Umgeben von Feinden & die Ehebrecherin

Umgeben von Feinden & die Ehebrecherin

Johannes 7,15-36.40-53; 8,1-11

Während der ganzen Zeit, die Christus in Jerusalem auf dem Fest verbrachte, wurde er von Spionen beschattet. Die Priester und Obersten versuchten täglich, ihn auf verschiedenste Art und Weise zum Schweigen zu bringen. Sie stellten ihm immer wieder eine Falle. Sie wollten ihn gewaltsam aufhalten. Aber dies war noch nicht alles. Sie wollten diesen galiläischen Rabbi vor den Menschen demütigen. Schon am ersten Tag, als Jesus auf dem Fest erschien, kamen die Obersten zu ihm und fragten ihn, in wessen Vollmacht er lehre. Durch die Frage, ob er überhaupt das Recht habe zu lehren, wollten sie die Aufmerksamkeit von ihm weg auf ihre eigene Stellung und Autorität lenken.

Jesus sagte: »Was ich verkünde, ist nicht meine eigene Lehre; es ist die Lehre dessen, der mich gesandt hat. Wenn jemand bereit ist, Gottes Willen zu erfüllen, wird er erkennen, ob das, was ich lehre, von Gott ist oder ob ich aus mir selbst heraus rede.« (Johannes 7,16.17 NGÜ) Jesus beantwortete die Frage dieser Kritiker nicht, indem er auf ihre Sticheleien einging. Vielmehr enthüllte er vor ihnen die Wahrheit für die Erlösung der Menschen. Die Wahrnehmung und Anerkennung der Wahrheit, erklärte Jesus, sei weniger eine Frage des Verstandes als vielmehr eine Herzenssache. Die Wahrheit muss ins Herz aufgenommen werden, was eine Unterordnung des Willens erfordert. Könnte man die Wahrheit allein mit dem Verstand erfassen, wäre Überheblichkeit kein Hindernis, sie zu erlangen. Doch nur durch das gnädige Wirken Gottes am menschlichen Herzen kann die Wahrheit aufgenommen werden. Voraussetzung dafür ist, dass man sich von jeder Sünde, die Gottes Geist aufdeckt, abwendet. Wenn es um die Erkenntnis der Wahrheit geht, sind die Vorzüge eines Menschen, wie groß sie auch sein mögen, nutzlos, es sei denn, der Mensch öffnet sein Herz, um die Wahrheit zu erfassen, und gibt bewusst jede Gewohnheit und Verhaltensweise auf, die im Gegensatz zu deren Grundsätzen steht. All jenen, die sich auf diese Weise Gott anvertrauen und in ihrem Herzen den aufrichtigen Wunsch tragen, seinen Willen zu erfahren und zu tun, wird die Wahrheit, die zu ihrer Rettung führt, als eine Kraft Gottes offenbart (vgl. Römer 1,16). Solche Menschen werden unterscheiden können, ob jemand im Auftrag Gottes spricht oder aus sich selbst heraus redet. Die Pharisäer hatten ihren Willen nicht dem Willen Gottes unterstellt. Ihnen ging es nicht darum, die Wahrheit zu erkennen – im Gegenteil, sie suchten nach Ausreden, um sie umgehen zu können. Christus machte deutlich, dass dies der Grund dafür war, dass sie seine Lehre nicht verstanden. Nun zeigte ihnen Jesus, wie ein wahrhaftiger Lehrer von einem Betrüger unterschieden werden konnte: »Wer aus sich selbst heraus redet, dem geht es um seine eigene Ehre. Wem es aber um die Ehre dessen geht, der ihn gesandt hat, der ist glaubwürdig und hat keine unrechten Absichten.