Gethsemane

Gethsemane

Matthäus 26,36-56; Markus 14,32-50; Lukas 22,39-53; Johannes 18,1-12

Von seinen Jüngern begleitet ging der Erlöser langsam seinen Weg zum Garten Gethsemane. Der Vollmond der Passazeit schien hell vom wolkenlosen Himmel, und die Zeltstadt der Pilger lag schweigend da, von Stille umhüllt. Jesus hatte ernstlich mit seinen Jüngern gesprochen und sie unterwiesen. Doch als er sich nun Gethsemane näherte, wurde er seltsam still. Er hatte diesen Ort oft zum Nachdenken und Beten aufgesucht, doch nie war sein Herz so voller Kummer wie in dieser Nacht seines letzten Ringens. Während seines ganzen Erdendaseins war er im Licht der Gegenwart Gottes gewandelt. Selbst in der Auseinandersetzung mit Menschen, die von Satans Geist getrieben waren, konnte er sagen: »Er, der mich gesandt hat, ist bei mir. Er lässt mich nie allein, denn ich tue immer, was ihm gefällt.« (Johannes 8,29 NGÜ) Jetzt aber schien er vom Licht der stärkenden Gegenwart Gottes ausgeschlossen zu sein und wurde nun zu den Übeltätern gezählt (vgl. Jesaja 53,12). Er musste die Schuld der gefallenen Menschheit tragen. Auf ihn, »der von keiner Sünde wusste«, musste die Ungerechtigkeit von uns allen gelegt werden (vgl. 2. Korinther 5,21). Die Sünde erschien ihm so schrecklich und die Last der Schuld, die er zu tragen hatte, so schwer, dass er versucht war zu fürchten, für immer von der Liebe seines Vaters ausgeschlossen zu werden. Er spürte, wie furchtbar Gottes Zorn gegen die Sünde ist, und rief aus: »Meine Seele ist sehr betrübt, bis zum Tod.« (Matthäus 26,38a Elb.) Als sie sich dem Garten näherten, bemerkten die Jünger, dass sich ihr Meister verändert hatte. Nie zuvor hatten sie ihn so überaus traurig und still gesehen. Je weiter er ging, desto tiefer wurde diese seltsame Traurigkeit, doch sie wagten nicht, ihn nach dem Grund zu fragen. Sein Körper schwankte, so als würde er hinfallen. Als sie den Garten erreicht hatten, suchten die Jünger besorgt seinen gewohnten Ruheplatz auf, damit sich ihr Meister ausruhen könnte. Jeder Schritt, den er nun machte, geschah unter größter Anstrengung. Er stöhnte laut, so als würde ihn eine unerträgliche Last bedrücken. Zweimal musste er von seinen Gefährten gestützt werden, sonst wäre er zu Boden gefallen. In der Nähe des Garteneingangs hatte Jesus alle Jünger zurückgelassen und sie aufgefordert, für sich selbst und für ihn zu beten – außer Petrus, Jakobus und Johannes. Gemeinsam mit ihnen zog er sich in die Abgeschiedenheit des Gartens zurück. Diese drei Jünger waren seine engsten Begleiter. Sie hatten seine Herrlichkeit auf dem Verklärungsberg geschaut und gesehen, wie Mose und Elia mit ihm sprachen. Sie hatten die Stimme vom Himmel gehört, und nun wünschte sich Christus, sie in seinem großen Kampf in seiner Nähe zu haben. Schon oft hatten sie die Nacht mit ihm an diesem abgeschiedenen Ort verbracht. Bei diesen Gelegenheiten waren sie gewöhnlich nach einer Weile des Wachens und Betens unweit ihres Meisters ruhig eingeschlafen, bis er sie am Morgen aufweckte, um erneut an die Arbeit zu gehen. Nun aber wünschte er, sie würden die Nacht mit ihm im Gebet verbringen. Dennoch konnte er es nicht ertragen, dass selbst sie seinen Leidenskampf, den er zu erdulden hatte, mitansehen sollten.

