Die kanaanäische Frau

Die kanaanäische Frau

Matthäus 15,21-28; Markus 7,24-30

Nach der Begegnung mit den Pharisäern verließ Jesus Kapernaum, zog durch Galiläa und begab sich in das hügelige Land an der Grenze zu Phönizien. Wenn er nach Westen schaute, konnte er in der Ebene unten die alten Städte Tyrus und Sidon mit ihren heidnischen Tempeln und prachtvollen Palästen, den großen Märkten sowie dem Hafen mit den vielen Schiffen sehen. Dahinter dehnte sich die blaue Fläche des Mittelmeeres aus, über welches hinweg die Apostel die frohe Botschaft von der Erlösung ins Herz des Römischen Weltreiches tragen sollten. Aber die Zeit war noch nicht reif dafür. Jetzt musste er zuerst seine Jünger auf ihre Aufgabe vorbereiten. Jesus war in diese Gegend gekommen, weil er hoffte, hier Ruhe von der Arbeit zu finden, die er in Betsaida vergeblich gesucht hatte. Doch das war nicht der einzige Grund dieser Reise.

»Eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt.« (Matthäus 15,22) Die Einwohner dieser Gegend stammten vom alten Geschlecht der Kanaaniter ab. Sie waren Götzenanbeter und deswegen bei den Juden verachtet und verhasst. Zu diesem Volk gehörte auch die Frau, die zu Jesus kam. Sie war eine Heidin und darum von den Vorrechten, derer sich die Juden täglich erfreuten, ausgeschlossen. Unter den Phöniziern lebten damals viele Juden. Die Neuigkeiten über das Wirken von Christus waren bis in diese Gegend durchgedrungen. Einige Leute hatten ihm schon zugehört und seine wunderbaren Taten miterlebt. Diese Frau hatte vernommen, dass der Prophet alle möglichen Krankheiten heilen könne. Als sie von seiner Macht hörte, keimte Hoffnung in ihr auf. Getrieben von der Liebe zu ihrem Kind, entschloss sie sich, die Angelegenheit ihrer Tochter vor Jesus zu bringen. Es war ihre feste Absicht, mit ihrem großen Kummer zu Jesus zu gehen. Er musste ihr Kind heilen. Sie hatte Hilfe bei den heidnischen Göttern gesucht, doch es war keine Besserung eingetreten. Es gab Zeiten, da war sie versucht zu denken: Was kann dieser jüdische Lehrer schon für mich tun? Doch man erzählte sich, dass er alle Arten von Krankheiten heilen könne, ohne Rücksicht darauf, ob ein Hilfesuchender arm oder reich war. Darum entschloss sich diese kanaanäische Frau, ihre einzige Hoffnung nicht aufzugeben. Christus kannte die Notlage dieser Frau. Er wusste, dass sie sich danach sehnte, ihn zu sehen. Darum begab er sich dorthin, wo sie ihm begegnen konnte. Indem er auf ihren Kummer einging, erteilte er seinen Jüngern einen lebendigen Anschauungsunterricht dessen, was er sie zu lehren gedachte. Deswegen war er mit seinen Jüngern in diese Gegend gezogen. Er wünschte sich, dass sie die große Unwissenheit sehen könnten, die in den Dörfern und Städten rund um Israel herrschte. Das Volk, dem Gott jede Gelegenheit gegeben hatte, die Wahrheit zu verstehen, wusste nichts von den Nöten der umliegenden Völker. Niemand bemühte