Betesda und der Hohe Rat

Betesda und der Hohe Rat

Johannes 5

»Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen; in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte. Sie warteten darauf, dass sich das Wasser bewegte.« (Johannes 5,2.3) Zu bestimmten Zeiten wurde das Wasser dieses Teiches bewegt. Es wurde allgemein angenommen, dies sei das Wirken einer übernatürlichen Kraft. Man glaubte, dass derjenige, der nach dem Aufwallen des Wassers als Erster in den Teich stieg, geheilt werde – welche Krankheit er auch immer hatte. Hunderte von Leidenden suchten diesen Ort auf. Die Menge war groß, und wenn sich das Wasser bewegte, stürzten sich diese Menschen nach vorn. Jeder wollte zuerst im Wasser sein. Dabei überrannten sie Männer, Frauen und Kinder, die schwächer waren als sie, und trampelten sie zu Boden. Viele kamen nicht einmal in die Nähe des Teiches. Andere, die ihn noch erreicht hatten, starben am Rand. Man hatte Hallen um den Teich errichtet, damit sich die Kranken vor der Hitze des Tages und der Kälte der Nacht schützen konnten. So mancher verbrachte die Nacht in diesen Hallen, schleppte sich Tag für Tag an den Rand des Teiches und hoffte vergeblich auf Hilfe.

Jesus war erneut in Jerusalem. Allein und anscheinend in Gedanken und im Gebet versunken, kam er zum Teich. Er sah die armen Leidenden, die auf das warteten, was sie für ihre einzige Heilungschance hielten. Er hätte seine heilende Kraft gerne eingesetzt, um jeden Kranken gesund zu machen, aber es war Sabbat. Unzählige Menschen strömten in den Tempel, um Gottesdienst zu feiern. Jesus wusste, dass solch eine Heilungstat die Feindseligkeit der jüdischen Führer ihm gegenüber so sehr erregen würde, dass sein Wirken ein vorzeitiges Ende fände. Doch dann erblickte Jesus einen Menschen in tiefstem Elend. Da lag ein Mann, der seit 38 Jahren ein hilfloser Krüppel war. Seine Krankheit war zum größten Teil die Folge seiner Sünde und wurde deshalb als Strafe Gottes angesehen. Allein und von Freunden verlassen, mit dem Gefühl, von der Gnade Gottes ausgeschlossen zu sein, durchlebte der Leidende lange Jahre tiefster Not. Wenn Menschen, die ihn in seiner Hilflosigkeit bemitleideten, dachten, das Wasser würde sich demnächst bewegen, schleppten sie ihn zu den Hallen. Im entscheidenden Augenblick jedoch hatte er niemanden, der ihm ins Wasser half. Stets sah er, wie sich das Wasser bewegte, aber es gelang ihm nie, weiter zu kommen als bis zum Rand des Teiches. Andere, die stärker waren als er, stürzten sich vor ihm hinein. Er konnte unmöglich gegen eine selbstsüchtig drängende Menge ankommen. Die ständigen Versuche, dieses eine Ziel zu erreichen, seine Angst und die stets wiederkehrenden Enttäuschungen raubten ihm seine letzte Kraft. Während der kranke Mann auf seiner Matte lag und ab und zu sein Haupt erhob, um auf den Teich zu blicken, beugte sich ein gütiges, mitleidsvolles Gesicht über ihn. Die Worte »Willst du gesund werden?« (Johannes 5,6) erregten seine Aufmerksamkeit. Hoffnung erfüllte sein Herz. Er spürte, dass er irgendwie Hilfe bekommen würde. Aber der Hoffnungsschimmer erlosch bald wieder. Er dachte daran, wie oft er vergebens versucht hatte, den Teich zu erreichen. Die Aussichten, dass er noch leben würde, wenn sich das Wasser das nächste Mal bewegte, standen schlecht. Erschöpft wandte er sich ab. »Herr, ich kann nicht … denn ich habe niemanden, der mich in den Teich trägt, wenn sich das Wasser bewegt. Während ich noch versuche hinzugelangen, steigt immer schon ein anderer vor mir hinein.« (Johannes 5,7 NLB) Jesus forderte diesen Leidenden nicht auf, an ihn zu glauben, sondern sagte einfach: »Steh auf, nimm deine Matte und geh!« (Johannes 5,8 NLB) Der Mann klammerte sich im Glauben an diese Worte. Neues Leben durchdrang jeden Nerv und jeden Muskel, und eine heilsame Bewegung fuhr durch seine verkrüppelten Glieder. Ohne lange zu fragen, entschloss er sich, der Aufforderung von Christus zu folgen. Alle seine Muskeln gehorchten seinem Willen. Er sprang auf seine Füße und merkte, dass er sich wieder bewegen konnte. Jesus hatte ihm keine göttliche Hilfe zugesichert. Der Mann hätte dem Zweifel nachgeben und damit seine einzige Möglichkeit zur Heilung verlieren können. Doch er glaubte den Worten von Jesus. Sobald er danach handelte, erhielt er die notwendige Kraft. Durch denselben Glauben können wir geistlich geheilt werden. Die Sünde hat uns vom göttlichen Leben getrennt. Unser Innerstes ist gelähmt. Aus uns selbst heraus können wir genauso wenig ein heiliges Leben führen, wie jener Gelähmte imstande war zu gehen. Viele Menschen werden sich ihrer Hilflosigkeit bewusst und sehnen sich nach einem geistlichen Leben, das sie in Einklang mit Gott bringt. Doch sie streben vergeblich danach. Verzweifelt rufen sie aus: »Was bin ich doch für ein elender Mensch! Wer wird mich von diesem Leben befreien, das von der Sünde beherrscht wird?