Das Fest in Simons Haus

Das Fest in Simons Haus

Matthäus 26,6-13; Markus 14,1-11; Lukas 7,36-50; Johannes 11,55-57; 12,1-11

Simon aus Betanien galt als einer der Jünger von Jesus. Er war einer der wenigen Pharisäer, die sich öffentlich den Nachfolgern von Christus angeschlossen hatten. Er erkannte Jesus als Lehrer an und hoffte, er wäre der Messias. Doch er hatte ihn nicht als seinen Erlöser angenommen. Sein Charakter und seine Grundsätze hatten sich nicht verändert. Simon fühlte sich zu Jesus hingezogen, weil dieser ihn vom Aussatz geheilt hatte (vgl. Matthäus 26,6), und wollte nun seine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Als Christus zum letzten Mal Betanien besuchte, machte Simon für ihn und seine Jünger ein Fest, zu dem sich viele Juden einfanden. Zu dieser Zeit herrschte große Aufregung in Jerusalem. Jesus und sein Wirken erregten das Aufsehen der Menschen wie nie zuvor. Jene, die zum Fest gekommen waren, beobachteten jede seiner Bewegungen, einige von ihnen mit unfreundlichen Blicken.

Jesus erreichte Betanien nur sechs Tage vor dem Passafest und wollte sich nach seiner Gewohnheit im Haus von Lazarus ausruhen. Die vielen Mitreisenden, die nach Jerusalem weiterzogen, verbreiteten die Nachricht, Jesus sei auf dem Weg nach Jerusalem und werde den Sabbat in Betanien verbringen. Die Leute waren ganz begeistert, und viele strömten nach Betanien – einige aus Wohlwollen Jesus gegenüber, andere aus reiner Neugier, um den zu sehen, der von den Toten auferweckt worden war. Viele erwarteten von Lazarus einen großartigen Bericht von dem, was er nach seinem Tod erlebt hatte. Sie waren überrascht, dass er nichts erzählte. Er hatte nichts Derartiges zu berichten, denn das inspirierte Wort Gottes sagt: »Die Toten aber wissen gar nichts … Ihr Lieben, ihr Hassen, ihre Eifersucht – alles ist mit ihnen gestorben.« (Prediger 9,5b.6a Hfa) Doch Lazarus legte ein wunderbares Zeugnis über das Wirken von Christus ab. Zu diesem Zweck war er von den Toten auferweckt worden. Überzeugt und mit Vollmacht verkündigte er, dass Jesus der Sohn Gottes sei. Die Berichte, welche die Besucher aus Betanien mit nach Jerusalem brachten, ließen die Aufregung noch größer werden. Die Leute waren begierig, Jesus zu sehen und zu hören. Man fragte sich, ob Lazarus Jesus nach Jerusalem begleiten und der Prophet am Passafest zum König gekrönt werden würde. Die Priester und Obersten sahen, dass ihr Einfluss auf das Volk immer mehr schwand. Darum wurde ihre Wut auf Jesus immer größer. Sie konnten es kaum erwarten, eine Gelegenheit zu finden, bei der sie ihn für immer aus dem Weg räumen konnten. Als die Zeit verstrich, fingen sie an zu bangen, ob er überhaupt nach Jerusalem kommen werde. Sie erinnerten sich daran, wie oft Jesus ihre mörderischen Pläne durchkreuzt hatte, und befürchteten nun, er hätte ihre bösen Absichten durchschaut und würde wegbleiben. Sie konnten ihre Aufregung nur schwer verbergen und fragten sich: »Was meint ihr? Ob er wohl nicht zum Fest kommt?« (Johannes 11,56b ZÜ) Der Rat der Priester und Pharisäer wurde einberufen. Weil die Menschen seit der Auferweckung von Lazarus Christus sehr wohlwollend gegenüberstanden, war es gefährlich, ihn öffentlich festzunehmen. Darum beschlossen die Machthaber, ihn heimlich zu ergreifen und ihm so unauffällig wie möglich den Prozess zu machen. Sie hofften, die wankelmütige Meinung der Öffentlichkeit würde sich ihnen wieder zuwenden, wenn seine Verurteilung bekannt geworden war. Auf diese Weise beabsichtigten sie, Jesus zu vernichten. Die Priester und Rabbiner wussten jedoch, dass sie sich nicht in Sicherheit wiegen konnten, solange Lazarus am Leben war. Die bloße Existenz eines Mannes, der vier Tage im Grab gelegen hatte und durch ein Wort von Jesus wieder zum Leben auferweckt worden war, würde früher oder später eine Reaktion auslösen. Das Volk würde sich an ihren Führern rächen, wenn sie ihm, der ein solches Wunder vollbringen konnte, das Leben nähmen. Darum entschied der Hohe Rat, dass auch Lazarus sterben sollte. So weit können Menschen durch Neid und Vorurteile getrieben werden! Der Hass und der Unglaube der jüdischen Führer hatten sich so gesteigert, dass sie sogar jemandem, der durch Gottes Macht aus dem Grab befreit worden war, das Leben nehmen wollten.

