In Josefs Grab

In Josefs Grab

Matthäus 27,54-66; Markus 15,39-47; Lukas 23,50-56; Johannes 19,31-42

Nun ruhte Jesus endlich. Der lange Tag der Schande und Qual war vorüber. Als die letzten Strahlen der untergehenden Sonne den Sabbat ankündigten, lag der Sohn Gottes still in Josefs Grab. Seine Aufgabe vollendet, seine Hände friedlich ineinander gefaltet, ruhte er während der heiligen Stunden des Sabbats.

Am Anfang, nach ihrem Schöpfungswerk, hatten der Vater und der Sohn am Sabbat geruht. Als »die Schöpfung des Himmels und der Erde mit allem, was dazugehört, vollendet« war (1. Mose 2,1 NLB), freute sich der Schöpfer mit allen himmlischen Wesen bei diesem herrlichen Anblick. »Damals sangen alle Morgensterne, die Gottessöhne jubelten vor Freude!« (Hiob 38,7 GNB) Nun ruhte Jesus vom Erlösungswerk aus, und trotz der Trauer derer, die ihn auf Erden liebten, herrschte Freude im Himmel. In den Augen der himmlischen Wesen erschien die Verheißung der Zukunft wunderbar. Eine wiederhergestellte Schöpfung, eine erlöste Menschheit, die niemals mehr fallen kann, weil sie die Sünde überwunden hat – so sahen Gott und die Engel das Endergebnis des von Christus vollendeten Werkes. Mit dieser Freude ist der Tag, an dem Jesus im Grab ruhte, für immer verbunden, denn »seine Werke sind vollkommen« (5. Mose 32,4b) und »alles, was Gott tut, das besteht für ewig« (Prediger 3,14a). Auch »zu den Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, von denen Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat« (Apostelgeschichte 3,21b Elb.), wird der Schöpfungssabbat, der Tag, an dem Jesus in Josefs Grab ruhte, noch immer ein Tag der Ruhe und Freude sein. Himmel und Erde werden vereint Gott loben, wenn sich die Völker der Erlösten »einen Sabbat nach dem anderen« (Jesaja 66,23b) in freudiger Anbetung vor Gott und dem Lamm beugen werden.

Die letzten Ereignisse am Tag der Kreuzigung bewiesen erneut, dass sich die Vorhersagen erfüllt hatten. Die Göttlichkeit von Christus wurde abermals bezeugt. Als die Dunkelheit vom Kreuz wich und der Sterberuf des Erlösers verklungen war, hörte man unmittelbar darauf eine Stimme sagen: »Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!« (Matthäus 27,54b) Diese Worte wurden nicht mit leiser Stimme ausgesprochen. Alle drehten sich um und wollten sehen, woher sie kamen. Wer hatte das gesagt? Kein anderer als der Hauptmann, der römische Soldat. Die göttliche Geduld des Erlösers und sein plötzlicher Tod mit dem Siegesruf auf seinen Lippen hatten diesen Heiden sehr beeindruckt. Der Hauptmann erkannte in der verwundeten und gebrochenen Gestalt am Kreuz den Sohn Gottes. Er konnte nicht anders, er musste seinen Glauben bekennen! So wurde ein weiterer Beweis dafür erbracht, dass unser Erlöser »um der Mühsal seiner Seele willen … Frucht sehen« sollte (Jesaja 53,11a Elb.). An seinem Todestag bekannten drei Männer, die sich sehr voneinander unterschieden, ihren Glauben: der Befehlshaber der römischen Wache, Simon, der das Kreuz des Erlösers trug, und der Übeltäter am Kreuz, der an seiner Seite starb. Als es Abend wurde, lag eine