« (Johannes 7,18 NGÜ) Wer seine eigene Ehre sucht, spricht nur aus sich selbst heraus. Der Geist der Selbstsucht verrät seine Herkunft. Christus dagegen suchte die Ehre Gottes. Er gab Gottes Worte weiter. Dies war der Beweis für seine Vollmacht als Lehrer der Wahrheit. Jesus gab den Rabbinern einen Beweis seiner Göttlichkeit, als er ihnen zeigte, dass er ihre Gedanken lesen konnte. Seit der Heilung am Teich Betesda hatten sie immer wieder Pläne geschmiedet, um ihn zu töten. Dadurch übertraten sie selbst das Gesetz, das sie zu verteidigen vorgaben. »Hat nicht Mose euch das Gesetz gegeben?«, fragte er sie. »Und doch lebt keiner von euch nach dem Gesetz. Mit welchem Recht wollt ihr mich also töten?« (Johannes 7,19 NGÜ) Diese Worte waren für die Rabbiner wie ein kurzer Lichtblitz, der über dem Abgrund des Verderbens aufleuchtete, in den sie zu stürzen drohten. Für einen Augenblick erfüllte sie schreckliche Angst. Sie erkannten, dass sie im Konflikt mit der göttlichen Macht standen. Aber sie schlugen die Warnung in den Wind. Um ihren Einfluss im Volk aufrechtzuerhalten, mussten sie ihre Mordpläne verheimlichen. Indem sie die Frage von Jesus umgingen, erklärten sie: »Du bist von einem Dämon besessen! Wer hat denn die Absicht, dich zu töten?« (Johannes 7,20 NGÜ) Damit unterstellten sie Jesus, dass seine wunderbaren Taten von einem bösen Geist angeregt wurden. Jesus ging nicht auf diese Unterstellung ein. Er fuhr fort und zeigte, dass die Heilung am Teich Betesda mit dem Sabbatgebot übereinstimmte und sie auch durch die jüdische Auslegung des Gesetzes gerechtfertigt war. Er sagte zu ihnen: »Mose hat euch doch die Beschneidung gegeben … und ihr beschneidet den Menschen auch am Sabbat.« (Johannes 7,22) Laut Gesetz musste jeder Junge am achten Tag nach der Geburt beschnitten werden. Auch wenn dieser Tag auf einen Sabbat fiel, musste die Zeremonie durchgeführt werden. Wie viel mehr also war es in Übereinstimmung mit dem Gesetz, »am Sabbat den ganzen Menschen gesund« zu machen (Johannes 7,23b). Eindringlich warnte Jesus: »Urteilt nicht nach dem äußeren Schein, sondern bemüht euch um ein gerechtes Urteil!« (Johannes 7,24 NGÜ) Nun schwiegen die Obersten, und viele aus der Menge riefen: »Ist das nicht der Mann, dem sie nach dem Leben trachten? Aber seht, er redet in aller Öffentlichkeit, und sie verbieten es ihm mit keinem Wort! Sollten unsere führenden Männer etwa zu der Überzeugung gelangt sein, dass er der Messias ist?« (Johannes 7,25.26 NGÜ)

Viele Zuhörer, die in Jerusalem wohnten und die Ränkespiele der Obersten gegen Christus kannten, fühlten sich durch eine unwiderstehliche Kraft zu ihm hingezogen. Ihnen drängte sich die Überzeugung auf, dass er Gottes Sohn sei. Doch Satan war bereit, Zweifel zu säen. Der Weg dazu war durch ihre falschen Vorstellungen vom Messias und von seinem Kommen bereits vorbereitet. Es wurde allgemein angenommen, der Messias werde in Bethlehem geboren, nach einer gewissen Zeit jedoch wieder verschwinden. Bei seinem zweiten Erscheinen werde niemand wissen, woher er kommt. Nicht wenige dachten, der Messias würde keine natürlichen Verwandtschaftsbeziehungen haben. Da Jesus von Nazareth nicht der weitverbreiteten Vorstellung von der Herrlichkeit des Messias entsprach, meinten viele: »Nun wissen wir allerdings bei diesem Mann, woher er kommt. Doch wenn der Messias auftreten wird, weiß niemand, woher er kommt.