In Kapernaum

In Kapernaum

Matthäus 8,14-17; Markus 1,21-39; Lukas 4,31-43

Jesus weilte nach seinen Reisen immer wieder in Kapernaum. Daher wurde dieser Ort auch »seine Stadt« genannt (vgl. Matthäus 9,1). Sie lag am Galiläischen Meer, bei der wunderschönen Ebene von Genezareth. Die tiefe Lage des Sees verlieh der angrenzenden Ebene ein angenehmes, südländisches Klima. In den Tagen von Christus gediehen hier Palmen und Olivenbäume, es gab Obstgärten und Weinberge, grüne Felder und leuchtend blühende Blumen in all ihrer Pracht. Alles wurde durch Wasserbäche bewässert, die sich über die umliegenden Felswände ergossen. An den Ufern des Sees und auf den Hügeln, die ihn in geringer Entfernung umgaben, lagen Siedlungen und Dörfer. Auf dem See gab es viele Fischerboote. Überall herrschte emsiges Treiben. Kapernaum eignete sich sehr gut als Ausgangsort für das Wirken des Messias. Durch diese Stadt führte die Straße von Damaskus nach Jerusalem und Ägypten, und von hier aus gab es eine Verbindung zum Mittelmeer. Kapernaum war ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Menschen aus vielen Ländern kamen hier vorbei oder machten auf ihren Reisen Halt. Hier konnte Jesus den reichen und berühmten, den einfachen und armen Menschen aus allen Völkern und Gesellschaftsschichten begegnen. Durch sie würden die Lehren des Messias in fremde Länder und zahlreiche Familien gebracht werden. Viele würden dazu angeregt werden, die Prophezeiungen zu studieren. Ihre Aufmerksamkeit würde so auf den Erlöser gelenkt und seine Botschaft in die Welt hinausgetragen werden. Ungeachtet der Maßnahmen, die der Hohe Rat gegen Jesus ergriffen hatte, wartete das Volk gespannt darauf, wie sich sein Dienst entwickeln würde. Der ganze Himmel nahm regen Anteil daran. Engel waren dabei, die Wege für das Wirken von Jesus vorzubereiten. Sie berührten die Herzen der Menschen und zogen sie zum Erlöser hin. In Kapernaum war der Sohn des königlichen Beamten, den Christus geheilt hatte, ein Beweis für seine Macht (vgl. Matthäus 8,5-13). Er und sein Haus bezeugten freudig ihren Glauben. Als nun bekannt wurde, dass der große Lehrer persönlich in ihrer Stadt weilte, gerieten die Bewohner in Aufregung. Scharen von Menschen strömten zu ihm. Am Sabbat war die Synagoge so überfüllt, dass viele umkehren mussten, weil sie nicht mehr eintreten konnten.

Alle, die Jesus hörten, »verwunderten sich über seine Lehre; denn er predigte mit Vollmacht« (Lukas 4,32). »Er lehrte sie mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten.« (Matthäus 7,29) Der Unterricht der Schriftgelehrten und Ältesten war trocken und steif wie auswendig gelernte Floskeln. Für sie besaß das Wort Gottes keine Lebenskraft. In ihrem Unterricht ersetzten sie es durch ihre eigenen Vorstellungen und Überlieferungen. Sie versahen ihren Dienst in gewohnter Weise und gaben vor, das Gesetz Gottes auszulegen, aber keine göttliche Erleuchtung bewegte ihre Herzen oder die ihrer Zuhörer. Jesus hatte nichts mit den verschiedenen Streitfragen der Juden zu tun. Seine Aufgabe war es, die Wahrheit zu verkünden. Seine Worte ließen die Lehren der Patriarchen und Propheten in neuem Licht erscheinen, und die heiligen Schriften kamen den Menschen wie eine neue Offenbarung vor. Nie zuvor hatten die Zuhörer von Jesus solch eine tiefe Bedeutung des Wortes Gottes wahrgenommen. Jesus begegnete den Menschen in ihrer eigenen Welt, als einer, der ihre Nöte kannte. Er offenbarte ihnen die Schönheit der Wahrheit, indem er sie ihnen auf unmittelbare und einfache Weise darlegte. Seine Sprache war rein, edel und klar wie strömendes