine ehrliche Frömmigkeit und geistliche Reife waren ihnen in höchstem Maß zuwider, denn dadurch wurde ihr eigener Egoismus entlarvt. Als schließlich für sie die entscheidende Prüfung kam, in der es um Gehorsam und ewiges Leben oder Ungehorsam und ewigen Tod ging, da stellten sie sich gegen den Heiligen Israels. Vor die Wahl zwischen Christus und Barabbas gestellt, schrien sie: „Gib uns Barabbas los!“ Lukas 23,18. Als Pilatus sie fragte, was er denn mit Jesus machen sollte, da riefen sie: „Lass ihn kreuzigen!“ Matthäus 27,22. „Spricht Pilatus zu ihnen: Soll ich euren König kreuzigen? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König als den Kaiser.“ Johannes 19,15. Und als Pilatus sich schließlich die Hände wusch und sagte: „Ich bin unschuldig an seinem Blut“, da stimmten die Priester in das Geschrei des verblendeten Pöbels mit ein: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“ Matthäus 27,24.25. Das also war die Wahl, die Israels Geistlichkeit traf. Sie wurde in das Buch eingetragen, das Johannes in der Hand dessen sah, der auf dem Thron saß, und das kein Mensch öffnen konnte. In ihrer ganzen Rachsucht wird diese Entscheidung ihnen erneut vor Augen geführt werden an dem Tag, wenn der Löwe aus dem Stamm Juda das Buch entsiegeln wird.

Die Juden stellten sich gerne vor, Gottes Lieblinge zu sein, und deshalb glaubten sie, als seine Gemeinde immer eine hohe Stellung einnehmen zu müssen. Sie waren stolz darauf, Nachkommen Abrahams zu sein, und betrachteten ihr Wohlergehen als eine Selbstverständlichkeit, an der nichts auf der Welt oder im Himmel etwas ändern konnte. Durch ihren Unglauben brachten sie aber selbst das Verdammungsurteil des Himmels über sich und schnitten sich von der Verbindung mit Gott ab. Nachdem Christus im Gleichnis vom Weinberg den Priestern verdeutlicht hatte, mit welcher Tat sie ihre Bosheit krönen würden, fragte er sie: „Wenn nun der Herr des Weinbergs kommen wird, was wird er mit diesen Weingärtnern tun?“ Die Priester hatten der Erzählung zwar mit Interesse zugehört, aber nicht gemerkt, dass sie selbst gemeint waren; deshalb antworteten sie mit dem Volk: „Er wird den Bösen ein böses Ende bereiten und seinen Weinberg andern Weingärtnern verpachten, die ihm die Früchte zu rechter Zeit geben.“ Matthäus 21,40.41. Damit hatten sie ihr eigenes Urteil gefällt. Jesus schaute sie an, und unter seinem forschenden Blick erkannten sie plötzlich, dass er die geheimsten Gedanken ihres Herzens lesen konnte. Göttlicher Glanz ging von ihm aus. Da merkten sie, dass sie selbst die Weingärtner waren, und sie riefen aus: „Das sei ferne!“ Lukas 20,16.

Eindringlich und bekümmert fragte Jesus: „Habt ihr nie gelesen in der Schrift: ‚Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen‘? Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volk gegeben werden, das seine Früchte bringt. Und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschellen; auf wen aber er fällt, den wird er zermalmen.“ Matthäus 21,42-44. Christus hätte die Juden gern vor diesem Urteil bewahrt, wenn sie ihn angenommen hätten. Doch Neid und Eifersucht machten sie unversöhnlich. Sie waren fest gewillt, Jesus von Nazareth nicht als Messias anzuerkennen. Und weil sie damit das Licht der Welt verachteten, lebten sie von da an in Dunkelheit. Schließlich erfüllte sich ihr Schicksal, wie es ihnen vorausgesagt worden war. Ihr zügelloser Hass wurde ihnen zum Verhängnis und führte dazu, dass sie ihren eigenen Untergang heraufbeschworen. Mit ihrer störrischen Arroganz zogen sie den Hass der römischen Eroberer auf sich. Jerusalem wurde zerstört, der Tempel dem Erdboden gleichgemacht und sein Standort regelrecht umgepflügt. Die Juden selbst kamen teils auf die schrecklichste Weise um, teils wurden sie — und zwar zu Millionen — als Sklaven in heidnische Länder verkauft. Als Volk in seiner Gesamtheit hatten es die Juden versäumt, sich an Gottes Plan zu halten, und deshalb wurde ihnen der Weinberg genommen. Die Vorrechte, die sie missbraucht, und die Aufgaben, die sie nicht ernst genug genommen hatten, wurden anderen Menschen übertragen.