« (Johannes 7,27 NGÜ) Während sie zwischen Zweifeln und Glauben hin und herschwankten, griff Jesus ihre Gedanken auf und antwortete ihnen: »Ihr meint, mich zu kennen und zu wissen, woher ich komme. Aber ich bin nicht im eigenen Auftrag gekommen; es gibt einen, der mich gesandt hat, und das ist der wahre Gott. Doch den kennt ihr nicht.« (Johannes 7,28 NGÜ) Sie behaupteten zu wissen, woher Christus kommen werde, in Wirklichkeit aber waren sie völlig ahnungslos. Wäre ihr Leben in Übereinstimmung mit Gottes Willen gewesen, hätten sie seinen Sohn erkannt, als er ihnen bekannt gemacht wurde. Die Zuhörer verstanden die Worte von Christus sehr wohl. Diese waren eine deutliche Wiederholung seines Anspruchs, den er etliche Monate zuvor im Beisein des Hohen Rates erhoben hatte, als er sich als Sohn Gottes zu erkennen gab. Schon damals hatten die Obersten darüber beraten, wie sie ihn töten könnten. Nun wollten sie ihn ergreifen. Doch eine unsichtbare Macht hinderte sie daran, gebot ihrer Wut Einhalt und sagte: Bis hierher und nicht weiter! »Viele aus dem Volk glaubten an ihn und sprachen: Wenn der Christus kommen wird, wird er etwa mehr Zeichen tun, als dieser getan hat?« (Johannes 7,31) Die Führer der Pharisäer verfolgten das Geschehen mit wachsender Sorge. Sie bemerkten, wie die Anteilnahme gegenüber Jesus im Volk wuchs. Sie eilten zu den Hohenpriestern und planten gemeinsam, wie sie ihn festnehmen könnten. Sie kamen jedoch überein, dass sie ihn ergreifen sollten, wenn er allein war. Sie wagten es nicht, ihn vor dem Volk zu verhaften. Erneut zeigte ihnen Jesus, dass er ihre Absichten kannte. Er sagte zu ihnen: »Ich bin noch eine kleine Zeit bei euch, und dann gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat. Ihr werdet mich suchen und nicht finden; und wo ich bin, könnt ihr nicht hinkommen.« (Johannes 7,33.34) Bald würde er einen Zufluchtsort finden, außerhalb der Reichweite ihrer Verachtung und ihres Hasses. Er würde wieder zu seinem Vater auffahren und von den Engeln verehrt werden. Dorthin könnten ihm seine Mörder niemals folgen. Höhnisch meinten die Rabbiner: »Er will an einen Ort gehen, wo wir ihn nicht finden können! Wo soll das denn sein? Will er etwa zu den Juden gehen, die im Ausland leben, und am Ende sogar den fremden Völkern seine Lehre bringen?« (Johannes 7,35 NGÜ) Diese Kritiker hätten nicht im Traum daran gedacht, dass sie mit ihren höhnischen Worten exakt den Dienst von Christus beschrieben. Den ganzen Tag lang hatte er der unfolgsamen und widerspenstigen Menge seine Hände einladend entgegengestreckt. Doch er würde von denen gefunden werden, die ihn nicht suchten, und einem Volk offenbart werden, das nicht nach ihm fragte (vgl. Römer 10,20.21). Viele, die davon überzeugt waren, dass Jesus der Sohn Gottes war, wurden durch die falschen Schlussfolgerungen der Priester und Rabbiner irregeführt. Diese Lehrer hatten mit nachhaltiger Wirkung die Weissagungen der Propheten zitiert, laut derer der Messias »König sein wird auf dem Berg Zion und zu Jerusalem