Auf dem Weg nach Emmaus

Auf dem Weg nach Emmaus

Lukas 24,13-33, Markus 16,12.13

Am späten Nachmittag des Auferstehungstages waren zwei Jünger auf dem Weg nach Emmaus, einer kleinen Stadt, die etwa zwölf Kilometer von Jerusalem entfernt lag. Diese beiden Jünger hatten keine besondere Stellung im Werk von Christus innegehabt, glaubten jedoch von ganzem Herzen an ihn. Sie waren in die Stadt gekommen, um das Passafest zu feiern, und waren über die Vorfälle, die sich eben ereignet hatten, sehr bestürzt. Sie hatten die Neuigkeit des Morgens vernommen, wonach der Leichnam von Christus aus dem Grab weggeschafft worden war, und hatten den Bericht der Frauen gehört, welche Engel gesehen hatten und Jesus begegnet waren. Nun kehrten sie nach Hause zurück, um darüber nachzudenken und zu beten. Traurig zogen sie in der Dämmerung ihres Weges und unterhielten sich über das Verhör und die Kreuzigung. Noch nie waren sie so entmutigt gewesen. Verzweifelt und vom Glauben verlassen, schritten sie im Schatten des Kreuzes dahin.

Sie waren noch nicht weit gekommen, als sich ein Fremder zu ihnen gesellte. Sie waren so von ihrer Schwermut und Enttäuschung gefangen, dass sie ihn nicht näher betrachteten. Sie setzten ihre Unterhaltung fort und brachten zum Ausdruck, was ihre Herzen bewegte. Sie sprachen über das, was Christus gelehrt hatte, das sie aber offenbar nicht verstanden hatten. Als ihre Unterhaltung wieder auf die jüngsten Ereignisse zurückkam, sehnte sich Jesus danach, sie zu trösten. Er hatte ihren Kummer gesehen und verstand die gegensätzlichen und verwirrenden Gedanken, die in ihnen die Frage aufkommen ließ: Konnte dieser Mann, der so tief gedemütigt und erniedrigt worden war, der Messias sein? Sie konnten ihren Kummer nicht zurückhalten und weinten. Jesus wusste, dass sie ihn von Herzen liebten. Er sehnte sich danach, ihre Tränen abzuwischen und sie mit Glück und Freude zu erfüllen. Doch zuerst musste er sie etwas lehren, was sie nie wieder vergessen sollten. »Jesus fragte sie: ›Worüber redet ihr denn so erregt unterwegs?‹ Da blieben sie stehen und blickten ganz traurig drein, und der eine – er hieß Kleopas – sagte: ›Du bist wohl der Einzige in Jerusalem, der nicht weiß, was dort in diesen Tagen geschehen ist?‹« Da erzählten sie ihm von ihrer Enttäuschung mit ihrem Meister: »Er war ein Prophet; in Worten und Taten hat er vor Gott und dem ganzen Volk seine Macht erwiesen. Unsere führenden Priester und die anderen Ratsmitglieder haben ihn zum Tod verurteilt und ihn ans Kreuz nageln lassen.« Schweren Herzens, voller Enttäuschung und mit bebenden Lippen fügten sie hinzu: »Und wir hatten doch gehofft, er sei der erwartete Retter, der Israel befreien soll! Aber zu alledem ist heute auch schon der dritte Tag, seitdem dies geschehen ist!« (Lukas 24,17-21 GNB) Merkwürdig, dass sich die Jünger nicht an die Worte von Christus erinnerten und erkannten, dass er die Ereignisse, die geschehen waren, bereits vorausgesagt hatte. Es war ihnen nicht bewusst, dass sich der letzte Teil seiner Vorhersage genauso erfüllen würde wie der erste, und dass er schließlich am dritten Tag auferstehen sollte. Daran hätten sie denken sollen. Die Priester und Obersten hatten es jedoch nicht vergessen. »Am nächsten Tag – es war der Sabbat – kamen die führenden Priester und die Pharisäer miteinander zu Pilatus und sagten: ›Herr, uns ist eingefallen, dass dieser Schwindler, als er noch lebte, behauptet hat: ,Nach drei Tagen werde ich vom Tod auferweckt werden.‘‹« (Matthäus 27,62.63 GNB) Doch die Jünger erinnerten sich nicht an diese Worte. »Da sagte er zu ihnen: ›Begreift ihr denn nicht? Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?‹« (Lukas 24,25.26 EÜ) Die Jünger fragten sich, wer dieser Fremde war, der ihr Innerstes ergründen konnte, der so ernst, liebevoll, mitfühlend und hoffnungsvoll zu ihnen sprach. Zum ersten Mal, seit Christus verraten wurde, schöpften sie wieder etwas Hoffnung. Immer wieder warfen sie ihrem Begleiter einen ernsten Blick zu und dachten, dass er genau dieselben Worte wählte, die auch Christus verwendet hätte. Sie wunderten sich, und ihre Herzen begannen in freudiger Erwartung zu pochen.