Während die Verschwörung in Jerusalem ihren Lauf nahm, wurden Jesus und seine Freunde zu Simons Fest eingeladen. Am Tisch saß auf der einen Seite von Jesus Simon, den er vom Aussatz geheilt hatte, und auf der anderen Lazarus, den er vom Tod auferweckt hatte. Marta bediente die Leute am Tisch, doch Maria hörte andächtig auf jedes Wort, das über die Lippen von Jesus kam. In seiner Barmherzigkeit hatte ihr Jesus die Sünden vergeben und ihren geliebten Bruder aus dem Grab hervorgerufen. All das erfüllte Marias Herz mit Dankbarkeit. Sie hatte ihn über seinen bevorstehenden Tod reden hören. In ihrer tiefen Liebe und Trauer hatte sie sich danach gesehnt, ihm Ehre zu erweisen. Sie hatte persönlich auf vieles verzichtet, sodass sie ein Glas aus Alabaster mit einem Pfund »Salböl von echter, sehr kostbarer Narde« (Johannes 12,3a Elb.) kaufen konnte, um damit seinen Körper zu salben. Doch nun hörte sie von vielen, dass Jesus zum König gekrönt werden sollte. Ihr Kummer verwandelte sich in Freude, und sie wollte die Erste sein, die ihren Herrn ehrte. So zerbrach sie das Gefäß und schüttete dessen Inhalt auf das Haupt und die Füße von Jesus. Weinend kniete sie neben ihm. Mit ihrem langen, wallenden Haar wischte sie ihre Tränen ab, die auf seine Füße gefallen waren. Maria versuchte, jedes Aufsehen zu vermeiden, und es wäre möglich gewesen, dass niemand etwas bemerkte. Doch der Duft des Salböls erfüllte den ganzen Raum und offenbarte ihre Tat allen Anwesenden. Judas blickte ganz missmutig auf dieses Geschehen. Anstatt abzuwarten, was Jesus dazu sagen würde, begann er leise, sich bei seinen Tischnachbarn zu beschweren und tadelte Jesus, weil dieser eine solche Verschwendung duldete. Hinterlistig machte er Vorschläge, die voraussichtlich Unzufriedenheit hervorrufen würden.