»Bleibt hier«, sagte er ihnen, »und wacht mit mir!« (Matthäus 26,38b) Er entfernte sich einige Schritte von ihnen, gerade so weit, dass sie ihn noch sehen und hören konnten. Er fiel zu Boden und lag ausgestreckt da. Die Last der Sünde trennte ihn nun von seinem Vater – das spürte er. Die Kluft war so breit, so dunkel und so tief, dass seine Seele davor zurückschreckte. Er durfte seine göttliche Macht nicht benutzen, um diesem Kampf zu entrinnen. Als Mensch musste er die Folgen der Sünde der Menschheit erdulden, und als Mensch musste er Gottes Zorn über die Verfehlungen ertragen. Die Stellung von Christus war jetzt eine andere als jemals zuvor. Sein Leiden kann am besten mit den Worten des Propheten beschrieben werden: »Schwert, mach dich auf über meinen Hirten, über den Mann, der mir der nächste ist, spricht der Herr Zebaoth.« (Sacharja 13,7a) Christus erduldete nun als Stellvertreter und Bürge der sündhaften Menschheit die göttliche Gerechtigkeit und erkannte nun deren ganzen Umfang. Bisher war er ein Fürsprecher für andere gewesen, jetzt sehnte er sich danach, selbst einen Fürsprecher zu haben. Als Christus spürte, dass seine Einheit mit dem himmlischen Vater unterbrochen war, befürchtete er, in seiner menschlichen Natur unfähig zu sein, den kommenden Konflikt mit den Mächten der Finsternis zu bestehen. Schon bei der Versuchung in der Wüste war das Schicksal der Menschheit auf dem Spiel gestanden, doch Christus war Sieger geblieben. Jetzt war der Versucher für das letzte schreckliche Ringen gekommen, auf das er sich während der ganzen drei Jahre, in denen Christus tätig gewesen war, vorbereitet hatte. Für Satan stand nun alles auf dem Spiel. Verlor er hier, war seine Hoffnung auf die Vorherrschaft zunichte. Die Reiche der Welt würden schließlich Christus gehören, und er selbst würde überwältigt und ausgestoßen werden. Ließe sich Christus aber überwinden, würde die Erde zu Satans Reich werden und die Menschheit für immer in seiner Gewalt bleiben. Die Folgen dieses Konfliktes vor Augen, war das Herz von Christus mit Grauen über die Trennung von Gott erfüllt. Satan redete ihm ein, dass er als Bürge einer sündigen Welt auf ewig von Gott getrennt, mit Satans Reich verbunden und nie mehr mit dem Vater eins sein werde.

Was war durch dieses Opfer zu gewinnen? Wie hoffnungslos erschienen die Schuld und die Undankbarkeit der Menschen! Satan malte dem Erlöser die Lage in den schlimmsten Farben vor Augen: Das Volk, das den Anspruch erhebt, ihre Mitmenschen in irdischen und geistlichen Dingen zu überragen, hat dich verworfen. Es sucht dich zu vernichten, dich, der du das Fundament, der Mittelpunkt und das Siegel aller Verheißungen bist, die ihm als einem auserwählten Volk gegeben wurden. Einer deiner eigenen Jünger, der deine Anweisungen gehört hat und ein führender Mitarbeiter im Gemeindedienst war, wird dich verraten. Einer deiner eifrigsten Nachfolger wird dich verleugnen. Alle werden dich verlassen! – Das ganze Wesen von Christus verabscheute diesen Gedanken. Dass jene, die zu retten er versprochen hatte und die er so sehr liebte, nun gemeinsame Sache mit Satan machen sollten, verletzte ihn im Innersten. Der Kampf war schrecklich. Sein Ausmaß war durch die Schuld seiner Nation, durch seine Ankläger, seinen Verräter und durch eine im Verderben liegende Welt bestimmt. Die Sünden der Menschen lasteten schwer auf Christus, und das Empfinden von Gottes Zorn über die Sünde drohte sein Leben zu vernichten. Seht ihn den Preis erwägen, der für die menschliche Seele bezahlt werden muss! In seiner Todesangst klammerte er sich am kalten Boden fest, so als wollte er verhindern, noch weiter von seinem Vater weggezogen zu werden. Der unangenehm kalte Tau der Nacht legte sich auf seine hingestreckte Gestalt, doch er beachtete es nicht. Ein qualvoller Schrei kam über seine farblosen Lippen: »Mein Vater! Wenn es möglich ist, lass den Kelch des Leides an mir vorübergehen.