Wasser. Seine Stimme war wie Musik in den Ohren derer, die den eintönigen Reden der Rabbiner zugehört hatten. Seine Lehre war einfach, und doch redete er mit Vollmacht. Dies unterschied seine Lehrweise von allen anderen. Die Rabbiner hegten Zweifel und äußerten Bedenken, als ob man die heiligen Schriften unterschiedlich und sogar gegensätzlich auslegen könnte. Ihre Zuhörer wurden von Tag zu Tag mehr verunsichert. Jesus hingegen lehrte, dass die Heilige Schrift eine unbestrittene Autorität habe. Um welches Thema es auch ging, er sprach mit solcher Kraft, als könnte seinen Worten nicht widersprochen werden. Er war jedoch eher ernst als leidenschaftlich. Er sprach wie jemand, der einen bestimmten Auftrag zu erfüllen hat. Jesus machte die Wirklichkeit der unsichtbaren, ewigen Welt für sie sichtbar. In jedem Thema offenbarte er Gott. Er wollte den Bann der Verblendung brechen, der die Menschen an irdische Dinge fesselte. Er rückte alle Angelegenheiten dieses Lebens ins richtige Verhältnis, indem er sie den ewigen Belangen unterordnete, ohne jedoch deren Wichtigkeit geringzuschätzen. Er lehrte, dass Himmel und Erde miteinander verbunden sind und das Erkennen der göttlichen Wahrheit uns Menschen hilft, die Alltagspflichten besser zu meistern. Er sprach wie jemand, der den Himmel kannte, sich seiner Beziehung zu Gott bewusst war und dennoch seine Verbundenheit mit jedem Mitglied der menschlichen Familie pflegte. Die Gnadenbotschaften von Jesus waren unterschiedlich und immer so, dass sie sich für sein jeweiliges Publikum eigneten. Er wusste, wie »mit den Müden zu rechter Zeit zu reden« war (Jesaja 50,4). »Anmut ist ausgegossen« über seine Lippen (Psalm 45,3 Elb.), damit er den Menschen die Schätze der Wahrheit auf die ansprechendste Art und Weise vermitteln konnte. Er zeigte Feingefühl im Umgang mit Menschen, die Vorurteile hegten, und überraschte sie mit Vergleichen, durch die er ihre Aufmerksamkeit gewann. Über das Vorstellungsvermögen erreichte er ihre Herzen. Zur Veranschaulichung wählte er Gegenstände aus dem täglichen Leben; und obwohl sie einfach waren, lag darin ein erstaunlich tiefer Sinn. Er sprach von den Vögeln in der Luft, den Lilien auf dem Feld, der Saat, dem Hirten und den Schafen. Anhand dieser Dinge veranschaulichte Christus unvergängliche Wahrheiten. Immer wenn seine Zuhörer diesen Dingen später einmal zufällig in der Natur begegneten, erinnerten sie sich an seine Worte. Seine Bilder spiegelten stets seine Lehren wider. Nie schmeichelte Christus den Menschen oder äußerte etwas, was ihre eigenen Fantasien und Vorstellungen verherrlicht hätte. Auch lobte er sie nicht für ihre klugen Erfindungen. Die tiefgründigen und unvoreingenommenen Denker verstanden seine Lehren und merkten, dass ihre Weisheit dadurch geprüft wurde. Sie staunten über die geistlichen Wahrheiten, die in einfachster Sprache ausgedrückt wurden. Die Gebildetsten waren von seinen Worten fasziniert, und immer hatten auch die Ungebildeten einen Gewinn davon. Er hatte selbst eine Botschaft für die Analphabeten. Sogar die Heiden ließ er wissen, dass er eine Botschaft für sie hatte. Sein inniges Mitgefühl wirkte heilsam auf müde und beunruhigte Herzen. Selbst inmitten der Unruhe zorniger Feinde war er von einer Atmosphäre des Friedens umgeben. Die Schönheit seines Angesichts, sein freundliches Wesen und vor allem die Liebe, die sich in seinem Blick und seiner Stimme zeigte, zog all jene zu ihm hin, deren Herzen nicht durch Unglauben verhärtet waren. Hätte er nicht eine solch gütige und wohlwollende Ausstrahlung gehabt, die sich in jedem Blick