Gleichnis vom reichen Kornbauern

Gleichnis vom reichen Kornbauern

Lukas 12,13-21

Wieder einmal lehrte Christus, und wie gewöhnlich hatte er außer seinen Jüngern noch andere Zuhörer um sich. Gerade hatte er von den Aufgaben gesprochen, die auf seine Nachfolger schon in naher Zukunft warteten. Sie sollten die erkannte Wahrheit überall verkündigen, wobei Konflikte mit der weltlichen Obrigkeit nicht ausbleiben würden. Wegen ihres Glaubens an Christus würden sie sich vor Gerichten, vor Regierungen und Königen zu verantworten haben, doch hatten sie seine Zusage, von ihm Weisheit zu erhalten, der niemand würde widersprechen können. Seine eigenen Worte, die die Menge tief bewegten und seine heimtückischen Feinde verwirrten, bezeugten die Kraft dieses innewohnenden Geistes, den er seinen Nachfolgern verheißen hatte. Viele unter den Zuhörern wollten die Gnade des Himmels aber nur annehmen, um damit ihre egoistischen Ziele besser verwirklichen zu können. Sie erkannten die wunderbare Fähigkeit Christi, die Wahrheit unmissverständlich darzustellen; sie hörten, wie er seinen Nachfolgern Weisheit versprach, damit sie vor den obrigkeitlichen Gewalten die richtigen Worte fänden. Sollte er da diese Kraft nicht auch einmal für einen irdischen Zweck zur Verfügung stellen?

„Es sprach aber einer aus dem Volk zu ihm: Meister, sage meinem Bruder, dass er mit mir das Erbe teile.“ Lukas 12,13. Durch Mose hatte Gott Anweisungen gegeben, wie ein Erbe aufgeteilt werden sollte. Danach erhielt der älteste Sohn vom väterlichen Besitz den doppelten Anteil wie seine Brüder, denen gleiche Teile zustanden. 5.Mose 21,17. Der Mann, der Jesus ansprach, meinte, dass sein Bruder ihn betrogen habe. Er selbst war in seinem Bemühen, den ihm seiner Meinung nach zustehenden Anteil zu erhalten, erfolglos geblieben. Nun hoffte er, sein Ziel mit Christi Hilfe doch noch zu erreichen. Ihm klangen noch dessen eindringliche Aufrufe und ernste Anklagen gegen die Pharisäer und Schriftgelehrten in den Ohren. Wenn Jesus mit seinem Bruder auch einmal so redete, dachte der Mann, dann würde dieser es nicht wagen, ihm sein Erbteil weiterhin vorzuenthalten. Der Mann unterbrach die eindrucksvollen Ausführungen Christi, wie sich herausstellte, aus rein egoistischen Gründen. Er schätzte die Fähigkeit Jesu, Menschen ins Gewissen zu reden, insofern, als sie ihm für seine eigene weltliche Angelegenheit von Nutzen sein konnte. Die dargelegten geistlichen Wahrheiten dagegen hatten weder sein Herz noch seinen Verstand erreicht. Ihn beschäftigte nur das eine Thema: Wie konnte er zu seinem Erbe kommen? Jesus, der König der Ehren, der für uns seinen Reichtum aufgab und arm wurde, zeigte ihm die Schätze der göttlichen Liebe. Der Heilige Geist drängte ihn, Teilhaber am „unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe“ zu werden. 1.Petrus 1,4. Der Mann hatte deutlich gesehen, welch gewaltige Macht Christus besaß. Jetzt bot sich ihm die Gelegenheit, dem großen Lehrer seinen brennendsten Herzenswunsch zu sagen. Doch er heftete wie der Mann mit der Kehrichtschaufel in John Bunyans allegorischer „Pilgerreise“ die Augen auf den Boden, sodass er die ihm dargebotene Krone nicht sehen konnte. Wie Simon der Zauberer wollte er die Gaben Gottes nutzen, um damit Geld zu machen. Der Auftrag unseres Erlösers ging seiner Erfüllung entgegen. Nur wenige Monate standen ihm noch zur Verfügung, um seinen Dienst auf dieser Erde, die Aufrichtung seines Gnadenreiches, zum Abschluss zu bringen. Menschliche Habgier wollte ihn jetzt dabei aufhalten. Er sollte um ein Stück Land feilschen helfen. Doch Jesus ließ sich von seiner Aufgabe nicht abbringen. „Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbschlichter über euch gesetzt?“ antwortete er. Lukas 12,14. Natürlich hätte er den Mann auf die Rechtslage hinweisen können, die er genau kannte. Doch die beiden Brüder stritten sich aus Habgier. Deshalb sagte Christus sinngemäß etwa Folgendes: Es ist nicht meine Aufgabe, solche Streitigkeiten zu schlichten. Er war zu einem ganz anderen Zweck gekommen, nämlich um den Menschen durch die Verkündigung der Frohen Botschaft die Wirklichkeit des Ewigen zu erschließen.