« Doch er fügte selbst hinzu: »Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.« (Matthäus 26,39b NGÜ) Im Leiden sehnt sich das menschliche Herz nach Anteilnahme. Diese Sehnsucht verspürte Christus bis ins Tiefste seines Inneren. In seiner größten Qual und mit einem sehnlichen Verlangen, einige tröstende Worte von ihnen zu hören, kam er zu seinen Jüngern, die er so oft gesegnet, getröstet und in Sorgen und Nöten beschützt hatte. Er, der immer Worte des Mitgefühls für sie gehabt hatte, erduldete nun übermenschliche Qualen und sehnte sich nach der Gewissheit, dass sie für ihn und für sich selbst beteten. Wie dunkel schien die Bosheit der Sünde! Ungeheuer groß war die Versuchung, die Menschheit die Folgen ihrer eigenen Schuld selbst tragen zu lassen, während er als Unschuldiger vor Gott stand. Hätte er nur gewusst, dass seine Jünger dies verstanden und schätzten, wäre er gestärkt worden. 

Mit mühevoller Anstrengung erhob er sich und taumelte zu dem Platz, wo er seine Getreuen zurückgelassen hatte. Aber er »fand sie schlafend« (Matthäus 26,40b). Wie hätte es ihm geholfen, wenn er sie betend vorgefunden hätte! Hätten sie Zuflucht bei Gott gesucht, um nicht von satanischen Mächten überwältigt zu werden, wäre er durch ihren standhaften Glauben getröstet worden. Doch sie hatten seine mehrmalige Ermahnung: »Wachet und betet!« (Matthäus 26,41a) nicht beherzigt. Zuerst waren sie sehr darüber bekümmert gewesen, ihren Meister, der sonst so ruhig und würdevoll auftrat, mit einem Leid ringen zu sehen, das jegliches Fassungsvermögen überstieg. Sie hatten gebetet, als sie die lauten, qualvollen Rufe des Leidenden hörten. Es war nicht ihre Absicht, ihren Herrn im Stich zu lassen, doch sie waren wie gelähmt. Diese Benommenheit hätten sie abschütteln können, wenn sie beständig im Gebet mit Gott verbunden gewesen wären. So aber erkannten sie nicht die Notwendigkeit der Wachsamkeit und des ernstlichen Betens, um der Versuchung widerstehen zu können. Kurz bevor Jesus seine Schritte zum Garten lenkte, hatte er zu seinen Jüngern gesagt: »Heute Nacht werdet ihr euch alle von mir abwenden.« (Matthäus 26,31a NGÜ) Die Jünger hatten ihm mit allem Nachdruck versichert, dass sie mit ihm ins Gefängnis und in den Tod gehen würden. Und der bedauernswerte, selbstbewusste Petrus hatte hinzugefügt: »Und wenn alle sich von dir abwenden – ich niemals!« (Matthäus 26,33 NGÜ) Doch die Jünger vertrauten auf sich selbst. Sie blickten nicht auf den mächtigen Helfer, wie Christus ihnen geraten hatte. Deshalb fand er sie schlafend, als er ihrer Anteilnahme und Gebete am meisten bedurfte. Selbst Petrus schlief. Auch Johannes, der liebevolle Jünger, der sich an die Brust von Jesus gelehnt hatte, war eingeschlafen. Gewiss, die Liebe zu seinem Meister hätte ihn wach halten sollen. Seine ernsten Gebete hätten sich mit denen seines geliebten Erlösers zur Zeit der äußersten Leiden verbinden sollen. Christus hatte in langen, einsamen Nächten für seine Jünger gebetet, dass ihr Glaube nicht aufhören möge. Hätte er jetzt an Jakobus und Johannes die Frage gerichtet, die er ihnen einmal gestellt hatte: »Könnt ihr auch aus dem bitteren Leidenskelch trinken, den ich trinken werde?