Vom reichen Mann und armen Lazarus

Vom reichen Mann und armen Lazarus

Lukas 16,19-31

Im Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus zeigt Christus, dass die Menschen in diesem Leben selbst über ihr ewiges Schicksal entscheiden. Während dieser Prüfungszeit bietet Gott jedem seine Gnade an; doch wer die gebotene Gelegenheit dazu missbraucht, seine eigennützigen Ziele zu verfolgen, schließt sich selbst vom ewigen Leben aus. Er wird keine zweite Gnadenzeit erhalten. Durch seine eigene Entscheidung hat er eine unüberbrückbare Kluft zwischen sich und seinem Gott geschaffen. Das Gleichnis beschreibt den Gegensatz zwischen den Reichen, die sich von Gott unabhängig fühlen, und den Armen, die sich ganz auf ihn verlassen. Christus macht deutlich, dass einmal eine Zeit kommt, in der sich die Situation dieser beiden Menschenklassen völlig umgekehrt haben wird. Wer arm ist an irdischen Gütern, aber sein Vertrauen auf Gott setzt und im Leid geduldig bleibt, wird eines Tages über alle erhöht werden, die heute die höchsten Ehren genießen, aber ihr Leben nicht Gott geweiht haben.

„Es war aber“, so begann Christus, „ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren und begehrte, sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel.“ Lukas 16,19-21. Der Reiche gehörte durchaus nicht zu der Menschenklasse, die im Gleichnis vom ungerechten Richter dargestellt wird. Dieser hatte ja öffentlich verkündigt, dass er sich weder vor Gott noch vor Menschen scheue. Nein, der Reiche nahm für sich in Anspruch, ein Sohn Abrahams zu sein. Er tat dem Bettler nichts zu Leide und schickte ihn auch nicht weg, weil er seinen Anblick nicht ertragen konnte. Im Gegenteil, er duldete es gern, dass dieses traurige, Ekel erregende Bündel Mensch sich vor seiner Tür aufhielt, wenn ihm der Anblick all des Reichtums Trost bot. Dem bedürftigen Bruder dagegen zu helfen — daran dachte er überhaupt nicht. Krankenhäuser gab es damals noch nicht, sodass die sozial Schwachen und Kranken auf die Fürsorge derer angewiesen waren, die der Herr mit Reichtum gesegnet hatte, damit sie von ihnen Hilfe und Beistand erzielten. Das war die Situation des Bettlers gegenüber dem reichen Mann: Lazarus brauchte dringend Hilfe, denn er hatte weder Freunde noch ein Dach über dem Kopf, weder Geld noch Nahrung. Tag für Tag musste er in diesem elenden Zustand leben, während der Reiche sich jeden Wunsch erfüllen konnte. Für diesen wäre es leicht gewesen, dem Anderen zu helfen, aber er lebte, wie es auch heute viele tun, nur für sich selbst. Auch in unserer Nähe gibt es heute viele Bedürftige und Obdachlose. Wenn wir ihnen nicht helfen, laden wir eine Schuld auf uns, die uns eines Tages Angst und Bange machen wird. Gott verdammt allen Geiz als Götzendienst. Selbstsüchtige Genusssucht ist in seinen Augen ein Verbrechen.

