Jesus in Nazareth

Jesus in Nazareth

Matthäus 13,53-58; Markus 6,1-6; Lukas 4,16-30

Über den frohen Tagen des Wirkens von Jesus in Galiläa lag ein Schatten. Die Bewohner Nazareths wiesen ihn ab und sagten: »Ist er nicht der Sohn des Zimmermanns?« (Matthäus 13,55) In seiner Kindheit und Jugendzeit hatte Jesus gemeinsam mit seinen Brüdern an den Gottesdiensten in der Synagoge von Nazareth teilgenommen. Seit Beginn seines Wirkens war er nicht mehr bei ihnen gewesen. Doch sie wussten, was ihm widerfahren war. Als er nun wieder zu ihnen kam, steigerten sich ihr Interesse und ihre Erwartung ins schier Unermessliche. Dies war seine vertraute Umgebung. Hier sah er die Gesichter, die er seit seiner Kindheit kannte. Hier waren seine Mutter, seine Brüder und seine Schwestern. Als er am Sabbat die Synagoge betrat, um unter den Gottesdienstbesuchern Platz zu nehmen, richteten sich aller Augen auf ihn. Gewöhnlich las der Synagogenälteste im Gottesdienst aus den Schriften der Propheten und ermahnte die Leute, weiterhin auf den Einen zu hoffen, der eine glorreiche Herrschaft aufrichten und aller Unterdrückung ein Ende bereiten würde. Er dachte, seine Zuhörer dadurch zu ermutigen, dass er mit ihnen die Hinweise auf das baldige Kommen des Messias studierte. Er schilderte die Herrlichkeit von dessen Ankunft und unterstrich besonders den Gedanken, dass der Messias als Heerführer auftreten und Israel befreien werde.

Wenn ein Rabbiner in der Synagoge anwesend war, erwartete man von ihm, dass er die Ansprache hielt. Aus den Propheten hingegen durfte jeder Israelit vorlesen. An jenem Sabbat nun wurde Jesus gebeten, diesen Teil des Gottesdienstes zu übernehmen. Er »stand auf, um aus der Schrift vorzulesen. Man reichte ihm die Schriftrolle des Propheten Jesaja« (Lukas 4,16b.17a NLB). Den Schriftabschnitt, den er vorlas, verstand man allgemein als einen Hinweis auf den Messias: »Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.« (Lukas 4,18.19; vgl. Jesaja 61,1.2) »Jesus rollte das Buch wieder zusammen, gab es dem Synagogendiener zurück und setzte sich. Alle in der Synagoge blickten gespannt auf ihn … Alle spendeten seiner Rede Beifall und staunten über die Botschaft von Gottes rettender Gnade. Aber sie wunderten sich, so etwas aus seinem Mund zu hören.« (Lukas 4,20.22a GNB) Jesus stand als lebendiger Ausleger der Weissagungen, die ihn selbst betrafen, vor der Gemeinde und erklärte die Worte, die er soeben gelesen hatte. Er sprach vom Messias als einem, der die Unterdrückten tröstet, die Gefangenen befreit, die Leidenden heilt, den Blinden das Augenlicht wiedergibt und der Welt das Licht der Wahrheit offenbart. Sein eindrucksvolles Auftreten und die großartige Bedeutung seiner Worte fesselten die Zuhörer, wie sie dies zuvor noch nie erlebt hatten. Die Macht des göttlichen Einflusses brach alle Schranken nieder, und wie einst Mose sahen sie den Unsichtbaren. Während ihre Herzen vom Heiligen Geist ergriffen waren, antworteten sie mit inbrünstigem Amen und priesen Gott. Doch als Jesus erklärte: »Heute ist dieses Wort vor euren Augen und Ohren Wirklichkeit geworden!« (Lukas 4,21 NLB), wurden sie plötzlich wieder in die Gegenwart zurückgerufen und dachten über die erstaunlichen Ansprüche nach, von denen er eben gesprochen hatte. Er hatte sie, die Israeliten und Nachkommen Abrahams, dargestellt, als würden sie in Knechtschaft leben. Er hatte sie als Gefangene bezeichnet, die von der Macht des Bösen erlöst werden müssten – als Menschen, die in der Finsternis lebten und das Licht der Wahrheit nötig hätten. Ihr Stolz war gekränkt, und ihre Ängste waren geweckt. Die Worte von Jesus zeigten, dass sein Wirken für sie ganz anders sein sollte als das, was sie sich gewünscht hatten. Ihre Taten könnten allzu genau untersucht werden. Trotz ihrer Genauigkeit in äußerlichen Zeremonien schreckten sie vor diesem klaren, forschenden Blick zurück.