« (Matthäus 20,22b NLB), hätten sie es nicht gewagt, noch einmal zu antworten: »Ja, das können wir.« (Matthäus 20,22c) Die Jünger erwachten, als sie die Stimme von Jesus vernahmen, doch sie erkannten ihn kaum, so sehr hatte die Qual sein Angesicht verändert. Jesus wandte sich an Petrus und fragte ihn: »Simon, du schläfst? Konntest du nicht einmal eine einzige Stunde wach bleiben? Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet! Der Geist ist willig, aber die menschliche Natur ist schwach.« (Markus 14,37b.38 NGÜ) Die Schwachheit seiner Jünger weckte das Mitgefühl von Jesus. Er befürchtete, dass sie die Prüfung, die durch den Verrat an ihm und durch seinen Tod über sie kommen würde, nicht bestehen könnten. Er tadelte sie nicht, sondern sagte: »Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet!« Selbst in seinem schweren Todeskampf suchte er ihre Schwachheit zu entschuldigen. »Der Geist ist willig«, sagte er, »aber die menschliche Natur ist schwach.« Erneut wurde der Sohn Gottes von übermenschlicher Qual ergriffen. Völlig entkräftet und beinahe ohnmächtig taumelte er an seinen Platz zurück. Seine Qual wurde noch größer als zuvor, und in der Todesangst seiner Seele fiel sein Schweiß wie große Blutstropfen auf die Erde (vgl. Lukas 22,44). Die Zypressen und Palmen waren stille Zeugen seines Ringens. Von ihren blätterreichen Zweigen fielen schwere Tautropfen auf seine Gestalt, so als würde die Natur über ihren Schöpfer weinen, der einsam mit den Mächten der Finsternis kämpfte. Noch kurz zuvor war Jesus wie eine mächtige Zeder dagestanden und hatte dem Sturm des Widerstands, der sich wütend gegen ihn erhob, getrotzt. Sture Menschen und gottlose, verschlagene Herzen hatten vergeblich versucht, ihn zu verwirren und zu überwältigen. In göttlicher Majestät als Sohn Gottes war er unbeugsam stehen geblieben. Jetzt aber glich er einem Schilfrohr, das vom wütenden Sturm gepeitscht und niedergedrückt wurde. Er war der Vollendung seiner Aufgabe wie ein Held entgegengegangen. Mit jedem Schritt errang er einen Sieg über die Mächte der Finsternis. Als einer, der bereits verherrlicht war, hatte er die Einheit mit Gott beansprucht. Mit fester Stimme hatte er seine Loblieder erklingen lassen und seine Jünger ermutigt und getröstet. Doch jetzt war die Stunde der Macht der Finsternis über ihn hereingebrochen. Nun war seine Stimme in der stillen Abendluft zu hören, nicht in Klängen des Triumphs, sondern voller menschlicher Qual. Die Worte des Erlösers drangen an die Ohren der schlaftrunkenen Jünger: »Mein Vater, wenn es nicht anders sein kann und ich diesen Kelch trinken muss, dann geschehe dein Wille!« (Matthäus 26,42 GNB) Der erste Gedanke der Jünger war, zu ihm hinzugehen, doch der Herr hatte ihnen geboten, an ihrem Platz zu bleiben, zu wachen und zu beten. Als Christus erneut zu ihnen kam, fand er sie »abermals schlafend« (Markus 14,40a). Wieder hatte er sich nach seinen Jüngern gesehnt, nach einigen Worten von ihnen, die ihn entlasten und den Bann der Finsternis, der ihn beinahe überwältigte, brechen würden. Doch »sie konnten die Augen vor Müdigkeit nicht offen halten und wussten nicht, was sie ihm antworten sollten« (Markus 14,40b NGÜ). Seine Anwesenheit weckte sie auf. Sie blickten in sein Angesicht, das vom blutigen Schweiß seines Todeskampfes gekennzeichnet war, und fürchteten sich. Sie konnten seine inneren Qualen nicht verstehen. »So entstellt war sein Aussehen, mehr als das irgendeines Mannes, und seine Gestalt mehr als die der Menschenkinder.« (Jesaja 52,14b Elb.)