unheimliche Stille über Golgatha. Die Menge zerstreute sich, und viele von denen, die nach Jerusalem zurückkehrten, hatten seit dem Morgen einen großen Sinneswandel durchlebt. Viele waren aus reiner Neugier zur Kreuzigung gekommen und nicht weil sie Christus hassten. Dennoch glaubten sie den Anschuldigungen der Priester und betrachteten Christus als Übeltäter. Von der unnatürlichen Begeisterung der Masse angestachelt, hatten sie in die Schmährufe gegen ihn mit eingestimmt. Als die Erde jedoch plötzlich in Finsternis gehüllt wurde und ihr Gewissen sie anklagte, verspürten sie die Schuld eines großen Unrechts. Während dieser schrecklichen Finsternis hörte man keinerlei Scherze oder spöttisches Gelächter mehr, und als sich das Dunkel lichtete, gingen sie ernst und schweigend nach Hause. Nun waren sie überzeugt, dass die Beschuldigungen der Priester falsch gewesen waren und Jesus kein Betrüger war. Als Petrus einige Wochen später an Pfingsten predigte, befanden auch sie sich unter den Tausenden, die sich zu Christus bekehrten. Die jüdischen Führer jedoch blieben von den Ereignissen, die sie erlebt hatten, unberührt. Ihr Hass auf Jesus hatte nicht nachgelassen. Die Dunkelheit, welche die Erde während der Kreuzigung umhüllt hatte, war nicht tiefer gewesen als die geistliche Finsternis, die noch immer den Verstand der Priester und Obersten umhüllte. Bei seiner Geburt hatte der Stern Christus erkannt und die Weisen zur Krippe geführt, in der er lag. Die himmlischen Heerscharen hatten ihn erkannt und über den Ebenen von Bethlehem zu seiner Ehre gesungen. Der See hatte seine Stimme wahrgenommen und seinem Befehl gehorcht. Krankheit und Tod hatten seine Vollmacht anerkannt und ihm ihren Raub überlassen. Die Sonne hatte ihn erkannt und beim Anblick seiner Todesqualen ihr leuchtendes Angesicht verborgen. Die Felsen hatten ihn erkannt und waren bei seinem Aufschrei zersprungen. Die unbelebte Natur hatte Christus erkannt und seine Göttlichkeit bezeugt. Die Priester und Obersten Israels jedoch erkannten den Sohn Gottes nicht.

Die jüdischen Führer fanden keine innere Ruhe. Zwar hatten sie ihr Ziel erreicht und Christus getötet, doch die von ihnen erwartete Siegesfreude blieb aus. Selbst in der Stunde ihres offensichtlichen Triumphes quälte sie die Ungewissheit, was wohl als Nächstes geschehen werde. Sie hatten den Aufschrei: »Es ist vollbracht!« (Johannes 19,30b) und die Worte: »Vater, ich lege meinen Geist in deine Hände!« gehört (Lukas 23,46a NLB). Sie hatten gesehen, wie die Felsen zerbarsten, und gespürt, wie stark die Erde bebte. Dies alles beunruhigte sie sehr und machte sie unsicher. Als Christus noch lebte, hatten sie ihn um seinen Einfluss, den er beim Volk hatte, beneidet. Sogar als er tot war, waren sie eifersüchtig auf ihn. Sie fürchteten den toten Christus noch weit mehr, als sie den lebenden je gefürchtet hatten. Sie hatten Angst, die Aufmerksamkeit des Volkes werde sich weiterhin auf die Ereignisse richten, die rund um seine Kreuzigung stattgefunden hatten. Sie fürchteten sich vor den Folgen ihres Handelns an jenem Tag. Sein Leichnam durfte