Die Himmelfahrt Jesu

Die Himmelfahrt Jesu

Lukas 24,50-53; Apostelgeschichte 1,9-12

Für Christus war die Zeit gekommen, zum Thron seines Vaters aufzufahren. Als göttlicher Überwinder stand er kurz davor, mit den Siegeszeichen seines Triumphes zu den himmlischen Höfen zurückzukehren. Vor seinem Tod hatte er seinem Vater erklärt: »Ich habe das Werk vollendet, das du mir aufgetragen hast.« (Johannes 17,4a NGÜ) Nach seiner Auferstehung blieb er noch für kurze Zeit auf Erden, damit er seinen Jüngern in seinem auferstandenen und verherrlichten Körper vertraut werden konnte. Doch nun war er bereit, Abschied zu nehmen. Er hatte bewiesen, dass er tatsächlich ein lebendiger Erlöser ist. Seine Nachfolger mussten ihn nicht länger mit dem Grab in Zusammenhang bringen. In Gedanken konnten sie nun bei dem verweilen, der vor der himmlischen Welt verherrlicht worden war.

Als Ort seiner Himmelfahrt wählte Jesus jenen Platz aus, der zu seinen Lebzeiten so oft durch seine Gegenwart geheiligt worden war. Weder der Berg Zion, auf dem die Stadt Davids lag, noch der Berg Morija, auf dem der Tempel stand, sollten auf diese Weise geehrt werden. Dort war Christus verspottet und verworfen worden. Dort waren die Wellen der Gnade, die nach wie vor in einer noch stärkeren Flut der Liebe zurückkehrten, an steinharten Herzen abgeprallt. Von dort war Jesus erschöpft und schweren Herzens weggegangen, um auf dem Ölberg Ruhe zu finden. Als die Herrlichkeit Gottes vom ersten Tempel gewichen war, blieb sie auf dem östlich gelegenen Berg stehen, so als wollte sie die auserwählte Stadt nicht verlassen (vgl. Hesekiel 11,23). Genauso stand Christus nun auf dem Ölberg und überschaute mit wehmütigem Herzen die Stadt Jerusalem. Die Haine und Schluchten des Berges waren durch seine Gebete und Tränen geweiht worden. Von seinen Steilhängen waren die Jubelrufe der Menge widergehallt, als sie Jesus zum König ausriefen. Am Abhang des Berges hatte er bei Lazarus in Betanien ein Heim gefunden. Am Fuß des Berges, im Garten Gethsemane, hatte er allein gebetet und gerungen. Von diesem Berg aus wollte er nun in den Himmel auffahren. Auf diesem Gipfel werden seine Füße stehen (vgl. Sacharja 14,4), wenn er wiederkommt. Dann wird er nicht als ein »Mann der Schmerzen« (Jesaja 53,3 Elb.), sondern als herrlicher und siegreicher König auf dem Ölberg stehen. Das »Halleluja« der Israeliten wird sich mit dem »Hosianna« der Heiden vermischen. Die gewaltige Schar der Erlösten wird in den Lobgesang einstimmen: »Krönt ihn zum Herrn über alles!« Nun machte sich Jesus mit seinen elf Jüngern auf den Weg zum Berg. Als sie durch das Stadttor von Jerusalem schritten, schauten viele verwundert der kleinen Gruppe nach, die von dem Einen angeführt wurde, den die Obersten nur einige Wochen zuvor verurteilt und gekreuzigt hatten. Die Jünger wussten nicht, dass dies ihre letzte Unterredung mit ihrem Meister sein würde. Jesus unterhielt sich die ganze Zeit über mit ihnen und wiederholte dabei, was er ihnen schon früher mitgeteilt hatte. Als sie sich dann Gethsemane näherten, blieb er stehen, damit sie sich nochmals an all das zurückerinnern konnten, was er sie in der Nacht seines Todeskampfes gelehrt hatte. Noch einmal betrachtete er den Weinstock, durch den er damals die Verbindung seiner Gemeinde mit sich selbst und seinem Vater veranschaulicht hatte, und wiederholte damit bereits enthüllte Wahrheiten. Alles um ihn herum erinnerte ihn an seine unerwidert gebliebene Liebe. Selbst die Jünger, die ihm so nahe standen, hatten ihm in der Stunde seiner Erniedrigung Vorwürfe gemacht und ihn verlassen. Christus hatte 33 Jahre lang auf dieser Welt gelebt und deren Hohn, Beleidigung und Spott ertragen. Er war abgelehnt und gekreuzigt worden. Nun, da er im Begriff war, zu seinem Thron der Herrlichkeit aufzufahren, dachte er zurück an die Undankbarkeit der Menschen, die zu retten er gekommen war. Würde er ihnen sein Wohlwollen und seine Liebe entziehen? Würde sich seine Zuneigung nicht dorthin wenden, wo er Wertschätzung empfing und wo sündlose Engel auf seine Befehle warteten? Nein! Seinen Geliebten, die er auf der Erde zurückließ, versprach er: »Ich bin immer bei euch, bis ans Ende der Zeit.« (Matthäus 28,20b NLB) Nachdem sie den Ölberg erreicht hatten, führte sie Jesus über den Gipfel in die Gegend von Betanien. Dort hielt er inne, und seine Jünger versammelten sich um ihn. Als er sie liebevoll anschaute, schienen Lichtstrahlen von seinem Antlitz auszugehen. Er tadelte sie nicht wegen ihrer Fehler und ihres Versagens. Die letzten Worte, die sie aus dem Mund ihres Meisters vernahmen, waren von zutiefst liebevoller Herzlichkeit geprägt. Seine Hände – wie zum Zeichen für das Versprechen, dass er sie beschützen werde – segnend ausgebreitet, fuhr er langsam aus ihrer Mitte auf. Er wurde zum Himmel emporgehoben – von einer Macht, die alle irdische Anziehungskraft übertraf. Als er auffuhr, versuchten die von Ehrfurcht ergriffenen Jünger angestrengt, den letzten Blick ihres auffahrenden Herrn zu erhaschen. Dann verbarg ihn eine herrliche Wolke vor ihren Augen. Als der aus Engeln bestehende Wolkenwagen den Herrn aufnahm, vernahmen die Jünger erneut die Worte: »Ich versichere euch: Ich bin immer bei euch, bis ans Ende der Zeit.« Zugleich hörten sie aus der Höhe die lieblichen, von großer Freude erfüllten Gesänge des Engelchores.