Jesus wandte sich ab und suchte erneut seinen Zufluchtsort auf. Dann fiel er ausgestreckt nieder, überwältigt vom Schrecken einer großen Finsternis. Die menschliche Natur des Sohnes Gottes erzitterte in dieser schweren Stunde. Er betete jetzt nicht für seine Jünger, dass ihr Glaube nicht aufhören möge, sondern für seine eigene versuchte und gequälte Seele. Der schicksalsschwere Augenblick war gekommen – jener Moment, der über die Zukunft der Welt entscheiden sollte! Das Geschick der Menschenkinder hing in der Schwebe. Noch hätte sich Christus weigern können, den Kelch zu trinken, der für die Sünder bestimmt war; noch war es nicht zu spät. Er hätte den blutigen Schweiß von seiner Stirne wischen und die Menschen in ihrer Schuld umkommen lassen können. Er hätte sagen können: Lass doch den Übertreter die Strafe für seine Schuld empfangen, ich will zu meinem Vater zurückgehen. Wird der Sohn Gottes den bitteren Kelch der Erniedrigung und Todesqual trinken? Wird der Unschuldige die Folgen des Fluches der Sünde erleiden, um die Schuldigen zu retten? Die Worte kamen zitternd über die bleichen Lippen von Jesus: »Mein Vater, wenn es nicht anders sein kann und ich diesen Kelch trinken muss, dann geschehe dein Wille!« (Matthäus 26,42 GNB) Dreimal hatte er dieses Gebet ausgesprochen. Dreimal war er in seiner Menschlichkeit vor dem letzten, krönenden Opfer zurückgeschreckt. Doch nun ging dem Weltenerlöser die Geschichte der Menschheit durch den Sinn. Er sah, dass die Übertreter des Gesetzes – wären sie sich selbst überlassen – untergehen müssten. Er erkannte die Hilflosigkeit der Menschen und die Macht der Sünde. Das Leid und die Wehklagen einer verurteilten Welt stiegen vor ihm auf. Er sah ihr drohendes Schicksal. Sein Entschluss stand fest: Er werde die Menschen retten, koste es ihn, was es wolle. Er nahm die Bluttaufe auf sich, damit Millionen von Sterbenden ewiges Leben erlangen können. Er hatte die himmlischen Höfe verlassen, wo alles Reinheit, Freude und Herrlichkeit war, um das eine verlorene Schaf zu retten – die eine Welt, die durch Übertretung gefallen war. Er ließ sich durch nichts von seinem Auftrag abbringen. Er war bereit, für ein Geschlecht, das in die Sünde eingewilligt hatte, zum Sühneopfer zu werden. Nun drückte sein Gebet nur noch Ergebenheit aus: »So geschehe dein Wille!« (Matthäus 26,42b) Nachdem er die Entscheidung getroffen hatte, fiel er wie leblos zu Boden, von dem er sich halbwegs aufgerichtet hatte. Wo waren nun seine Jünger, um ihre Hände liebevoll unter das Haupt ihres entkräfteten Meisters zu legen, um jene Stirn abzuwischen, die mehr entstellt war als die anderer Menschen? Christus trat die Weinkelter allein, und niemand aus den Völkern war bei ihm (vgl. Jesaja 63,3).