auf keinen Fall während des Sabbats am Kreuz hängen bleiben. Der Sabbat stand kurz bevor, und die Heiligkeit dieses Tages würde durch die am Kreuz hängenden Körper verletzt werden. Unter diesem Vorwand baten die jüdischen Obersten Pilatus, den Tod der Opfer zu beschleunigen, damit ihre Leiber noch vor Sonnenuntergang vom Kreuz abgenommen werden konnten. Pilatus wollte ebenso wenig wie sie, dass der Körper von Jesus am Kreuz hängen blieb. Nachdem er seine Zustimmung gegeben hatte, wurden die Beine der beiden Übeltäter gebrochen, um deren Tod zu beschleunigen. Doch Jesus war bereits gestorben. Die rohen Soldaten waren durch alles, was sie von Christus gesehen und gehört hatten, milde gestimmt worden. Darum verzichteten sie darauf, ihm die Beine zu brechen. So erfüllte sich in der Opferung des Gotteslammes die Anweisung für das Passa: »Sie sollen nichts davon übrig lassen bis zum Morgen, auch keinen Knochen davon zerbrechen und sollen es ganz nach der Ordnung des Passa halten.« (4. Mose 9,12)

Die Priester und Obersten waren überrascht, dass Christus schon gestorben war. Der Kreuzestod war ein sehr langsamer Prozess, und es war schwierig festzustellen, wann der Tod eingetreten war. Es war außergewöhnlich, dass jemand schon sechs Stunden nach der Kreuzigung verschied. Die Priester aber wollten sicher sein, dass Jesus tot war. Auf ihre Veranlassung hin stieß ein Soldat dem Erlöser einen Speer in die Seite. Aus der dadurch entstandenen Wunde flossen Wasser und Blut. Alle Umstehenden bemerkten dies, und Johannes berichtete sehr genau über den Vorfall: »Einer der Soldaten bohrte jedoch einen Speer in seine Seite, und Blut und Wasser flossen heraus. Dieser Bericht stammt von einem Augenzeugen. Alles, was er sagt, ist zuverlässig und wahr; er berichtet darüber, damit auch ihr zum Glauben findet. Diese Dinge sind geschehen, damit sich erfüllt, was in der Schrift vorausgesagt ist: ›Nicht einer seiner Knochen wird zerbrochen werden‹, und: ›Sie werden auf den schauen, den sie durchbohrt haben.‹« (Johannes 19,34-37 NLB; vgl. 2. Mose 12,46; Sacharja 12,10) Nach der Auferstehung verbreiteten die Priester und Obersten das Gerücht, Christus sei nicht am Kreuz gestorben, sondern bloß ohnmächtig geworden. Man habe ihn später wiederbelebt. Auch wurde behauptet, dass nicht ein wirklicher Körper aus Fleisch und Knochen ins Grab gelegt worden sei, sondern nur etwas Körperähnliches. Die Tat der römischen Kriegsknechte widerlegte jedoch diese Lügen. Sie brachen seine Beine nicht, weil er bereits gestorben war. Nur um die Priester zufriedenzustellen, stießen sie ihm den Speer in die Seite. Wäre sein Leben nicht schon erloschen gewesen, hätte diese Verletzung augenblicklich zum Tod geführt. Doch weder der Speerstich noch die Schmerzen am Kreuz hatten den Tod von Jesus verursacht. Jener laute Aufschrei im Augenblick seines Todes (vgl. Matthäus 27,50; Lukas 23,46) sowie das aus seiner Seite herausfließende Wasser und Blut bewiesen, dass er an einem gebrochenen Herzen gestorben war. Seelenqualen hatten ihm das Herz gebrochen. Die Sünde der Welt hatte ihn getötet.