« (Römer 7,24 NLB) Diese verzagten und sich abmühenden Menschen dürfen aufschauen. Der Erlöser neigt sich über den Menschen, den er mit seinem Blut erkauft hat, und fragt mit unaussprechlicher Güte und Mitleid: »Willst du gesund werden?« (Johannes 5,6) Er lädt dich ein, in Gesundheit und Frieden aufzustehen. Warte nicht, bis du spürst, dass du gesund bist! Glaube seinem Wort, und es wird erfüllt! Übergib deinen Willen an Christus! Entschließe dich, ihm zu dienen! Sobald du auf sein Wort hin handelst, wirst du Kraft erhalten. Welche Sünde oder beherrschende Leidenschaft die Seele und den Leib auch binden mag (weil ihr so lange nachgegeben wurde), Christus kann und möchte dich befreien! Er will dem Menschen, der durch Übertretungen und Sünden tot ist (vgl. Epheser 2,1), Leben verleihen. Er will den Gefangenen, der durch Schwachheit, Unglück und die Ketten der Sünde gebunden ist, frei machen. Der Geheilte bückte sich und hob sein Bett auf, das nur aus einer Matte und einer Decke bestand. Er richtete sich mit Freuden auf und schaute sich nach dem Mann um, der ihn geheilt hatte. Doch Jesus war in der Menge verschwunden. Der Mann befürchtete, dass er ihn nicht wieder erkennen würde, sollte er ihm wieder begegnen. Nun machte er sich eiligst davon. Mit sicherem Schritt zog er seines Weges, lobte Gott und freute sich über seine neu gewonnene Kraft. Da begegnete er einigen Pharisäern und erzählte ihnen sofort von seiner Heilung. Doch er war überrascht, mit welcher Kälte sie seiner Geschichte zuhörten.

Mit düsteren Blicken unterbrachen sie ihn und fragten, warum er am Sabbat sein Bett herumtrage. Sie erinnerten ihn unfreundlich daran, dass es das Gesetz verbiete, am Tag des Herrn Lasten zu tragen. Vor lauter Freude hatte der Mann vergessen, dass es Sabbat war. Trotzdem empfand er keine Gewissensbisse, weil er ja nur der Aufforderung des Einen, der solch eine göttliche Kraft besaß, gehorcht hatte. Mutig antwortete er: »Der mich gesund gemacht hat, sprach zu mir: Nimm dein Bett und geh hin!« (Johannes 5,11) Sie fragten, wer es gewesen sei, doch er konnte es ihnen nicht sagen. Diese Pharisäer wussten genau, dass nur Einer allein sich als fähig erwiesen hatte, dieses Wunder zu vollbringen. Doch sie suchten einen eindeutigen Beweis dafür, dass es Jesus war, damit sie ihn als Sabbatschänder verurteilen konnten. Ihrer Meinung nach hatte er das Gesetz nicht nur dadurch gebrochen, dass er den kranken Mann am Sabbat heilte, sondern auch weil er ihm gebot, sein Bett wegzutragen. Die Juden hatten das Gesetz so entstellt, dass daraus ein knechtisches Joch geworden war. Ihre törichten Bestimmungen boten anderen Völkern Anlass zum Spott. Besonders der Sabbat war durch viele sinnlose Beschränkungen eingeengt worden. Dieser ehrwürdige und dem Herrn heilige Tag machte ihnen keine Freude. Die Schriftgelehrten und Pharisäer hatten den Sabbattag zu einer unerträglichen Last gemacht. Einem Juden war es nicht erlaubt, am Sabbat ein Feuer zu machen, nicht einmal eine Kerze durfte angezündet werden. Die Folge war, dass die Juden für so manche Dienste, die sie wegen ihrer selbst erlassenen Vorschriften nicht ausführen durften, auf die Hilfe der Heiden angewiesen waren. Sie hatten sich jedoch nicht überlegt, dass, falls diese Handlungen tatsächlich sündhaft waren und sie andere mit deren Erledigung beauftragten, sie genauso schuldig waren, als wenn sie die Arbeit selbst verrichtet hätten. Die Juden dachten, nur sie würden erlöst werden und die bereits hoffnungslose Lage aller anderen könne sich durch nichts verschlechtern. Aber Gott hat keine Gebote erlassen, die nicht von allen befolgt werden können. Seine Gebote unterstützen keine unsinnigen und eigennützigen Einschränkungen. Im Tempel begegnete Jesus erneut dem Geheilten. Dieser war gekommen, um für die große Gnade, die ihm zuteilgeworden war, ein Sünd- und ein Dankopfer darzubringen. Als Jesus ihn unter den Gläubigen fand, gab er sich ihm zu erkennen und sagte mit warnender Stimme: »Siehe, du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre.« (Johannes 5,14) Der Geheilte war überglücklich, seinen Befreier zu treffen. Er wusste nichts von den Feindseligkeiten gegenüber Jesus und erzählte den Pharisäern, die ihn gefragt hatten, dass dieser es war, der ihn gesund gemacht hatte. »Von da an verfolgten die führenden Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hatte.« (Johannes 5,16 NLB) Weil er angeklagt wurde, den Sabbat gebrochen zu haben, wurde Jesus vor den Hohen Rat gebracht, um sich dafür zu verantworten. Wären die Juden damals eine unabhängige Nation gewesen, hätte eine solche Anklage gereicht, ihn zum Tod zu verurteilen. Ihre Abhängigkeit von den Römern verhinderte dies jedoch. Den Juden war es nämlich untersagt, die Todesstrafe zu verhängen. Die gegen Christus vorgebrachte Anklage wäre vor einem römischen Gericht bedeutungslos gewesen. Die Pharisäer hofften jedoch, andere Gründe zu finden. Trotz ihrer Bemühungen, sein Wirken zu behindern, wuchs sein Einfluss sogar in Jerusalem und wurde größer als der ihre. Viele, die kein Interesse an den langen Reden der Rabbiner hatten, wurden von seinen Lehren angezogen. Sie konnten seine Worte verstehen. Ihre Herzen wurden dadurch erwärmt und getröstet. Er sprach von Gott nicht als von einem rachsüchtigen Richter, sondern von einem liebevollen Vater. Jesus offenbarte Gottes Bild, indem er es selbst widerspiegelte. Seine Worte waren wie Balsam für den verwundeten Geist. Mit seinen barmherzigen Worten und Taten brach er die unterdrückende Macht alter Gepflogenheiten wie auch der von Menschen gemachten Gebote und offenbarte die Liebe Gottes in ihrer unerschöpflichen Fülle.

In einer der frühesten Weissagungen, die auf Christus hinweisen, heißt es: »Es wird das Zepter nicht von Juda weichen, noch der Herrscherstab von seinen Füßen, bis der Schilo kommt, und ihm werden die Völker gehorsam sein.« (1. Mose 49,10 Schl.) Die Menschen scharten sich um Christus. Die mitfühlenden Menschen in der Menge nahmen die Lehren der Liebe und des Wohlwollens lieber an als die starren Zeremonien, die von den Priestern verlangt wurden. Wären die Priester und Rabbiner nicht dazwischengetreten, hätten seine Lehren eine Erneuerung ausgelöst, wie sie die Welt noch nie erlebt hatte. Aber um ihre eigene Macht aufrechtzuerhalten, waren diese geistlichen Führer fest entschlossen, den Einfluss von Jesus zu unterbinden. Mit Hilfe einer Anklage des Hohen Rates und einer öffentlichen Verurteilung seiner Lehren versuchten sie, dies zu erreichen. Denn das Volk besaß noch große Hochachtung vor seinen religiösen Führern. Wer immer es wagte, die rabbinischen Forderungen zu verurteilen, oder sich bemühte, die dem Volk auferlegten Lasten zu erleichtern, wurde nicht nur wegen Gotteslästerung, sondern auch wegen Verrats für schuldig befunden. Unter diesen Umständen hofften die Rabbiner, das Misstrauen gegenüber Christus zu wecken. Sie warfen ihm vor, er wolle altbewährte Bräuche abschaffen. Damit aber würde die Gesellschaft gespalten und den Römern der Weg zur völligen Unterwerfung frei gemacht. Doch die Pläne, die die Rabbiner so eifrig auszuführen versuchten, hatten einen anderen Urheber als den Hohen Rat. Nachdem Satan vergeblich versucht hatte, Jesus in der Wüste zu überwinden, sammelte er alle seine Kräfte, um dessen Wirken zu bekämpfen und – wenn möglich – zum Scheitern zu bringen. Er war fest entschlossen, das, was er nicht durch persönliches Bemühen erreicht hatte, mit List zu versuchen. Kaum hatte er sich vom Kampf in der Wüste zurückgezogen, beriet er sich mit seinen mit ihm verbündeten Engeln und feilte an seinen Plänen, wie man das jüdische Volk weiter verblenden konnte, damit es seinen Erlöser nicht erkennt. Dabei sollten ihm seine menschlichen Mitarbeiter aus der religiösen Welt behilflich sein. Er wollte ihnen seinen eigenen Hass, den er auf den Meister der Wahrheit hatte, einflößen und sie dazu anstiften, Christus abzulehnen. In der Hoffnung, ihn in seiner Aufgabe zu entmutigen, versuchte Satan, Jesus das Leben so unerträglich wie möglich zu machen. Auf diese Weise wurden die führenden Männer Israels Werkzeuge Satans im Kampf gegen den Erlöser.