Judas war der Kassenverwalter der Jünger und hatte für seinen eigenen Gebrauch heimlich von ihrem kleinen Vermögen Geld abgezweigt. Dadurch schrumpften ihre Mittel zu einem kümmerlichen Hungerlohn. Nun war er begierig, alles, was er bekommen konnte, in den Beutel zu stecken. Das Geld der Kasse wurde oft dazu benutzt, um Arme zu unterstützen. Wurde etwas gekauft, was Judas nicht unbedingt für nötig hielt, fragte er, warum das Geld verschwendet und nicht für die Armen in den Beutel gelegt wurde. Diesen trug er stets bei sich. Marias Tat aber stand in einem solch krassen Gegensatz zu seiner Selbstsucht, dass er tief beschämt wurde. Wie gewohnt, versuchte er einen würdigen Grund anzugeben, um etwas gegen ihr Geschenk einzuwenden. Er wandte sich an die Jünger und fragte: »Warum hat man dieses Öl nicht für 300 Denar verkauft und den Ertrag Armen zugutekommen lassen?‹ Das sagte er aber nicht, weil ihm die Armen am Herzen lagen, sondern weil er ein Dieb war und als Kassenverwalter Einnahmen auf die Seite schaffte.« (Johannes 12,5.6 ZÜ) Judas hatte kein Herz für Bedürftige. Wäre Marias Salböl verkauft und der Erlös ihm übergeben worden, hätten die Armen keinen Nutzen davon gehabt. Judas hatte eine hohe Meinung von seinen eigenen Führungsqualitäten. Als Kassenverwalter fühlte er sich den anderen Jüngern weit überlegen; und er hatte es geschafft, dass auch sie ihn in diesem Licht sahen. Er hatte ihr Vertrauen gewonnen und übte einen starken Einfluss auf sie aus. Sein angebliches Mitgefühl Armen gegenüber blendete sie. Seine versteckten Andeutungen ließen sie misstrauisch auf Marias Hingabe blicken. Ein Murren machte am Tisch die Runde: »Wozu diese Vergeudung? Es hätte teuer verkauft und das Geld den Armen gegeben werden können.« (Matthäus 26,8b.9) Maria hörte die kritischen Worte. Ihr Herz erzitterte. Sie befürchtete, ihre Schwester werde ihr vorwerfen, verschwenderisch zu sein. Auch der Meister könnte sie für leichtsinnig halten. Ohne sich zu verteidigen oder zu entschuldigen, wollte sie sich zurückziehen. Doch dann vernahm sie die Stimme ihres Herrn: »Lasst sie in Ruhe! Warum bringt ihr sie in Verlegenheit?« (Markus 14,6a GNB) Jesus sah, dass sie peinlich berührt und betrübt war. Er wusste, dass sie sich mit dieser Aufmerksamkeit dafür bedanken wollte, dass er ihre Sünden vergeben und ihr den Herzensfrieden geschenkt hatte. Die tadelnden Stimmen wurden übertönt, als er laut sagte: »Sie hat eine gute Tat an mir getan. Arme wird es immer bei euch geben, und ihr könnt ihnen helfen, sooft ihr wollt. Aber mich habt ihr nicht mehr lange bei euch. Sie hat getan, was sie jetzt noch tun konnte: Sie hat meinen Körper im Voraus für das Begräbnis gesalbt.« (Markus 14,6b-8 GNB) Die wohlriechende Gabe, mit der Maria den Leichnam des Erlösers salben wollte, goss sie auf seine lebende Gestalt. Beim Begräbnis hätte der Wohlgeruch nur das Grab erfüllt, nun aber freute sich Jesus über die Zusicherung ihres Glaubens und ihrer Liebe. Josef von Arimathäa und Nikodemus boten Jesus ihre Gaben nicht an, als er lebte. Unter bitteren Tränen brachten sie ihre kostbaren Öle und Salben zu seinem kalten, leblosen Körper. Die Frauen, die Spezereien zum Grab trugen, mussten erkennen, dass ihr Gang umsonst war, weil er bereits auferstanden war. Maria aber, die den Erlöser mit ihrer Liebe überschüttete, während er ihrer Hingabe bewusst war, salbte ihn für das Begräbnis. Und als Jesus in die Dunkelheit seiner großen Prüfung hinabstieg, trug er die Erinnerung an diese Tat in seinem Herzen. Dies war ein Vorgeschmack auf die