Gott hatte dem reichen Mann seine Güter zur Verwaltung anvertraut und ihm aufgetragen, in Fällen wie dem des Bettlers zu helfen. Das Gebot lautete: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft.“ 5.Mose 6,5. „du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ 3.Mose 19,18. Als Jude war dem reichen Mann das Gesetz sehr wohl bekannt, aber er vergaß, dass er darüber Rechenschaft abzulegen hatte, was er mit den ihm anvertrauten Mitteln und Fähigkeiten machte. Er hatte den Segen Gottes im Überfluss erfahren, nutzte ihn jedoch nur zu seinem eigenen Vorteil und nicht zur Ehre des Schöpfers. Mit dem Reichtum wuchs auch die Verpflichtung, der Menschheit Gutes zu tun. Dies hatte der Herr geboten, doch der reiche Mann dachte nicht im Traum daran, dieser Verpflichtung vor Gott nachzukommen. Er selbst verlieh zwar Geld gegen Zinsen, aber für das, was Gott ihm anvertraut hatte, wollte er keine Zinsen zahlen. Zwar war er gebildet und hatte Talente, doch er wandte sie nicht nutzbringend an. Er machte sich keine Gedanken darüber, dass er Gott Rechenschaft schuldig war, sondern ging ganz in seinen Vergnügungen auf. Alles, womit er sich umgeben hatte, die vielen Feste, die Komplimente und Schmeicheleien seiner Freunde, dienten allein der Befriedigung seines Geltungsbedürfnisses. Er ging in der Gesellschaft dieser Leute so völlig auf, dass er jeden Sinn für die Verpflichtung verlor, Gottes Gnade an seine Mitmenschen weiterzugeben. Wohl hatte er Gelegenheit, die Heilige Schrift zu verstehen und im Alltag danach zu handeln, doch die vergnügungssüchtige Gesellschaft um ihn herum nahm seine Zeit so stark in Anspruch, dass er den Gott der Ewigkeit darüber vergaß.

Dann änderte sich die Situation der beiden Männer plötzlich. Der Arme hatte geduldig sein Los getragen, bis er schließlich starb und, von niemandem beweint, begraben wurde. Weil er durch sein Verhalten für Christus gezeugt und sich im Glauben bewährt hatte, wurde er, wie es im Gleichnis heißt, nach dem Tod von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Lukas 16,22. Lazarus steht hier für all die Armen, die an Christus glauben. Wenn beim Schall der Posaune alle Toten die Stimme Jesu hören und aus ihren Gräbern hervorkommen werden, dann werden sie ihre Belohnung erhalten, weil ihr Glaube keine bloße Theorie war, sondern gelebte Wirklichkeit. „Der Reiche aber starb auch und wurde begraben. Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen.“ Lukas 16,22-24. Christus kam in diesem Gleichnis der Vorstellungswelt seiner Zuhörer entgegen, die glaubten, dass man die Zeit zwischen Tod und Auferstehung bewusst erlebe. Der Heiland, der diese volkstümliche, wenn auch falsche Anschauung kannte, benutzte sie in seinem Gleichnis, um den Zuhörern wichtige Wahrheiten einzuprägen. Er hielt ihnen gewissermaßen einen Spiegel vor, in dem sie ihr Verhältnis zu Gott sehen konnten. Christus bediente sich also einer weit verbreiteten Vorstellung, um allen etwas sehr Wichtiges klarzumachen: dass niemand nach seinem Besitz, der ja ohnehin nur eine Leihgabe Gottes ist, eingeschätzt wird. Wer diese Gabe missbraucht, fällt tiefer als der Ärmste und Elendste, der Gott liebt und ihm vertraut. Christus wollte seinen Zuhörern zu verstehen geben, dass es nach dem Tod keine Möglichkeit mehr gibt, Erlösung zu finden. „Gedenke, Sohn“, so ließ er Abraham antworten: „Gedenke … dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, und du wirst gepeinigt. Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüber will, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber.“ Lukas 16,25.26. Christus zeigte damit, wie unsinnig die Hoffnung auf eine zweite Gnadenzeit ist. Nur in diesem Leben haben wir Gelegenheit, uns auf die Ewigkeit vorzubereiten.

