Heilung eines Aussätzigen & eines Gelähmten

Heilung eines Aussätzigen & eines Gelähmten

Matthäus 8,2-4; 9,1-8.32-34; Markus 1,40-45; 2,1-12; Lukas 5,12-26

Von allen Krankheiten, die man im Orient kannte, wurde der Aussatz am meisten gefürchtet. Weil er ansteckend und unheilbar war und schreckliche Folgen mit sich brachte, hatten sogar die Tapfersten davor Angst. Unter den Juden hielt man den Aussatz für ein durch Sünde verursachtes Strafgericht und bezeichnete ihn deshalb als »den Schlag« oder »den Finger Gottes«. Da der Aussatz hartnäckig und unheilbar war und mit dem Tod endete, wurde er als Symbol für die Sünde angesehen. Das Zeremonialgesetz erklärte einen Aussätzigen für unrein. Er wurde aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen, als ob er bereits tot wäre. Was immer er berührte, war unrein. Selbst sein Atem verunreinigte die Luft. Wer verdächtigt wurde, an dieser Krankheit zu leiden, musste bei den Priestern vorstellig werden. Diese untersuchten den Fall und mussten darüber entscheiden. Erklärten sie den Menschen für aussätzig, wurde er von seiner Familie getrennt, aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen und dazu verurteilt, nur noch mit Leidensgenossen zusammenzuleben (vgl. 3. Mose 13; 4. Mose 5,2.3). Die Vorschriften dieses Gesetzes waren unumstößlich. Auch für Könige und Fürsten gab es keine Ausnahme. Ein Herrscher, der von dieser schrecklichen Krankheit angesteckt wurde, musste auf seine Regentschaft verzichten und sich aus der Gesellschaft zurückziehen. Getrennt von seinen Freunden und seiner Verwandtschaft, musste der Aussätzige den Fluch seiner Krankheit ertragen. Er war verpflichtet, seinen Schicksalsschlag öffentlich bekanntzumachen, seine Gewänder zu zerreißen und laute Warnrufe von sich zu geben, damit sich jeder vor seiner ansteckenden Gegenwart in Sicherheit bringen konnte. Der schwermütige Ruf »Unrein! Unrein!« der in die Einsamkeit Verbannten löste Furcht und Abscheu aus.

In der Gegend, wo Jesus wirkte, gab es viele Aussätzige. Die Nachricht von seinen Taten weckte in ihnen Hoffnung. Aber seit der Zeit des Propheten Elisa war es nicht mehr vorgekommen, dass ein Aussätziger von dieser Krankheit geheilt wurde. Sie wagten nicht, etwas von Jesus zu erwarten, was er noch nie für einen Menschen getan hatte. Doch da war einer, in dessen Herz der Glaube aufzukeimen begann. Aber der Mann wusste nicht, wie er zu Jesus gelangen sollte. Wie konnte er, so ausgeschlossen von der Gesellschaft, dem großen Arzt gegenübertreten? Und er fragte sich, ob Christus ihn wohl heilen würde. Würde er sich herablassen und einem Menschen Beachtung schenken, von dem man glaubte, dass er unter dem Strafgericht Gottes litt? Würde Jesus nicht wie die Pharisäer und sogar wie die Ärzte einen Fluch über ihn aussprechen und ihn auffordern, von den öffentlichen Plätzen zu verschwinden? Er dachte an alles, was er von Jesus gehört hatte. Nicht einer, der diesen um Hilfe gebeten hatte, war abgewiesen worden. Da entschloss sich der bemitleidenswerte Mensch, Jesus zu suchen. Obwohl aus den Städten verbannt, könnte er ihm vielleicht auf einer abgelegenen Gebirgsstraße begegnen oder ihn außerhalb der Stadt finden, wenn er dort lehrte. Die Schwierigkeiten waren groß, doch dies war seine einzige Hoffnung. Der Aussätzige wurde zu Jesus geführt. Jesus lehrte gerade am See, und das Volk hatte sich um ihn geschart. Aus der Ferne hörte der Aussätzige einige Worte aus dem Mund des Erlösers. Er sah, wie Jesus den Kranken seine Hände auflegte. Er sah die Gelähmten, die Blinden, die Krüppel und die Sterbenden, wie sie geheilt aufstanden und Gott für ihre Befreiung priesen. Das stärkte seinen Glauben. Schritt für Schritt näherte er sich der Menge. Die ihm auferlegten Einschränkungen, die Sicherheit der Umstehenden und die Angst, mit der ihn alle ansahen, waren vergessen. Er dachte nur noch an die selige Hoffnung, geheilt zu werden. Sein Anblick war widerwärtig. Die Krankheit hatte verheerende Auswirkungen. Sein verfallener Körper war schrecklich anzusehen. Als ihn die Menschen sahen, wichen sie entsetzt zurück. Um ja nicht mit ihm in Berührung zu kommen, drängten sie sich weg von ihm und stießen sich gegenseitig. Einige wollten verhindern, dass er sich Jesus näherte, aber vergebens. Er sah und hörte sie nicht. Ihre Ausrufe, die voller Abscheu waren, blieben ungehört. Er sah allein den Sohn Gottes und hörte nur die eine Stimme, die den Sterbenden Leben zusprach. Als er zu Jesus vorgedrungen war, warf er sich ihm zu Füßen und rief: »Herr, wenn du willst, kannst du mich reinigen.« (Matthäus 8,2) Jesus erwiderte: »Ich will‘s tun; sei rein!« (Matthäus 8,3) Dabei legte er seine Hand auf den Kranken. Im selben Augenblick geschah eine Veränderung an dem Aussätzigen. Sein Fleisch wurde gesund, seine Nerven wurden empfindsam und seine Muskeln fest. Die raue, schuppige Haut des Aussätzigen verschwand, und eine zarte, wie die eines gesunden Kindes, bildete sich an deren Stelle.