Wer ist dieser Jesus, fragten sich die Versammelten. Er, der die Herrlichkeit des Messias für sich in Anspruch nahm, war der Sohn eines Zimmermanns und hatte gemeinsam mit seinem Vater Josef in diesem Beruf gearbeitet. Sie hatten gesehen, wie er hart arbeitete, sich bergauf und bergab abmühte. Sie waren mit seinen Brüdern und Schwestern bekannt und wussten um sein Leben und seine Arbeit. Sie hatten beobachtet, wie aus dem Kind ein Jugendlicher und aus dem Jugendlichen ein Mann geworden war. Obwohl er ein unbescholtenes Leben führte, glaubten sie nicht, dass er der Verheißene war. In was für einem Gegensatz stand doch seine Lehre vom neuen Reich zur Lehre, die sie von ihren Ältesten gehört hatten! Jesus hatte nichts über ihre Befreiung von den Römern gesagt. Sie hatten von seinen Wundern gehört und gehofft, er würde seine Macht zu ihrem Vorteil geltend machen. Doch dafür gab es keine Anzeichen. Als sie dem Zweifel die Tür öffneten, verhärteten sich ihre Herzen, die sich zuvor für einen Moment hatten erweichen lassen, umso mehr. Satan wollte unbedingt verhindern, dass an jenem Tag einem Blinden die Augen geöffnet oder versklavte Menschen befreit würden. Mit aller Kraft arbeitete er daran, sie in ihrem Unglauben zu bestärken. Sie maßen dem ihnen bereits gegebenen Zeichen keine Bedeutung bei. Ihr Gewissen hatte sie nämlich davon überzeugt, dass ihr Erlöser zu ihnen sprach. Aber nun bewies ihnen Jesus seine Göttlichkeit, indem er ihnen ihre geheimen Gedanken offenbarte. »Und er sprach zu ihnen: Ihr werdet mir freilich dies Sprichwort sagen: Arzt, hilf dir selber! Denn wie große Dinge haben wir gehört, die in Kapernaum geschehen sind! Tu so auch hier in deiner Vaterstadt! Er sprach aber: Wahrlich, ich sage euch: Kein Prophet gilt etwas in seinem Vaterland. Aber wahrhaftig, ich sage euch: Es waren viele Witwen in Israel zur Zeit des Elia, als der Himmel verschlossen war drei Jahre und sechs Monate und eine große Hungersnot herrschte im ganzen Land, und zu keiner von ihnen wurde Elia gesandt als allein zu einer Witwe nach Sarepta im Gebiet von Sidon. Und viele Aussätzige waren in Israel zur Zeit des Propheten Elisa, und keiner von ihnen wurde rein als allein Naaman aus Syrien.« (Lukas 4,23-27) Indem Jesus Ereignisse aus dem Leben der Propheten erzählte, ging er auf die Fragen seiner Zuhörer ein. Die Mitarbeiter, die Gott für eine besondere Aufgabe berief, durften nicht für ein hartherziges und ungläubiges Volk arbeiten. Wer aber ein empfängliches Herz und die Bereitschaft zum Glauben hatte, erhielt durch die Propheten besondere Beweise der Macht Gottes. In den Tagen des Elia hatten die Israeliten Gott den Rücken gekehrt. Sie hielten an ihren Sünden fest und verwarfen die Warnungen des Geistes, die ihnen die Boten des Herrn verkündeten. Auf diese Weise versperrten sie sich selbst den Weg, auf dem der Segen Gottes zu ihnen hätte gelangen können. Der Herr ging an den Häusern Israels vorbei und fand für seinen Diener Zuflucht in einem heidnischen Land bei einer Frau, die nicht zum auserwählten Volk gehörte. Aber diese Frau fand Gnade bei Gott, weil sie dem Licht, das sie empfangen hatte, gefolgt war. Ihr Herz war empfänglich für ein noch größeres Licht, das ihr Gott durch seinen Propheten sandte. Aus demselben Grund wurden zur Zeit des Elisa die Aussätzigen in Israel übergangen. Aber Naaman, ein heidnischer Feldherr, blieb dem, was er erkannt hatte, treu und spürte seine große Hilflosigkeit. Darum war er für die Gaben der göttlichen Gnade empfänglich und wurde nicht nur vom Aussatz geheilt, sondern dadurch gesegnet, dass er den wahren Gott erkannte. Unser Ansehen bei Gott hängt nicht davon ab, wie viel Licht wir empfangen haben, sondern wie wir mit dem, was wir haben, umgehen. Deshalb stehen sogar Heiden, die nach bestem Wissen und Gewissen handeln, Gott näher als Menschen, die großes Licht empfangen haben und vorgeben, Gott zu dienen, dieses Licht aber nicht beachten und durch ihr tägliches Leben ihrem Bekenntnis widersprechen. Die Worte von Jesus in der Synagoge trafen seine selbstgerechten Zuhörer im tiefsten Inneren. Er hielt ihnen die bittere Wahrheit vor Augen, dass sie sich von Gott abgewandt und das Anrecht, sein Volk zu sein, verwirkt hatten. Jedes Wort drang wie ein Messer in ihr Herz, als ihnen ihr wahrer Zustand vor Augen geführt wurde. Nun verachteten sie den Glauben, den Jesus in ihnen eben noch entfacht hatte. Sie wollten nicht zugeben, dass er, der aus armen und einfachen Verhältnissen stammte, etwas anderes war als ein gewöhnlicher Mensch. Aus ihrem Unglauben erwuchs Hass. Satan beherrschte sie. Voller Zorn erhoben sie ihre Stimme gegen den Erlöser. Sie hatten sich von dem abgewandt, dessen Auftrag darin bestand, zu heilen und wiederherzustellen. Sie offenbarten nun die Wesenszüge des Zerstörers.