Liebe, die ihm seine Erlösten in alle Ewigkeit entgegenbringen werden. Es gibt viele, die ihre kostbaren Gaben zu den Toten bringen. Wenn sie um den kalten, stummen Leichnam stehen, sprechen sie freimütig liebevolle Worte. Einer, der nichts hören und sehen kann, wird mit Zärtlichkeit, Wertschätzung und Zuneigung überschüttet. Wären diese Worte doch gesprochen worden, als der erschöpfte Mensch sie so dringend brauchte, als das Ohr noch hören und das Herz noch fühlen konnte. Wie kostbar wäre diese Wohltat gewesen! Maria war sich der vollen Bedeutung ihrer Liebestat nicht bewusst. Sie konnte denen, die sie rügten, nicht antworten und auch nicht erklären, weshalb sie diese Gelegenheit gewählt hatte, um Jesus zu salben. Der Heilige Geist hatte es für sie so vorgesehen, und sie gehorchte seinem Drängen. Göttliche Eingebung muss sich nicht erklären. Die Gegenwart des Heiligen Geistes ist zwar unsichtbar, spricht aber Herz und Verstand an und bewegt den Menschen zum Handeln. Darin liegt seine eigene Rechtfertigung. Christus erzählte Maria, was ihre Tat bedeutete, und schenkte ihr damit mehr, als er selbst empfangen hatte. »Sie hat dieses Salböl auf meinen Körper gegossen und hat ihn damit für das Begräbnis vorbereitet.« (Matthäus 26,12 GNB) So wie das Gefäß aus Alabaster zerbrochen wurde und der Wohlgeruch der Salbe das ganze Haus erfüllte, so musste Christus sterben und sein Leib gebrochen werden. Doch er sollte auferstehen aus dem Grab, und der Wohlgeruch seines Lebens würde die ganze Welt erfüllen. Es ist Christus, der »uns geliebt hat, denn er hat sich selbst als Gabe und Opfer für unsere Sünden gegeben. Und Gott hatte Gefallen an diesem Opfer, das wie ein wohlriechender Duft zu ihm aufstieg« (Epheser 5,2b NLB). »Ich sage euch: Überall in der Welt, wo man das Evangelium verkünden wird, wird man sich auch an sie erinnern und von dem reden, was sie getan hat.« (Matthäus 26,13 NGÜ) Seinen Blick in die Zukunft gerichtet, sprach der Erlöser mit Bestimmtheit über sein Evangelium. Es sollte in der ganzen Welt verkündigt werden. Und so weit, wie sich das Evangelium ausbreitet, würde sich auch der Wohlgeruch von Marias Gabe verteilen. Durch ihr ungekünsteltes Handeln sollten viele Menschen gesegnet werden. Königreiche werden kommen und gehen, Namen von Herrschern und Eroberern in Vergessenheit geraten, aber die Tat dieser Frau wird auf den Seiten der Heilsgeschichte verewigt werden. Dieses zerbrochene Alabastergefäß wird bis ans Ende der Zeit die Geschichte von der grenzenlosen Liebe Gottes zur gefallenen Menschheit erzählen.

Marias Tat stand in krassem Gegensatz zur Tat, die Judas bald begehen sollte. Welch scharfe Rüge hätte Christus Judas erteilen können, der den Samen der Kritik und böser Gedanken ins Herz der Jünger gestreut hatte! Wie gerechtfertigt wäre es gewesen, den Ankläger zu tadeln! Er, der die Beweggründe aller Herzen kennt und jedes Handeln versteht, hätte am Fest, in der Gegenwart aller, die dunklen Kapitel aus Judas Leben aufdecken können. Jesus hätte den hohlen Vorwand, mit dem der Verräter seinen Tadel begründete, offenlegen können. Denn statt mit den Armen Mitleid zu haben, beraubte er sie des Geldes, das für ihre Unterstützung bestimmt war. Weil er die Witwen, Waisen und Tagelöhner unterdrückte, hätte sich Unwillen gegen ihn erhoben. Hätte Christus Judas jedoch entlarvt, hätte man dies später als Grund für dessen Verrat angesehen. Und obwohl Judas als Dieb beschuldigt worden wäre, hätte er doch an Sympathie gewonnen, sogar unter den Jüngern. Der Erlöser tadelte ihn nicht