Vom unfruchtbaren Feigenbaum im Weinberg

Vom unfruchtbaren Feigenbaum im Weinberg

Lukas 13,1-9

Christus verband die Warnung vor dem Endgericht stets mit der Einladung, Gottes Gnade anzunehmen. „Der Menschensohn ist nicht gekommen, das Leben der Menschen zu vernichten, sondern zu erhalten.“ Lukas 9,56. „Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.“ Johannes 3,17. Die Funktion seiner Gnade im Verhältnis zur Gerechtigkeit Gottes veranschaulicht Christus im Gleichnis vom unfruchtbaren Feigenbaum. Oft hatte Jesus die Menschen auf das kommende Reich Gottes hingewiesen und sie scharf kritisiert, weil sie darüber überhaupt nicht nachdachten und gleichgültig waren. Die Zeichen am Himmel, die auf das Wetter schließen lassen, verstanden die Leute ohne Schwierigkeiten, aber die Zeichen der Zeit, die so klar das Wirken Christi ankündigten, erkannten sie nicht. Wie heute, so hielten sich auch damals viele Leute gern für die Lieblinge Gottes, die sich von seinen Zurechtweisungen nicht angesprochen zu fühlen brauchten — das galt ja nur für die anderen! Durch seine Zuhörer erfuhr Jesus von einem Ereignis, das damals gerade große Aufregung verursachte: Einige Maßnahmen des Pontius Pilatus, der Statthalter von Judäa war, hatten das Volk aufgebracht und einen Aufstand in Jerusalem zur Folge gehabt. Pilatus wollte ihn gewaltsam unterdrücken, und dabei waren römische Soldaten in den Tempelvorhof eingedrungen, wo sie mehrere galiläische Pilger beim Schlachten der Opfertiere überfallen und getötet hatten. Die Juden betrachteten jedes Unglück als Gottes Strafe für begangene Sünden, und so sprach man jetzt von dieser Gewalttat der Römer mit heimlicher Genugtuung, denn wen es nicht getroffen hatte, der hatte damit ja den Beweis, dass er besser war als die Umgekommenen und folglich von Gott mehr geliebt wurde. Diese Leute erwarteten von Jesus, dass er die getöteten Pilger noch nachträglich verdammen würde, denn zweifellos hatten sie sich ihr schlimmes Ende doch selbst zuzuschreiben. Die Jünger wagten nicht, ihre Ansicht auszusprechen, bevor sie nicht die des Meisters gehört hatten. Er hatte es ihnen nämlich untersagt, über andere zu urteilen und nach ihrem eigenen, begrenzten Ermessen bestimmen zu wollen, welche Strafen sie verdient hätten. Nichtsdestoweniger erwarteten sie, Jesus werde die getöteten Pilger als besonders schlimme Sünder hinstellen. Seine Antwort überraschte sie deshalb sehr.

Der Heiland wandte sich an die Menge und sagte: „Meint ihr, dass diese Galiläer mehr gesündigt haben als alle andern Galiläer, weil sie das erlitten haben? Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen.“ Lukas 13,1-3. Das schreckliche Unglück jener Menschen sollte alle, die davon hörten, veranlassen, demütig ihre Sünden zu bekennen, denn schon braute sich der Sturm der Vergeltung zusammen, um wenig später über alle hereinzubrechen, die ihre Zuflucht nicht bei Christus gesucht hatten. Während Jesus zu den Jüngern und der Volksmenge predigte, sah er mit prophetischem Blick Jerusalem von Heeren belagert, hörte den Lärm der anrückenden Feinde und wusste von den Tausenden und aber Tausenden, die bei der Belagerung ihr Leben lassen würden. Viele Juden wurden später — wie jene Galiläer — beim Opfern in den Vorhöfen des Tempels erschlagen. Durch den Tod einiger weniger wollte Gott das ganze Volk warnen, das ausnahmslos schuldig war. „Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen“, warnte Jesus. Eine Weile noch sollte die Gnadenzeit dauern; noch blieb den Menschen etwas Zeit, um zu erkennen, wie sie inneren Frieden finden konnten.