Jesus gebot dem Mann, das Wunder, das an ihm vollbracht worden war, nicht bekanntzumachen, sondern unverzüglich mit einer Opfergabe in den Tempel zu gehen. Eine solche wurde erst dann angenommen, wenn die Priester den Mann untersucht und für völlig gesund erklärt hatten. Auch wenn sie diesen Dienst nur widerwillig ausführten, konnten sie eine Untersuchung und Entscheidung in dem Fall nicht umgehen. Der biblische Bericht zeigt, wie eindringlich Jesus den Geheilten aufforderte, zu schweigen und umgehend zu handeln. »Sofort schickte Jesus ihn weg und befahl ihm streng: ›Sag ja niemand ein Wort davon, sondern geh zum Priester, lass dir deine Heilung bestätigen und bring die Opfer, die Mose zur Wiederherstellung der Reinheit vorgeschrieben hat. Die Verantwortlichen sollen wissen, dass ich das Gesetz ernst nehme.‹« (Markus 1,43.44 GNB) Hätten die Priester gewusst, wie die Heilung des Aussätzigen vor sich gegangen war, hätte sie ihr Hass auf Christus vielleicht dazu verleitet, ein unehrliches Urteil zu fällen. Jesus wollte, dass sich der Geheilte im Tempel zeigte, bevor irgendwelche Gerüchte über das Wunder die Priester erreichten. Nur so war ein vorurteilsfreies Urteil sicher. Dem Geheilten würde dann erlaubt werden, zu seiner Familie und zu seinen Freunden zurückzukehren. Christus dachte noch an etwas anderes, als er dem Mann zu schweigen gebot. Der Erlöser wusste, dass seine Feinde immer versuchten, sein Wirken zu behindern und die Menschen von ihm abzulenken. Wenn die Heilung des Aussätzigen überall bekannt würde, würden ihn auch andere bedrängen, die an dieser furchtbaren Krankheit litten. Kritik würde laut werden, dass sich die Gesunden durch den Kontakt mit diesen Kranken anstecken könnten. Auch würden viele Aussätzige das Geschenk der Gesundheit nicht so nutzen, dass es ihnen selbst und anderen zum Segen gereichte. Hätte er die Aussätzigen an sich gezogen, hätte Jesus beschuldigt werden können, die Vorschriften des Zeremonialgesetzes zu missachten. Dadurch wäre sein Dienst der Evangeliumsverkündigung behindert worden. Die nachfolgenden Ereignisse zeigten, wie berechtigt die Warnung von Jesus war. Sehr viele Menschen waren Zeugen der Heilung des Aussätzigen und warteten nun gespannt auf die Entscheidung der Priester. Als der Mann zu seinen Freunden zurückkehrte, war die Aufregung groß. Ungeachtet der Vorsicht, die ihm Jesus geboten hatte, bemühte sich der Mann nicht weiter, seine Heilung zu verbergen. Es wäre natürlich nicht möglich gewesen, diese Tat geheim zu halten. Aber der Geheilte machte sie überall nachdrücklich bekannt. Überzeugt davon, dass ihn Jesus nur aus falscher Bescheidenheit gewarnt hatte, ging er hin und pries an allen Orten die Macht des großen Heilers. Er hatte nicht verstanden, dass jede derartige Bekundung die Priester und Ältesten in ihrem Entschluss, Jesus umzubringen, bestärkte. Der Geheilte empfand die Gabe der Gesundheit als kostbar. Er freute sich über seine wiedergewonnene Lebenskraft und über die Rückkehr zu seiner Familie und zur Gesellschaft. Es war für ihn unmöglich, diesem Arzt, der ihn gesund gemacht hatte, keine Ehre zu erweisen. Dadurch aber, dass er es überall hinausposaunte, wurde das Wirken von Jesus behindert. Es veranlasste die Leute, in solchen Scharen zu ihm zu strömen, dass sich Jesus gezwungen sah, seine Arbeit eine Zeitlang zu unterbrechen.