Der reiche Mann hatte nicht vergessen, dass er ein Nachkomme Abrahams war. An ihn wandte er sich in seiner Not und bat: „Vater Abraham, erbarme dich meiner.“ Er betete nicht zu Gott, sondern bat Abraham um Hilfe. Damit zeigte er, dass er ihn über Gott stellte und seine Verwandtschaft mit Abraham als Garantie seiner Erlösung betrachtete. Der Verbrecher am Kreuz dagegen richtete seine Bitte an Christus: „Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ Lukas 23,42. Sofort erhielt er die Zusicherung: „Wahrlich, ich sage dir heute [während ich noch gedemütigt und voll Schmerzen am Kreuz hänge]: Mit mir wirst du im Paradiese sein.“ Lukas 23,43. (Reinhardt) Der reiche Mann wandte sich mit seiner Bitte an Abraham, und sie wurde nicht erhört. Christus allein ist „erhöht zum Fürsten und Heiland, zu geben Israel Buße und Vergebung der Sünden“. Apostelgeschichte 5,31. „In keinem andern ist das Heil.“ Apostelgeschichte 4,12. Der reiche Mann hatte sein ganzes Leben lang nur danach getrachtet, sich zu vergnügen. Zu spät wurde ihm bewusst, dass er für die Ewigkeit überhaupt nicht vorgesorgt hatte. Er erkannte jetzt, wie töricht er gewesen war, und musste an seine Brüder denken, die ebenfalls in Saus und Braus lebten. Deshalb sagte er: „So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.“ Lukas 16,27-31. Als der Reiche um weitere Beweise für seine Brüder bat, wurde ihm klar und deutlich gesagt, dass sie selbst dann nicht zu überzeugen wären. In dieser Forderung lag übrigens der unausgesprochene Vorwurf gegen Gott: Wenn du mich besser gewarnt hättest, dann wäre ich jetzt nicht hier. Abraham erwiderte darauf sinngemäß: Deine Brüder sind zur Genüge gewarnt worden. Erkenntnis wurde ihnen angeboten, aber sie waren daran nicht interessiert; von der Wahrheit wollten sie nichts hören. „Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.“ Diese Worte haben sich in der Geschichte des jüdischen Volkes bewahrheitet. Das letzte und großartigste Wunder Christi war die Auferweckung des Lazarus in Bethanien, der schon vier Tage tot gewesen war. Die Juden erhielten hier den eindeutigen Beweis dafür, dass Jesus der Sohn Gottes war, doch sie wollten davon nichts wissen. Als Lazarus ihnen seine Auferweckung bezeugte, verschlossen sie Herz und Augen vor allen Beweisen und wollten ihn sogar töten. Johannes 12,9-11. Gesetz und Propheten sollen nach Gottes Willen die Menschen zur Erlösung führen. Christus ruft uns dazu auf, uns eingehend mit ihnen zu beschäftigen. Wer der Stimme Gottes, die durch die Bibel zu uns spricht, kein Gehör schenkt, der dürfte sich wohl auch kaum dafür interessieren, was jemand zu sagen hat, der von den Toten wieder auferstanden ist. Wenn wir auf Mose und die Propheten hören, brauchen wir nicht um mehr Erkenntnis zu bitten, als Gott uns gegeben hat. Weisen wir dagegen dieses Licht ab und lassen die uns gebotenen Gelegenheiten ungenutzt, dann wäre es auch sinnlos, wenn einer von den Toten uns eine Botschaft bringen wollte. Auch von ihm würden wir uns ja nicht überzeugen lassen, denn wer das Gesetz und die Propheten ablehnt, verschließt Herz und Augen, bis er zuletzt gar kein Licht mehr sieht.

Das Gespräch zwischen Abraham und dem ehemals reichen Mann ist sinnbildlich zu verstehen. Jesus wollte damit verdeutlichen, dass jeder ausreichend darüber informiert wird, was Gott von ihm erwartet. Die Verantwortung eines Menschen wächst mit seinen Möglichkeiten und Vorrechten. Gott schenkt uns genug Erkenntnis und Kraft für das, was er uns zu tun aufträgt. Versäumen wir es, dem nachzukommen, was ein kleines Licht uns als Pflicht zeigt, dann beweisen wir dadurch, dass größeres Licht nur unsere Unzuverlässigkeit und unser Versäumnis, Gottes Segen weiterzugeben, an den Tag bringen würde. „Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu; und wer im Geringsten ungerecht ist, der ist auch im Großen ungerecht.“ Lukas 16,10. Wer sich durch Mose und die Propheten nichts sagen lassen will und stattdessen ein Wunder verlangt, wäre selbst dann nicht zu überzeugen, wenn sein Wunsch tatsächlich erfüllt würde.