Die Gemeinde unserer Tage

Das Gleichnis vom Weinberg bezieht sich aber nicht nur auf die jüdische Nation, sondern hat auch uns etwas zu sagen. Gott hat seiner heutigen Gemeinde große Vorrechte und Segnungen zukommen lassen und erwartet von ihr entsprechende Gegenleistungen. Für einen hohen Preis wurden wir freigekauft, und nur wenn wir uns dieses große Opfer vor Augen halten, können wir überhaupt verstehen, was damit für uns bewirkt wurde. Auf dieser Erde, die die Tränen und das Blut des Sohnes Gottes aufgenommen hat, sollen die wertvollen Früchte des Paradieses wachsen und im Leben der Kinder Gottes die überragende Wahrheit seines Wortes zum Ausdruck kommen. Durch sein Volk will Christus sein Wesen und die Grundsätze seines Reiches deutlich sichtbar machen. In dem Bestreben, Gott entgegenzuarbeiten, drängt Satan die Menschen ständig, sich sein Prinzip des Bösen zu Eigen zu machen. Das auserwählte Volk Gottes stellt er als eine Schar Irregeleiteter hin und beschuldigt als Verkläger der Brüder ausgerechnet die Menschen, die sich der Sache der Gerechtigkeit verschrieben haben. Gott aber möchte gern die Anschuldigungen Satans dadurch entkräften, dass er durch sein Volk zeigen lässt, wie sich Gehorsam und richtige Grundsätze im praktischen Leben auswirken.

Jeder einzelne Christ, jede Familie, jede Gemeinde und auch jede christliche Institution soll deshalb Gottes Grundsätze hochhalten und damit zeigen, was für die ganze Welt geschehen kann. Sie sollen Sinnbilder der rettenden Kraft sein, die den Wahrheiten des Evangeliums innewohnt, und mithelfen, Gottes großen Plan mit der Menschheit in die Tat umzusetzen. Die jüdische Geistlichkeit war stolz auf den herrlichen Tempel und die eindrucksvollen Zeremonien des Gottesdienstes, doch fehlte diesen Männern Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Liebe zu Gott. Ein prächtiger Tempel und prunkvolle Gottesdienste konnten sie vor Gott nicht angenehm machen. Was der Herr nämlich schätzt, das brachten sie ihm nicht dar: Herzensdemut und das Bewusstsein, Vergebung zu brauchen. Wo immer die wesentlichen Grundsätze des Reiches Gottes in Vergessenheit geraten, nehmen aufwendige Zeremonien überhand. Wo man nicht mehr an sich selbst arbeitet, wo innere Werte und schlichte Frömmigkeit gering geschätzt werden, da fordern menschlicher Stolz und Geltungsdrang prunkvolle Gotteshäuser, aufwendige Gottesdienste und imposante Liturgien. Zu Gottes Ehre tragen wir damit nicht bei, er legt keinen Wert auf eine Religion der Äußerlichkeiten. Deshalb ist auch der Himmel bei solchen Schau-Gottesdiensten nicht vertreten. Die wahre Gemeinde dagegen ist in Gottes Augen überaus kostbar — nicht weil sie äußerliche Vorzüge hätte, sondern wegen der aufrichtigen Frömmigkeit, die sie von der Welt unterscheidet. Ihre Glieder werden für ihn umso wertvoller, je mehr sie in der Erkenntnis Christi wachsen und in ihrem geistlichen Leben vorwärts kommen.