Jede Tat, die Jesus vollbrachte, hatte ein weiteres Ziel vor Augen. Sie umfasste mehr, als es im ersten Augenblick schien. So war es auch im Fall des Aussätzigen. Während Jesus allen half, die zu ihm kamen, wünschte er sich sehnlichst, auch diejenigen zu segnen, die nicht gekommen waren. Während er die Zöllner, Heiden und Samariter anzog, wollte er unbedingt auch die Priester und Schriftgelehrten erreichen, die in Vorurteilen und Traditionen gefangen waren. Er ließ nichts unversucht, um sie zu gewinnen. Dass er den vom Aussatz Geheilten zu den Priestern schickte, war ein »Zeugnis« für sie, mit dem er ihre Vorurteile abbauen wollte (vgl. Markus 1,44). Die Pharisäer behaupteten, die Lehren von Christus stünden im Gegensatz zum Gesetz, das Gott durch Mose gegeben hatte. Aber der Befehl an den geheilten Aussätzigen, dem Gesetz entsprechend ein Opfer darzubringen, widerlegte diese Anklage. Dies war ein ausreichender Beweis für alle, die willig waren, sich überzeugen zu lassen. Die Obersten in Jerusalem hatten Spione ausgesandt, die irgendeinen Vorwand finden sollten, um Christus töten zu können. Jesus reagierte darauf mit einem Liebesbeweis für die Menschen, mit seiner Achtung vor dem Gesetz und mit seiner Macht, von Sünde und Tod zu befreien. Deshalb bezog er das Psalmwort auf sie: »Sie vergelten Gutes mit Bösem und erwidern meine Liebe mit Hass.« (Psalm 109,5 NLB) Derselbe, der auf dem Berg der Seligpreisungen die Weisung erteilt hatte: »Liebt eure Feinde« (Matthäus 5,44a), befolgte nun selbst auf beispielhafte Weise durch sein Handeln den Grundsatz: »Vergeltet Böses nicht mit Bösem. Werdet nicht zornig, wenn die Leute unfreundlich über euch reden, sondern wünscht ihnen Gutes und segnet sie.« (1. Petrus 3,9a NLB) Dieselben Priester, die den Aussätzigen verbannt hatten, bestätigten nun seine Heilung. Dieses Urteil, das öffentlich bekanntgemacht und auch in ein Register eingetragen wurde, war ein schlagender Beweis für Christus. Der Geheilte, der durch die persönliche Bestätigung der Priester nun restlos gesund war und wieder in die Gesellschaft Israels aufgenommen wurde, war ein lebendiger Zeuge für seinen Wohltäter. Mit großer Freude brachte er sein Opfer und pries den Namen von Jesus. Die Priester waren von der göttlichen Macht des Erlösers überzeugt. Sie hatten Gelegenheit, die Wahrheit zu erkennen. Das Licht wäre für sie ein Gewinn gewesen. Verachteten sie dieses Licht, würde es von ihnen weichen und nie wieder zurückkehren. Viele wiesen es ab, und dennoch war es nicht vergeblich gegeben worden! Viele Herzen wurden bewegt, wenn auch im Verborgenen. Während des Erdenlebens von Christus schien es, als würde sein Einsatz bei den Priestern und Schriftgelehrten nur auf wenig Gegenliebe stoßen. Doch nach seiner Himmelfahrt wurde »eine große Zahl von Priestern dem Glauben gehorsam« (Apostelgeschichte 6,7b).