Aber der Vater im Himmel litt mit seinem Sohn, und die Engel waren Zeugen vom Todeskampf des Erlösers. Sie sahen, wie ihr Herr von Legionen satanischer Mächte umgeben war und seine Natur von einer schaudernden, geheimnisvollen Angst niedergedrückt wurde. Im Himmel herrschte tiefe Stille; kein Harfenklang ertönte. Hätten Sterbliche die Bestürzung der Engelscharen sehen können, als sie in stiller Trauer zusahen, wie der himmlische Vater seinem geliebten Sohn die Strahlen des Lichts, der Liebe und der Herrlichkeit entzog, dann würden sie besser verstehen, wie anstößig in seinen Augen die Sünde ist. Die nicht gefallenen Welten und die himmlischen Engel hatten mit großem Interesse zugeschaut, wie sich der Konflikt seinem Ende näherte. Satan und seine Verbündeten, Legionen von Abgefallenen, beobachteten gespannt diese Stunde der Entscheidung im ganzen Heilsgeschehen. Die Mächte des Guten und des Bösen warteten darauf, wie die Antwort auf die dreimalige Bitte von Jesus lauten würde. Die Engel hatten sich danach gesehnt, dem göttlichen Dulder Hilfe zu bringen, doch dies durfte nicht geschehen. Es gab keinen Ausweg für Gottes Sohn. In diesem schrecklichen Augenblick der Entscheidung, als alles auf dem Spiel stand und der geheimnisvolle Kelch in der Hand des Leidenden zitterte, öffnete sich der Himmel. Ein Licht erstrahlte inmitten der tiefen Finsternis dieser Entscheidungsstunde, und der mächtige Engel, der in Gottes Gegenwart steht und den Platz innehat, den Satan verlor, trat an die Seite von Jesus. Er kam nicht, um ihm den Leidenskelch abzunehmen, sondern um ihn mit der Zusicherung der Liebe des Vaters zu stärken, damit er den Kelch trinke. Er kam, um dem göttlich-menschlichen Bittsteller Kraft zu spenden. Er zeigte ihm den offenen Himmel und sprach mit ihm über die Menschen, die als Ergebnis seines Leidens gerettet würden. Er versicherte ihm, dass sein Vater größer und mächtiger als Satan ist, dass sein Tod zur alles vernichtenden Niederlage Satans führen und das Königreich dieser Welt den Heiligen des Allerhöchsten übergeben werde (vgl. Daniel 7,27). Und er sagte ihm, dass »er das Licht schauen und die Fülle haben« werde, »weil seine Seele sich abgemüht hat« (Jesaja 53,11a). Er werde sehen, wie eine große Schar des Menschengeschlechts gerettet wird, gerettet für alle Ewigkeit. Der große Seelenschmerz von Christus ließ nicht nach, doch seine Niedergeschlagenheit und Entmutigung verschwanden. Der Sturm in seinem Inneren war in keiner Weise abgeklungen. Doch Christus, gegen den das Wüten gerichtet war, fühlte sich gestärkt, dem allem zu widerstehen. Ruhig und gefasst ging Christus aus diesem Kampf hervor. Himmlischer Friede lag auf seinem blutbefleckten Angesicht. Er hatte erduldet, was kein Mensch jemals ertragen könnte. Er hatte die Leiden des Todes für alle Menschen geschmeckt (vgl. Hebräer 2,9). Die schlafenden Jünger waren vom Licht, das den Meister umstrahlte, plötzlich aufgeweckt worden. Sie sahen, wie sich der Engel über ihren ausgestreckt daliegenden Meister beugte. Sie sahen, wie er den Kopf des Erlösers auf seinen Schoß nahm und zum Himmel zeigte. Sie hörten seine Stimme, die wie liebliche Musik klang, und vernahmen seine Worte des Trostes und der Hoffnung. Die Jünger erinnerten sich an die Ereignisse auf dem Verklärungsberg. Sie erinnerten sich auch an die Herrlichkeit, von der Jesus im Tempel umgeben war, und an die Stimme Gottes, die aus der Wolke gesprochen hatte. Nun wurde dieselbe Herrlichkeit erneut offenbart, und sie hatten nun keine Angst mehr um ihren Meister. Er stand nun unter Gottes Fürsorge, der einen mächtigen Engel gesandt hatte, um ihn zu beschützen. Doch wieder ergaben sich die Jünger ihrer Müdigkeit, jener ungewöhnlichen Benommenheit, die sie übermannte. Und nochmals fand sie Jesus schlafend vor. Betrübt blickte er auf sie und sagte: «Schlaft ihr immer noch und ruht euch aus? Die Stunde ist gekommen; jetzt wird der Menschensohn den Sündern ausgeliefert.« (Matthäus 26,45 EÜ)