Das Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus zeigt, wie diese beiden Menschenklassen in der unsichtbaren Welt eingeschätzt werden. Es ist keine Sünde, reich zu sein, wenn man es nicht auf unrechte Weise geworden ist. Ein Reicher wird nicht wegen seines Besitzes verdammt, sondern nur, wenn er ihn ausschließlich zu seinem eigenen Vergnügen verwendet. Wie viel besser ist es doch, seinen Besitz im Sinne Gottes zu verwalten, nämlich indem man damit Gutes tut! Der Tod selbst kann den nicht arm machen, der nach Reichtum in der Ewigkeit strebt. Von egoistisch zusammengerafftem Besitz können wir ja doch nichts in den Himmel mitnehmen. Der Reiche entpuppt sich vielmehr als unehrlicher Haushalter, der sein Leben genießt, ohne an seine Verpflichtungen Gott gegenüber zu denken. Er versäumt es, sich ein Vermögen im Himmel anzulegen. Der reiche Mann, der so viele Vorrechte erhalten hatte, versäumte es, die ihm anvertrauten Gaben so zu nutzen, dass sie ihm auch noch im Jenseits Reichtum eingebracht hätten, indem sie seine geistlichen Segnungen vermehrt hätten. Erlösung bedeutet ja nicht nur Sündenvergebung, sondern auch, dass der Mensch alle die geistlichen Gaben zurückerhält, die er unter dem degenerierenden Einfluss der Sünde verloren hat. Geld können wir in die Ewigkeit nicht mitnehmen und werden es dort auch nicht brauchen; doch alles, was wir dafür getan haben, um Menschen für Christus zu gewinnen, wird dem Himmel berichtet. Wer allerdings die Gaben, die er von Gott erhalten hat, nur für sich selbst nutzt, ohne seinem Mitmenschen in Not zu helfen oder die Evangeliumsverkündigung zu fördern, macht seinem Schöpfer keine Ehre. Neben seinem Namen wird einmal im Buch des Himmels stehen: Er beraubte Gott. Der reiche Mann besaß alles, was man mit Geld kaufen kann, aber er hatte nicht, um den Forderungen Gottes nachkommen zu können. Er lebte, als wäre alles, was er besaß, auch wirklich sein Eigentum. Die Ansprüche Gottes interessierten ihn so wenig wie die Hilferufe der Notleidenden. Da plötzlich kommt eine Aufforderung, die er nicht überhören kann. Eine Macht, vor der es kein Entkommen gibt, befiehlt ihm, sich von seinem ganzen Hab und Gut, das er nicht länger verwalten darf, zu trennen. Unversehens ist er damit bettelarm geworden. Das Kleid der Gerechtigkeit Christi, das auf dem Webstuhl des Himmels gefertigt wird, kann ihn nicht bedecken. Früher trug er Purpur und feinstes Leinen, jetzt ist er nackt und bloß. Seine Gnadenzeit ist zu Ende. Nichts hat er in die Welt hineingebracht, und nichts kann er nun mit hinausnehmen. Christus hob den Schleier vor dem Jenseits, als er den Priestern und Obersten, den Schriftgelehrten und Pharisäern dieses Gleichnis erzählte. Seht genau hin, ihr, die ihr reich seid an materiellem Besitz, aber nicht bei Gott! Denkt darüber nach, was ihr gehört habt! Was in den Augen der Menschen so besonders wertvoll ist, das schätzt Gott überhaupt nicht. Christus fragt deshalb: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden? Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?“ Markus 8,36.37.