Mit dem Tod von Christus schwanden die Hoffnungen der Jünger. Sie schauten auf seine geschlossenen Augenlider, auf das geneigte Haupt, auf sein mit Blut getränktes Haar und seine durchbohrten Hände und Füße. Ihr Schmerz war unbeschreiblich. Bis zuletzt hatten sie nicht geglaubt, dass er sterben werde. Sie konnten es kaum fassen, dass er wirklich tot war. Von Trauer überwältigt, erinnerten sie sich nicht an seine Worte, mit denen er genau dieses Geschehen beschrieben hatte. Nichts von dem, was er ihnen gesagt hatte, konnte sie nun trösten. Sie sahen nur das Kreuz und das blutende Opfer. Die Zukunft erschien dunkel, und sie waren verzweifelt. Ihr Glaube an Jesus war verlorengegangen. Doch nie zuvor hatten sie ihren Herrn so sehr geliebt wie jetzt. Nie zuvor hatten sie so stark empfunden, wie viel er ihnen bedeutete und wie sehr sie seine Gegenwart benötigten. Selbst der Leichnam von Christus war den Jüngern überaus kostbar. Sie sehnten sich danach, ihm ein würdiges Begräbnis zu bereiten, doch sie wussten nicht, wie sie dies tun sollten. Jesus war wegen Verrats an der römischen Regierung verurteilt worden. Wer aufgrund einer solchen Anklage hingerichtet worden war, den schaffte man auf einen eigens für diese Verbrecher angelegten Begräbnisplatz. Der Jünger Johannes war mit den Frauen aus Galiläa beim Kreuz geblieben. Sie konnten den Leichnam ihres Herrn nicht den gefühllosen Soldaten überlassen, die ihn in einem unehrenhaften Grab beerdigen würden. Und doch konnten sie es nicht verhindern, denn die jüdischen Behörden waren ihnen nicht wohlgesonnen, und auf Pilatus hatten sie keinen Einfluss. In dieser Notlage kamen den Jüngern Josef von Arimathäa und Nikodemus zu Hilfe. Beide waren Mitglieder des Hohen Rats und mit Pilatus bekannt. Sie waren wohlhabend, besaßen großen Einfluss und waren fest entschlossen, Jesus ein würdiges Begräbnis zu verschaffen. Josef ging mutig zu Pilatus und bat ihn um den Leichnam von Jesus. Jetzt erst erfuhr Pilatus, dass Jesus wirklich gestorben war. Bisher hatten ihn widersprüchliche Berichte über die Ereignisse um die Kreuzigung erreicht, doch die Nachricht, dass Christus tot war, hatte man absichtlich vor ihm verheimlicht. Die Priester und Obersten hatten Pilatus gewarnt, die Jünger von Christus würden ihn im Zusammenhang mit dessen Leichnam betrügen. Als er nun Josefs Bitte hörte, schickte er deshalb nach dem Hauptmann, der am Kreuz Wache hielt, und erfuhr von ihm, dass Jesus mit Sicherheit tot war. Er ließ sich von ihm auch einen Bericht über die Ereignisse auf Golgatha geben, der Josefs Aussagen bestätigte. So kam man Josefs Bitte nach. Während sich Johannes noch um das Begräbnis seines Meisters sorgte, kehrte Josef mit der Anordnung von Pilatus zurück, sich um den Leichnam von Christus zu kümmern. Nikodemus brachte für seine Einbalsamierung eine kostbare Mischung aus Myrrhe und Aloe mit, die etwa hundert Pfund wog. Dem Angesehensten in ganz Jerusalem hätte zu seinem Tod keine größere Ehre erwiesen werden können. Die Jünger waren sehr erstaunt, dass diese wohlhabenden Obersten genauso am Begräbnis ihres Herrn interessiert waren wie sie. Weder Josef von Arimathäa noch Nikodemus hatten sich öffentlich zum Erlöser bekannt, als er noch lebte. Sie wussten, dass ein solcher Schritt sie vom Hohen Rat ausgeschlossen hätte. Sie hofften jedoch, ihn durch ihren Einfluss in den Ratsversammlungen schützen zu können. Eine Zeitlang hatten sie offenbar Erfolg, doch dann bemerkten die verschlagenen Priester ihr Wohlwollen Christus gegenüber und durchkreuzten ihre Pläne. Jesus war in ihrer Abwesenheit verurteilt und zur Kreuzigung ausgeliefert worden. Jetzt, da er gestorben war, verbargen sie ihre Zuneigung zu ihm nicht länger. Während sich die Jünger fürchteten, öffentlich als seine Nachfolger aufzutreten, kamen ihnen Josef und Nikodemus