und vor seinen Ältesten in Herrlichkeit« (Jesaja 24,23b) und der »von einem Meer bis zum anderen und vom Euphrat bis zum Ende der Erde« herrschen soll (Psalm 72,8 NLB). Verächtlich verglichen sie nun diese hier geschilderte Herrlichkeit mit der ärmlichen Erscheinung von Jesus. Die klaren prophetischen Aussagen wurden derart verdreht, dass sie den Irrtum bekräftigten. Hätten die Menschen ernsthaft Gottes Wort studiert, wären sie nicht getäuscht worden. Das 61. Kapitel im Buch Jesaja bezeugt, dass Christus genau das tun musste, was er tat. Im Kapitel 53 wird geschildert, wie er verworfen wird und in der Welt leidet. Kapitel 59 beschreibt den Charakter der Priester und Rabbiner. Gott zwingt die Menschen nicht, ihren Unglauben aufzugeben. Vor ihnen liegen Licht und Finsternis, Wahrheit und Irrtum. Es ist ihre Entscheidung, was sie annehmen wollen. Der menschliche Verstand ist mit der Fähigkeit ausgestattet, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden. Gott wollte, dass sich die Menschen aufgrund einer genauen Untersuchung der Beweislage und nach sorgfältigem Vergleich der Schriftstellen entscheiden und nicht aus spontanen Regungen heraus. Hätten die jüdischen Gelehrten ihr Vorurteil abgelegt und das prophetische Wort mit den Umständen verglichen, die das Leben von Jesus kennzeichneten, hätten sie die bewundernswerte Übereinstimmung zwischen den Weissagungen und deren Erfüllung im Leben und Wirken des demütigen Galiläers feststellen können. Viele werden auch heute wie die jüdischen Gelehrten damals auf die gleiche Art und Weise getäuscht. Theologen legen die Bibel nach ihrem eigenen Verständnis oder anhand von Überlieferungen aus. Die Menschen forschen nicht selbst in der Schrift, um beurteilen zu können, was Wahrheit ist. Sie verzichten auf ein eigenes Urteil und verlassen sich ganz auf ihre Führer. Eines der Mittel, die Gott dazu bestimmt hat, um Licht zu verbreiten, ist das Predigen und Lehren seines Wortes. Alles jedoch, was Menschen lehren, muss anhand der Bibel überprüft werden. Jeder, der unter Gebet die Bibel studiert und sich wünscht, die Wahrheit zu erkennen und auf sie zu hören, wird mit göttlichem Licht erleuchtet werden. Er wird Gottes Wort verstehen. »Wenn jemand bereit ist, Gottes Willen zu erfüllen, wird er erkennen, ob das, was ich lehre, von Gott ist oder ob ich aus mir selbst heraus rede.« (Johannes 7,17 NGÜ)

Am letzten Tag des Festes kehrten die Knechte, die im Auftrag der Priester und Obersten ausgesandt worden waren, um Jesus zu ergreifen, zurück – jedoch ohne ihn. Zornig fragte man sie: »Warum habt ihr ihn nicht gebracht?« Mit ernster Miene antworteten sie: »Noch nie hat ein Mensch so geredet wie dieser.« (Johannes 7,45b.46) So verhärtet ihre Herzen auch waren, die Worte von Jesus hatten sie im tiefsten Inneren getroffen. Während er im Vorhof des Tempels redete, hielten sie sich in seiner Nähe auf, um etwas aufzuschnappen, was sie gegen ihn hätten verwenden können. Aber als sie so zuhörten, vergaßen sie, wozu man sie hergeschickt hatte, und standen wie gebannt da. Christus offenbarte sich ihnen persönlich. Sie sahen, was die Priester und Obersten nicht sehen wollten: einen Menschen, durchdrungen von göttlicher Herrlichkeit! Als sie zurückkehrten, waren sie so von seinen Gedanken und Worten erfüllt, dass sie auf die Frage: »Warum habt ihr ihn nicht gebracht?