Jesus war gekommen, »dass er sein Gesetz herrlich und groß mache« (Jesaja 42,21). Er sollte dessen kostbaren Wert nicht schmälern, sondern verherrlichen. Die Bibel sagt: »Er wird nicht verzagen noch zusammenbrechen, bis er das Recht auf Erden aufgerichtet hat« (Jesaja 42,4 Elb.). Er war gekommen, den Sabbat von diesen beschwerlichen Regeln, die diesen zu einem Fluch statt zu einem Segen gemacht hatten, zu befreien. Aus diesem Grund hatte Jesus für das Heilungswunder am Teich Betesda den Sabbat ausgewählt. Er hätte den Kranken auch an einem anderen Wochentag heilen oder ihn gesund machen können, ohne ihm zu gebieten, sein Bett wegzutragen. Doch das hätte ihm nicht die erhoffte Gelegenheit verschafft. In jedem Handeln von Jesus während seines Erdenlebens lag eine weise Absicht. Alles, was er tat, war wichtig an sich und betraf seine Lehre. Unter den Leidenden am Teich wählte er den meist Betroffenen aus, um an ihm seine heilende Macht zu bezeugen. Damit die große, an ihm gewirkte Heilungstat öffentlich bekannt wurde, gebot er dem Mann, seine Matte durch die Stadt zu tragen. Dadurch würde die Frage aufkommen, was am Sabbat erlaubt sei. Jesus hatte so die Möglichkeit, die Einschränkungen der jüdischen Führer in Bezug auf den Tag des Herrn anzuprangern und ihre Satzungen für nichtig zu erklären. Jesus machte ihnen deutlich, dass die Befreiung der Elenden mit dem Sabbatgebot in Einklang stand. Dieser Dienst stimmte auch mit dem Dienst der Engel Gottes überein, die sich ständig zwischen Himmel und Erde auf und ab bewegen, um der leidenden Menschheit beizustehen. Jesus erklärte: »Mein Vater hat bis heute nicht aufgehört zu wirken, und deshalb wirke ich auch.« (Johannes 5,17 NLB) Jeder Tag gehört Gott, und an jedem Tag führt er seine Pläne zugunsten der Menschheit aus. Wenn die Rabbiner mit ihrer Auslegung des Gesetzes recht gehabt hätten, wäre der Allmächtige im Irrtum, der jedes Lebewesen seit Grundlegung der Erde belebt und erhalten hat. Dann hätte Gott, der sein Schöpfungswerk als gut bezeichnet und den Sabbat zum Gedenken an dessen Vollendung eingesetzt hat, mit seinem Wirken aufhören und den nie endenden Lauf des Universums anhalten müssen. Sollte Gott der Sonne am Sabbat verbieten, ihre warmen Strahlen zu schicken, um die Erde zu erwärmen und die Pflanzenwelt zu erhalten? Muss das gesamte All während des heiligen Tages stillstehen? Sollte der Herr den Bächen gebieten, den Feldern und Wäldern kein Wasser zu spenden, und die Meere anweisen, ihren unaufhörlichen Wechsel zwischen Ebbe und Flut zu unterbrechen? Müssen Weizen und Mais zu wachsen aufhören, und soll die reifende Traube das Wachstum ihrer Purpurblüte aufschieben? Dürfen die Knospen und Blüten der Bäume und Blumen am Sabbat nicht treiben? Wäre dies der Fall, würden dem Menschen die Früchte und Segnungen der Erde, die das Leben so lebenswert machen, entgehen. Die Natur muss deshalb in ihrem unwandelbaren Lauf fortfahren. Wollte Gott seine Hand auch nur für einen Augenblick zurückziehen, der Mensch würde zusammenbrechen und sterben. Auch der Mensch soll seine Pflicht an diesem Tag erfüllen. Die Bedürfnisse des Lebens sollen beachtet werden. Kranke sollen versorgt und den Armen und Bedürftigen muss geholfen werden. Wer es unterlässt, Leidenden am Sabbat zu helfen, macht sich schuldig. Gottes heiliger Ruhetag wurde für den Menschen geschaffen, und Werke der Barmherzigkeit stehen in voller Übereinstimmung mit der Zielsetzung dieses Tages. Gott möchte nicht, dass seine Geschöpfe auch nur eine Stunde lang Schmerzen leiden, wenn diese am Sabbat oder an irgendeinem anderen Tag gelindert werden können. Die Erwartungen an Gott sind am Sabbat eher noch größer als an anderen Tagen. Sein Volk lässt dann alle gewöhnliche Arbeit ruhen und verbringt die Zeit in Andacht und Anbetung. Es erbittet von Gott am Sabbat mehr Gnadenerweise als an anderen Tagen, wünscht sich seine besondere Aufmerksamkeit und sehnt sich nach seinem überreichen Segen. Gott lässt den Sabbat nicht verstreichen, ohne diese Bitten erhört zu haben. Die Arbeit des Himmels hört nie auf. Auch der Mensch sollte nie aufhören, Gutes zu tun. Der Sabbat ist nicht eine Zeit der sinnlosen Trägheit. Das Gesetz Gottes erlaubt es nicht, am Ruhetag des Herrn weltlicher Arbeit nachzugehen. Jede mühevolle Arbeit, die dazu dient, den Lebensunterhalt zu verdienen, soll ruhen. Eine Arbeit am Sabbat, die weltlichem Vergnügen oder dem eigenen Vorteil dient, entspricht nicht dem Gebot. So wie Gott sein Schöpfungswerk vollendete, am Sabbat ruhte und diesen Tag segnete (vgl. 1. Mose 2,2.3), soll der Mensch seine tägliche Arbeit verlassen und sich in diesen geweihten Stunden der heilsamen Ruhe, der Andacht und guten Taten widmen. Das Werk von Christus, den Kranken zu heilen, war in völligem Einklang mit dem Gesetz Gottes. Diese Heilung ehrte den Sabbat.