mutig zu Hilfe. Die Unterstützung dieser reichen und ehrwürdigen Männer war in dieser Stunde äußerst wertvoll. Sie konnten für ihren toten Meister das tun, was für die armen Jünger nicht möglich gewesen wäre, und ihr Einfluss und ihr Reichtum schützten sie weitgehend vor den bösen Machenschaften der Priester und Obersten. Vorsichtig und voller Ehrfurcht nahmen sie den Leichnam von Jesus mit eigenen Händen vom Kreuz. Sie weinten voller Mitleid, als sie seinen geschlagenen und verwundeten Körper betrachteten. Josef besaß ein neues Grab, das in einen Felsen gehauen war. Dies hatte er für sich selbst vorgesehen. Da es aber nahe bei Golgatha lag, richtete er es nun für Jesus her. Der Leichnam wurde zusammen mit den von Nikodemus gebrachten Spezereien sorgfältig in ein Leinentuch gewickelt. So wurde der Erlöser zu Grabe getragen. Dort streckten die drei Jünger seine gekrümmten Glieder und falteten die zerstochenen Hände über der leblosen Brust. Die Frauen aus Galiläa kamen, um zu sehen, ob für den leblosen Körper ihres geliebten Lehrers das Möglichste getan worden war. Dann sahen sie zu, wie der schwere Stein vor den Eingang der Grabhöhle gewälzt wurde. Nun ließ man den Erlöser ruhen. Die Frauen waren die Letzten am Kreuz gewesen, und jetzt waren sie auch die Letzten am Grab von Christus. Die Schatten des Abends waren bereits lang geworden, als Maria aus Magdala und die anderen Marias immer noch am Grab ihres Herrn verweilten. Tief bekümmert weinten sie über das Schicksal dessen, den sie liebten. »Sie kehrten aber um … und den Sabbat über ruhten sie nach dem Gesetz.« (Lukas 23,56)

Dies war ein unvergesslicher Sabbat für die trauernden Jünger, aber auch für die Priester, Obersten, Schriftgelehrten und für das Volk. Als am Ende des Rüsttages die Sonne unterging, erschollen die Trompeten als Zeichen dafür, dass der Sabbat begonnen hatte. Man feierte das Passafest, wie man es Jahrhunderte lang getan hatte, während der, auf den es hinwies, von ruchlosen Händen getötet worden war und in Josefs Grab lag. Am Sabbat waren die Vorhöfe des Tempels mit Gläubigen gefüllt. Der Hohepriester, der von Golgatha zurückgekehrt war, stand da mit seinen prächtigen Priestergewändern bekleidet. Priester mit weißen Turbanen gingen eifrig ihren Pflichten nach. Doch einige der Anwesenden waren beunruhigt, als das Blut der Ochsen und Ziegen als Opfer für die Sünde dargebracht wurde. Sie erkannten nicht, dass das Sinnbild der Opfer ihre Erfüllung gefunden hatte, und ein ewiges Opfer für die Sünden der Welt erbracht worden war. Auch wussten sie nicht, dass alle Rituale ihres zeremoniellen Dienstes keinen Wert mehr hatten. Noch nie zuvor hatte man an diesem Gottesdienst mit solch widersprüchlichen Gefühlen teilgenommen. Die Posaunen, die Musikinstrumente und die Stimmen der Sänger klangen so hell und klar wie immer. Und doch lag etwas Befremdendes über der Feier. Einer nach dem anderen erkundigte sich über das seltsame Ereignis, das stattgefunden hatte. Das Allerheiligste, das bisher geschützt gewesen war, lag nun offen vor aller Augen. Der schwere Wandvorhang aus reinem Leinen, bestickt mit Gold, Scharlach und Purpur, war von oben bis unten zerrissen. Der Ort, an dem Jahwe dem Hohenpriester gegenübergetreten war, um seine Herrlichkeit kundzutun, der Ort, der Gottes heiliger Raum der Begegnung war, lag nun offen vor aller Augen – ein Ort, den der Herr nicht länger anerkannte. Mit dunklen Vorahnungen dienten die Priester vor dem Altar. Die Enthüllung des göttlichen Geheimnisses im Allerheiligsten erfüllte sie mit Furcht vor dem kommendem Unheil. Die Gedanken vieler waren noch mit den Ereignissen auf Golgatha beschäftigt. Vom Zeitpunkt der Kreuzigung bis zur Auferstehung durchforschten viele, ohne zu schlafen, unermüdlich die Prophezeiungen. Einige taten dies, um die volle Bedeutung des