Christus wartet so sehr darauf, die Früchte seines Weinberges, nämlich Heiligkeit und Selbstlosigkeit, ernten zu können. Er hält bei uns nach gütiger Liebe Ausschau. Die wertvollsten Kunstwerke sind nichts im Vergleich zu der Schönheit des Wesens, die bei Christi Nachfolgern sichtbar werden soll. Der Gläubige lebt in einer Atmosphäre der Gnade; weil der Heilige Geist sein Denken und Fühlen prägt, wird er zum Boten des Lebens, und Gott kann seine Arbeit segnen. Eine Gemeinde mag aus den Ärmsten im Land bestehen und auf andere überhaupt nicht anziehend wirken; wenn ihre Glieder aber das Wesen Christi haben, dann sind sie von himmlischer Freude erfüllt. Engel nehmen an ihren Versammlungen teil, und alle loben und danken Gott aus vollem Herzen. Der Herr will, dass wir anderen von seiner Güte und Macht erzählen; unser Lob und Dank ehrt ihn. „Wer Dank opfert, der preiset mich“, sagt er. Psalm 50,23. Als das Volk Israel durch die Wüste zog, lobte es Gott mit heiligen Liedern. Man vertonte die Gebote und Verheißungen des Herrn und sang sie während der ganzen Reise. Auch wenn die Israeliten später in Kanaan ihre heiligen Feste feierten, sprachen sie von Gottes wunderbarem Wirken und dankten und opferten ihm, wie er es wünschte. Mit ihrer ganzen Lebensform sollten sie ihn loben, damit „man auf Erden erkenne seinen Weg, unter allen Heiden sein Heil“. Psalm 67,3. In unserer Zeit soll es nach Gottes Willen nicht anders sein. Die Menschen in der Welt beten falsche Götter an. Es ist unsere Aufgabe, sie von ihrem verkehrten Weg abzubringen — allerdings nicht dadurch, dass wir auf diese Götzen schimpfen: Wir wollen etwas Besseres anbieten. Die Menschen sollen doch Gottes Güte erfahren. „Ihr seid meine Zeugen, spricht der Herr, und ich bin Gott.“ Jesaja 43,12.

Der Herr möchte, dass wir seinen Erlösungsplan und das Vorrecht, seine Kinder sein zu dürfen, zu schätzen wissen und ihm dafür in Dankbarkeit gehorsam sind. Als Wiedergeborene sollen wir ihm jeden Tag freudig dienen. Er wartet auf unseren Dank dafür, dass unsere Namen im Lebensbuch des Lammes stehen und wir mit allen Problemen zu dem kommen dürfen, der für uns sorgt. Er fordert uns auf, fröhlich zu sein, denn wir sind sein Erbteil, und die Gerechtigkeit Christi ist das weiße Gewand der Heiligen. Wir haben die wunderbare Hoffnung, dass unser Erlöser bald kommen wird. Gott aus vollem Herzen aufrichtig zu loben, ist genauso wichtig wie das Gebet. Lasst uns deshalb der Welt und allen himmlischen Wesen zeigen, wie sehr wir Gott dankbar sind für seine wunderbare Liebe, die er für die gefallene Menschheit aufbringt, und dass wir von ihm noch größeren Segen erwarten. Viel mehr als bisher sollten wir von unseren Erfahrungen berichten. Wenn wir nach einer besonders spürbaren Ausgießung des Heiligen Geistes anderen erzählen, wie wunderbar und liebevoll Gott für seine Kinder sorgt, dann werden wir im Dienst für Gott noch mehr Freude verspüren und auch erfolgreicher sein.