Das Wirken von Christus, wie es in der Reinigung des Aussätzigen von seiner schrecklichen Krankheit sichtbar wurde, gleicht seinem Wirken bei der Reinigung des Menschen von der Sünde. Der Mann, der zu Jesus kam, war »voller Aussatz« (vgl. Lukas 5,12), dessen tödliches Gift seinen ganzen Körper durchdrang. Die Jünger wollten ihren Meister davon abhalten, den Mann anzufassen, denn wer einen Aussätzigen berührte, wurde selbst unrein. Aber Jesus wurde nicht verunreinigt, als er seine Hand auf den Aussätzigen legte. Seine Berührung verlieh lebenspendende Kraft, und der Kranke wurde vom Aussatz geheilt. So ist es auch mit dem Aussatz der Sünde, der tief im Menschen verwurzelt ist und zum Tod führt. Er kann unmöglich durch menschliche Kraft gereinigt werden. »Das ganze Haupt ist krank, das ganze Herz ist matt. Von der Fußsohle bis zum Haupt ist nichts Gesundes an euch, sondern Beulen und Striemen und frische Wunden.« (Jesaja 1,5b.6a) Aber Jesus, der in die Welt kam, um unter uns zu leben, wird dadurch nicht befleckt oder verunreinigt. Seine Gegenwart verströmt heilende Kraft für den Sünder. Wer vor Jesus niederfällt und im Glauben sagt: »Herr, wenn du willst, kannst du mich reinigen«, wird die Antwort hören: »Ich will‘s tun; sei rein!« (Matthäus 8,2.3) Bei einigen Heilungen gewährte Jesus nicht sogleich den erhofften Segen, doch im Fall von Aussatz erfüllte er die Bitte, sobald sie ausgesprochen wurde. Wenn wir um irdische Segnungen bitten, kann es sein, dass unser Gebet nicht sofort beantwortet wird. Gott gibt uns vielleicht etwas anderes als das Erbetene. Doch es ist nicht so, wenn wir um die Befreiung von Sünde bitten. Es ist sein Wille, uns von der Sünde zu reinigen, uns zu seinen Kindern zu machen und uns zu befähigen, ein heiliges Leben zu führen. Christus »hat sich selbst für uns geopfert und ist nach dem Willen Gottes, unseres Vaters, für unsere Sünden gestorben, um uns aus dieser bösen Welt, in der wir leben, zu retten« (Galater 1,4 NLB). »Und wir dürfen zuversichtlich sein, dass er uns erhört, wenn wir ihn um etwas bitten, was seinem Willen entspricht. Und wenn wir wissen, dass er unsere Bitten hört, dann können wir auch sicher sein, dass er uns gibt, worum wir ihn bitten.« (1. Johannes 5,14.15 NLB) »Wenn wir ihm unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns vergibt und uns von allem Bösen reinigt.« (1. Johannes 1,9 NLB)