sich darum, Menschen aus ihrer geistlichen Finsternis herauszuführen. Die Schranken, die durch den jüdischen Stolz aufgerichtet worden waren, hielten sogar die Jünger davon ab, mit den Heiden Mitleid zu haben. Aber diese Mauern der Trennung mussten niedergerissen werden. Jesus ging nicht sofort auf die Bitte der Frau ein. Er begegnete ihr – der Vertreterin eines verachteten Volkes – so, wie es die Juden getan hätten. Er wollte den Jüngern durch diese Begrüßung zeigen, wie kalt und herzlos die Juden eine solche Frau behandelten. Wenn er dann die Bitte der Frau erfüllte, sollten sie auf seine mitfühlende Teilnahme achten und später genauso handeln. Obwohl Jesus der Frau nicht antwortete, gab sie die Hoffnung nicht auf. Er ging einfach weiter und tat, als habe er sie nicht gehört. Doch sie folgte ihm und wiederholte ihre Bitte. Die Jünger ärgerten sich darüber, dass die Frau so aufdringlich war, und forderten Jesus auf, sie wegzuschicken. Sie sahen, dass ihr Meister sie gleichgültig behandelte, und nahmen an, dass er das Vorurteil billigte, das die Juden gegen die Kanaaniter hegten. Aber die Frau richtete ihre Bitte an einen barmherzigen Erlöser. Als Antwort auf die Aufforderung seiner Jünger sagte Jesus: »Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.« (Matthäus 15,24) Diese Worte schienen mit dem Vorurteil der Juden übereinzustimmen. Dennoch enthielten sie einen unausgesprochenen Tadel an die Jünger, den sie erst später verstanden, als er sie an das erinnerte, was er ihnen oft gesagt hatte: Er war in die Welt gekommen, um alle zu erlösen, die ihn annehmen. Immer eindringlicher flehte die Frau Jesus an, warf sich ihm zu Füßen und rief aus: »Herr, hilf mir!« Es schien, als würde Jesus, wie die voreingenommenen, herzlosen Juden, ihre Bitte noch immer abweisen. Er antwortete: »Es ist nicht recht, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden vorzuwerfen.« (Matthäus 15,25.26 NGÜ) Dies bestätigte eigentlich, dass es nicht richtig war, die Segnungen, die Gott doch für sein auserwähltes Volk vorgesehen hatte, an Menschen außerhalb von Israel zu verschwenden. Diese Antwort hätte jeden weniger ernsthaft Suchenden gänzlich entmutigt. Die Frau aber spürte, dass ihre Gelegenheit gekommen war. Hinter der scheinbaren Ablehnung von Jesus erkannte sie ein Mitleid, das er nicht verbergen konnte. »Das stimmt, Herr«, erwiderte sie, »aber immerhin fressen die Hunde die Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren herunterfallen.« (Matthäus 15,27 NGÜ) Solange die Kinder der Familie vom Tisch ihres Vaters essen, gehen auch die Hunde nicht leer aus. Sie haben Anrecht auf die Brotkrümel, die vom reich gedeckten Tisch fallen. Wenn Israel so viele Segnungen empfangen hatte, gab es dann nicht auch einen Segen für sie? Wenn sie mit einem Hund verglichen wurde, hatte sie dann nicht wenigstens auch das Anrecht eines Hundes auf die Krümel der Wohltaten Gottes?