« nur erwidern konnten: »Noch nie hat ein Mensch so geredet wie dieser.« (Johannes 7,45b.46) Die Priester und Obersten hatten dasselbe verspürt, als sie Jesus zum ersten Mal begegnet waren. Ihre Herzen waren tief berührt worden, und der Gedanke, »noch nie hat ein Mensch so geredet wie dieser«, hatte sich ihnen aufgedrängt. Doch sie hatten das überzeugende Wirken des Heiligen Geistes unterdrückt. Wütend darüber, dass nun sogar Beamte, die für Recht und Ordnung hätten sorgen müssen, von diesem verhassten Galiläer beeinflusst waren, schrien sie: »Habt ihr euch auch verführen lassen? Glaubt denn einer von den Oberen oder Pharisäern an ihn? Nur das Volk tut es, das nichts vom Gesetz weiß; verflucht ist es.« (Johannes 7,47-49) Wer die Botschaft der Wahrheit gehört hat, fragt selten: »Ist sie wahr?«, sondern: »Wer befürwortet sie?« Die meisten machen ihr Urteil davon abhängig, wie viele Leute dieser Botschaft zustimmen. Und noch immer wird die Frage gestellt: »Haben jemals kluge Männer und religiöse Führer daran geglaubt?« Die Menschen betrachten wahre Frömmigkeit heute nicht wohlwollender als zur damaligen Zeit. Sie streben genauso unermüdlich nach irdischen Gütern und lassen den unvergänglichen Reichtum außer Acht. Es spricht nicht gegen die Wahrheit, dass die breite Masse oder die Berühmtheiten der Welt, ja sogar die religiösen Führer diese nicht annehmen. Erneut begannen die Priester und Obersten Pläne zu schmieden, um Jesus gefangen zu nehmen. Es wurde darauf gedrängt, ihn nicht länger gewähren zu lassen, denn sonst würde er das Volk den etablierten Führern abspenstig machen. Das einzig Sichere wäre, ihn unverzüglich zum Schweigen zu bringen. Mitten in ihren Beratungen wurden sie plötzlich von Nikodemus unterbrochen, der fragte: »Entspricht es etwa unserem Gesetz, einen Mann zu verurteilen, ehe man ihn angehört und erkannt hat, ob er schuldig ist?« (Johannes 7,51 NLB) Stille erfüllte die Versammlung. Die Worte von Nikodemus richteten sich an ihr Gewissen. Niemand konnte verurteilt werden, ohne vorher angehört zu werden. Aber dies war nicht der einzige Grund, warum die hochmütigen Ratsmitglieder schwiegen. Sie starrten den an, der es gewagt hatte, sich für die Gerechtigkeit einzusetzen. Sie waren überrascht und verärgert, dass einer aus ihrer Mitte so sehr von Jesus beeindruckt war, dass er ihn verteidigte. Als sie ihre Sprache wiedergefunden hatten, fragten sie Nikodemus spöttisch: »Stammst du etwa auch aus Galiläa? Forsche doch in der Schrift nach, dann wirst du es selbst sehen: Aus Galiläa kommt kein Prophet!« (Johannes 7,52 NLB) Dennoch führte der Einspruch dazu, dass der Hohe Rat die Verhandlungen abbrach. Die Obersten waren nicht in der Lage, ihren Plan durchzuführen und Jesus ohne Verhör zu verurteilen. Für den Augenblick war ihr Vorhaben vereitelt. Darum »gingen sie alle nach Hause. Jesus aber ging zum Ölberg« (Johannes 7,53; 8,1 NGÜ). 