Jesus nahm für sich dieselben Rechte in Anspruch wie Gott, indem er Taten vollbrachte, die gleichfalls heilig und von derselben Art waren wie die seines Vaters im Himmel. Aber die Pharisäer wurden noch wütender. Ihrer Meinung nach hatte Jesus nicht nur das Gesetz gebrochen, sondern auch sich selbst Gott gleichgesetzt, weil er Gott »seinen eigenen Vater« nannte (Johannes 5,18b Elb.). Das ganze Volk der Juden nannte Gott seinen Vater. Hätte Jesus sein Verhältnis zu Gott in ähnlicher Weise beschrieben, wären sie nicht so aufgebracht gewesen. Doch nun beschuldigten sie ihn der Gotteslästerung und zeigten damit, dass sie ihn sehr wohl verstanden hatten, als er diesen Anspruch buchstäblich erhob. Die Gegner von Christus konnten nichts gegen die Wahrheiten einwenden, mit denen er an ihr Gewissen appellierte. Sie konnten nur auf ihre Bräuche und Traditionen hinweisen. Doch im Vergleich zu den Beweisen, die Jesus aus dem Wort Gottes und aus dem unaufhörlichen Lauf der Natur erbracht hatte, erschienen diese schwach und nichtssagend. Hätten die Rabbiner ein Verlangen nach Licht gehabt, wären sie überzeugt worden, dass Jesus die Wahrheit sprach. Stattdessen wichen sie seinen Erklärungen über den Sabbat aus und versuchten, den Hass gegen ihn zu schüren, weil er behauptete, Gott gleich zu sein. Die Wut der geistlichen Führer kannte keine Grenzen. Hätten sie nicht das Volk gefürchtet, die Priester und Rabbiner hätten Jesus auf der Stelle umgebracht. Aber seine Beliebtheit im Volk war sehr groß. Viele sahen in Jesus den Freund, der ihre Krankheiten geheilt und sie in ihren Sorgen getröstet hatte. Nun verteidigten sie die Heilung des Kranken am Teich Betesda. Darum waren die geistlichen Führer gezwungen, ihren Hass vorläufig zu unterdrücken. Jesus wies die Anschuldigung der Gotteslästerung zurück. Er sagte: Meine Vollmacht, das Werk zu tun, dessentwegen ihr mich anklagt, liegt darin, dass ich Gottes Sohn bin. Ich bin eins mit dem Vater in der Natur, im Willen und in der Zielsetzung. In all seinen Werken der Schöpfung und Vorsehung wirke ich mit ihm zusammen. »Der Sohn kann nichts aus sich heraus tun. Er tut nur, was er den Vater tun sieht.« (Johannes 5,19a NLB) Die Priester und Rabbiner tadelten den Sohn Gottes genau für dieses Handeln, für dessen Erfüllung er auf diese Welt gesandt worden war. Durch ihre Sünden hatten sie sich von Gott getrennt. In ihrem Stolz gingen sie unabhängig von ihm ihre eigenen Wege. Sie meinten, sich in allem selbst zu genügen, und sahen keine Notwendigkeit, sich in ihrem Handeln durch göttliche Weisheit leiten zu lassen. Der Sohn Gottes aber hatte sich dem Willen des Vaters verschrieben und war von dessen Kraft abhängig. Christus war so vollkommen frei von Eigennutz, dass er keine Pläne für sich selbst machte. Er nahm jene an, die Gott für ihn bereithielt. Tag für Tag enthüllte sie ihm der Vater. Genau so sollen auch wir von Gott abhängig sein, damit unser Leben die schlichte Umsetzung seines Willens ist.

Bevor Mose das Heiligtum als Wohnstätte Gottes bauen konnte, wurde er angewiesen, alles nach dem »Modell« anzufertigen, das ihm auf dem Berg Sinai gezeigt worden war (vgl. 2. Mose 25,9.40 GNB). Mose erfüllte Gottes Auftrag voller Eifer. Die begabtesten und geschicktesten Männer wurden herbeigerufen, um seine Anweisungen auszuführen. Doch er selbst durfte keine Schelle, keinen Granatapfel, keine Quaste, keinen Saum, keinen Vorhang, auch keines der Gefäße für das Heiligtum anfertigen lassen, wenn es nicht dem ihm gezeigten Modell entsprach. Der Herr rief Mose auf den Berg und ließ ihn die himmlischen Dinge sehen. Er bedeckte ihn mit seiner eigenen Herrlichkeit, sodass er das himmlische Vorbild sehen konnte. Diesem Muster entsprechend wurde dann alles angefertigt. So offenbarte Gott dem Volk Israel, bei dem er wohnen wollte, das wunderbare Ideal seines Wesens. Das Vorbild wurde ihnen am Berg gezeigt, als das Gesetz vom Sinai gegeben wurde und der Herr an Mose vorüberging und rief: »Der Herr, der Herr, ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und von großer Gnade und Treue, der Gnade bewahrt Tausenden, der Schuld, Vergehen und Sünde vergibt.« (2. Mose 34,6.7 ZÜ) Israel jedoch hatte seinen eigenen Weg gewählt und nicht nach Gottes Vorbild gebaut. Christus dagegen – der Tempel, in dem Gott wahrhaftig wohnte – formte jede Einzelheit seines irdischen Lebens im Einklang mit dem göttlichen Ideal. Er sagte: »Deinen Willen, mein Gott, tue ich gern, und dein Gesetz hab ich in meinem Herzen.« (Psalm 40,9) So soll auch unser Charakter »zu einer Wohnung Gottes im Geist« (Epheser 2,22) erbaut werden. Wir sollen »alles nach dem Vorbild« (Hebräer 8,5 ZÜ) und in Übereinstimmung mit Jesus machen, denn er hat »für euch gelitten und euch ein Beispiel hinterlassen, damit ihr seinen Fußspuren nachfolgt« (1. Petrus 2,21 Elb.). Die Worte von Christus lehren uns, dass wir uns selbst als untrennbar mit unserem himmlischen Vater verbunden sehen sollen. Welche Stellung wir auch innehaben, wir sind abhängig von Gott, der das Schicksal aller Menschen in seinen Händen hält. Er hat uns unsere Aufgabe zugewiesen und uns dafür mit Fähigkeiten und Möglichkeiten ausgestattet. Solange wir Gott unseren Willen übergeben und seiner Stärke und Weisheit vertrauen, werden wir auf sicheren Wegen geführt. So können wir unseren Auftrag innerhalb seines großen Plans erfüllen. Wer sich aber auf seine eigene Weisheit und Kraft verlässt, trennt sich selbst von Gott. Statt im Einklang mit Christus zu handeln, erfüllt er die Aufgabe des Feindes Gottes und der Menschen.