Solch eine Haltung wird Satans Macht zurückdrängen und den Geist des Murrens und Klagens austreiben, wodurch der Versucher an Boden verliert und die Gläubigen sich charakterlich so entwickeln können, dass sie einmal dafür geeignet sein werden, auf der neuen Erde zu leben. Die Wirkung auf andere wird nicht ausbleiben. Es gibt gar keine bessere Methode, um Seelen für Christus zu gewinnen. Lasst uns Gott im praktischen Dienst für ihn loben und alles tun, was in unserer Kraft steht, um seinen Namen zu ehren. Gott gibt uns seine Gaben, damit wir davon an andere weitergeben und auf diese Weise der Welt eine Vorstellung von seinem Wesen vermitteln. Opfer und Gaben bildeten einen wesentlichen Teil des jüdischen Kultes. Die Israeliten wurden dazu angehalten, den zehnten Teil ihres gesamten Einkommens dem Dienst am Heiligtum zu weihen und außerdem Sündopfer, freiwillige Gaben und Dankopfer darzubringen. Auf diese Weise wurde damals der Evangeliumsdienst unterhalten. Heute erwartet Gott von uns nicht weniger als damals von seinem Volk. Unsere Aufgabe ist es, gemeinsam mit ihm Menschen für die Ewigkeit zu retten, und dazu dienen nach Gottes Willen Zehnten, Opfer und Gaben. Gott beansprucht den Zehnten als sein Eigentum, das wir nicht antasten dürfen, weil es in die Schatzkammer des Herrn gehört, damit sein Werk finanziert werden kann. Auch freiwillige Gaben und Dankopfer erbittet Gott von uns, denn nur so ist es möglich, dass das Evangelium bis in die entlegensten Gebiete der Erde getragen wird.

Dienst für Gott schließt aber auch den persönlichen Einsatz mit ein. Wir sind dazu aufgerufen, eigenhändig mit Gott zusammenzuarbeiten, um die Welt zu retten. Der Auftrag Christi: „Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur“, gilt für jeden seiner Nachfolger. Markus 16,15. Alle, die zum Leben in Christus berufen sind, haben damit auch die Aufgabe, für die Erlösung ihrer Mitmenschen zu arbeiten. In enger Verbundenheit mit Christus haben sie wie er den großen Wunsch, für andere da zu sein. Natürlich können nicht alle denselben Platz im Werk Gottes einnehmen, aber Raum und Arbeit ist für alle da. Abraham, Isaak, und Jakob, Mose in seiner demütigen Weisheit und Josua mit seinen vielen Fähigkeiten — sie alle standen im Dienst Gottes. Die Musik Mirjams, der Mut und die Frömmigkeit Deborahs, die kindliche Anhänglichkeit Ruts, der Gehorsam und die Treue Samuels, die Gewissenhaftigkeit Elias, der besänftigende Einfluss Elisas — all das konnte Gott gebrauchen. Auch heute sind alle, die Gottes Segen erfahren haben, aufgerufen, sich in seinen Dienst zu stellen. Es gilt, alle Fähigkeiten einzusetzen, um Gottes Namen zu ehren und dazu beizutragen, dass sein Reich bald kommen kann.

All die Menschen, die Christus als ihren persönlichen Heiland erfahren haben, sind aufgerufen, die Wahrheit des Evangeliums und seine rettende Kraft im Leben öffentlich sichtbar werden zu lassen. Gott verlangt von ihnen nichts, ohne gleichzeitig bei der Durchführung mitzuhelfen. Die Gnade Christi befähigt sie dazu, alles zu tun, was Gott von ihnen wünscht, nämlich als sein Volk den ganzen Reichtum des Himmels zu offenbaren. „Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger“, sagt Christus. Johannes 15,8. Gott beansprucht die ganze Erde als seinen Weinberg. Mag sie jetzt auch in den Händen Satans sein, so gehört sie doch allein Gott, der sie geschaffen und erlöst hat. Christus starb für sie den Opfertod: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab.“ Johannes 3,16. Durch diese eine Gabe erhalten die Menschen auch alle anderen Gaben Gottes. Täglich empfängt die ganze Welt seinen Segen. Regen und Sonne, jedes Blatt, jede Pflanze, jede Frucht — sie alle zeigen uns, die wir oft so undankbar sind, Gottes Geduld und Liebe.