Festes, das sie gerade feierten, zu verstehen. Andere suchten nach Hinweisen, dass Jesus nicht der war, für den er sich ausgegeben hatte. Wieder andere suchten mit bekümmerten Herzen Beweise dafür, dass er der wahre Messias war. Obwohl sie mit unterschiedlichen Zielen forschten, wurden sie doch alle von derselben Wahrheit überzeugt: Die Weissagungen hatten sich in den Ereignissen der letzten Tage erfüllt, und der Gekreuzigte war der Erlöser der Welt! Viele, die bei diesem Gottesdienst anwesend waren, nahmen nie mehr an einem Passafest teil. Selbst viele Priester erkannten den wahren Charakter von Jesus. Ihre Suche in den Prophezeiungen war nicht vergeblich gewesen; und nach seiner Auferstehung anerkannten sie ihn als den Sohn Gottes. Als Nikodemus Jesus am Kreuz erhöht sah, erinnerte er sich an dessen Worte in der Nacht auf dem Ölberg: »Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.« (Johannes 3,14.15; vgl. 4. Mose 21,4-9) An jenem Sabbat nun, als Jesus im Grab ruhte, hatte Nikodemus Gelegenheit, darüber nachzudenken. Ein helleres Licht erleuchtete jetzt seinen Verstand, und die Worte, die Jesus damals zu ihm geredet hatte, blieben ihm nicht länger geheimnisvoll. Er spürte, dass er vieles versäumt hatte, weil er sich dem Erlöser nicht angeschlossen hatte, als er noch lebte. Nun erinnerte er sich an die Ereignisse auf Golgatha. Das Gebet von Christus für seine Mörder und seine Antwort auf die Bitte des sterbenden Übeltäters gingen dem gelehrten Ratsmitglied zu Herzen. Noch einmal sah er den Erlöser in seiner Qual vor sich, und noch einmal hörte er diesen letzten Aufschrei wie aus dem Mund eines Siegers: »Es ist vollbracht!« (Johannes 19,30b) Erneut sah er die taumelnde Erde, den verfinsterten Himmel, den zerrissenen Vorhang und die berstenden Felsen. Sein Glaube blieb nun für immer fest. Gerade jenes Ereignis, das die Hoffnungen der Jünger zerstörte, überzeugte Josef und Nikodemus von der Göttlichkeit von Jesus. Ihre Ängste wurden durch den Mut eines festen und unerschütterlichen Glaubens überwunden.

Nie hatte Christus die Aufmerksamkeit der Menge so auf sich gezogen wie jetzt, als er im Grab lag. Wie gewohnt, brachten die Menschen ihre Kranken und Leidenden in die Tempelhöfe und fragten: »Wer kann uns sagen, wo Jesus von Nazareth ist?« Viele waren von weit her gekommen, um den zu finden, der Kranke geheilt und Tote auferweckt hatte. Überall hörte man den Ruf: »Wir wollen zu Christus, dem großen Arzt!« Bei dieser Gelegenheit wurden all jene von den Priestern untersucht, bei denen man glaubte, Anzeichen von Aussatz gefunden zu haben. Viele mussten mit anhören, wie ihre Männer, Frauen oder Kinder für aussätzig erklärt und aus der Obhut ihrer Familie und aus ihrem Freundeskreis ausgeschlossen wurden, um jeden Fremden mit dem traurigen Ruf »Unrein, unrein!« zu warnen. Die gütigen Hände von Jesus von Nazareth hatten sich nie geweigert, die ekelerregenden Aussätzigen mit heilender Kraft zu berühren. Jetzt lagen sie gefaltet auf seiner Brust. Seine Lippen, welche die Bitte des Aussätzigen mit den tröstlichen Worten beantwortet hatten: »Ich will’s tun; sei rein!« (Matthäus 8,3b), waren nun verstummt. Viele Menschen flehten die Hohenpriester und Obersten an, Mitleid mit ihnen zu haben und ihnen zu helfen, doch vergeblich. Es war offensichtlich – sie wollten den lebendigen Christus wieder in ihrer Mitte haben! Ernst und beharrlich verlangten sie nach ihm und ließen sich nicht abweisen. Doch man vertrieb sie aus den Tempelhöfen, und Soldaten wurden an den Toren aufgestellt, um die Menge, die mit ihren Kranken und Sterbenden um Einlass bat, zurückzuhalten. Die Leidenden, die gekommen waren, um vom Erlöser geheilt zu werden, wurden bitter enttäuscht. Die Straßen füllten sich mit Klagenden, und Kranke starben, weil die heilende Hand von Jesus sie nicht mehr berühren konnte. Ärzte wurden vergeblich um Rat gefragt. Keiner besaß die Fähigkeit des Mannes, der nun in Josefs Grab lag. Das Wehklagen der Leidenden machte Tausenden von Menschen bewusst, dass ein großes Licht die Welt verlassen hatte. Ohne Christus war es finster und schwarz auf der Erde. Viele von denen, die in den Ruf »Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!