Während die Jünger immer noch nach oben starrten, wurden sie von Stimmen angesprochen, die wie wunderbare Musik anzuhören waren. Sie wandten sich um und sahen zwei Engel in menschlicher Gestalt, die zu ihnen sagten: »Ihr Männer von Galiläa … warum steht ihr hier und starrt zum Himmel hinauf? Dieser Jesus, der aus eurer Mitte in den Himmel genommen worden ist, wird wiederkommen, und zwar auf dieselbe Weise, wie ihr ihn habt gehen sehen.« (Apostelgeschichte 1,11 NGÜ) Diese Engel gehörten zu der Schar jener, die in einer leuchtenden Wolke auf Jesus gewartet hatten, um ihn in seine himmlische Heimat zu begleiten. Die Erhabensten der Engelschar waren jene beiden, die bei der Auferstehung von Christus zum Grab gekommen und während seines ganzen Erdenlebens bei ihm gewesen waren. Mit ungeduldigem Verlangen hatte der ganze Himmel darauf gewartet, dass sein Aufenthalt in einer Welt, die durch den Fluch der Sünde verdorben worden war, ein Ende finde. Nun war der Augenblick gekommen, an dem die himmlische Welt ihren König empfing. Sehnten sich nicht auch die beiden Engel danach, bei der Schar derer zu sein, die Jesus begrüßten? Doch sie blieben in liebevoller Anteilnahme zurück, um denen tröstend beizustehen, die er verlassen hatte. »Die Engel sind alle nur Diener, Wesen der unsichtbaren Welt, die denen zu Hilfe geschickt werden, die am kommenden Heil teilhaben sollen, dem Erbe, das Gott uns schenkt.« (Hebräer 1,14 NGÜ) Christus war in menschlicher Gestalt gen Himmel gefahren. Die Jünger hatten gesehen, wie ihn die Wolke aufnahm. Derselbe Jesus, der neben ihnen gegangen war, der mit ihnen geredet und gebetet hatte, der mit ihnen das Brot gebrochen hatte, der mit ihnen zusammen in ihren Booten auf dem See gewesen war und der noch an eben diesem Tag mühevoll mit ihnen auf den Ölberg gestiegen war – derselbe Jesus war nun von ihnen gegangen, um mit seinem Vater Teilhaber des Thrones zu werden. Und die beiden Engel versicherten ihnen, dass derselbe Jesus, den sie hatten zum Himmel fahren sehen, so wiederkommen werde, wie er aufgefahren war. Er wird kommen »mit den Wolken, und es werden ihn sehen alle Augen« (Offenbarung 1,7a). »Wenn Gottes Befehl ergeht, der Erzengel ruft und die himmlische Posaune ertönt, wird Christus, der Herr, selbst vom Himmel kommen. Zuerst werden dann alle, die im Vertrauen auf ihn gestorben sind, aus dem Grab auferstehen.« (1. Thessalonicher 4,16 GNB) »Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit.« (Matthäus 25,31) Auf diese Weise wird sich das Versprechen erfüllen, das er seinen Jüngern selbst gegeben hatte: »Wenn ich gegangen bin und euch den Platz bereitet habe, dann werde ich zurückkommen und euch zu mir nehmen, damit auch ihr seid, wo ich bin.« (Johannes 14,3 GNB) Wie konnten sich die Jünger nun in der Hoffnung auf die Wiederkunft ihres Herrn freuen!