Als Jesus von den Segnungen, die den Heiden zuteilgeworden waren, berichtete, entflammte in seinen Zuhörern leidenschaftlicher Nationalstolz, und seine Worte gingen im Lärm der vielen Stimmen unter. Diese Leute hatten sich selbst damit gebrüstet, das Gesetz Gottes zu befolgen. Aber als ihre vorgefasste Meinung angegriffen wurde, waren sie bereit, einen Mord zu begehen. Die Versammlung wurde abgebrochen. Sie packten Jesus, warfen ihn aus der Synagoge und vertrieben ihn aus der Stadt. Es schien, als wären sie begierig darauf, ihn zu vernichten. Sie zerrten ihn an den Rand eines Abgrundes und wollten ihn kopfüber hinunterstoßen. Überall hörte man Menschen schreien und fluchen, und einige warfen Steine nach ihm. Da verschwand er plötzlich aus ihrer Mitte (vgl. Lukas 4,29.30). Die Engel, die in der Synagoge an seiner Seite gewesen waren, umgaben ihn auch hier, inmitten der rasenden Menge. Sie schützten ihn vor seinen Feinden und brachten ihn an einen sicheren Ort. In gleicher Weise bewahrten die Engel auch Lot und führten ihn sicher aus Sodom hinaus (vgl. 1. Mose 19,10-16). Genauso behüteten sie Elisa in jenem kleinen Gebirgsdorf. Als sich die Pferde, Streitwagen und Truppen des syrischen Königs ringsum auf den Hügeln versammelten, sah Elisa, dass die näher gelegenen Hänge voll der Heere Gottes waren. Feurige Pferde und Streitwagen umgaben den Diener des Herrn (vgl. 2. Könige 6,15-20). Zu allen Zeiten waren Engel den treuen Nachfolgern von Christus nahe. Eine gewaltige Verschwörung des Bösen ist gegen diejenigen angeordnet, die überwinden möchten. Doch Jesus, der uns retten möchte, ermutigt uns, auf das Unsichtbare zu schauen, nämlich auf die himmlischen Heere, die sich schützend um alle lagern, die Gott lieben. Vor welchen sichtbaren und unsichtbaren Gefahren wir durch das Eingreifen der Engel bewahrt worden sind, werden wir nie erfahren. Erst im Licht der Ewigkeit werden wir die Fürsorge Gottes erkennen. Dann wird uns bewusst werden, mit wie viel Interesse die himmlische Familie Anteil an der irdischen genommen hat und wie die Boten vom Thron Gottes Tag für Tag unsere Schritte begleitet haben. Als Jesus in der Synagoge aus den Schriften der Propheten vorlas, hielt er kurz vor der letzten Aussage über das Werk des Messias inne. Nach den Worten »zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn« brach er ab und ließ die folgenden Worte »und einen Tag der Vergeltung unseres Gottes« aus (Jesaja 61,2). Diese letzte Aussage ist ebenso wahr wie der erste Teil der Prophetie. Durch sein Schweigen leugnete Jesus diese Wahrheit keineswegs. Doch diese letzten Worte waren gerade jene, bei denen seine Zuhörer so gern verweilten und deren Erfüllung sie herbeisehnten. Mit diesen Worten drohten sie den Heiden Gottes Gericht an, ohne zu bedenken, dass ihre eigene Schuld noch größer war als die der anderen. Die Barmherzigkeit, die sie den Heiden so gern verweigerten, hatten sie selbst am nötigsten. An jenem Tag in der Synagoge, als Jesus mitten unter ihnen war, hatten sie die Möglichkeit, den Ruf des Himmels anzunehmen. Er, der »sich freut, wenn er barmherzig sein kann« (Micha 7,18 NLB), hätte sie gern aus dem Verderben gerettet, das ihre Sünde nach sich zog.