und vermied es dadurch, ihm eine Entschuldigung für seinen Verrat zu liefern. Doch der Blick, den ihm Jesus zuwarf, überzeugte Judas, dass der Erlöser seine Scheinheiligkeit durchschaut hatte und seinen niedrigen, verachtenswerten Charakter kannte. Indem Jesus Marias Tat, die so schwer verurteilt worden war, lobend erwähnte, tadelte er Judas. Bis dahin hatte ihn Jesus noch nie offen gerügt. Nun aber nagte der Tadel an seinem Innersten, und er war entschlossen, sich zu rächen. Nach dem Abendessen ging er geradewegs zum Palast des Hohenpriesters, wo der Rat versammelt war, und bot ihnen an, Jesus an sie auszuliefern. Die Priester waren hocherfreut. Diese Obersten Israels hatten das Vorrecht erhalten, Christus als ihren Erlöser anzunehmen, ohne irgendetwas dafür bezahlen zu müssen. Doch sie lehnten das kostbare Geschenk ab, das ihnen in der besten Absicht einer überwältigenden Liebe angeboten wurde. Sie weigerten sich, das Heil, das kostbarer war als Gold, anzunehmen, und kauften stattdessen den Herrn für dreißig Silberlinge. Judas hatte seiner Geldgier so lange nachgegeben, bis alle seine guten Charaktereigenschaften verdorben waren. Er beneidete Jesus um die Gabe, die ihm [von Maria] dargebracht worden war. Sein Herz war voller Neid, als Jesus ein Geschenk erhielt, das eigentlich irdischen Herrschern zukam. Darum verriet er seinen Herrn zu einem Preis, der viel geringer war als der des Salböls.

Die anderen Jünger waren nicht wie Judas. Sie liebten den Erlöser. Aber sie nahmen sein erhabenes Wesen nicht richtig wahr. Hätten sie begriffen, was er für sie getan hatte, hätten sie gespürt, dass nichts vergeudet war, was ihm geschenkt wurde. Die Weisen aus dem Osten, die so wenig über Jesus wussten, hatten ihm mehr Wertschätzung entgegengebracht – so wie es ihm eben gebührte. Als er noch ein kleines Kind war und in einer Krippe lag, brachten sie dem Erlöser kostbare Geschenke, verneigten sich vor ihm und erwiesen ihm Ehrerbietung (vgl. Matthäus 2,11). Christus schätzt Liebenswürdigkeiten, die von Herzen kommen. Tat ihm jemand einen Gefallen, dann segnete er ihn mit himmlischer Zuvorkommenheit. Nicht einmal die einfachste, von Kinderhand gepflückte Blume, die ihm liebevoll überreicht wurde, wies er zurück. Er nahm die Gaben der Kinder entgegen, segnete die Geber und schrieb ihre Namen in das Buch des Lebens. Marias Salbung von Jesus wird in der Heiligen Schrift erwähnt, um Maria von den anderen Marias zu unterscheiden. Taten der Liebe und Ehrerbietung Jesus gegenüber sind Beweise des Glaubens an ihn als den Sohn Gottes. Der Heilige Geist erinnert an folgende Zeichen, bei denen es um die Ergebenheit von Frauen gegenüber Christus geht: »Wenn sie den Heiligen die Füße gewaschen hat, wenn sie den Bedrängten beigestanden hat, wenn sie allem guten Werk nachgekommen ist.« (1. Timotheus 5,10b) Christus freute sich darüber, dass sich Maria so ernsthaft darum bemühte, den Willen ihres Herrn zu tun, und nahm die große, ungeteilte Zuneigung gern entgegen. Seine Jünger jedoch verstanden dies nicht und wollten es auch nicht verstehen. Marias Wunsch, ihrem Herrn diesen Dienst zu erweisen, bedeutete ihm mehr als alle köstlichen Salben der Welt, weil darin ihre wertschätzende Anerkennung gegenüber dem Erlöser der Welt zum Ausdruck kam. Es war die Liebe von Christus, die sie dazu bewog (vgl. 2. Korinther 5,14). Die beispiellose Güte seines Wesens erfüllte ihr Herz. Diese Salbe war ein Sinnbild für das Herz des Gebers und der äußerliche Beweis einer Liebe, die von himmlischen Quellen gespeist wurde, bis sie