Mit der Heilung des Gelähmten in Kapernaum lehrte Christus nochmals dieselbe Wahrheit. Damit seine Vollmacht, Sünden zu vergeben, offenbar würde, vollbrachte er dieses Wunder. Aber es ist auch ein Bild für andere wertvolle Wahrheiten. Dieses Wunder ist voller Hoffnung und Ermutigung. Im Zusammenhang mit den nörgelnden Pharisäern enthält es auch eine ernste Warnung. Der Gelähmte hatte so wie der Aussätzige jede Hoffnung auf Genesung verloren. Seine Krankheit war die Folge eines sündigen Lebens, und sein Leiden wurde zusätzlich durch Gewissensbisse verschlimmert. Lange zuvor hatte er sich an die Pharisäer und Ärzte gewandt, in der Hoffnung Erleichterung für sein seelisches Leiden und die körperlichen Schmerzen zu finden. Aber sie erklärten ihn erbarmungslos für unheilbar und überließen ihn dem Zorn Gottes. Die Pharisäer betrachteten Leiden als Beweis göttlichen Missfallens und hielten sich deshalb von Kranken und Notleidenden fern. Doch genau jene, die sich selbst erhoben und für besonders heilig hielten, waren oft schuldiger als die Leidenden, die sie verurteilten. Weil der Gelähmte vollkommen hilflos war und von keiner Seite Unterstützung erwarten konnte, fiel er in eine tiefe Verzweiflung. Dann hörte er von den wunderbaren Taten von Jesus. Man sagte ihm, dass andere, die ebenso schuldbeladen und hilflos waren wie er, geheilt worden seien. Sogar Aussätzige seien gereinigt worden. Die Freunde, die ihm dies erzählten, ermutigten ihn zu glauben, dass auch er geheilt werden könne, wenn er zu Jesus gebracht würde. Doch der Gedanke, warum er überhaupt krank geworden war, ließ seinen Mut wieder sinken. Er fürchtete, der reine Arzt würde ihn in seiner Gegenwart nicht dulden. Er wünschte sich jedoch nicht so sehr die körperliche Heilung, sondern die Befreiung von der Sündenlast. Könnte er nur Jesus sehen und die Gewissheit der Vergebung und den himmlischen Frieden erlangen, wäre er zufrieden. Ob er lebte oder starb, der Wille Gottes sollte geschehen. Der Schrei des sterbenden Mannes war: Oh, wenn ich nur bei Jesus sein könnte! Er hatte keine Zeit mehr zu verlieren, denn schon trug sein abgemagerter Körper Zeichen des Verfalls. Er bat seine Freunde inständig, ihn auf seinem Bett zu Jesus zu tragen. Diesen Wunsch erfüllten sie ihm gern. Aber die Menge stand so dicht gedrängt im und vor dem Haus, in dem sich Jesus aufhielt, dass es für den Kranken und seine Freunde unmöglich war, zu Jesus zu gelangen. Sie kamen nicht einmal in seine Nähe, um wenigstens seine Stimme zu vernehmen. Jesus lehrte im Haus von Petrus. Um ihn herum saßen nach ihrer Gewohnheit seine Jünger. Außerdem waren Pharisäer und Schriftgelehrte anwesend, »die gekommen waren aus allen Orten in Galiläa und Judäa und aus Jerusalem« (Lukas 5,17a). Sie waren als Spione gekommen, um irgendetwas zu finden, das sie Jesus vorwerfen konnten. Nebst diesen offiziellen Vertretern drängte sich eine bunt zusammengewürfelte Menge um Jesus. Da gab es Wissbegierige, Ehrfürchtige, Neugierige und Ungläubige. Verschiedenste Nationalitäten und Leute aus allen Gesellschaftsschichten waren vertreten. »Und die Kraft des Herrn war mit ihm, dass er heilen konnte.« (Lukas 5,17b) Der Geist des Lebens war in der Versammlung anwesend. Aber die Pharisäer und Gelehrten nahmen seine Gegenwart nicht wahr. Sie hatten gar kein Verlangen danach und die Heilung bedeutete ihnen nichts. »Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.« (Lukas 1,53) 

Immer wieder versuchten die Träger des Gelähmten, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen, doch vergeblich. Der Kranke blickte in unsagbarem Kummer um sich. Wie könnte er nun die Hoffnung aufgeben, da die langersehnte Hilfe doch so nahe war! Auf Wunsch des Kranken trugen ihn seine Freunde auf das Dach des Hauses. Sie brachen es auf und ließen ihn hinab vor die Füße von Jesus. Dadurch wurde dessen Rede unterbrochen. Er schaute in das traurige Gesicht des Kranken und sah die flehenden Augen, die auf ihn gerichtet waren. Jesus kannte die Situation des Kranken, hatte er doch selbst den zweifelnden und ratlosen Menschen zu sich gezogen. Der Gelähmte war noch zu Hause gewesen, als der Erlöser dessen Gewissen von seiner Schuld überzeugte. Als der Gelähmte seine Sünden bereute und an die heilende Macht von Jesus glaubte, wurde die Sehnsucht seines Herzens zum ersten Mal durch die lebenspendende Gnade gestillt. Jesus hatte gesehen, wie sich der erste Schimmer des Vertrauens in einen festen Glauben verwandelte – ein Glaube, der wusste, dass Jesus die einzige Hilfe für sein sündiges Leben war und der so stark wurde, dass der Gelähmte keinen Aufwand scheute, um in die Gegenwart von Jesus zu kommen. Und nun sprach der Erlöser Worte, die wie Musik in den Ohren des Gelähmten klangen: »Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.« (Matthäus 9,2) Die Last der Verzweiflung fiel von der Seele des Kranken. Der Friede der Vergebung kehrte in sein Herz ein und ließ sein Gesicht aufleuchten. Die körperlichen Schmerzen waren verschwunden, und sein ganzes Wesen war verändert. Der hilflose Gelähmte war geheilt! Dem schuldbeladenen Sünder war vergeben! In einfachem Glauben nahm er die Worte von Jesus als Geschenk eines neuen Lebens an. Er äußerte keine weitere Bitte, sondern lag in zufriedenem Schweigen da. Vor lauter Glück fehlten ihm die Worte. Das Licht des Himmels erleuchtete sein Angesicht. Die Anwesenden schauten mit großer Ehrfurcht zu.