Noch während er diese Worte sprach, hörte er die Schritte der Meute, die ihn suchte. Er sagte: »Steht auf, wir wollen gehen! Seht, der Verräter, der mich ausliefert, ist da.« (Matthäus 26,46 EÜ) Als Jesus aufstand, um seinem Verräter entgegenzutreten, waren keinerlei Spuren seines eben ausgestandenen Leidenskampfes zu sehen. Vor seinen Jüngern stehend, fragte er: »Wen sucht ihr?« Sie antworteten: »Jesus von Nazareth.« Er entgegnete: »Ich bin‘s!« (Johannes 18,4.5) Nachdem diese Worte ausgesprochen waren, trat der Engel, der Jesus eben noch gedient hatte, zwischen ihn und die Meute. Ein göttliches Licht erleuchtete das Angesicht des Erlösers, und eine taubenähnliche Gestalt überschattete ihn. Die mörderische Meute konnte die Gegenwart dieser göttlichen Herrlichkeit keinen Augenblick lang ertragen. Sie taumelte zurück. Die Priester, Ältesten und Soldaten, selbst Judas, fielen wie tot zu Boden. Als sich der Engel zurückzog, verblasste das Licht. Jesus hätte fliehen können, doch er blieb gefasst und selbstbeherrscht stehen. Als Verherrlichter stand er inmitten dieser rohen Menge, die nun niedergestreckt und hilflos zu seinen Füßen lag. Die Jünger schauten staunend und ehrfurchtsvoll zu. Doch das Bild änderte sich schnell. Die Menge sprang auf. Die römischen Soldaten, die Priester und Judas umringten Christus. Es sah so aus, als würden sie sich für ihre Schwäche schämen und fürchten, er könnte noch entkommen. Erneut stellte der Erlöser die Frage: »Wen sucht ihr?« Sie hatten zwar den Beweis erhalten, dass der Mensch, der vor ihnen stand, Gottes Sohn war, doch sie wollten sich nicht überzeugen lassen. Auf die Frage »Wen sucht ihr?« gaben sie erneut zur Antwort: »Jesus von Nazareth.« (Johannes 18,7) Darauf sagte er: »Ich habe euch doch gesagt, dass ich es bin … Wenn ich der bin, den ihr sucht, dann lasst die anderen hier gehen« (Johannes 18,8 NGÜ), und wies dabei auf seine Jünger. Er wusste, wie schwach deren Glauben war, und er wollte sie vor Versuchungen und Anfechtungen bewahren. Er war bereit, sich selbst für sie zu opfern. Judas, der Verräter, vergaß nicht, welche Rolle er zu übernehmen hatte. Als die Meute den Garten betrat, hatte er sie angeführt, dicht gefolgt vom Hohenpriester. Mit den Verfolgern von Jesus hatte er ein Zeichen vereinbart und zu ihnen gesagt: »Der, den ich küssen werde, der ist es; nehmt ihn fest.« (Matthäus 26,48 EÜ) Nun tat er so, als hätte er nichts mit ihnen zu tun. Er ging auf Jesus zu, ergriff freundschaftlich dessen Hand, küsste ihn wiederholt mit den Worten: »Sei gegrüßt, Rabbi!« (Matthäus 26,49b) und tat so, als weine er aus Mitleid mit ihm in seiner gefahrvollen Lage. Jesus sprach zu ihm: »Mein Freund, dazu bist du gekommen?« (Matthäus 26,50a) Seine Stimme zitterte vor Schmerz, als er hinzufügte: »Judas, verrätst du den Menschensohn mit einem Kuss?« (Lukas 22,48) Dieser Ausruf hätte das Gewissen des Verräters wachrütteln und sein verstocktes Herz berühren müssen. Doch er hatte Ehrgefühl, Treue und menschliches Empfinden verloren. Kühn und herausfordernd stand er da und zeigte keine Bereitschaft einzulenken. Er hatte sich Satan übergeben und besaß keine Kraft, sich ihm zu widersetzen. Jesus aber wies den Kuss des Verräters nicht zurück.