Aus dem, wie Christus sich hier verhalten hat, können alle, die in seinem Dienst stehen, eine wichtige Lehre ziehen. Als er die zwölf Jünger aussandte, sagte er ihnen: „Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus. Umsonst habt ihr‘s empfangen, umsonst gebt es auch.“ Matthäus 10,7.8. Es war nicht ihre Aufgabe, weltliche Streitfragen zu schlichten, sondern die Menschen zu drängen, sich mit Gott zu versöhnen. In dieser Arbeit war ihre Befähigung begründet, der Menschheit zum Segen zu werden. Nur Christus kann von Sünde und Leid befreien. Nur das Evangelium seiner Gnade kann auch alle gesellschaftlichen Missstände beseitigen. Beides, die Ungerechtigkeit der Reichen gegenüber den Armen und der Hass der Armen auf die Reichen, wurzelt ja in der Selbstsucht, und diese lässt sich nur ausrotten, wenn man sich Christus unterordnet. Er allein tauscht das selbstsüchtige, sündige Herz aus gegen ein neues Herz voll Liebe. Als Mitarbeiter Christi wollen wir das Evangelium in der Kraft des Geistes predigen, den uns der Himmel schenkt, und wie Jesus zum Wohl unserer Mitmenschen wirken. Dann werden wir der Menschheit in einem solchen Ausmaß Heil und Segen bringen können, wie das aus menschlicher Kraft allein unmöglich gewesen wäre. Christus traf den Kern des Problems, das der Bittsteller hatte und das immer wieder die Ursache für derartige Auseinandersetzungen ist, als er sagte: „Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.“ Lukas 12,15.

„Und er sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: Es war ein reicher Mensch, dessen Feld hatte gut getragen. Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle. Und sprach: Das will ich tun: ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen, und will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut! Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast? So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.“ Lukas 12,16-21.

Mit dem Gleichnis vom törichten Reichen zeigte Christus, wie kurzsichtig jener doch ist, der über das Zeitliche nicht hinaussieht. Der Mann hatte von Gott alles empfangen. Die Sonne hatte auf sein Land geschienen, denn sie scheint auf Gerechte wie auf Ungerechte. Auch der Regen des Himmels fällt auf Böse wie auf Gute. Der Herr hatte die Pflanzen gedeihen und die Felder reichlich Frucht tragen lassen. Nun war der reiche Mann ratlos, was er mit der ganzen Ernte anfangen sollte. Seine Scheunen waren bereits so voll, dass er nicht wusste, wohin mit all dem Überfluss. Er kam nicht darauf, an Gott zu denken, dem er diesen Segen doch verdankte, und erkannte auch nicht, dass Gott ihn zum Verwalter dieser Güter gemacht hatte, damit er anderen Menschen helfe, denen es nicht so gut ging. Obwohl sich ihm dazu wunderbar Gelegenheit bot, im Auftrag Gottes Almosen zu verteilen, dachte er nur an sein persönliches Wohlergehen. Die Situation der Armen, Waisen, Witwen, Kranken und Bedrängten war diesem Mann keineswegs unbekannt. Es gab für ihn viele Möglichkeiten, Gutes zu tun. Ohne weiteres hätte er einen Teil seines Reichtums abgeben können, um damit vielen Familien aus ihrer Not zu helfen, sie mit Essen und Kleidung zu versorgen, sodass viele Gebete erhört und Lob- und Danklieder zum Himmel aufgestiegen wären. Der Herr im Himmel hatte die Gebete der Armen gehört und wollte in seiner Güte für sie sorgen. vgl. Psalm 68,11. Vielen Menschen sollte geholfen werden durch den Segen, den der reiche Kornbauer erfahren hatte. Der aber verschloss sich den Bitten der Bedürftigen und sagte zu seinen Knechten: „Das will ich tun: ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen, und will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!“ Lukas 12,18.19.