Jesus fuhr fort: »Was der Vater tut, genau das tut auch der Sohn. … Denn wie der Vater die Toten auferweckt und ihnen das Leben gibt, so gibt auch der Sohn das Leben, wem er will.« (Johannes 5,19b.21 GNB) Die Sadduzäer meinten, es gebe keine Auferstehung des Leibes. Jesus aber versicherte ihnen, dass eine der größten Taten seines Vaters die Auferweckung der Toten sei und er selbst die Macht habe, diese Tat zu vollbringen. »Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören werden, die werden leben.« (Johannes 5,25) Die Pharisäer glaubten an die Auferstehung der Toten. Christus machte ihnen klar, dass sich der Machthaber, der den Toten neues Leben verleihen kann, gerade jetzt unter ihnen befand und sie Zeugen von dessen Offenbarung werden sollten. Es ist der gleiche Machthaber, der einem Menschen, welcher in »Übertretungen und Sünden« tot ist (Epheser 2,1), neues Leben schenken kann. Dieser lebenspendende Geist in Christus Jesus, »die Kraft seiner Auferstehung« (Philipper 3,10), macht Menschen »frei … von dem Gesetz der Sünde und des Todes« (Römer 8,2). Die Herrschaft des Bösen ist gebrochen, und durch den Glauben wird der Mensch vor der Sünde bewahrt. Wer sich dem Geist von Christus öffnet, wird Teilhaber jener mächtigen Kraft, die seinen Leib aus dem Grab hervorbringen wird.

Der demütige Nazarener zeigte nun seine wahre Größe, indem er sich über die Menschheit erhob, den Deckmantel von Sünde und Schande abstreifte und sich als »Geehrter von den Engeln« offenbarte, als Sohn Gottes, eins mit dem Schöpfer des Universums. Seine Zuhörer waren hingerissen. Kein Mensch hat jemals solche Worte gesprochen wie er oder ist mit solch königlicher Würde und Majestät aufgetreten. Seine Äußerungen waren klar und deutlich, sein Auftrag und die Aufgabe der Welt unmissverständlich. »Und der Vater richtet niemanden, sondern das Gericht hat er ganz in die Hände seines Sohnes gegeben, damit alle den Sohn ebenso ehren, wie sie den Vater ehren. Doch wer den Sohn nicht ehrt, ehrt auch den Vater nicht, der ihn gesandt hat. … Der Vater hat Leben aus sich selbst heraus, und er hat auch seinem Sohn die Vollmacht gegeben, aus sich selbst heraus Leben zu haben. Und er verlieh ihm die Vollmacht, die ganze Menschheit zu richten, weil er der Menschensohn ist.« (Johannes 5,22.23.26.27 NLB) Die Priester und Obersten hatten sich selbst zu Richtern gemacht, um das Wirken von Christus zu verurteilen. Doch er erklärte sich selbst zum Richter über sie und über die ganze Welt. Die Welt wurde Christus übergeben, und durch ihn ist jeder Segen von Gott der gefallenen Menschheit zuteilgeworden. Sowohl vor als auch nach seiner Menschwerdung war er der Erlöser. Von dem Zeitpunkt an, als es Sünde gab, gab es einen Erlöser. Er hat allen Licht und Leben gegeben. Dem Maß des verliehenen Lichts entsprechend, wird ein jeder gerichtet werden. Und derselbe, der das Licht gegeben hat und jedem Menschen mit liebevollem Bitten nachgegangen ist, der sich bemüht hat, des Menschen Herz aus der Sünde zur Heiligkeit zu führen, ist sowohl unser Anwalt als auch unser Richter. Seit Beginn des großen Kampfes im Himmel hat Satan seine Sache mit List und Betrug durchgeführt. Christus dagegen hat alles getan, um Satans Pläne aufzudecken und dessen Macht zu zerschlagen. Er, der selbst dem Betrüger entgegengetreten ist; er, der sich zu allen Zeiten eingesetzt hat, um die Gefangenen aus Satans Ketten zu befreien; er wird jeden Menschen richten. Und Gott »verlieh ihm die Vollmacht, die ganze Menschheit zu richten, weil er der Menschensohn ist« (Johannes 5,27 NLB). Auch deshalb, weil er den Kelch aller menschlichen Leiden und Versuchungen bis zur Neige ausgetrunken hat und unsere Fehltritte und Sünden nachvollziehen kann. Er soll Gericht halten, weil er stellvertretend für uns den Versuchungen Satans siegreich widerstanden hat und mit den Menschen, für deren Rettung er sein eigenes Blut vergossen hat, gerecht und liebevoll umgehen wird. Aus diesen Gründen wurde der Menschensohn dazu bestimmt, das Gericht zu halten. Doch die Sendung von Christus galt nicht dem Gericht, sondern der Erlösung. »Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.« (Johannes 3,17) Vor dem Hohen Rat erklärte Jesus: »Wer meine Botschaft hört und an Gott glaubt, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben. Er wird nicht für seine Sünden verurteilt werden, sondern ist bereits den Schritt vom Tod ins Leben gegangen.