Als die Jünger nach Jerusalem zurückkehrten, wurden sie von den Leuten erstaunt angeschaut. Nach der Verurteilung und der Kreuzigung von Christus wurde angenommen, sie würden betrübt und beschämt sein. Ihre Feinde hatten erwartet, sie mit traurigen und niedergeschlagenen Gesichtern zu sehen. Stattdessen strahlten sie Freude und Siegesgewissheit aus. Ihre Gesichter leuchteten vor Glück, das keinen irdischen Ursprung hatte. Sie trauerten nicht über enttäuschte Hoffnungen, sondern lobten und dankten Gott. Mit großer Freude erzählten sie die wunderbare Geschichte der Auferstehung und Himmelfahrt von Christus. Ihr Zeugnis wurde von vielen angenommen. Die Jünger sorgten sich nicht länger um die Zukunft. Sie wussten, dass Jesus, auch wenn er sich jetzt im Himmel befand, ihnen dennoch zugetan war. Ihnen war bewusst, dass sie einen Freund am Thron Gottes hatten. Deshalb richteten sie ihre eindringlichen Bitten im Namen von Jesus an den Vater. Feierlich und ehrfürchtig beugten sie sich im Gebet und wiederholten die Zusicherung: »Wenn ihr den Vater in meinem Namen um etwas bittet, wird er es euch geben. Bis jetzt habt ihr noch nie in meinem Namen um etwas gebeten. Bittet, und ihr werdet empfangen, damit eure Freude vollkommen sei.« (Johannes 16,23b.24 ZÜ) Sie erhoben die Hand des Glaubens immer höher, denn sie hatten den großartigen Beweis: »Christus Jesus selbst ist ja für uns gestorben. Mehr noch, er ist der Auferstandene. Er sitzt auf dem Ehrenplatz zur rechten Seite Gottes und tritt für uns ein.« (Römer 8,34b NLB) Pfingsten brachte ihnen dann die Fülle der Freude durch die Gegenwart des »Beistandes«, des Heiligen Geistes, wie Christus es versprochen hatte (Johannes 14,26 Elb.).

Der ganze Himmel hatte darauf gewartet, den Erlöser in den himmlischen Höfen willkommen zu heißen. Als er auffuhr, führte er den großen Zug derer an, die in den Gräbern gefangen gewesen und nach seiner Auferstehung befreit worden waren. Das himmlische Heer begleitete diesen Freudenzug mit lauten Lobesrufen und himmlischem Gesang. Als sie sich der Stadt Gottes näherten, riefen die begleitenden Engel laut: »Erhebt, ihr Tore, eure Häupter, und erhebt euch, ihr ewigen Pforten, dass der König der Herrlichkeit einziehe!« Freudig erwiderten die wartenden Wächter: »Wer ist dieser König der Herrlichkeit?« Das sagten sie nicht, weil sie nicht wussten, wer dieser König war, sondern weil sie die Antwort des begeisterten Lobpreises hören wollten: »Der Herr, stark und mächtig! Der Herr, mächtig im Kampf! Erhebt, ihr Tore, eure Häupter, und erhebt euch, ihr ewigen Pforten, dass der König der Herrlichkeit einziehe!« (Psalm 24,7-9) Erneut war der Ruf zu hören: »Wer ist dieser König der Herrlichkeit?«, denn die Engel werden niemals müde, den Namen von Christus zu erheben. Die begleitenden Engel erwiderten: »Der Herr der Heerscharen, er ist der König der Herrlichkeit!« (Psalm 24,10) Dann wurden die Tore der Stadt Gottes weit geöffnet, und die Engelschar zog unter dem Schall mitreißender Musik in die Stadt ein.