und jedem Wort zeigte, wäre keine so große Menschenmenge angezogen worden. Die Leidenden, die zu ihm kamen, spürten, dass er als ein treuer, gütiger Freund ihre Anliegen zu den seinen machte. Sie hatten das starke Verlangen, mehr über die Wahrheiten zu erfahren, die er lehrte. Der Himmel war ihnen nahe gekommen. Sie sehnten sich danach, in der Gegenwart von Jesus mit seiner ständig tröstenden Liebe zu bleiben. Jesus beobachtete mit tiefem Ernst, wie sich der Gesichtsausdruck seiner Zuhörer veränderte. Die Gesichter, die Interesse und Freude ausdrückten, erfüllten ihn mit großer Zufriedenheit. Wenn die Pfeile der Wahrheit in die Seele drangen, die Schranken der Selbstsucht durchbrachen, Reue und schließlich Dankbarkeit bewirkten, wurde Jesus froh. Wenn sein Blick über die Menge seiner Zuhörer schweifte und er Gesichter erkannte, die er zuvor schon gesehen hatte, strahlte sein Gesicht vor Freude. Er sah in ihnen Hoffnungsträger für sein Königreich. Berührte die klar ausgesprochene Wahrheit langgehegte Sünden, sah er, wie sich so manch ein Gesichtsausdruck veränderte. Dann begegnete ihm der kalte, abweisende Blick, der zeigte, dass das Licht nicht willkommen war. Wenn er sah, dass Menschen die Botschaft des Friedens nicht annehmen wollten, ging ihm ein Stich mitten durchs Herz.

Die Heilung eines Besessenen

In der Synagoge sprach Jesus davon, dass er gekommen war, Gottes Königreich aufzurichten. Er redete von seiner Aufgabe, die Menschen, die Satan gefangen hielt, zu befreien. Da wurde er durch einen grauenvollen Schrei unterbrochen. Ein Irrer stürmte aus der Menge und rief: »Was willst du von uns, Jesus von Nazareth? Du bist gekommen, uns zu vernichten. Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes!« (Markus 1,24) Die Leute waren bestürzt und ängstigten sich. Die Aufmerksamkeit der Zuhörer wurde von Christus abgelenkt. Seine Worte blieben ungehört. Dies war Satans Absicht, als er sein Opfer in die Synagoge führte. Aber Jesus bedrohte den Dämon und sprach: »Verstumme und fahre aus von ihm!‹ Und der böse Geist warf ihn mitten unter sie und fuhr von ihm aus und tat ihm keinen Schaden.« (Lukas 4,35) Der Verstand dieses jämmerlich Leidenden war von Satan verfinstert worden, aber in der Gegenwart des Erlösers hatte ein Lichtstrahl sein Dunkel durchbrochen. Im Kranken erwachte das Verlangen, von Satans Herrschaft frei zu werden, doch der Dämon widerstand der Macht von Christus. Als der Mann versuchte, Jesus um Hilfe zu bitten, legte ihm der böse Geist seine Worte in den Mund. Darum schrie er vor Seelenangst auf. Der von Dämonen Besessene ahnte, dass er sich in der Gegenwart des Einen befand, der ihn befreien konnte. Als er aber versuchte, sich der mächtigen Hand zu nähern, hielt ihn der Wille eines anderen zurück, und auch die Worte, die er sprach, waren nicht seine eigenen. Der Kampf zwischen Satans Macht und seinem eigenen Verlangen nach Freiheit war schrecklich. Jesus, der Satan bei der Versuchung in der Wüste besiegt hatte, stand nun erneut seinem Feind gegenüber. Der Dämon bot all seine Kräfte auf, um die Herrschaft über sein Opfer zu behalten. Diesen Kampf zu verlieren, würde bedeuten, Jesus einen Sieg zu überlassen. Es schien, als müsste der gequälte Mann im Kampf mit dem Gegner, der ihm schon seine besten Kräfte geraubt hatte, sein Leben verlieren. Aber der Erlöser sprach mit Vollmacht und befreite den Gefangenen. Der eben noch Besessene stand nun freudig vor der verwunderten Menge. Er war frei und wieder Herr über sich selbst. Sogar der böse Geist hatte die göttliche Macht des Erlösers bestätigt. Der Geheilte lobte Gott für seine Befreiung. Der Blick, eben noch von seinem Wahnsinn geprägt, war jetzt klar und vernünftig, und seine Augen füllten sich mit Tränen der Dankbarkeit. Die Anwesenden waren sprachlos vor Verwunderung. Als sie ihre Fassung wiedergefunden hatten, riefen sie aus: »Was ist das nur für eine Lehre? Und welche Macht dieser Jesus hat! Seinen Befehlen müssen sogar die bösen Geister gehorchen!« (Markus 1,27 Hfa)