Die Verfolger wurden frech, als sie sahen, wie Judas die Person berührte, die eben vor ihren Augen verherrlicht worden war. Nun ergriffen sie Jesus und begannen seine edlen Hände, die immer nur Gutes getan hatten, zu fesseln. Die Jünger hatten gedacht, ihr Meister werde sich nicht ergreifen lassen. Denn dieselbe Macht, welche die Meute dazu veranlasst hatte, wie tot hinzufallen, hätte diese hilflos zusehen lassen können, bis Jesus und seine Begleiter entkommen wären. Sie waren enttäuscht und entrüstet, als sie die Stricke sahen, die gebracht wurden, um die Hände dessen zu binden, den sie liebten. Unbedacht in seinem Zorn, zog Petrus sein Schwert und versuchte seinen Meister zu verteidigen. Doch er schlug nur ein Ohr des hohepriesterlichen Dieners ab. Als Jesus sah, was geschehen war, befreite er seine Hände, obwohl sie von den römischen Soldaten festgehalten wurden, und sagte: »Halt! Hört auf!« (Lukas 22,51b NGÜ) Er berührte das verwundete Ohr, und es wurde augenblicklich heil. Dann sagte er zu Petrus: »Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen. Oder meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, dass er mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schickte?« (Matthäus 26,52.53) – stellvertretend für jeden einzelnen Jünger eine Legion! Warum nur, dachten die Jünger, rettet er sich nicht selbst und uns? Indem er ihre unausgesprochene Frage beantwortete, fügte er hinzu: »Doch wenn ich das täte, wie sollte sich dann erfüllen, was in der Schrift vorausgesagt wird und nun eintreten muss?« (Matthäus 26,54 NLB) «Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat?« (Johannes 18,11b) Ihre amtliche Würde hatte die jüdischen Obersten nicht davon abgehalten, an der Verfolgung von Jesus teilzunehmen. Seine Gefangennahme war eine zu wichtige Angelegenheit, um Untergebenen anvertraut zu werden. Die hinterlistigen Hohenpriester und Ältesten hatten sich der Tempelwache und dem lärmenden Pöbel angeschlossen und waren Judas nach Gethsemane gefolgt. Mit welch einer Gesellschaft hatten sich jene Würdenträger zusammengeschlossen! Mit einem Pöbel, der nach Sensation hungerte und mit allerlei Werkzeugen bewaffnet war, als würden sie ein wildes Tier verfolgen! Christus wandte sich an die Hohenpriester und Ältesten und blickte sie durchdringend an. Die Worte, die er zu ihnen sprach, sollten sie ihr Leben lang nicht mehr vergessen. Sie waren wie scharfe Pfeile des Allmächtigen. »Bin ich ein Schwerverbrecher«, fragte er würdevoll, »dass ihr mit Schwertern und Knüppeln bewaffnet anrückt, um mich zu verhaften? Warum habt ihr mich nicht im Tempel verhaftet? Ich war doch jeden Tag dort.« (Lukas 22,52b.53a NLB) Die Nacht eignet sich besser für euer Werk. »Dies ist eure Stunde, die Zeit, in der die Macht der Finsternis die Oberhand hat.« (Lukas 22,53b NLB) Die Jünger waren entsetzt, als sie sahen, dass sich Jesus festnehmen und binden ließ. Sie ärgerten sich, weil er es zuließ, dass er und sie so gedemütigt wurden. Sie konnten sein Verhalten nicht verstehen und tadelten ihn, weil er sich der Meute unterwarf. In ihrer Angst und Entrüstung schlug Petrus vor, sich selbst in Sicherheit zu bringen. Auf seinen Vorschlag hin »ließen ihn alle seine Jünger im Stich und flohen« (Markus 14,50 NGÜ). Doch Christus hatte dieses Verlassen vorausgesagt: »Die Stunde kommt, ja, sie ist schon da, dass man euch auseinandertreiben wird. Jeder wird nur noch an sich denken, und mich werdet ihr allein lassen. Trotzdem bin ich nicht allein, weil mein Vater bei mir ist.« (Johannes 16,32 GNB)

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