Die Rabbiner hatten gespannt darauf gewartet, was Jesus in diesem Fall tun würde. Sie erinnerten sich an diesen Mann, der sie um Hilfe angefleht hatte. Sie hatten ihm keine Hoffnung gemacht, kein Mitgefühl entgegengebracht. Außerdem hatten sie ihm erklärt, dass er seiner Sünde wegen leiden müsse und unter dem Fluch Gottes stehe. All das kam ihnen wieder in den Sinn, als sie den Gelähmten vor sich sahen. Sie bemerkten das große Interesse aller Anwesenden, die das Geschehen genau beobachteten. Da befiel sie die entsetzliche Angst, sie könnten ihren Einfluss auf das Volk verlieren. Diese Würdenträger sprachen nicht miteinander. Als sich aber ihre Blicke trafen, hatten sie denselben Gedanken: Es musste unbedingt etwas getan werden, um diese Flut der Gefühle aufzuhalten. Jesus hatte erklärt, dass die Sünden des Gelähmten vergeben seien. Die Pharisäer hielten dies für eine Gotteslästerung und dachten, sie könnten diese Aussage als eine Sünde darstellen, die mit dem Tod bestraft werden müsse. Darum sprachen sie in ihrem Herzen: »Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?« (Markus 2,7) Jesus richtete seinen Blick direkt auf sie, sodass sie sich duckten und einen Schritt zurückwichen. Dann sagte er: »Warum denkt ihr so Böses in euren Herzen? Was ist denn leichter zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf und geh umher? Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, auf Erden die Sünden zu vergeben, sprach er zu dem Gelähmten: ›Steh auf, hebe dein Bett auf und geh heim!‹« (Matthäus 9,4-6) Da sprang der Mann, den man auf einer Trage zu Jesus gebracht hatte, in der Frische und Kraft eines Jugendlichen auf. Das lebenspendende Blut pulsierte durch seine Adern. Jedes Organ seines Körpers begann zu arbeiten. Ein gesundes und frisches Aussehen verdrängte die Blässe des herannahenden Todes. »Und er stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor aller Augen, sodass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: ›Wir haben so etwas noch nie gesehen.‹« (Markus 2,12) O wunderbare Liebe von Christus, die sich herabneigt, um die Schuldbeladenen und Kranken zu heilen! Die Gottheit ist besorgt und lindert die Not der leidenden Menschheit! O herrliche Macht, die sich so den Menschen offenbart! Wer kann noch an der Erlösungsbotschaft zweifeln? Wer kann die Gnadengeschenke des barmherzigen Erlösers geringachten?

Nichts Geringeres als Schöpferkraft war notwendig, um diesen verfallenden Körper wieder gesund zu machen. Dieselbe Stimme, die einst den aus dem Staub der Erde erschaffenen Menschen ins Leben rief, verlieh dem Sterbenskranken neues Leben. Und dieselbe Kraft, die dem Körper das Leben gab, erneuerte auch sein Herz. Derselbe, von dem es im Schöpfungsbericht heißt: »Er sprach, und es geschah; er gebot, und es stand da« (Psalm 33,9 Elb.), gab diesem Menschen neues Leben, der durch »Übertretungen und Sünden« tot gewesen war (Epheser 2,1). Die Heilung des Körpers war ein Beweis für die Kraft, die sein Herz bereits erneuert hatte. Christus gebot dem Gelähmten, aufzustehen und zu gehen, damit wir wissen, »dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden« (Markus 2,10). Der Gelähmte wurde durch Christus an Leib und Seele geheilt. Der geistlichen Genesung folgte die körperliche Wiederherstellung. Dieser Punkt sollte nicht übersehen werden. In unseren Tagen leiden Tausende an körperlichen Erkrankungen und sehnen sich wie der Gelähmte nach dieser Botschaft: »Deine Sünden sind dir vergeben.« (Markus 2,5) Die Last der Sünde mit ihrer Unruhe und ihren unbefriedigten Wünschen ist der Auslöser ihrer Krankheiten. Erst wenn sie zum großen Arzt, dem Heiler der Seele (vgl. Psalm 51,5), kommen, können sie Erleichterung finden. Nur er kann den Frieden schenken, der dem Geist Kraft und dem Körper Gesundheit verleiht.