Der verborgene Grund für das Leid dieses Mannes, der für seine Freunde zu einem furchtbaren Anblick und sich selbst zur Last geworden war, lag in seinem eigenen Leben. Er war einst von den sündigen Vergnügungen fasziniert gewesen und wollte aus seinem Leben ein großes Fest machen. Er hätte nicht im Traum gedacht, dass er ein Schrecken für die Welt und eine Schande für seine Familie werden würde. Er glaubte, seine Zeit mit harmlosem Leichtsinn verbringen zu können. Aber einmal auf die schiefe Bahn geraten, sank er rasch immer tiefer. Unmäßigkeit und Leichtfertigkeit zerstörten seine guten Eigenschaften, und Satan erlangte ganz die Herrschaft über ihn. Die Reue kam zu spät. Gerne wäre er nun bereit gewesen, seinen Wohlstand und seine Vergnügungen aufzugeben, um wiederzuerlangen, was er verloren hatte: sein Menschsein. Doch Satan hielt den Hilflosen fest im Griff. Er selbst hatte sich auf Satans Grund begeben, und jetzt nahm der Feind alle seine Fähigkeiten in Besitz. Der Verführer hatte ihn mit vielen anziehenden Dingen angelockt. Aber kaum hatte er den armseligen Mann in seiner Gewalt, wurde der Feind in seiner Grausamkeit erbarmungslos und in seinen Angriffen schrecklich. So ergeht es allen, die sich der Sünde hingeben. Das verlockende Vergnügen ihres früheren Lebens endet im Dunkel der Verzweiflung oder gar im Wahnsinn. Derselbe böse Geist, der Jesus in der Wüste versuchte und vom Besessenen in Kapernaum Besitz ergriffen hatte, beherrschte auch die ungläubigen Juden. Doch bei ihnen nahm er ein frommes Aussehen an und versuchte, sie über ihre eigenen Beweggründe bezüglich der Verwerfung des Erlösers hinwegzutäuschen. Ihr Zustand war hoffnungsloser als der des Besessenen, weil sie kein Verlangen nach Christus hatten. So blieben sie fest in Satans Gewalt. In der Zeit, als Christus persönlich unter den Menschen wirkte, waren die Mächte der Finsternis aktiv wie noch nie zuvor. Jahrhunderte lang hatten Satan und seine bösen Engel versucht, die Herrschaft über Leib und Seele der Menschen zu gewinnen und Sünde und Leid über sie zu bringen. Dann hatte er Gott für all das Elend verantwortlich gemacht. Christus offenbarte den Menschen Gottes Charakter. Er brach die Macht Satans und befreite dessen Gefangene. Neues Leben, Liebe und Kraft vom Himmel bewegten nun die Herzen der Menschen. Dies veranlasste den Fürsten der Finsternis, um die Alleinherrschaft seines Reiches zu kämpfen. Satan sammelte all seine Kräfte und bekämpfte das Werk von Christus auf Schritt und Tritt. So wird es auch in der letzten großen Auseinandersetzung zwischen Gerechtigkeit und Sünde sein. Während die Nachfolger von Jesus mit neuem Leben, neuer Erkenntnis und neuer Kraft aus der Höhe ausgestattet werden, wird sich auch aus der Tiefe neues Leben erheben und die Werkzeuge Satans anspornen. Alle irdischen Bereiche werden immer stärker davon durchdrungen. Mit einer Raffinesse, die er sich durch jahrhundertelange Erfahrung im Kampf angeeignet hat, wirkt der Fürst des Bösen gut getarnt. Er erscheint als Engel des Lichts, und große Scharen von Menschen werden »verführerischen Geistern und teuflischen Lehren anhängen« (1. Timotheus 4,1).