Jesus erzählte daran anknüpfend dieses Gleichnis: „Es hatte einer einen Feigenbaum, der war gepflanzt in seinem Weinberg, und er kam und suchte Frucht darauf und fand keine. Da sprach er zu dem Weingärtner: Siehe, ich bin nun drei Jahre lang gekommen und habe Frucht gesucht an diesem Feigenbaum und finde keine. Hau ihn ab! Was nimmt er dem Boden die Kraft?“ Lukas 13,6.7. Die Zuhörer konnten die Bedeutung dieser Worte unmöglich missverstehen. David hatte Israel als den Weinstock besungen, der aus Ägypten gebracht worden war; Jesaja hatte geschrieben: „Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing.“ Jesaja 5,7. Der Feigenbaum im Weinberg Gottes war ein Bild für die Generation, in die der Heiland hineingeboren worden war und die ganz besonders unter dem Schutz und Segen des Herrn stand. Gottes Absicht mit seinem Volk und die herrlichen Möglichkeiten, die diesem offen standen, waren bereits von Jesaja mit den wunderbaren Worten beschrieben worden: „… dass sie genannt werden ‚Bäume der Gerechtigkeit‘, ‚Pflanzung des Herrn‘, ihm zum Preise.“ Jesaja 61,3. Auf seinem Sterbebett sagte Jakob, erfüllt vom Heiligen Geist, über seinen Lieblingssohn: „Joseph wird wachsen, er wird wachsen wie ein Baum an der Quelle, dass die Zweige emporsteigen über die Mauer … Von deines Vaters Gott werde dir geholfen, und von dem Allmächtigen seist du gesegnet mit Segen oben vom Himmel herab, mit Segen von der Flut, die drunten liegt.“ 1.Mose 49,22.25. So hatte Gott Israel als prächtige Rebe an den Quellen des Lebens gepflanzt. Sein Weinberg war „auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben … und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte, aber er brachte schlechte.“ Jesaja 5,1.2. Die Juden in den Tagen Jesu stellten ihre Frömmigkeit viel mehr zur Schau als in früheren Zeiten; und das, obwohl gerade sie in ganz besonderem Maße geistliche Mangelerscheinungen hatten. Wertvolle Charakterzüge, wie sie etwa in Josephs Leben zu finden gewesen waren, fehlten dem Volk Israel völlig.

Gott hatte durch seinen Sohn Früchte gesucht, aber keine gefunden. Israel war unfruchtbar und raubte dem Boden nur die Kraft. Sein bloßes Dasein war ein Unglück, weil es im Weinberg Platz wegnahm, auf dem ein fruchtbringender Baum hätte gedeihen können. Es verhinderte, dass Gott die Welt so segnete, wie er es eigentlich wollte. Seit langem hatten die Israeliten Gott vor den Heiden in ein falsches Licht gesetzt. Sie waren nicht nur nutzlos, sondern sogar ein Hindernis. Ihre Religion war weitgehend irreführend und bewirkte oft Verderben statt Erlösung. Der Weingärtner im Gleichnis bestreitet nicht, dass der Baum abgehauen werden muss, wenn er weiterhin unfruchtbar bleibt. Aber er weiß auf der anderen Seite auch, wie viel dem Besitzer an diesem unfruchtbaren Baum liegt, und ihm geht es genauso. Nichts würde ihn mehr freuen, als wenn der Feigenbaum wachsen und Frucht tragen würde. Ganz im Sinne des Eigentümers schlägt er deshalb vor: „Herr, lass ihn noch dies Jahr, bis ich um ihn grabe und ihn dünge; vielleicht bringt er doch noch Frucht; wenn aber nicht, so hau ihn ab.“ Lukas 13,8.9. Der Gärtner weigert sich also nicht, sich um ein so wenig versprechendes Gewächs zu kümmern. Er ist sogar bereit, es noch sorgfältiger zu pflegen als bisher, ihm die günstigsten Bedingungen zu schaffen und ihm jede nur erdenkliche Aufmerksamkeit zu schenken. Der Besitzer und der Gärtner sind gleichermaßen am Gedeihen des Baumes interessiert. So waren auch Gott Vater und Gott Sohn sich in ihrer Liebe zum auserwählten Volk völlig einig. Christus gab seinen Zuhörern damit zu verstehen, dass ihnen noch bessere Gelegenheiten, geistliche Frucht zu bringen, geschenkt werden sollten; Gott wollte in seiner Liebe alle nur erdenklichen Mittel anwenden, um sie zu „Bäumen der Gerechtigkeit“ (Jesaja 61,3) zu machen, die Frucht tragen sollten zum Segen der Welt. vgl. Hesekiel 47,12; Offenbarung 22,2. Auch dieses Gleichnis hat einen offenen Ausgang: Wir erfahren nicht, ob der Gärtner Erfolg mit seinen Bemühungen hatte. Die Antwort auf diese Frage hing von der Generation ab, die den Worten Jesu zuhörte. Diesen Menschen galt die Warnung: „Wo nicht, so hau ihn ab!“ Lukas 13,9. Es blieb also ihnen überlassen, ob diese Worte einmal gesprochen werden würden. Gottes Geduld ging zu Ende, und mit dem Unglück, das über Israel bereits hereingebrochen war, warnte der Herr des Weinbergs in seiner Gnade das Volk vor der Vernichtung des unfruchtbaren Baumes.