Was aber sind unsere Gegenleistungen an den großzügigen Geber? Wie reagieren wir auf Gottes Forderungen? Wem widmet die breite Masse ihr ganzes Streben? Die meisten jagen doch nur nach Geld, Ansehen und Vergnügen in dieser Welt. Sie wollen reich werden, indem sie sich nicht nur gegenseitig, sondern auch Gott berauben. Was eigentlich ihm gehört, verwenden sie für ihre egoistischen Interessen. Was sie nur zusammenraffen können, muss ihrer Habgier und Vergnügungssucht dienen. Die Welt ist heute in die gleiche Sünde verstrickt, die schon damals Israel ins Verderben stürzte: Undankbarkeit gegenüber Gott, Missachtung seines Segens und egoistischer Missbrauch seiner Gaben. Diese Sünde brachte den Zorn Gottes über Israel und wird auch das Schicksal der heutigen Welt besiegeln.

Als Christus vom Ölberg aus auf die auserwählte Stadt schaute und weinte, da hatte er nicht nur das Schicksal Jerusalems vor Augen, sondern auch die Vernichtung der ganzen Welt. „Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist‘s vor deinen Augen verborgen.“ Lukas 19,42. „Zu dieser Zeit.“ Die Menschheitsgeschichte geht ihrem Ende entgegen, die Zeit der Gnade ist bald vorüber. Schon braut sich das Unwetter des Gerichtes zusammen. Wer Gottes gnädiges Entgegenkommen verachtet, wird dann unvermittelt schnell und endgültig untergehen. Trotzdem schläft die Welt! Die Menschen wissen nicht, wie nahe ihnen die Zeit ihrer Heimsuchung ist. In welchem Zustand befindet sich die Gemeinde in diesen Tagen vor dem letzten Gericht? Wird sie den Ansprüchen Gottes gerecht? Erfüllt sie ihren Auftrag, der Welt eine Vorstellung von Gottes Wesen zu vermitteln? Weist sie die Menschen nachdrücklich auf die letzte gnadenvolle Warnung Gottes hin? Wie viele Menschen sind auf das Äußerste gefährdet und stehen vor dem Abgrund! Und doch gibt es nur wenige Nachfolger Christi, die sich für sie verantwortlich fühlen! Das Schicksal der Welt steht auf Messers Schneide, aber das kümmert selbst jene kaum, die von sich behaupten, an die größte Wahrheit zu glauben, die Menschen jemals offenbart worden ist. Ihnen fehlt die Liebe, die Christus dazu bewegte, seine himmlische Heimat zu verlassen und in unsere Wirklichkeit zu kommen, um als Mensch den Menschen nahe zu sein und sie so zu Gott zu führen. Das Volk Gottes ist wie gelähmt und erkennt nicht das Gebot der Stunde.