Lehren für die Kinder Israel

Als Christus das Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus erzählte, befanden sich viele Juden in der gleichen unglücklichen Lage wie der Reiche. Sie benutzten das, womit Gott sie gesegnet hatte, dazu, ihrer Genusssucht zu frönen, und waren auf dem besten Wege, bald das Urteil zu hören: „Man hat dich auf der Waage gewogen und zu leicht befunden.“ Daniel 5,27. Der Reiche hatte materiellen und geistlichen Segen jeder Art erfahren, aber er war nicht bereit, diesen in den Dienst Gottes zu stellen. Das jüdische Volk machte es genauso. Der Herr hatte es zum Hüter seiner heiligen Wahrheit eingesetzt, zum Verwalter seiner Gnade. Alle erdenklichen materiellen und geistlichen Segnungen hatte er den Juden eingeräumt und sie aufgerufen, diese an andere weiterzugeben. Besonders genau hatte er ihnen vorgeschrieben, wie sie sich um verarmte oder aus der Bahn geworfene Mitbürger und um alle Fremden unter ihnen kümmern sollten. Gott wollte, dass sie nicht nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht waren, sondern auch an die Bedürftigen dachten und ihren Reichtum mit ihnen teilten. Solche liebevolle Barmherzigkeit versprach er zu segnen. Doch wie der reiche Mann rührten die Israeliten keine Hand, um der Menschheit in materieller oder geistlicher Hinsicht zu helfen. Voll Überheblichkeit hielten sie sich zwar für das auserwählte Lieblingsvolk Gottes, dachten aber nicht daran, ihm zu dienen und ihn anzubeten. Sie verließen sich ganz darauf, von Abraham abzustammen. „Wir sind Abrahams Kinder“, sagten sie stolz. Johannes 8,33. Als aber die Stunde der Entscheidung kam, stellte sich heraus, dass sie sich von Gott abgewandt und ihr Vertrauen auf Abraham gesetzt hatten, als ob er Gott sei. Christus wollte so gern die verfinsterten Herzen des jüdischen Volkes erhellen. Deshalb sagte er: „Wenn ihr Abrahams Kinder wärt, so tätet ihr Abrahams Werke. Nun aber sucht ihr mich zu töten, einen Menschen, der euch die Wahrheit gesagt hat, wie ich sie von Gott gehört habe. Das hat Abraham nicht getan.“ Johannes 8,39.40.

Christus betrachtete die Abstammung nicht als persönliches Verdienst, sondern wies darauf hin, dass die geistige Verwandtschaft wichtiger ist als jede natürliche. Die Juden pochten darauf, von Abraham abzustammen, doch weil sie seinem Beispiel nicht folgten, bewiesen sie, dass sie in Wirklichkeit nicht seine Kinder waren. Nur wer wie Abraham der Stimme Gottes gehorcht, gilt als sein echter Nachkomme. Obwohl der Bettler zur untersten sozialen Schicht gehörte, war Christus davon überzeugt, dass Abraham ihn in seinen engsten Freundeskreis aufgenommen hätte. Trotz seines Wohlstandes war der reiche Mann so unwissend, dass er Abraham an die Stelle Gottes setzte. Hätte er seine bevorzugte Stellung in der richtigen Weise zu schätzen gewusst und seinen Charakter vom Heiligen Geist formen lassen, dann hätte es bei ihm anders ausgesehen. Das Gleiche gilt für das Volk, zu dem er gehörte. Wäre Israel dem Ruf Gottes gefolgt, dann hätte es auf Grund seiner geistlichen Reife eine völlig andere Zukunft erlebt. Es hatte so viele Fähigkeiten und Möglichkeiten, die Gott gern vermehren wollte, damit es der ganzen Welt Segen und Erkenntnis bringen konnte. Aber die Juden hatten sich innerlich so weit von Gottes Anordnungen entfernt, dass ihr ganzes Leben sich verkehrte. Sie versäumten es, als Haushalter Gottes ihre Gaben treu und rechtschaffen einzusetzen. Mit der Ewigkeit rechneten sie überhaupt nicht, und so zog ihre Untreue den Untergang des ganzen Volkes nach sich. Christus wusste, dass die Juden bei der Zerstörung Jerusalems an seine Warnung denken würden, und so kam es auch. Als das Verhängnis über die Stadt hereinbrach, als die Menschen Hunger litten und schreckliche Leiden erdulden mussten, da erinnerten sie sich an die Worte Christi und verstanden auf einmal das Gleichnis. Sie hatten ihr Unglück selbst verschuldet, weil sie es versäumten, das ihnen anvertraute Licht für die Welt leuchten zu lassen.