Diese Warnung gilt auch uns heute. Gleichst du in deiner Sorglosigkeit vielleicht einem nutzlosen Baum im Weinberg des Herrn? Soll das Urteil: „Hau ihn ab!“, das bald gesprochen werden wird, auch dir gelten? Wie lange nimmst du schon Gottes Gaben als selbstverständlich hin? Wie lange lässt du Gott schon darauf warten, dass du endlich seine Liebe erwiderst? Du bist in seinem Weinberg gepflanzt und wirst vom Gärtner sorgfältig gepflegt. Was für Vorrechte darfst du damit doch genießen! Wie oft schon hat die Frohe Botschaft von der Güte Christi dich tief glücklich gemacht! Du bezeichnest dich als Christ, gehörst rein äußerlich gesehen auch zur Gemeinde, die sein Leib ist, und weißt doch ganz genau, dass dir die lebendige Verbindung zur Quelle der Liebe fehlt. Die Flut seines Lebens durchströmt dich nicht, sodass die wunderbare „Frucht des Geistes“, nämlich sein Wesen, in dir nicht sichtbar wird. Der unfruchtbare Baum kommt in den Genuss von Regen und Sonnenschein; er wird vom Gärtner gehegt und gepflegt. Der Boden versorgt ihn mit allen erforderlichen Nährstoffen, doch seine nutzlosen Zweige nehmen nur Licht weg, sodass um ihn herum keine fruchtbringenden Pflanzen mehr gedeihen können. So ist es auch mit den Gaben, die Gott dir so reichlich schenkt: Sie bringen der Welt keinen Segen. Im Gegenteil, du bist der Hinderungsgrund dafür, dass andere nicht den Segen empfangen, der eigentlich für sie bereitgehalten wird. Irgendwie ist es dir schon bewusst, dass du Gottes Feld nur Kraft entziehst, ohne Frucht zu bringen. Gott gibt dir in seiner großen Barmherzigkeit aber noch eine Chance. Er steht dir nicht gleichgültig gegenüber und überlässt dich auch nicht einfach deinem Schicksal. Vielmehr ruft er dir zu, was er früher schon Israel zurief: „Wie kann ich dich preisgeben, Ephraim, und dich ausliefern, Israel? … Ich will nicht tun nach meinem grimmigen Zorn noch Ephraim wieder verderben. Denn ich bin Gott und nicht ein Mensch.“ Hosea 11,8.9. Der Erlöser hat Verständnis für dich und setzt sich für dich ein: „Lass ihn noch dies Jahr, bis ich um ihn grabe und ihn dünge.“ Lukas 13,8.

Mit welch unermüdlicher Liebe diente Christus dem Volk Israel unter besonders schwierigen Umständen! Noch am Kreuz betete er: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Lukas 23,34. Nach seiner Himmelfahrt wurde das Evangelium zuerst in Jerusalem verkündigt. Dort wurde der Heilige Geist ausgegossen; dort offenbarte die erste Gemeinde die Kraft des auferstandenen Heilands; dort besiegelte Stephanus sein Zeugnis mit dem Tod — und „alle, die im Rat saßen … sahen sein Angesicht wie eines Engels Angesicht.“ Apostelgeschichte 6,15. Alle Schätze des Himmels hatte Israel empfangen. „Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm?“ (Jesaja 5,4), fragt Christus. Seine Mühe und Sorge um dich lässt nicht nach, sondern wächst sogar. Noch immer sagt er: „Ich, der Herr, behüte ihn und begieße ihn immer wieder. Damit man ihn nicht verderbe, will ich ihn Tag und Nacht behüten.“ Jesaja 27,3. „… vielleicht bringt er doch noch Frucht; wenn aber nicht, so hau ihn ab.“ Lukas 13,9. Ein Herz, das sich Gott nicht öffnet, wird zuletzt so verstockt, dass es schließlich dem Einfluss des Heiligen Geistes überhaupt nicht mehr zugänglich ist. Dann heißt es: „Hau ihn ab! Was nimmt er dem Boden die Kraft?“ Lukas 13,7. Doch heute lädt Gott dich noch ein: „Bekehre dich, Israel, zu dem Herrn, deinem Gott … So will ich ihre Abtrünnigkeit wieder heilen; gerne will ich sie lieben … Ich will für Israel wie ein Tau sein, dass es blühen soll wie eine Lilie, und seine Wurzeln sollen ausschlagen wie eine Linde … Und sie sollen wieder unter meinem Schatten sitzen; von Korn sollen sie sich nähren und blühen wie ein Weinstock … von mir erhältst du deine Früchte.“ Hosea 14,2.5-9.

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