Er konnte sie jedoch nicht aufgeben, ohne sie nochmals zur Reue und Umkehr aufzurufen. Kurz vor dem Ende seines Wirkens in Galiläa besuchte er erneut seine Heimatstadt, in der er aufgewachsen war. Seit man ihn damals abgewiesen hatte, war er durch seine Predigten und Wunder im ganzen Land bekannt geworden. Niemand konnte jetzt noch leugnen, dass er mehr als menschliche Macht besaß. Die Einwohner von Nazareth wussten, dass er überall Gutes tat und alle Menschen, die von Satan geknechtet waren, heilte. In ihrer Umgebung gab es ganze Dörfer, wo man kein Klagen mehr hörte. In diesen Häusern gab es keine Kranken mehr, weil Christus bei ihnen gewesen war und sie geheilt hatte. Sein Erbarmen, das sich in jeder Tat seines Lebens offenbarte, bewies seine göttliche Salbung. Wieder hörten die Nazarener seinen Worten zu und wurden von Gottes Geist berührt. Doch sogar jetzt wollten sie nicht anerkennen, dass dieser Mann, der mitten unter ihnen aufgewachsen war, anders oder größer war als sie selbst. Sie waren noch immer darüber verbittert, dass er beansprucht hatte, der Verheißene Gottes zu sein, ihnen aber gleichzeitig die Zugehörigkeit zu Israel aberkannte. Er hatte ihnen gezeigt, dass die heidnischen Frauen und Männer der Gnade Gottes würdiger waren als sie. Obwohl sie sich fragten: »Woher hat dieser solche Weisheit und solche Taten?« (Matthäus 13,54), nahmen sie ihn doch nicht als den von Gott gesandten Messias an. Wegen ihres Unglaubens konnte Jesus unter ihnen nicht viele Wunder wirken. Nur wenige Nazarener waren für seine Segnungen offen. Schweren Herzens zog er fort und kehrte nie mehr zurück.

Der Unglaube Jesus gegenüber, den sie einst gehegt hatten, beherrschte die Menschen aus Nazareth weiterhin. Ebenso beherrschte er den Hohen Rat und die jüdische Nation. Als die Priester und das Volk zum ersten Mal die Bekundung der Macht des Heiligen Geistes zurückwiesen, war dies der Anfang vom Ende. Um zu beweisen, dass ihr erster Widerstand berechtigt gewesen war, nörgelten sie weiterhin an den Worten von Jesus herum. Ihre Ablehnung dem Geist Gottes gegenüber erreichte ihren Höhepunkt am Kreuz auf Golgatha, in der Zerstörung Jerusalems und in der Zerstreuung des Volkes über die ganze Erde. Wie sehr hat sich Christus doch danach gesehnt, Israel die kostbaren Schätze der Wahrheit zu offenbaren! Aber ihre geistliche Blindheit war so groß, dass es unmöglich war, ihnen die Wahrheiten über sein Reich zu eröffnen. Sie klammerten sich an ihr Glaubensbekenntnis und an ihre sinnlos gewordenen Zeremonien, während die himmlische Wahrheit auf ihre Zustimmung wartete. Sie gaben ihr Geld für Spreu und Schalen von Getreide aus, während das Brot des Lebens in greifbarer Nähe war. Warum wandten sie sich nicht Gottes Wort zu, um sorgfältig zu überprüfen, ob sie sich irrten? Die heiligen Schriften des Alten Testaments machten genaue Angaben über jede Einzelheit des Wirkens des Messias. Immer wieder zitierte er aus den Schriften der Propheten mit dem Hinweis: »Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.« (Lukas 4,21) Hätten sie diese Aussagen aufrichtig studiert und ihre eigene Meinung anhand des Wortes Gottes überprüft, hätte Jesus weder über ihre Verstocktheit weinen noch zu ihnen sagen müssen: »Seht, euer Haus soll euch wüst gelassen werden.« (Lukas 13,35) Die Beweise, dass er der gesandte Messias war, hätten sie erkennen und das Unheil, das ihre stolze Stadt in Trümmer legte, abwenden können. Aber das Denken der Juden wurde durch ihre unvernünftige Engstirnigkeit eingeschränkt. Die Lehren von Jesus legten ihre Charaktermängel bloß und forderten sie zur Umkehr auf. Wären sie seinen Lehren gefolgt, hätten sie ihr tägliches Verhalten ändern und die von ihnen gehegten Hoffnungen aufgeben müssen. Um im Himmel geehrt zu werden, muss man auf menschliche Ehre verzichten. Hätten sie den Worten dieses neuen Lehrers gehorcht, hätten sie sich gegen die Auffassungen der großen Denker und Lehrer ihrer Zeit stellen müssen. In den Tagen von Jesus war die Wahrheit unbeliebt. So ist es auch heute. Seit Satan den ersten Menschen eine Abneigung gegen die Wahrheit einflößte und sie durch Lügen zur Selbstverherrlichung verführte, ist dies so. Begegnen wir nicht auch heute Theorien und Lehren, die ihr Fundament nicht im Wort Gottes haben? Die Menschen halten ebenso hartnäckig an ihnen fest wie damals die Juden an ihren Überlieferungen.