Dort stand der Thron, umgeben vom Regenbogen der Verheißung. Dort waren Cherubim und Seraphim. Die Fürsten der Engelheere, die Söhne Gottes, die Vertreter der nicht in Sünde gefallenen Welten waren versammelt. Die himmlische Ratsversammlung, vor der Luzifer Gott und dessen Sohn angeklagt hatte, die Vertreter jener sündlosen Reiche, über die Satan seine Herrschaft ausdehnen wollte, standen alle bereit, den Erlöser willkommen zu heißen. Sie hatten nur den einen Wunsch: Den Sieg von Christus zu feiern und ihren König zu verherrlichen. Doch Jesus hielt sie zurück. Es war noch nicht so weit. Er konnte die Ehrenkrone und das königliche Gewand noch nicht entgegennehmen. Er trat in die Gegenwart seines Vaters. Er wies auf sein verwundetes Haupt, seine durchbohrte Seite und die verletzten Füße hin. Er hob seine Hände empor, welche die Spuren von den Nägeln trugen. Er verwies auf die Zeichen seines Sieges und brachte Gott die Erstlingsgarbe dar, jene, die mit ihm auferweckt worden waren – als Vertreter der großen Schar, die bei seiner Wiederkunft aus den Gräbern hervorkommen wird. Dann näherte er sich dem Vater, der sich über einen einzigen Sünder, der bereut und umkehrt, freut, ja diese Freude mit Jubelgesang zum Ausdruck bringt (vgl. Lukas 15,10). Bevor der Welt Grund gelegt wurde, hatten der Vater und der Sohn in einem Bund miteinander beschlossen, den Menschen zu erlösen, sollte er von Satan überwunden werden. Mit einem Handschlag hatten sie feierlich gelobt, dass Christus der Bürge für die Menschheit werden sollte. Dieses Gelübde hatte er nun erfüllt. Als er am Kreuz ausrief: »Es ist vollbracht!« (Johannes 19,30b), hatte er sich an den Vater gewandt. Die Abmachung war vollständig erfüllt worden. Nun sagte er: Vater, es ist vollbracht! Deinen Willen, mein Gott, habe ich getan. Ich habe das Erlösungswerk vollendet. Wenn deiner Gerechtigkeit Genüge getan wurde, dann will ich, »dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast« (Johannes 17,24a). Da hörte man Gottes Stimme ausrufen, dass der Gerechtigkeit Genüge getan und Satan besiegt ist. Die sich abmühenden und kämpfenden Nachfolger von Christus waren »begnadet … in dem Geliebten« (Epheser 1,6). Vor den himmlischen Engeln und den Vertretern der ungefallenen Welten wurden sie für gerecht erklärt. Wo der Herr ist, da soll auch seine Gemeinde sein. »Gnade und Wahrheit sind sich begegnet, Gerechtigkeit und Frieden haben sich geküsst.« (Psalm 85,11 Elb.) Die Arme des Vaters umfingen seinen Sohn, und man hörte die Worte: »Es sollen ihn alle Engel Gottes anbeten.« (Hebräer 1,6b) Mit unaussprechlicher Freude erkannten Herrscher, Fürsten und Mächtige die Oberhoheit des Lebensfürsten an. Das Engelheer warf sich vor ihm nieder, während die himmlischen Höfe vom fröhlichen Ruf erfüllt wurden: »Würdig ist das Lamm, das geschlachtet worden ist. Es ist würdig, Macht und Reichtum entgegenzunehmen und Weisheit und Stärke und Ehre und Herrlichkeit und Lob.« (Offenbarung 5,12b NLB) Jubellieder mischten sich in die Klänge von Engelsharfen, bis es so aussah, als würde der Himmel vor Freude und Lob überfließen. Die Liebe hatte gesiegt! Das Verlorene war wiedergefunden! Der Himmel war von hellen, melodischen Stimmen erfüllt, die verkündeten: »Lob und Ehre und Herrlichkeit und Macht stehen dem zu, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm für immer und ewig.« (Offenbarung 5,13b NLB) Von jenem Geschehen himmlischer Freude erreicht uns auf Erden das Echo der eigenen, wunderbaren Worte von Christus: »Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.« (Johannes 20,17b) Die himmlische und die irdische Familie sind eins. Unser Herr ist um unseretwillen in den Himmel aufgefahren, und er lebt für uns. »Das ist auch der Grund dafür, dass er alle vollkommen retten kann, die durch ihn zu Gott kommen. Er, der ewig lebt, wird nie aufhören, für sie einzutreten.« (Hebräer 7,25 NGÜ)

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