Als Christus lebte, waren die politischen Führer und die Lehrer Israels zu schwach, um dem Wirken Satans zu widerstehen. Sie ließen das einzige Mittel außer Acht, mit dem sie die bösen Geister hätten abwehren können. Gottes Wort war es, mit dem Jesus den Bösen überwand. Die führenden Männer Israels behaupteten, Ausleger des Wortes Gottes zu sein. Doch sie hatten es nur studiert, um ihre Traditionen zu stützen und ihre selbsterdachten Bräuche durchzusetzen. In ihrer Auslegung äußerten sie Ansichten, die Gott ihnen nie vermittelt hatte. Ihre geheimnisvollen Interpretationen ließen das, was Gott so deutlich offenbart hatte, unklar erscheinen. Sie stritten über Spitzfindigkeiten und leugneten sehr wesentliche Wahrheiten. So wurde überall Unglaube gesät. Gottes Wort wurde seiner Kraft beraubt, und böse Geister wirkten frei nach ihrem Willen. Die Geschichte wiederholt sich. Mit der aufgeschlagenen Bibel in der Hand und der Behauptung, ihren Lehren Ehre zu erweisen, zerstören viele Kirchenführer unserer Zeit den Glauben daran, dass die Bibel Gottes Wort ist. Sie sind eifrig damit beschäftigt, Gottes Wort zu zerpflücken, und setzen dabei ihre eigenen Ansichten über dessen klarste Aussagen. In ihren Händen verliert Gottes Wort seine erneuernde Kraft. Aus diesem Grund wuchert der Unglaube und verbreitet sich die Ungerechtigkeit. Wenn Satan den Glauben an die Heilige Schrift geschwächt hat, lenkt er die Menschen zu anderen Licht und Kraftquellen. Dabei schleicht er sich selbst ein. Wer sich von den klaren Lehren der Bibel und der mahnenden Stimme des Heiligen Geistes abwendet, lädt die Dämonen ein, die Kontrolle in seinem Leben zu übernehmen. Kritik und Mutmaßungen im Umgang mit der Heiligen Schrift ließen Spiritismus und Theosophie, diese modernen Formen des alten Heidentums, selbst in den Kirchen, die sich zu Christus bekennen, Fuß fassen. Während das Evangelium verkündigt wird, sind Kräfte am Wirken, die nichts anderes sind als Werkzeuge lügenhafter Geister. Manch einer lässt sich nur aus Neugierde auf sie ein. Doch wird das Wirken übernatürlicher Kräfte einmal wahrgenommen, lässt man sich immer mehr davon anlocken, bis man von einem Willen beherrscht wird, der stärker ist als der eigene. Dann aber kann man der geheimnisvollen Macht nicht mehr entfliehen. Die Abwehrkräfte der menschlichen Seele sind zusammengebrochen. Gegen die Sünde gibt es keinen Schutz mehr. Niemand kennt die Tiefen der Erniedrigung und die Schande, in die man sinken kann, wenn einmal durch Ablehnung die Schranken, die Gottes Wort und sein Geist setzen, gefallen sind. Geheime Sünden oder beherrschende Leidenschaften machen uns zu hilflosen Gefangenen Satans, wie es der Besessene von Kapernaum beweist. Doch selbst dann ist die Lage nicht hoffnungslos. Wir können Satan durch dasselbe Mittel überwinden, durch das auch Christus siegte: durch die Macht des Wortes! Gott lenkt unseren Verstand nicht ohne unsere Einwilligung. Wenn wir aber seinen Willen kennen lernen und befolgen möchten, gelten uns seine Verheißungen: Ihr »werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen« (Johannes 8,32). »Wenn jemand dessen Willen tun will, wird er innewerden, ob diese Lehre von Gott ist oder ob ich von mir selbst aus rede.