« (Johannes 5,24 NLB) Noch weiter vorausblickend, eröffnete Christus seinen Zuhörern das Geheimnis der Zukunft. Er gebot ihnen, sich nicht darüber zu wundern: »Es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden und werden hervorgehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichts.« (Johannes 5,28.29) Auf diese Zusicherung des künftigen Lebens hatte Israel schon lange gewartet in der Hoffnung, es beim Erscheinen des Messias zu empfangen. Das einzige Licht, welches das Dunkel des Grabes zu erleuchten vermochte, umstrahlte sie. Aber Eigensinn macht blind. Jesus hatte die Satzungen der Rabbiner übertreten und deren hohe Stellung missachtet. Darum wollten sie nicht an ihn glauben. Der Zeitpunkt, der Ort, der Anlass, das Gefühl von innerer Anspannung, das die Versammlung durchdrang, all das machte die Worte von Jesus vor dem Hohen Rat noch eindrucksvoller. Die höchste religiöse Behörde der Nation versuchte den umzubringen, der sich selbst als Befreier Israels bezeichnete. Der Herr des Sabbats wurde vor ein irdisches Gericht gezerrt, um sich gegen die Anschuldigung zu verteidigen, das Sabbatgebot übertreten zu haben. Als Jesus so furchtlos seine Aufgabe erklärte, schauten ihn die Richter erstaunt und voller Zorn an. Seine Worte aber konnte man nicht widerlegen. Sie konnten ihn nicht verurteilen. Er verweigerte den Priestern und Rabbinern das Recht, ihn zu hinterfragen oder seine Arbeit zu behindern. Dazu waren sie nicht berechtigt. Derartige Ansprüche stützten sich nur auf ihren eigenen Stolz und ihre Überheblichkeit. Er wies deshalb ihre Forderung, sich als schuldig zu bekennen, zurück und ließ sich nicht von ihnen verhören. Anstatt sich für das angebliche Vergehen zu entschuldigen oder seine damit verbundene Absicht zu erklären, wandte er sich an die Obersten. Nun wurde der Angeklagte zum Kläger. Er tadelte sie wegen ihrer Hartherzigkeit und ihrer Unkenntnis der Heiligen Schrift. Er warf ihnen vor, sie hätten das Wort Gottes verworfen, weil sie ihn, den Gesandten Gottes, ablehnten. »Ihr forscht in der Schrift, weil ihr glaubt, dass sie euch das ewige Leben geben kann. Doch die Schrift verweist auf mich!« (Johannes 5,39 NLB)

Auf jeder Seite des Alten Testaments, ob in den Geschichts-, den Lehr- oder den Prophetenbüchern – überall erstrahlt die Herrlichkeit des Sohnes Gottes. Die von Gott eingesetzte jüdische Ordnung war eine kurz zusammengefasste Prophezeiung auf Jesus Christus. Von ihm »geben alle Propheten Zeugnis« (Apostelgeschichte 10,43 Elb.). Von der Verheißung an Adam, über die Zeit der Patriarchen bis hin zur Gesetzgebung am Sinai erleuchtete das herrliche Licht des Himmels den Weg des Erlösers. Seher erblickten den »Stern« von Bethlehem (vgl. 4. Mose 24,17), das Kommen des »Schilo«, des verheißenen Helden (vgl. 1. Mose 49,10), während künftige Ereignisse geheimnisvoll an ihnen vorüberzogen. Jedes Opfer deutete auf den Tod von Christus hin. Mit jeder Wolke des Rauchopfers stieg seine Gerechtigkeit empor. Mit jeder Posaune des »Erlassjahres« (vgl. 3. Mose 25,13) ertönte sein Name. Im Ehrfurcht gebietenden Geheimnis des Allerheiligsten im Tempel wohnte seine Herrlichkeit. Die Juden besaßen die heiligen Schriften und meinten, allein durch die äußerliche Anerkennung des göttlichen Wortes hätten sie das ewige Leben. Doch Jesus sagte zu ihnen: »Sein Wort habt ihr nicht in euch wohnen.« (Johannes 5,38) Nachdem sie Christus in seinem Wort abgelehnt hatten, wiesen sie ihn nun auch als Person ab. »Aber ihr wollt nicht zu mir kommen«, erklärte er, »dass ihr das Leben hättet.« (Johannes 5,40) Die jüdischen Obersten hatten wohl die Lehren der Propheten über das Reich des Messias studiert, aber sie taten es nicht mit dem aufrichtigen Wunsch, die Wahrheit zu erfahren, sondern in der Absicht, Beweise zu finden, die ihre ehrgeizigen Erwartungen stützten. Als Christus anders kam, als sie es erwartet hatten, wollten sie ihn nicht annehmen. Um sich zu rechtfertigen, versuchten sie nachzuweisen, dass er ein Betrüger sei. Nachdem sie sich einmal auf diesen Weg begeben hatten, fiel es Satan leicht, sie in ihrem Widerstand gegen Christus zu bestärken. Gerade die Worte, die sie als Beweis seiner Göttlichkeit hätten annehmen sollen, legten sie gegen ihn aus. Auf diese Weise machten sie aus Gottes Wahrheit eine Lüge. Je deutlicher Jesus durch seine Werke der Barmherzigkeit zu ihnen sprach, desto entschlossener widersetzten sie sich dem Licht.