Als die Israeliten nach Kanaan kamen, richteten sie sich nicht nach der Anweisung Gottes, das ganze Land in Besitz zu nehmen. Nachdem sie es teilweise erobert hatten, ließen sie sich vielmehr nieder, um ihre Siege zu genießen. Ungläubig und bequem blieben sie in den eroberten Gebieten, statt weiter vorzudringen und auch das übrige Land unter ihre Herrschaft zu bringen. Weil sie Gottes Befehl missachteten, kamen sie langsam immer weiter von ihm ab und verhinderten so selbst, dass ihnen der verheißene Segen zuteil wurde. Begeht die Gemeinde von heute nicht den gleichen Fehler? Obwohl die ganze Welt das Evangelium so dringend benötigt, bleiben viele Christen dort, wo sie selbst unangefochten ihres Glaubens leben können. Sie sehen nicht ein, wie wichtig es ist, Neuland zu betreten und die Heilsbotschaft in alle Welt zu tragen. Sie verweigern sich dem Auftrag Christi: „Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur.“ Sind sie etwa weniger schuldig als damals die Israeliten? Jeder, der nach seinen eigenen Worten ein Nachfolger Christi sein will, wird vor dem ganzen Universum einer Prüfung unterzogen. Geringer Eifer und halbherzige Anstrengungen im Dienst Gottes sind dabei ein Zeichen für Untreue. Wer alles tut, was in seinen Kräften steht, braucht kein verdammendes Urteil zu fürchten; ist er mit ganzem Herzen bei der Sache, dann kann er noch viel mehr erreichen als bisher. Wir alle wissen ebenso gut wie die Welt, dass wir zu einem großen Teil unsere Haltung der Selbstverleugnung und des Kreuztragens verloren haben. Bei vielen wird einmal hinter ihrem Namen im Himmelsbuch stehen: nur genommen, nichts gegeben. Sie nennen sich zwar Christen, machen aber seinem Namen keine Ehre, weil sie die Schönheit seines Wesens nicht widerspiegeln. Viele stehen zwar auf der Gemeindeliste, lassen sich aber nicht von Christus leiten. Sie befolgen weder seine Anweisungen, noch dienen sie ihm. Deshalb kann Satan Macht über sie gewinnen. Sie tun nichts wirklich Gutes und richten auf diese Weise unermesslichen Schaden an. Weil ihr Einfluss andere nicht zum Leben führt, gehen sie selbst dem Tod entgegen. Der Herr fragt: „Und ich sollte das an ihnen nicht heimsuchen?“ Jeremia 5,9. Weil die Kinder Israel mit ihm nicht zusammenarbeiten wollten, wandte sich Gott von ihnen ab und anderen Menschen zu. Aber wird er die nicht ebenfalls verwerfen, wenn sie sich auch als untreu erweisen sollten?

Im Gleichnis vom Weinberg sprach Christus die Weingärtner schuldig. Sie hatten es abgelehnt, ihrem Herrn die Früchte seines Landes zu geben. Bei den Juden war es die Geistlichkeit, die das Volk in die Irre führte und damit Gott den Dienst verweigerte, den er forderte. Es war ihre Schuld, dass fast das ganze Volk Christus ablehnte. Christus zeigte deutlich, dass das Gesetz Gottes, frei von menschlichen Zusätzen, die Richtschnur des Gehorsams ist. Damit machte er sich die Rabbis zu Feinden, die ihre eigenen Lehren höher stellten als das Wort Gottes und so das Volk vom Gesetz abbrachten. Sie waren nicht gewillt, ihre menschlichen Vorschriften abzuschaffen, damit man den Weisungen Gottes gehorchen konnte. Auch um der Wahrheit willen waren sie nicht bereit, auf Verstandesdünkel und Beifall der Menge zu verzichten. Als Christus dem Volk die Ansprüche Gottes vor Augen hielt, da stritten ihm die Priester und Ältesten das Recht ab, sich zwischen sie und das Volk zu stellen. Seine Vorwürfe und Warnungen wollten sie nicht hören; vielmehr taten sie alles, um das Volk gegen ihn aufzuhetzen und ihn zu vernichten. Sie waren die eigentlich Verantwortlichen dafür, dass Christus nicht als Messias anerkannt wurde. Diese große Sünde eines ganzen Volkes und das sich daraus ergebende Unheil waren also in erster Linie der Geistlichkeit zuzuschreiben.