« (Johannes 7,17) Durch den Glauben an diese Verheißungen kann jeder aus den Schlingen des Irrtums und von der Herrschaft der Sünde befreit werden. Jeder Mensch kann frei wählen, welche Macht über ihn bestimmen soll. Keiner ist so tief gefallen und keiner ist so schlecht, dass er in Christus nicht Erlösung finden könnte. Der Besessene konnte statt eines Gebets nur die Worte Satans aussprechen; und doch wurde das stumme Flehen seines Herzens erhört. Kein Schrei aus der tiefen Not eines Menschen wird unbeachtet bleiben, selbst wenn die Stimme versagt. Jene, die in ein Bündnis mit dem Gott des Himmels einwilligen, werden nicht der Macht Satans oder der Schwäche ihrer eigenen Natur überlassen. Ihnen gilt die Einladung des Erlösers: »Sie suchen Zuflucht bei mir und machen Frieden mit mir, ja, Frieden mit mir.« (Jesaja 27,5) Die Geister der Finsternis kämpfen um jeden Menschen, der einmal unter ihrer Herrschaft stand, aber die Engel Gottes werden sich mit Erfolg für ihn einsetzen. Der Herr fragt: »Kann man auch einem Starken den Raub wegnehmen? Oder kann man einem Gewaltigen seine Gefangenen entreißen? So aber spricht der Herr: Nun sollen die Gefangenen dem Starken weggenommen werden, und der Raub soll dem Gewaltigen entrissen werden. Ich selbst will deinen Gegnern entgegentreten und deinen Söhnen helfen.« (Jesaja 49,24.25)

Während die Menge in der Synagoge noch sprachlos vor Erstaunen war, zog sich Jesus in das Haus des Petrus zurück, um etwas Ruhe zu finden. Aber auch über dieses Haus hatte sich ein Schatten gelegt. Die Schwiegermutter von Petrus war krank und »hatte hohes Fieber« (Lukas 4,38). Jesus heilte sie von ihrer Krankheit. Sie stand auf und bewirtete Jesus und seine Jünger. Die Kunde von Jesus und seinem Wirken verbreitete sich schnell in ganz Kapernaum. Aus Furcht vor den Rabbinern wagte niemand, am Sabbat zu Jesus zu kommen, um geheilt zu werden. Aber kaum war die Sonne am Horizont untergegangen, gab es einen Tumult in der Stadt. Aus den Heimen, Geschäften und von den Märkten strömten die Einwohner zur bescheidenen Wohnung, die Jesus beherbergte. Die Kranken wurden auf ihren Betten gebracht, kamen auf Krücken gelehnt oder wankten mit kraftlosen Schritten, von ihren Freunden gestützt, zum Erlöser. Es war ein ständiges Kommen und Gehen, denn niemand wusste, ob der Wundertäter am nächsten Tag noch unter ihnen weilen würde. Nie zuvor hatte Kapernaum einen solchen Tag erlebt. Die Menschen triumphierten und jubelten über ihre Befreiung, und der Erlöser erquickte sich an ihrer Freude, deren Grund er war. Als er die Leiden der Menschen sah, die zu ihm kamen, wurde sein Herz von Mitgefühl ergriffen. Es machte ihn glücklich, dass er ihnen durch seine Kraft ihre Gesundheit und ihre Fröhlichkeit zurückgeben konnte. Jesus beendete seine Arbeit erst, als dem letzten Kranken geholfen worden war. Erst spät in der Nacht gingen die vielen Menschen weg, und in Simons Haus kehrte Ruhe ein. Der lange, aufregende Tag war vorüber und Jesus suchte die Stille. Doch während die Stadt noch schlummerte, »am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort« (Markus 1,35). So verbrachte Jesus seine Tage hier auf Erden. Oft entließ er seine Jünger, damit sie ihre Familien aufsuchen und sich ausruhen konnten. Er selbst aber lehnte ihre Versuche, ihn von seinem Wirken abzuhalten, freundlich ab. Er arbeitete den ganzen Tag, belehrte die Ungelehrten, heilte die Kranken, machte Blinde sehend und gab der Menge zu essen. Doch in der Abendzeit oder am frühen Morgen ging er in die heilige Stille der Berge, um Gemeinschaft mit seinem himmlischen Vater zu pflegen. Oft verbrachte er die ganze Nacht in Andacht und Gebet und kehrte erst bei Tagesanbruch an seine Arbeit unter den Menschen zurück.