überfloss. Marias Tat lehrte die Jünger genau das, was sie brauchten. Dadurch wurde ihnen bewusst, dass die Liebe, die sie Jesus gegenüber zum Ausdruck brachten, ihn erfreute. Er bedeutete ihnen alles. Doch sie erkannten nicht, dass sie bald seiner Gegenwart beraubt werden sollten. Dann würden sie ihm ihre Dankbarkeit für seine überaus große Liebe nicht mehr zum Ausdruck bringen können. Die Einsamkeit von Christus, sein Getrenntsein von den himmlischen Höfen und sein Leben als Mensch hatten die Jünger nie in dem Maß verstanden oder geschätzt, wie es hätte sein sollen. Oft war er betrübt, weil ihm seine Jünger nicht das gaben, was er von ihnen hätte empfangen sollen. Er wusste, dass für die Jünger, wären sie unter dem Einfluss der ihn begleitenden Engel des Himmels gestanden, kein Opfer zu groß gewesen wäre, um ihre innere Verbundenheit mit ihm zum Ausdruck zu bringen. Erst im Nachhinein wurde ihnen bewusst, was sie alles für Jesus, als er noch unter ihnen war, hätten tun können, um ihm ihre herzliche Liebe und Dankbarkeit zu zeigen. Als Jesus nicht mehr unter ihnen weilte, fühlten sie sich tatsächlich wie Schafe ohne Hirten. Sie fingen an zu verstehen, wie sie ihm durch Aufmerksamkeiten hätten Freude bereiten können. Nun machten sie Maria keine Vorwürfe mehr, sondern sich selbst. Oh, könnten sie doch nur ihre tadelnden Worte und die Behauptung zurücknehmen, Marias Gabe wäre für die Armen angemessener gewesen als für Christus! Sie fühlten die Zurechtweisung sehr deutlich, als sie den gemarterten Körper ihres Herrn vom Kreuz nahmen.

Dieselbe Not ist auch in unserer heutigen Welt sichtbar. Nur wenige wissen das zu schätzen, was Christus für sie bedeutet. Würden sie dies erkennen, brächten sie wie Maria ihre große Liebe zum Ausdruck und würden die Salbung großzügig spenden. Vom kostbaren Salböl würde man nicht sagen, es sei eine Verschwendung. Nichts würde als zu kostbar erachtet werden, um es für Christus hinzugeben. Keine Selbstverleugnung und kein Opfer wären zu groß, um seinetwegen erbracht zu werden. Die entrüsteten Worte: »Wozu diese Vergeudung?« (Matthäus 26,8b) ließen das größte Opfer, das jemals dargebracht werden sollte, vor den Augen von Christus lebendig werden – das Opfer seiner selbst, zur Versöhnung für eine verlorene Welt. Der Herr war gegenüber seiner menschlichen Familie so großzügig, dass man von ihm nicht sagen kann, er hätte noch mehr tun können. Gott schenkte uns mit Jesus den ganzen Himmel. Aus menschlicher Sicht allerdings war dieses Opfer eine mutwillige Verschwendung. Für unseren menschlichen Verstand ist der ganze Erlösungsplan eine Vergeudung von Gnade und Reichtum. Selbstverleugnung und ernsthafte Hingabe begegnen uns überall. Die himmlischen Heerscharen mögen mit Verwunderung auf die menschliche Familie blicken, die es ablehnt, durch die grenzenlose Liebe, die in Christus zum Ausdruck kommt, erbaut und bereichert zu werden. Es kann gut sein, dass sie ausrufen: Warum diese große Verschwendung? Aber die Sühne für eine verlorene Welt musste vollständig, umfassend und lückenlos sein. Das Opfer, das Christus erbrachte, war über alle Maßen groß, damit jeder Mensch, den Gott erschaffen hatte, erreicht werden konnte. Es konnte nicht beschränkt werden, damit es nicht unzureichend für die Zahl derer ist, die das bedeutsame Geschenk annehmen. Nicht alle werden gerettet, dennoch ist der Erlösungsplan keine Verschwendung, auch wenn er nicht all das vollbringt, wozu er großzügigerweise vorgesehen ist. Seine Wirksamkeit ist reichlich, ja in überreichem Maß vorhanden!