« (Lukas 23,21b NLB) eingestimmt hatten, erkannten nun das Unheil, das über sie gekommen war. Hätte er noch gelebt, sie hätten genauso ungeduldig gerufen: »Gebt uns Jesus!« Als die Menschen erfuhren, dass Jesus durch die Priester umgebracht worden war, wollte man Näheres über seinen Tod wissen. Die Einzelheiten über sein Verhör hielt man so geheim wie möglich. Doch während er im Grab ruhte, war sein Name in aller Munde. Berichte über seinen Schauprozess und über die Unmenschlichkeit der Priester und Obersten machten überall die Runde. Gebildete Männer riefen die Priester und Obersten dazu auf, ihnen die Weissagungen des Alten Testaments über den Messias auszulegen. Während diese versuchten, einige unwahre Antworten zu formulieren, machte es immer mehr den Anschein, als hätten sie den Verstand verloren. Sie konnten die Prophezeiungen, die auf das Leiden und Sterben von Christus hinwiesen, nicht erklären. Viele Fragende gelangten zur Überzeugung, dass sich die Schrift erfüllt hatte.

Die Rache, von der die Priester dachten, sie sei süß, hatte sich bereits in Bitterkeit verwandelt. Sie wussten, dass sie mit schweren Vorwürfen vonseiten des Volkes rechnen mussten und dass ausgerechnet diejenigen, die sie gegen Jesus aufgehetzt hatten, nun über ihr eigenes schändliches Werk entsetzt waren. Diese Priester hatten die Ansicht verbreiten wollen, dass Jesus ein Betrüger war, doch vergebens. Einige von ihnen hatten am Grab von Lazarus gestanden und gesehen, wie der Tote wieder zum Leben erweckt wurde. Sie zitterten aus Angst, Christus könnte selbst von den Toten auferstehen und wieder vor ihnen erscheinen. Sie hatten gehört, wie er erklärte, dass er Macht habe, sein Leben hinzugeben und es wieder zu nehmen (vgl. Johannes 10,17.18). Sie erinnerten sich, dass er gesagt hatte: »Zerstört diesen Tempel, und in drei Tagen werde ich ihn wieder aufbauen.« (Johannes 2,19 NLB) Judas hatte ihnen die Worte von Jesus wiederholt, die er auf dem letzten Weg nach Jerusalem zu seinen Jüngern gesagt hatte: »Wir gehen jetzt nach Jerusalem. Dort wird der Menschensohn den Hohenpriestern und Schriftgelehrten ausgeliefert werden. Man wird ihn zum Tod verurteilen und denen übergeben, die Gott nicht kennen. Die werden ihn verspotten, auspeitschen und ans Kreuz schlagen. Aber am dritten Tag wird er von den Toten auferstehen.« (Matthäus 20,18.19 Hfa) Über diese Worte hatten sie damals gespottet und gelacht. Doch jetzt fiel ihnen auf, dass sich die Vorhersagen von Christus bisher stets erfüllt hatten. Er hatte gesagt, er werde am dritten Tag auferstehen. Wer konnte sagen, dass sich dies nicht auch erfüllen werde? Gerne hätten sie diese Gedanken verdrängt, doch es gelang ihnen nicht. Wie ihr Vater, der Teufel, glaubten sie und zitterten (vgl. Johannes 8,44; Jakobus 2,19). Die große Aufregung hatte sich gelegt, doch die Erinnerung an Christus nahm ihre Gedanken gefangen. Sie sahen, wie er ruhig und ohne zu klagen vor seinen Feinden stand und ihren Spott und ihre Misshandlungen wortlos ertrug. Sie erinnerten sich noch einmal an all die Ereignisse während seines Verhörs und seiner Kreuzigung. Mit einem Mal wurden sie von der Gewissheit überwältigt – er war Gottes Sohn! Sie spürten, dass er jeden Augenblick wieder vor ihnen stehen könnte, nicht mehr als Angeklagter, sondern als Kläger, und nicht mehr als Verurteilter, sondern als Richter. Der Getötete würde Gerechtigkeit fordern und den Tod seiner Mörder verlangen.