Angefangen bei Mose, dem Beginn der biblischen Geschichte, erklärte ihnen Christus alle Schriftstellen, die sich auf ihn bezogen. Hätte er sich ihnen gleich zu erkennen gegeben, wären sie sofort zufrieden gewesen. In ihrer überschwänglichen Freude würden sie nichts weiter verlangt haben. Und doch war es für sie notwendig, die Sinnbilder und Weissagungen des Alten Testaments, die auf ihn hindeuteten, zu verstehen. Darauf musste sich ihr Glaube gründen. Christus tat kein Wunder, um sie zu überzeugen, sondern erklärte ihnen zunächst die Schriften. Mit seinem Tod sahen sie alle ihre Hoffnungen untergehen. Doch nun zeigte er ihnen aus den Schriften der Propheten, dass gerade dies der stärkste Beweis für ihren Glauben war. Indem er sie unterwies, zeigte Jesus diesen Jüngern die Bedeutung des Alten Testaments als ein Zeugnis seiner Sendung. Heutzutage lehnen viele bekennende Christen das Alte Testament ab und behaupten, es sei nicht mehr von Bedeutung. Doch das lehrte Christus nicht. Er schätzte es so hoch, dass er einmal sagte: »Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.« (Lukas 16,31b EÜ) Es ist die Stimme von Christus, die durch den Mund der Patriarchen und Propheten von den Tagen Adams an bis zu den letzten Ereignissen der Zeit spricht. Der Erlöser wird im Alten Testament ebenso deutlich offenbart wie im Neuen. Gerade das Licht der prophetischen Vergangenheit lässt das Leben von Christus und die Lehren des Neuen Testaments in ihrer Klarheit und Schönheit aufleuchten. Die Wunder von Christus sind ein Beweis für seine Göttlichkeit, doch einen weit stärkeren Beweis dafür, dass er der Erlöser der Welt ist, findet man bei einem Vergleich der alttestamentlichen Prophezeiungen mit den Berichten des Neuen Testaments. Anhand der Vorhersagen gab Christus seinen Jüngern ein genaues Bild davon, was er als Mensch sein musste. Ihre Erwartung eines Messias, der seinen Thron und seine königliche Herrschaft den menschlichen Wünschen entsprechend aufrichtet, war irreführend gewesen. Dadurch wurde ihr Verständnis von seiner Erniedrigung – von der höchsten bis hin zur niedrigsten Stellung, die überhaupt eingenommen werden konnte – beeinträchtigt. Christus wünschte, dass die Vorstellungen seiner Jünger in allen Einzelheiten rein und wahr sind. Sie sollten alles, was mit dem ihm zugeteilten Leidenskelch zu tun hatte, so gut wie möglich verstehen. Er zeigte ihnen, dass der schreckliche Kampf, den sie noch nicht begreifen konnten, die Erfüllung des Bundes bedeutete, der bereits vor der Grundlegung der Welt geschlossen worden war. Christus musste sterben, so wie jeder Übertreter des Gesetzes sterben muss, wenn er in der Sünde verharrt. Dies alles musste so geschehen. Doch es sollte nicht in einer Niederlage enden, sondern in einem herrlichen, ewigen Sieg! Jesus erklärte ihnen, dass jede mögliche Anstrengung unternommen werden muss, um die Welt von der Sünde zu erretten. Seine Nachfolger müssen so leben, wie er gelebt hat, und wirken, wie er gewirkt hat, mit inständigem, beharrlichem Bemühen. So redete Christus mit seinen Jüngern und öffnete ihren Geist, damit sie die heiligen Schriften verstehen konnten. Wohl waren die Jünger erschöpft, doch die Unterhaltung blieb rege. Worte des Lebens und der Gewissheit kamen über die Lippen des Erlösers. Aber noch wurden ihre Augen gehalten. Als er ihnen von der Zerstörung Jerusalems erzählte, schauten sie weinend auf die dem Untergang geweihte Stadt. Sie ahnten noch kaum, wer ihr Weggefährte war. Sie dachten nicht, dass der, von dem sie sprachen, an ihrer Seite ging, denn Christus sprach über sich selbst, als wäre er eine andere Person. Sie hielten ihn für einen der Besucher, die zum großen Fest [zum Passafest] gekommen waren und nun wieder nach Hause zogen. Er schritt so wie sie vorsichtig über die groben Steine und legte mit ihnen ab und zu eine kurze Rast ein. So schritten sie auf der bergigen Straße voran, während der Eine sie begleitete, der bald seine Stellung zur Rechten Gottes einnehmen würde und der von sich sagen konnte: »Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden« (Matthäus 28,18b).