Jesus kam, »um die Taten des Teufels zu vernichten« (1. Johannes 3,8b NLB). »In ihm war das Leben.« (Johannes 1,4a) Er selbst sagt: »Ich aber bin gekommen, um ihnen das Leben in ganzer Fülle zu schenken.« (Johannes 10,10b NLB) Er ist der »Geist, der lebendig macht« (1. Korinther 15,45b). Und er besitzt immer noch die gleiche lebenspendende Kraft, die er auf Erden besaß, als er Kranke heilte und Sündern Vergebung gewährte. Er vergibt »dir alle deine Sünde … und heilet alle deine Gebrechen« (Psalm 103,3). Die Heilung des Gelähmten beeindruckte die Umstehenden tief. Ihnen war, als hätte sich der Himmel geöffnet und die Herrlichkeit einer besseren Welt offenbart. Der Geheilte ging durch die Menge und lobte Gott. Er trug sein Bett, als wäre es federleicht. Die Menschen wichen zur Seite, starrten ihn mit ehrfurchtsvollen Blicken an und flüsterten einander zu: »Wir haben heute seltsame Dinge gesehen.« (Lukas 5,26) Die Pharisäer waren vor Erstaunen sprachlos und von der Niederlage überwältigt. Sie sahen, dass sich ihnen hier keine Gelegenheit bot, mit ihrer Eifersucht das Volk aufzuwiegeln. Die wunderbare Heilung dieses Mannes, den sie einst dem Zorn Gottes übergeben hatten, machte einen so gewaltigen Eindruck auf die Leute, dass sie die Pharisäer für eine Weile vergaßen. Sie erkannten, dass Christus eine Macht besaß, die ihrer Ansicht nach allein Gott zukam. Und doch stand die bescheidene Würde seines Wesens in auffallendem Gegensatz zu ihrem hochmütigen Benehmen. Sie waren betroffen und beschämt. Sie empfanden wohl die Gegenwart eines höheren Wesens, aber sie gaben es nicht zu. Je stärker der Beweis war, dass Jesus auf Erden die Macht hatte, Sünden zu vergeben, desto mehr vergruben sie sich in ihrem Unglauben. Sie verließen das Haus des Petrus, wo auf das Wort von Jesus hin, der Gelähmte heil geworden war, und schmiedeten neue Pläne, wie sie den Sohn Gottes zum Schweigen bringen könnten. Jede körperliche Krankheit, wie bösartig und tief verwurzelt sie auch war, wurde durch die Macht von Christus geheilt. Aber die Krankheit der Seele hatte jene noch fester im Griff, die ihre Augen vor dem Licht verschlossen. Aussatz und lähmende Gicht waren nicht so schrecklich wie Engstirnigkeit und Unglaube. Als der Geheilte in sein Haus und zu seiner Familie zurückkehrte, herrschte große Freude. Mit Leichtigkeit trug er sein Bett, auf dem er kurz zuvor noch behutsam getragen worden war. Alle umringten ihn, weinten vor Freude und trauten ihren Augen kaum. Er stand vor ihnen in voller Lebenskraft. Seine Arme, die so leblos ausgesehen hatten, gehorchten nun augenblicklich seinem Willen. Die zuvor bleiche und schrumpelige Haut war nun frisch und rosig. Sein Schritt war fest und unbehindert. Freude und Hoffnung strahlten aus seinem Gesicht, und die Spuren von Sünde und Leid waren einem Ausdruck von Reinheit und Frieden gewichen. Frohe Danksagungen erklangen aus diesem Haus. Gott wurde durch seinen Sohn verherrlicht, der dem Mutlosen Hoffnung und dem Zerschlagenen neue Kraft gegeben hatte. Dieser Mann und seine Familie waren bereit, für Jesus ihr Leben zu lassen. Keine Zweifel dämpften ihr Vertrauen, und kein Unglaube stellte ihre Treue zu dem in Frage, der Licht in ihr düsteres Leben gebracht hatte.

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