Jesus hatte gerade den Ort verlassen, an dem er gewirkt hatte, weil ihm die Schriftgelehrten und Pharisäer nach dem Leben trachteten. Sie murrten und beschwerten sich, brachten ihren Unglauben und ihre Bitterkeit zum Ausdruck und lehnten das Heil ab, das ihnen so großzügig angeboten wurde. Hier nun traf Christus einen Menschen aus einem benachteiligten und verhassten Volk, das nicht das Vorrecht hatte, vom Licht des Wortes Gottes erleuchtet zu werden. Doch diese Frau gab sich sofort dem göttlichen Einfluss hin und vertraute vorbehaltlos darauf, dass Jesus ihre Bitte erfüllen könne. Sie bat um die Krümel, die vom Tisch des Herrn fielen. Wenn ihr das Vorrecht eines Hundes gewährt würde, war sie gern bereit, als ein solcher angesehen zu werden. Sie hatte weder nationale noch religiöse Vorurteile und besaß diesbezüglich auch keinen Stolz, der ihr Verhalten beeinflusst hätte. Augenblicklich erkannte sie in Jesus ihren Retter und glaubte, dass er imstande sei, alles zu tun, worum sie ihn bat. Dies genügte dem Erlöser. Er hatte ihren Glauben an ihn auf die Probe gestellt. Durch den Umgang mit ihr hatte er allen gezeigt, dass sie, die als Ausgestoßene des Volkes Israel galt, nicht länger ein Fremdling, sondern ein Kind der göttlichen Familie war. Als Kind hatte sie das Vorrecht, an den Gaben des Vaters teilzuhaben. Christus erfüllte nun ihre Bitte und beendete damit die Unterweisung seiner Jünger. Indem er sich umwandte und die Frau voller Erbarmen und Liebe anblickte, sagte er zu ihr: »Frau, dein Glaube ist groß! Was du willst, soll geschehen.« (Matthäus 15,28 NGÜ) Von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt. Der Dämon plagte sie nicht mehr. Nun ging die Frau weg, bezeugte Jesus als ihren Erlöser und war glücklich, dass ihre Bitte erhört worden war. Dies war das einzige Wunder, das Jesus während dieser Reise vollbrachte. Nur dieser Tat wegen war er ins Grenzgebiet von Tyrus und Sidon gegangen. Er wollte die gequälte Frau befreien und gleichzeitig durch diese barmherzige Tat an einem Menschen eines verachteten Volkes seinen Jüngern ein Beispiel für die Zeit hinterlassen, wenn er nicht mehr bei ihnen sein würde. Er hatte das Verlangen, die Jünger von ihrem jüdischen Denken, etwas Besonderes zu sein, wegzuführen, und in ihnen das Interesse für den Dienst an Menschen außerhalb ihres eigenen Volkes zu wecken. Jesus sehnte sich danach, die tiefen Geheimnisse der Wahrheit zu enthüllen, die Jahrhunderte lang verborgen geblieben waren; nämlich, dass »auch die anderen Völker … durch Christus das Reich Gottes erben« sollen, »zu seiner Gemeinde gehören und die Zusagen Gottes in Anspruch nehmen, wie es die gute Botschaft sagt« (Epheser 3,6 NLB). Die Jünger konnten diese Wahrheit nur schwer begreifen. Darum unterwies sie der göttliche Lehrer immer wieder. Als er den Glauben des römischen Hauptmanns in Kapernaum belohnte und den Einwohnern von Sychar das Evangelium predigte, hatte er bereits bewiesen, dass er die Intoleranz der jüdischen Führer nicht teilte. Doch die Samariter hatten eine gewisse Gotteserkenntnis, und der Hauptmann war den Israeliten gegenüber wohlgesinnt. Nun aber brachte Jesus die Jünger in Kontakt mit einer Heidin, von der sie dachten, dass sie genauso wenig wie die anderen aus ihrem Volk das Recht habe, von Jesus Wohlwollen zu erwarten. Er aber gab ihnen ein Beispiel, wie solch ein Mensch behandelt werden sollte. Die Jünger hatten gedacht, Jesus verteile seine Gnadengaben zu großzügig. Doch er zeigte ihnen, dass sich seine Liebe nicht auf eine Rasse oder eine Nation beschränkte. Als Christus sagte: »Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel« (Matthäus 15,24), sagte er die Wahrheit. Durch das, was er für die kanaanäische Frau tat, erfüllte er seinen Auftrag. Diese Frau war eines der »verlorenen Schafe«, welche Israel hätte retten sollen. Christus erfüllte nun die Aufgabe, die den Juden aufgetragen worden war, der sie jedoch keine Beachtung geschenkt hatten. Diese Tat öffnete das Verständnis der Jünger noch mehr für das Werk, das sie unter den Heiden erwartete. Sie erkannten ein weites, fruchtbares Arbeitsfeld außerhalb von Judäa. Sie sahen Menschen, die mit Sorgen beladen waren, von denen Bessergestellte nichts wussten. Unter jenen, die zu verachten sie gelehrt worden waren, fanden sich Menschen, die sich nach der Hilfe des mächtigen Arztes und nach dem Licht der Wahrheit, das den Juden in so reicher Fülle geschenkt worden war, sehnten. Später lehnten die jüdischen Führer die Jünger immer entschiedener ab, weil diese verkündigten, dass Jesus der Erlöser der Welt sei. Als durch den Tod von Christus die Trennwand zwischen Juden und Heiden niedergerissen wurde, übten diese und ähnliche Beispiele, die auf das Werk des Evangeliums unabhängig von Brauchtum oder Volk hinwiesen, einen starken Einfluss auf die Arbeit der Botschafter von Christus aus.