In den letzten Tagen

Der Schluss des Gleichnisses zeigt sinnbildhaft die letzten Szenen der Weltgeschichte. Der reiche Mann wollte ein Sohn Abrahams sein, war aber von diesem durch eine unüberbrückbare Kluft getrennt, nämlich durch seinen fehlentwickelten Charakter. Abraham diente Gott, er folgte seinem Wort gläubig und gehorsam. Der Reiche dagegen dachte weder an Gott noch an seine bedürftigen Mitmenschen. Die große Kluft zwischen ihm und Abraham war der Abgrund des Ungehorsams. Auch heute leben viele so wie der reiche Mann. Obgleich sie der Gemeinde Gottes angehören, sind sie doch nicht wirklich bekehrt. Vielleicht nehmen sie am Gottesdienst teil und singen auch den Psalm mit: „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.“ Psalm 42,2. In Wirklichkeit aber sind sie große Heuchler und in Gottes Augen nicht besser als der schlimmste Sünder. Wer nur weltlichem Vergnügen hinterher jagt und von Geltungsbedürfnis besessen ist, der kann nicht Gott dienen. Wie der Reiche im Gleichnis bemüht er sich nicht im Geringsten, seine Genusssucht zu bekämpfen, sondern kultiviert sie auch noch. Er entscheidet sich dafür, in einer Atmosphäre der Sünde zu leben. Wird er dann plötzlich vom Tod dahingerafft, zeigt es sich, dass er jetzt den Charakter hat, den er zu seinen Lebzeiten mit Hilfe satanischer Mächte entwickelt hat. Im Grab kann er keine Entscheidung mehr treffen, sei es für das Gute oder für das Böse; mit dem Augenblick, in dem ein Mensch stirbt, erlischt das Bewusstsein. vgl. Psalm 146,4; Prediger 9,5.6.

Wenn dann einmal die Stimme Gottes die Toten auferweckt, steht ein solcher Mensch mit derselben Lebensgier und den gleichen Leidenschaften aus dem Grab auf, die ihn schon früher geprägt hatten. Wer sich nicht ändern wollte, als er Gelegenheit dazu hatte, den wird Gott auch jetzt nicht mehr auf wunderbare Weise umformen. Während seines Lebens liebte er Gott nicht und wollte ihm nicht dienen. Sein Wesen ist nicht im Einklang mit Gott, und so könnte er sich in der himmlischen Familie auch nicht wohl fühlen. Es gibt heute eine bestimmte Kategorie selbstgerechter Menschen auf dieser Welt. Sie sind weder unmäßig im Essen und Trinken noch atheistisch eingestellt; sie wollen lediglich sich selbst leben und nicht für Gott. Weil Gott in ihrem Denken einfach nicht vorkommt, zählen sie eigentlich zu den Ungläubigen. Selbst wenn sie in die Stadt Gottes eingehen könnten, hätten sie dennoch kein Recht dazu, vom Baum des Lebens zu essen. Als ihnen nämlich die Gebote Gottes mit all ihren bindenden Verpflichtungen vorgelegt wurden, da wollten sie nicht gehorchen. Sie haben Gott auf der Erde nicht gedient und wären deshalb wohl auch im Himmel nicht bereit dazu. Sie könnten es in seiner heiligen Gegenwart gar nicht aushalten und würden jeden anderen Ort dem Himmel vorziehen. Von Christus lernen heißt, seine Gnade annehmen und damit sein Wesen. Wer die wertvollen Gelegenheiten und den Einfluss des Heiligen Geistes hier auf der Erde nicht schätzt und nutzt, der ist auch nicht dafür geeignet, Gott im Himmel anzubeten. Wenn Menschen ihren Charakter nicht nach dem göttlichen Ebenbild entwickelt haben, dann ist durch ihre Nachlässigkeit ein Abgrund entstanden, den nichts überbrücken kann: Zwischen ihnen und den Gerechten besteht eine unüberbrückbare Kluft.

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