Die Ehebrecherin

Jesus wandte sich vom Trubel und Lärm der Stadt, von der erwartungsvollen Menge und den heimtückischen Rabbinern ab. Er begab sich in die Stille der Olivenhaine am Ölberg, wo er mit Gott allein sein konnte. Aber »früh am Morgen war Jesus wieder im Tempel. Das ganze Volk versammelte sich um ihn, und er setzte sich und begann zu lehren« (Johannes 8,2 NGÜ). Bald darauf wurde er unterbrochen. Einige Pharisäer und Schriftgelehrte kamen auf ihn zu und zerrten eine Frau mit sich, der die Angst ins Gesicht geschrieben stand. Mit strenger und ungeduldiger Stimme beschuldigten sie die Frau, das siebte Gebot übertreten zu haben. Nachdem sie die Frau zu Jesus hingestoßen hatten, sagten sie in scheinheiliger Ehrfurcht: »Meister, diese Frau ist eine Ehebrecherin; sie ist auf frischer Tat ertappt worden. Mose hat uns im Gesetz befohlen, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du dazu?« (Johannes 8,4.5 NGÜ) Hinter ihrer vorgetäuschten Ehrerbietung verbarg sich eine raffinierte Verschwörung, die zum Ziel hatte, ihn zugrunde zu richten. Begierig hatten sie sich diese Gelegenheit zunutze gemacht, um sicherzugehen, dass sie ihn nun verurteilen konnten. Wie immer er entscheiden würde, so dachten sie, könnten sie einen Grund finden, um ihn anzuklagen. Sollte er die Frau freisprechen, könnten sie ihn der Missachtung des mosaischen Gesetzes bezichtigen. Sollte er sie aber für schuldig erklären und damit ihrem Tod zustimmen, könnten sie ihn bei den Römern verklagen, weil er sich etwas angemaßt hatte, das nur ihnen zustand. Einen Moment lang betrachtete Jesus die Szene. Er sah das Opfer, zitternd in seiner Schande, aber auch die harten Gesichtszüge der unbarmherzigen und unmenschlichen Würdenträger. Jesus, in seiner makellosen Reinheit, schreckte vor diesem Anblick zurück. Er wusste ganz genau, warum sie diese Angelegenheit vor ihn gebracht hatten. Er kannte ihr Herz und ihren Charakter und wusste über die Vergangenheit eines jeden Umstehenden Bescheid. Diese sogenannten Hüter des Gesetzes hatten die Frau selbst zur Sünde verführt, damit sie Jesus eine Falle stellen konnten. Ohne auf ihre Frage einzugehen, bückte er sich, richtete seinen Blick auf den Boden und begann in den Staub zu schreiben. Ungeduldig über sein Zögern und seine scheinbare Gleichgültigkeit, kamen die Ankläger näher und drängten ihn, sich der Angelegenheit anzunehmen. Doch als ihre Blicke – den Augen von Jesus folgend – auf den Boden zu seinen Füßen fielen, erbleichten sie. Dort, vor ihnen aufgezeichnet, standen die sündigen Geheimnisse ihres eigenen Lebens zu lesen. Die umstehenden Zuschauer bemerkten die plötzliche Veränderung in ihren Gesichtern und drängten sich näher heran, um herauszufinden, worüber sie so erstaunt und beschämt waren. Obwohl die Rabbiner vorgaben, das Gesetz in Ehren zu halten, missachteten sie dessen Vorschriften, indem sie die Frau anklagten. Es wäre die Verpflichtung des Ehemanns gewesen, gesetzliche Maßnahmen gegen seine Frau zu ergreifen. Und die beteiligten Schuldigen hätten gleichermaßen bestraft werden müssen. Das Vorgehen der Ankläger entbehrte daher jeder Rechtsgrundlage. Jesus aber schlug sie mit ihren eigenen Waffen. Das Gesetz verlangte, dass bei einer Steinigung die Zeugen des Geschehens den ersten Stein werfen sollten (vgl. 5. Mose 17,7). Als sich Jesus aufrichtete, schaute er die Ankläger an und sagte: »Wer von euch ohne Sünde ist, der soll den ersten Stein auf sie werfen.« (Johannes 8,7b NGÜ) Dann bückte er sich erneut und fuhr fort, in den Staub zu schreiben. Er hatte weder das mosaische Gesetz übergangen noch das römische Recht verletzt. Die Ankläger dagegen waren besiegt. Das Gewand ihrer vorgetäuschten Heiligkeit fiel jäh von ihnen ab. Nun standen sie selbst schuldig und verurteilt in der Gegenwart der unendlichen Reinheit. Sie zitterten aus Furcht, die verborgene Schuld ihres Lebens könnte vor den vielen Anwesenden ans Licht kommen. Einer nach dem anderen stahl sich mit gesenktem Haupt und niedergeschlagenen Augen davon. Die betroffene Frau ließen sie beim erbarmungsvollen Erlöser zurück. 