Mit dem Aufenthalt in Phönizien und dem dort vollbrachten Wunder verfolgte der Erlöser noch eine weitere Absicht. Nicht allein wegen der geplagten Frau, wegen der Jünger und wegen jener Menschen, zu deren Wohl sie arbeiten sollten, wurde dieses Wunder vollbracht, sondern auch »damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen« (Johannes 20,31b). Dieselben Mächte, die vor 1800 Jahren den Menschen den Weg zu Christus versperrten, sind noch heute am Werk. Der Geist, der die Trennwand zwischen Juden und Heiden aufrichtete, ist nach wie vor tätig. Stolz und Vorurteile haben starke Mauern zwischen unterschiedlichen Gesellschaftsschichten aufgebaut. Christus und sein Auftrag wurden falsch dargestellt, und viele Menschen denken, sie seien vom Segen des Evangeliums ausgeschlossen. Doch gebt ihnen nicht das Gefühl, Christus habe sie verstoßen. Weder Menschen noch Satan können Schranken errichten, die der Glaube nicht überwinden könnte. Die Frau aus Phönizien stemmte sich im Glauben gegen diese Schranken. Trotz der Entmutigung und des äußeren Scheins, der sie zum Zweifeln hätte bringen können, vertraute sie der Liebe des Erlösers. So wünscht sich Christus, dass auch wir ihm vertrauen. Der Segen der Erlösung gilt jedem Menschen. Nur seine eigene Entscheidung kann einen Menschen daran hindern, durch die Gute Nachricht Teilhaber an dem zu werden, was Christus durch das Evangelium verheißen hat. Gott verabscheut es, wenn Menschen in Gesellschaftsklassen eingeteilt werden. Er setzt sich über jedes Ansehen hinweg. In seinen Augen haben alle Menschen den gleichen Wert. »Er hat aus einem einzigen Menschen das ganze Menschengeschlecht erschaffen, damit es die ganze Erde bewohne. Er hat für sie bestimmte Zeiten und die Grenzen ihrer Wohnsitze festgesetzt. Sie sollten Gott suchen, ob sie ihn ertasten und finden könnten; denn keinem von uns ist er fern.« (Apostelgeschichte 17,26.27 EÜ) Ohne Unterschied in Bezug auf Alter, Rang, Nationalität oder religiöse Vorrechte sind alle eingeladen, zu ihm zu kommen, um das ewige Leben zu erhalten. »Wer an ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen. Darin gibt es keinen Unterschied.« (Römer 10,11.12a EÜ) »Es hat darum auch nichts mehr zu sagen, ob ein Mensch Jude ist oder Nichtjude, ob im Sklavenstand oder frei, ob Mann oder Frau.« (Galater 3,28a NGB) »Reiche und Arme begegnen einander; der Herr hat sie alle gemacht.« (Sprüche 22,2) »Alle haben denselben Herrn; aus seinem Reichtum beschenkt er alle, die ihn anrufen. Denn jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.« (Römer 10,12b.13 EÜ)

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