Die Priester konnten an diesem Sabbat nur wenig Ruhe finden. Obwohl sie sonst die Türschwelle eines heidnischen Hauses nicht überschritten, weil sie befürchteten, sich dadurch zu verunreinigen, kamen sie doch zusammen, um über den Leichnam von Jesus zu beraten. Tod und Grab durften den, den sie gekreuzigt hatten, nicht wieder hergeben. Darum »kamen die führenden Priester und die Pharisäer miteinander zu Pilatus und sagten: ›Herr, uns ist eingefallen, dass dieser Schwindler, als er noch lebte, behauptet hat: Nach drei Tagen werde ich vom Tod auferweckt werden. Gib deshalb Anweisung, das Grab bis zum dritten Tag zu bewachen! Sonst könnten seine Jünger kommen, die Leiche stehlen und dann dem Volk erzählen: Er ist vom Tod auferweckt worden. Dieser letzte Betrug wäre dann noch schlimmer als alles andere vorher.‹ ›Da habt ihr eine Wache‹, sagte Pilatus. ›Geht und sichert das Grab, so gut ihr könnt!‹« (Matthäus 27,62-65 GNB) Die Priester gaben Anweisungen, wie das Grab gesichert werden sollte. Ein großer Stein war vor den Grabeingang gewälzt worden. Über diesen spannte man Seile, deren Enden im massiven Fels verankert und nach römischem Recht versiegelt wurden. So konnte der Stein nicht bewegt werden, ohne das Siegel zu brechen. Zudem wurde eine Wache von 100 Soldaten um das Grab aufgestellt, damit es vor Unbefugten geschützt war. Die Priester taten alles, was sie konnten, um den Leichnam von Christus dort zu behalten, wo er hingelegt worden war. Der Tote wurde so sicher in seinem Grab verwahrt, als müsste er für alle Zeiten dort bleiben. So berieten und planten schwache Menschen. Diesen Mördern war kaum bewusst, wie sinnlos ihre Bemühungen waren. Doch durch ihr Handeln wurde Gott verherrlicht, denn gerade die Anstrengungen, die gemacht wurden, um die Auferstehung von Christus zu verhindern, sind die überzeugendsten Beweise für deren Glaubwürdigkeit. Je größer die Anzahl der Soldaten war, die das Grab bewachten, desto stärker würde die Bekundung seiner Auferstehung sein. Jahrhunderte bevor Christus starb, hatte der Heilige Geist durch den Psalmisten erklärt: »Warum toben die Völker, warum machen die Nationen vergebliche Pläne? Die Könige der Erde stehen auf, die Großen haben sich verbündet gegen den Herrn und seinen Gesalbten … Doch er, der im Himmel thront, lacht, der Herr verspottet sie.« (Psalm 2,1-4 EÜ) Römische Soldaten und römische Waffen waren machtlos, den Herrn des Lebens im Grab festzuhalten. Die Stunde seiner Befreiung war nahe.

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