Unterdessen war die Sonne untergegangen, und bevor die Reisenden ihr Ziel erreichten, hatten die Bauern ihre Arbeit auf dem Feld niedergelegt. Als die Jünger ihr Haus betreten wollten, verhielt sich der Fremde so, als wolle er weitergehen. Die Jünger aber fühlten sich zu ihm hingezogen. Ihr Innerstes hungerte danach, mehr von ihm zu hören. »Bleib doch bei uns«, baten sie. Doch es machte den Anschein, als wollte er die Einladung nicht annehmen. Darum drängten sie ihn: »Es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt.« Nun gab Christus ihrer Bitte nach. »Da ging er mit hinein, um bei ihnen zu bleiben.« (Lukas 24,29 EÜ) Hätten die Jünger nicht mit Nachdruck auf ihrer Einladung bestanden, hätten sie nie erfahren, dass ihr Weggefährte der auferstandene Herr war. Christus drängt seine Gesellschaft nie jemandem auf. Er nimmt sich all jener an, die ihn brauchen. Gern tritt er in die bescheidenste Hütte und erfreut das Herz des Allergeringsten. Sind die Menschen jedoch zu gleichgültig, um an den himmlischen Gast zu denken oder ihn zu bitten, bei ihnen zu bleiben, geht er weiter. Auf diese Weise erleiden viele einen großen Verlust. Sie kennen Christus nicht besser als jene Jünger, mit denen er damals unterwegs war. Das einfache Abendbrot war schnell zubereitet. Sie setzten es dem Gast vor, der am oberen Ende des Tisches Platz genommen hatte. Dann streckte er seine Hände aus und segnete das Essen. Die Jünger schreckten erstaunt zurück. Ihr Begleiter breitete die Hände auf genau dieselbe Weise aus, wie es ihr Meister getan hatte. Sie schauten nochmals hin, und siehe da, sie erkannten die Nägelmale an seinen Händen! Beide riefen augenblicklich aus: »Es ist der Herr Jesus! Er ist von den Toten auferstanden!« Sie sprangen auf, wollten sich zu seinen Füßen niederwerfen und ihn anbeten, doch er war verschwunden. Sie schauten auf den Platz, an dem der Eine gesessen hatte, dessen Körper noch vor Kurzem im Grab gelegen hatte, und sagten zueinander: »Brannte es nicht wie ein Feuer in unserem Herzen, als er unterwegs mit uns sprach und uns den Sinn der Heiligen Schriften aufschloss?« (Lukas 24,32 GNB)

Doch mit dieser großartigen Nachricht konnten sie nicht sitzen bleiben und weiterreden. Sie mussten es anderen mitteilen! Ihre Müdigkeit und ihr Hunger waren vergessen. Sie ließen ihre Mahlzeit unberührt stehen, brachen sofort auf und liefen voller Freude denselben Weg zurück, auf dem sie eben gekommen waren. Sie eilten in die Stadt, um den Jüngern diese Neuigkeiten zu erzählen. Einige Stellen des Weges waren gefährlich, doch sie kletterten über die Abhänge und rutschten über die glatten Felsen. Sie sahen und wussten es nicht, dass sie von dem Einen beschützt wurden, der vorher diesen Weg mit ihnen gegangen war. Mit ihrem Stab in der Hand eilten sie vorwärts, vom Wunsch beseelt, noch schneller zu gehen, als sie es jetzt schon wagten. Sie kamen vom Weg ab, fanden ihn jedoch wieder. Manchmal rennend, dann wieder stolpernd, eilten sie vorwärts, neben sich den ganzen Weg entlang den unsichtbaren Begleiter. Die Nacht war finster, aber die »Sonne der Gerechtigkeit« (Maleachi 3,20) leuchtete über ihnen. Ihr Herz hüpfte vor Freude. Sie fühlten sich wie in einer neuen Welt. Christus ist ein lebendiger Erlöser! Sie trauerten nicht länger um den, der tot war. Christus ist auferstanden! Immer wieder wiederholten sie es. Dies war die Botschaft, die sie den Trauernden überbringen wollten. Die wunderbare Geschichte von ihrem Gang nach Emmaus mussten sie ihnen erzählen. Sie mussten ihnen berichten, wer sie auf dem Weg begleitet hatte. Sie überbrachten die großartigste Botschaft, die der Welt jemals gegeben wurde, eine frohe Botschaft, auf der die Hoffnung der menschlichen Familie für Zeit und Ewigkeit ruht.

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