Die jüdischen Führer waren von geistlichem Stolz erfüllt. Ihr Streben nach eigener Ehre zeigte sich sogar bei ihrem Dienst im Tempel. In der Synagoge beanspruchten sie die besten Plätze. Auf den Märkten wollten sie gegrüßt werden, und es tat ihnen wohl, ihre Titel aus dem Mund anderer zu hören. Weil die echte Frömmigkeit langsam verblasste, galt ihr Eifer immer mehr dem Formenwesen. Da ihr Verständnis durch selbstsüchtige Vorurteile getrübt war, vermochten sie die Kraft der überzeugenden Worte von Christus nicht mit seiner demütigen Haltung in Einklang zu bringen. Sie konnten nicht begreifen, dass wirkliche Größe keine äußere Zurschaustellung braucht. Die Armut dieses Mannes schien im Widerspruch zu seinem messianischen Anspruch zu stehen. Sie fragten sich: Wenn er wirklich der war, der zu sein er behauptete, warum war er dann so anspruchslos? Wenn er auf Waffengewalt verzichten wollte, was würde dann aus ihrer Nation werden? Wie könnten Macht und Ruhm, auf die sie so lange gewartet hatten, die Völker veranlassen, sich dem jüdischen Volk zu beugen? Waren sie nicht von den Priestern gelehrt worden, dass Israel über die ganze Erde herrschen würde? Könnte es sein, dass sich ihre großen Theologen geirrt hatten? Aber es war nicht nur das Fehlen der äußerlichen Herrlichkeit, das die Juden dazu veranlasste, Jesus abzulehnen. Er war die Reinheit in Person, sie aber waren unrein. Er lebte als Beispiel makelloser Rechtschaffenheit unter den Menschen. Sein untadeliges Leben brachte ihren Herzenszustand ans Licht. Seine Lauterkeit deckte ihre Unaufrichtigkeit auf. Sie offenbarte, wie leer ihre angebliche Frömmigkeit und wie abstoßend ihr böser Charakter war. Ein solches Licht war nicht erwünscht. Hätte Jesus die Aufmerksamkeit auf die Pharisäer gelenkt und ihre Gelehrsamkeit und Frömmigkeit gerühmt, hätten sie ihn mit Freuden begrüßt. Als er aber vom Himmelreich als einem Reich der Barmherzigkeit für alle Menschen sprach, legte er ihnen einen religiösen Standpunkt dar, den sie nicht duldeten. Ihr eigenes Beispiel und ihre eigenen Lehren hatten nie vermocht, ein Leben für Gott als wünschenswert erscheinen zu lassen. Als sie sahen, dass Jesus ausgerechnet denen, die sie hassten und ausgrenzten, seine Aufmerksamkeit schenkte, wurden in ihren stolzen Herzen die schlimmsten Gefühle geweckt. Bei all ihrem Stolz darauf, dass Israel als »der Löwe aus dem Stamm Juda« (Offenbarung 5,5) zur Herrschaft über alle Völker erhöht werden würde, konnten sie die Enttäuschung ihrer ehrgeizigen Hoffnungen besser ertragen als den Tadel durch Christus wegen ihrer Sünden und den Vorwurf, den sie allein durch die Gegenwart seiner Reinheit verspürten.

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