Jesus richtete sich auf, schaute die Frau an und sprach zu ihr: »Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.« (Johannes 8,10.11) Zitternd vor Angst hatte die Frau vor Jesus gestanden. Seine Worte: »Wer von euch ohne Sünde ist, der soll den ersten Stein auf sie werfen« (Johannes 8,7b NGÜ) bedeuteten für sie das Todesurteil. Sie wagte es nicht, dem Erlöser in die Augen zu schauen, sondern erwartete schweigend ihr Ende. Mit Erstaunen sah sie, wie ihre Ankläger sprachlos und bestürzt weggingen. Dann ertönten die hoffnungsvollen Worte: »So verdamme ich dich auch nicht; gehe hin und sündige hinfort nicht mehr.« (Johannes 8,11b) Diese Worte trafen sie im tiefsten Inneren. Schluchzend warf sie sich Jesus zu Füßen, stammelte Worte dankbarer Liebe und bekannte unter bitteren Tränen ihre Sünden. Für sie begann nun ein neues Leben, ein Leben der Reinheit und des Friedens, treu ergeben im Dienst für ihren Herrn. Indem Jesus diesen gefallenen Menschen aufrichtete, vollbrachte er ein größeres Wunder, als wenn er das schwerste körperliche Leiden geheilt hätte. Er heilte die seelische Krankheit, die unweigerlich zum ewigen Tod geführt hätte. Diese reumütige Frau wurde eine seiner treuesten Nachfolgerinnen. Mit aufopfernder Liebe und Hingabe erwiderte sie seine vergebende Barmherzigkeit. Als Jesus dieser Frau vergab und sie ermutigte, ein besseres Leben zu führen, leuchtete sein Wesen in der Schönheit vollkommener Gerechtigkeit auf. Obgleich er die Sünde nicht beschönigte noch das Schuldgefühl schmälerte, war er bemüht, nicht zu verurteilen, sondern zu erretten. Die Welt hatte für diese sündige Frau nur Verachtung und Hohn übrig. Jesus aber sprach Worte des Trostes und der Hoffnung. Der Sündlose hatte Erbarmen mit der schwachen Sünderin und streckte ihr helfend seine Hand entgegen. Während die scheinheiligen Pharisäer sie beschuldigten, forderte Jesus sie auf: »Geh hin und sündige hinfort nicht mehr.« (Johannes 8,11b) Wer sich von den Irrenden abwendet und sie auf dem Weg ins Verderben sich selbst überlässt, ist kein Nachfolger von Christus. Wer schnell dabei ist, andere anzuklagen, und sie mit Eifer zur Rechenschaft zieht, hat im eigenen Leben oft mehr Schuld auf sich geladen als diese. Die Menschen hassen den Sünder und lieben die Sünde; Christus aber hasst die Sünde und liebt den Sünder. Von diesem Geist werden alle seine Nachfolger beseelt sein. Christliche Liebe ist zurückhaltend im Tadeln und erkennt schnell, wenn jemand Reue zeigt. Sie ist bereit zu vergeben, zu ermutigen, den verirrten Wanderer auf den Weg der Heiligung zu bringen und ihn auf diesem Weg zu unterstützen.

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