Jesus sprach: »Ich suche nicht die Anerkennung von Menschen!« (Johannes 5,41 Hfa) Er suchte weder den Einfluss noch die Bestätigung des Hohen Rates. Dessen Zustimmung konnte für ihn keine Ehre sein. Er war mit der Ehre und Vollmacht des Himmels ausgestattet. Hätte er es gewollt, wären Engel gekommen, um ihn anzubeten, und der Vater hätte die Göttlichkeit von Jesus erneut bezeugt. Aber um ihrer selbst und um der Nation willen, deren Führer sie waren, wünschte er, dass die jüdischen Oberen sein wahres Wesen erkennen und die Segnungen empfangen würden, die zu bringen er gekommen war. »Ich bin gekommen in meines Vaters Namen, und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer kommen wird in seinem eigenen Namen, den werdet ihr annehmen.« (Johannes 5,43) Jesus kam in der Autorität Gottes. Er trug dessen Ebenbild, erfüllte dessen Wort und suchte dessen Ehre. Doch er wurde von den religiösen Führern Israels nicht angenommen. Wenn aber andere kämen, die vorgeben würden, wie Christus zu sein, dabei aber nach ihrem eigenen Willen handelten und ihre eigene Ehre suchten, würde man diese aufnehmen. Warum? Weil derjenige, der seine eigene Ehre sucht, das Verlangen anderer nach Selbsterhöhung weckt. Dafür waren die Juden empfänglich. Einen falschen Lehrer, der die von ihnen in Ehren gehaltenen Meinungen und Gepflogenheiten unterstützte und damit ihrem Stolz schmeichelte, würden sie annehmen. Die Lehren von Christus dagegen stimmten nicht mit ihren Vorstellungen überein. Diese waren geistlich und verlangten Selbsthingabe. Aus diesem Grund wollten sie seine Lehre nicht annehmen. Sie waren nicht mit Gott vertraut, und als er durch Christus zu ihnen sprach, war seine Stimme für sie die eines Fremden. Wiederholt sich dies nicht auch in unserer Zeit? Gibt es nicht viele, sogar religiöse Führer, die sich dem Heiligen Geist verschließen, sodass es ihnen unmöglich ist, die Stimme Gottes zu erkennen? Verwerfen sie nicht Gottes Wort, um an ihren eigenen Traditionen festzuhalten? »Wenn ihr Mose glaubtet«, sagte Jesus zu ihnen, »so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben. Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?« (Johannes 5,46.47) Es war Christus, der durch Mose zu den Israeliten geredet hatte. Hätten sie auf die göttliche Stimme gehört, die durch ihren großen Führer zu ihnen sprach, dann hätten sie diese in den Lehren von Christus wiedererkannt. Hätten sie wirklich Mose geglaubt, hätten sie auch an den geglaubt, von dem Mose geschrieben hat. Jesus wusste, dass die Priester und Rabbiner entschlossen waren, ihm das Leben zu nehmen. Trotzdem erklärte er ihnen in aller Deutlichkeit sein Einssein mit dem Vater und sein Verhältnis zur Welt. Ihnen wurde bewusst, dass es für ihren Widerstand ihm gegenüber keine Entschuldigung gab. Doch ihr mörderischer Hass verging nicht. Angst befiel sie, weil sie seine überwältigende Macht, die seinen Dienst begleitete, nicht leugnen konnten. Dessen ungeachtet widersetzten sie sich seinen Aufforderungen und verharrten in der Finsternis. Sie waren kläglich bei dem Versuch gescheitert, die Autorität von Jesus zu untergraben oder ihm die Achtung und Aufmerksamkeit des Volkes zu entziehen, denn viele waren von seinen Worten überzeugt. Die Obersten selbst hatten schwere Gewissensbisse, als er ihnen ihre Schuld bewusst machte, doch ihre Verbitterung wurde nur noch größer. Sie waren fest entschlossen, ihn zu töten. Sie sandten Boten durch das ganze Land, die das Volk vor Jesus als einem Betrüger warnen sollten. Spione wurden beauftragt, ihn zu überwachen und zu melden, was er redete und tat. Der geliebte Erlöser stand nun deutlich im Schatten des Kreuzes.

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