Die Lebensziele dieses Mannes waren nicht höher gesteckt als die eines Tieres. Er handelte, als gäbe es keinen Gott, keinen Himmel und kein zukünftiges Leben; als sei sein ganzer Besitz ausschließlich sein Eigentum und als schuldete er weder Gott noch Menschen irgendetwas. Der Psalmist beschreibt diesen Menschentyp so: „Die Toren sprechen in ihrem Herzen: ‚Es ist kein Gott.‘“ Psalm 14,1. Der reiche Kornbauer hat nur für sich selbst geplant und gelebt. Die Zukunft erscheint ihm gesichert. Jetzt muss er sich nur noch darum kümmern, dass er die reiche Ernte auch richtig aufbewahren und genießen kann. Er hält sich selbst für einen vom Schicksal besonders begünstigten Menschen und schreibt dies seinem klugen Geschäftssinn zu. Bei den Mitbürgern genießt er als wohlhabender und umsichtiger Mann hohes Ansehen, denn „man preist dich, wenn es dir gut geht.“ Psalm 49,19. Aber „die Weisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott“. 1.Korinther 3,19. Während der reiche Mann sich auf das vermeintlich vor ihm liegende gute Leben freut, hat der Herr ganz andere Pläne mit ihm und lässt ihm sagen: „Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern.“ Davon kann man sich nicht mit Geld freikaufen. Keine noch so hohe Summe wird hier einen Aufschub erwirken. In einem kurzen Augenblick wird alles wertlos, wofür der Reiche sein ganzes Leben lang gearbeitet hat. „Und wes wird‘s sein, das du bereitet hast?“ Seine weiten Felder und gefüllten Vorratskammern und Scheunen nützen ihm nun nichts mehr. „Sie sammeln und wissen nicht, wer es einbringen wird.“ Psalm 39,7.

Das Einzige, was ihm jetzt noch von Nutzen wäre, hat er nie erworben. Da er nur für sich selbst lebte, wies er die Liebe Gottes zurück, die sich durch ihn als Barmherzigkeit gegenüber seinen Mitmenschen offenbaren wollte. Damit verwarf er zugleich das Leben, denn Gott ist Liebe, und Liebe ist Leben. Dieser Mann zog das Irdische dem Geistlichen vor und musste deshalb zusammen mit dem Irdischen vergehen. „Ein Mensch in seiner Herrlichkeit kann nicht bleiben, sondern muss davon wie das Vieh“ (Psalm 49,21), heißt es in der Heiligen Schrift.

„So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich für Gott.“ Das Gleichnis gilt für alle Zeiten. Jemand mag nur für sein persönliches Wohlergehen Pläne schmieden, den größten Reichtum anhäufen und Häuser bauen, die so groß und fest gefügt sind wie die im alten Babylon; doch keine Mauer ist hoch und kein Tor stark genug, um die Boten des Verderbens fern zu halten. „König Belsazar machte ein herrliches Mahl für seine tausend Mächtigen“, und alle „lobten sie die goldenen, silbernen, ehernen, eisernen, hölzernen und steinernen Götter“. Daniel 5,1.4. Doch die Hand eines Unsichtbaren schrieb ihr Todesurteil an die Wand, und von den Toren des Palastes dröhnte der Schritt feindlicher Armeen herüber. „Aber in derselben Nacht wurde Belsazar, der König der Chaldäer, getötet“ (Daniel 5,30) und ein fremder Herrscher saß auf seinem Thron. Ein selbstsüchtiges Leben führt ins Verderben. Habsucht und Profitgier trennen den Menschen von der Quelle des Lebens. Die Einstellung Satans ist es, alles besitzen, alles an sich ketten zu wollen. Wer dagegen wie Christus denkt, der will geben und sich für das Wohl anderer aufopfern. „Und das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn. Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht.“ 1.Johannes 5,11.12. Deshalb sagt uns Jesus: „Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.“

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