Früh am Morgen kamen Petrus und seine Begleiter zu Jesus und berichteten ihm, dass ihn die Leute von Kapernaum bereits suchten. Die Jünger waren bitter enttäuscht darüber, wie Jesus bis jetzt empfangen worden war. Die Machthaber von Jerusalem wollten ihn töten, und sogar seine eigenen Landsleute in Nazareth hatten ihm nach dem Leben getrachtet. Doch in Kapernaum wurde er mit freudiger Begeisterung aufgenommen. Das erfüllte die Jünger mit neuer Hoffnung. Vielleicht würden sich unter den freiheitsliebenden Galiläern Anhänger für das neue Königreich finden lassen. Mit Erstaunen hörten sie deshalb die Worte von Jesus: »Ich muss auch den anderen Städten das Evangelium vom Reich Gottes predigen; denn dazu bin ich gesandt.« (Lukas 4,43) Durch die Begeisterung in Kapernaum stand man in der Gefahr, das Ziel seiner Mission aus den Augen zu verlieren. Jesus genügte es nicht, die Aufmerksamkeit der Menschen nur als Wundertäter oder Heiler körperlicher Leiden auf sich zu ziehen. Er wollte ihnen als ihr Erlöser begegnen. Während das Volk fest daran glaubte, dass er als König gekommen sei, um ein irdisches Reich aufzurichten, versuchte er ihre Gedanken vom Irdischen auf das Geistliche zu lenken. Ein rein weltlicher Erfolg hätte sein Wirken beeinträchtigt. Die Bewunderung der sorglosen Menge störte ihn. Sein Leben war frei von jedem Geltungsdrang. Die Ehrungen, welche die Welt den Bessergestellten, Reichen oder Begabten entgegenbringt, waren dem Menschensohn fremd. Jesus gebrauchte keines der Mittel, welche die Menschen nutzen, um Anhänger zu gewinnen oder Ehre zu erlangen. Jahrhunderte vor seiner Geburt war von ihm geweissagt worden: »Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus. Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte.« (Jesaja 42,2-4) Die Pharisäer versuchten, durch die peinlich genaue Einhaltung ihrer Zeremonien und die Zurschaustellung ihrer Frömmigkeit und ihrer Wohltaten Anerkennung zu finden. Sie bewiesen ihren Eifer für die Religion, indem sie diese Themen zum Gespräch machten. Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Religionsparteien waren laut und lang, und es war nicht ungewöhnlich, in den Straßen die Stimmen verschiedener Schriftgelehrter zu hören, die sich wütend stritten. In deutlichem Gegensatz dazu stand das Leben von Jesus. Bei ihm gab es keine lauten Diskussionen, keine auffälligen Gebete und keine nach Beifall heischenden Taten. Christus war in Gott geborgen, und Gott wurde durch den Charakter seines Sohnes offenbart. Christus wollte die Gedanken der Menschen auf diese Offenbarung und auf die Verehrung lenken, die Gott gebührt. Die »Sonne der Gerechtigkeit« ging nicht in großer Pracht über dieser Welt auf, um die Sinne der Menschen mit ihrer Herrlichkeit zu blenden. Von Christus steht geschrieben: »Wie die Morgenröte bricht er hervor.« (Hosea 6,3 ZÜ) Sanft und still ergießt sich das Tageslicht über die Erde, zerteilt die Schatten der Finsternis und erweckt die Welt zu neuem Leben. So ging auch die »Sonne der Gerechtigkeit« auf, und »ihre Strahlen werden Heilung bringen« (Maleachi 3,20 NLB).

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