Sind heute nicht die gleichen Kräfte am Werk? Verfolgen nicht auch in unseren Tagen viele von Gottes Weingärtnern den gleichen Kurs wie die israelitischen Glaubensführer? Wie viele Geistliche gibt es doch, die die Menschen von den klaren Forderungen des Wortes Gottes abbringen! Statt Gehorsam gegenüber den Geboten Gottes propagieren sie deren Übertretung. In vielen Kirchen wird von der Kanzel gepredigt, dass Gottes Gesetze nicht mehr bindend seien. Menschliche Überlieferungen, Riten und Bräuche stehen im Vordergrund. Stolz und Selbstzufriedenheit, weil man von Gott so reich gesegnet worden ist, nehmen überhand, während die Ansprüche Gottes einfach ignoriert werden. Wer das Gesetz Gottes als unwichtig abtut, ist sich nicht im Klaren über die Folgen seines Tuns. Gottes Gesetz spiegelt sein Wesen wider und zeigt uns die Grundsätze seines Reiches. Wer diese Grundsätze nicht anerkennen will, schneidet sich selbst vom Strom des göttlichen Segens ab. Nur im Gehorsam gegenüber den Geboten Gottes sollten für Israel die ihm in Aussicht gestellten wunderbaren Verheißungen Wirklichkeit werden. Auch wir können nur dann dem Bild Gottes wieder ähnlicher werden und seinen reichen Segen erfahren Segen an uns selbst, im materiellen und geistlichen Bereich —, wenn wir Gott gehorsam sind.

In der geistlichen wie in der natürlichen Welt ist Gehorsam gegenüber dem Gesetz Gottes die Voraussetzung dafür, dass Früchte wachsen. Wer die Menschen lehrt, Gottes Gebote zu missachten, der hindert sie daran, zu seiner Ehre Frucht zu tragen, und macht sich damit schuldig, weil er dem Herrn die Früchte seines Weinberges vorenthält. Im Auftrag Gottes kommen seine Boten zu uns und verlangen wie Christus, dass wir dem Wort des Herrn gegenüber gehorsam sind. Sie weisen darauf hin, dass er Anspruch auf die Früchte des Weinberges hat — die Früchte der Liebe, Demut und Selbstaufopferung. Doch werden, wie damals die jüdische Geistlichkeit, nicht auch heute viele Weingärtner darüber zornig? Nutzen viele Theologen und Religionslehrer nicht ebenfalls all ihren Einfluss, um das Volk gegen die Forderungen Gottes einzunehmen? Sie alle nennt Gott untreue Mitarbeiter. Die ernste und feierliche Warnung Gottes an das alte Volk Israel sollte auch die Gemeinde von heute und ihre Führung nachdenklich stimmen. Der Herr sagte über Israel: „Wenn ich ihm auch noch so viele meiner Gebote aufschreibe, so werden sie doch geachtet wie eine fremde Lehre.“ Hosea 8,12. Der Geistlichkeit warf er vor: „Mein Volk ist dahin, weil es ohne Erkenntnis ist. Denn du hast die Erkenntnis verworfen; darum will ich dich auch verwerfen, dass du nicht mehr mein Priester sein sollst. Du vergisst das Gesetz deines Gottes; darum will auch ich deine Kinder vergessen.“ Hosea 4,6.

Werden die Warnungen Gottes unbeachtet bleiben, die Gelegenheiten, ihm zu dienen, nicht genutzt werden? Sollen Spott der Ungläubigen, intellektueller Hochmut und Anpassung an weltliche Sitten und an den Zeitgeist die Nachfolger Christi daran hindern, ihrem Herrn zu dienen? Werden sie Gottes Wort verwerfen, wie die jüdische Geistlichkeit Christus ablehnte? Wir wissen nur zu gut, was die Sünde Israels für Folgen hatte. Wird die Gemeinde unserer Tage es sich zur Warnung dienen lassen? „Wenn aber nun einige von den Zweigen ausgebrochen wurden und du, der du ein wilder Ölzweig warst, in den Ölbaum eingepfropft worden bist und teilbekommen hast an der Wurzel und dem Saft des Ölbaums, so rühme dich nicht gegenüber den Zweigen. Rühmst du dich aber, so sollst du wissen, dass nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel trägt dich. Nun sprichst du: Die Zweige sind ausgebrochen worden, damit ich eingepfropft würde. Ganz recht! Sie wurden ausgebrochen um ihres Unglaubens willen; du aber stehst fest durch den Glauben. Sei nicht stolz, sondern fürchte dich! Hat Gott die natürlichen Zweige nicht verschont, wird er dich doch wohl auch nicht verschonen.“ Römer 11,17-21.

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