Simon, der Gastgeber, war durch die Kritik, die Judas über Marias Geschenk geäußert hatte, beeinflusst worden und war nun von der Haltung des Erlösers überrascht. Sein pharisäischer Stolz war verletzt. Er wusste, dass viele seiner Gäste voller Misstrauen und Unwillen auf Jesus schauten. Er dachte bei sich: »Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüsste er, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin.« (Lukas 7,39b) Durch die Heilung vom Aussatz hatte Jesus Simon vor einem langsamen Tod bewahrt. Doch nun fragte sich Simon, ob der Erlöser wirklich ein Prophet war – einerseits, weil Christus dieser Frau erlaubt hatte, sich ihm zu nähern, und er sie nicht entrüstet als einen Menschen abwies, dessen Sünden zu groß waren, um vergeben zu werden – andererseits, weil er nicht deutlich machte, dass sie eine gefallene Frau war. Deshalb war Simon versucht zu glauben, er sei kein Prophet. Er dachte, Jesus wisse nichts über diese Frau, die so frei in ihrem Umgang war, sonst hätte er ihr nicht erlaubt, ihn zu berühren. Doch es war Simons Unkenntnis über Gott und Christus, die ihn zu diesen Gedanken verleitete. Er erkannte nicht, dass Gottes Sohn so wie Gott handeln musste – mit Mitgefühl, Zärtlichkeit und Barmherzigkeit. Wäre es nach Simon gegangen, er hätte Marias reuevollen Dienst gar nicht beachtet. Dass sie die Füße von Jesus küsste und sie mit Narde salbte, ärgerte ihn in seiner Hartherzigkeit. Er dachte: Wäre Christus ein Prophet, würde er die Sünder erkennen und zurechtweisen. Auf diese unausgesprochenen Gedanken antwortete Jesus: »Simon, ich habe dir etwas zu sagen. … Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Einer war 500 Silbergroschen schuldig, der andere 50. Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er‘s beiden. Wer von ihnen wird ihn am meisten lieben? Simon antwortete und sprach: Ich denke, der, dem er am meisten geschenkt hat. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geurteilt.« (Lukas 7,40b-43) Wie einst Nathan bei David verbarg auch Christus seine Rüge in einem Gleichnis und veranlasste dadurch seinen Gastgeber, sich sein eigenes Urteil zu sprechen. Simon selbst hatte die Frau, die er jetzt verachtete, zur Sünde verleitet und ihr damit großes Unrecht angetan. Die beiden Schuldner im Gleichnis stellten Simon und Maria dar. Jesus wollte nicht sagen, dass die beiden Personen ein unterschiedliches Maß an Schuld verspüren sollten, denn beide schuldeten Dank für etwas, das niemals zurückbezahlt werden konnte. Doch Simon hielt sich für gerechter als Maria, und Jesus wünschte sich, Simon würde sehen, wie groß seine eigene Schuld wirklich war. Er wollte ihm zeigen, dass seine Schuld größer war als die von Maria, so viel größer, wie eine Schuld von 500 Silbergroschen jene von 50 übersteigt.Nun begann Simon, sich in einem neuen Licht zu sehen. Er verstand, wie Maria von jemandem angesehen wurde, der mehr war als nur ein Prophet. Und er erkannte, wie genau Jesus mit seinem prophetischen Blick in Marias Herz schaute, das voller Liebe und Hingabe war. Simon schämte sich und erkannte, dass er sich in der Gegenwart dessen befand, der größer war als er. Da wandte sich Christus erneut an ihn: »Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben.« Maria aber hat mit Tränen der Reue, aus Liebe hervorgebracht, meine Füße benetzt und sie mit ihren Haaren getrocknet. Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese Frau aber, die du verachtest, »hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen« (Lukas 7,44b.45). Christus zählte Simon die Gelegenheiten auf, die er gehabt hätte, um dem Herrn seine Liebe zu beweisen und seine Wertschätzung für das zum Ausdruck zu bringen, was für ihn getan worden war. Deutlich und dennoch sehr höflich versicherte Jesus seinen Jüngern, dass es ihn traurig stimme, wenn seine Kinder es unterlassen, ihm durch liebevolle Worte und Taten ihre Dankbarkeit zu zeigen. Er, der die Herzen erforscht, kannte die Beweggründe, die Maria zu ihrer Tat veranlassten. Er wusste um den Geist, der Simon umtrieb. »Siehst du diese Frau?«, fragte er ihn (Lukas 7,44b). Sie ist eine Sünderin. Aber ich sage dir: »Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.« (Lukas 7,47) Simons Kälte und Gleichgültigkeit gegenüber Jesus zeigten, wie wenig er die Barmherzigkeit schätzte, die er erhalten hatte. Er dachte, mit der Einladung in sein Haus würde er Jesus Ehre erweisen. Aber nun erkannte er, wie er wirklich war. Während er sich einbildete, seinen Gast beurteilen zu können, hatte dieser ihn selbst beurteilt. Er sah, wie richtig ihn Christus einschätzte. Seine Religion war die eines Pharisäers. Er hatte das Erbarmen von Jesus verachtet und nicht erkannt, dass dieser der Repräsentant Gottes war. Maria war eine Sünderin, die Vergebung erlangt hatte, doch er war ein Sünder ohne Vergebung. Die unbeugsame Regel der Gerechtigkeit, die er bei ihr durchzusetzen gedachte, verurteilte ihn nun selbst. Die Freundlichkeit von Jesus berührte Simon, weil dieser ihn nicht öffentlich vor den Gästen rügte. Man behandelte ihn nicht so, wie er selbst mit Maria umgehen wollte. Er erkannte, dass es nicht die Absicht von Jesus war, ihn wegen seiner Schuld vor den anderen bloßzustellen, sondern dass er durch die wahrheitsgetreue Darlegung seines Falles seinen Verstand überzeugen und durch freundliche Güte sein Herz gewinnen wollte. Eine strenge Zurechtweisung hätte Simons Herz verhärtet und seine Reue erschwert. Aber die geduldige Ermahnung überzeugte ihn von seinem Fehlverhalten. Er erkannte das Ausmaß seiner Schuld dem Herrn gegenüber. Sein Stolz wurde gedemütigt, und er bereute. Aus dem stolzen Pharisäer wurde ein bescheidener, sich selbst aufopfernder Jünger.

Maria galt als große Sünderin, doch Christus kannte die Umstände, die ihr Leben geprägt hatten. Er hätte jeden Funken Hoffnung in ihrem Herzen auslöschen können, doch er tat es nicht. Er war es, der sie aus der Verzweiflung und dem Verderben aufrichtete. Siebenmal hatte sie gehört, wie Jesus die Dämonen bedrohte, die ihren Geist und ihr Gemüt beherrschten (vgl. Lukas 8,2). Auch das laute Flehen, das Jesus ihretwegen an seinen Vater richtete, vernahm sie. Sie wusste, wie abstoßend die Sünde für seine unbefleckte Reinheit war, und sie überwand durch seine Kraft. Während die Menschen dachten, Maria sei ein hoffnungsloser Fall, erkannte Christus in ihr die Fähigkeit, Gutes zu tun. Er sah die schöneren Züge ihres Charakters. Der Erlösungsplan hat der Menschheit großartige Möglichkeiten verliehen, und durch Maria sollten diese verwirklicht werden. Durch seine Gnade wurde sie zur Teilhaberin der göttlichen Natur (vgl. 2. Petrus 1,4). Die Gefallene, deren Verstand zur Behausung von Dämonen geworden war, wurde in die unmittelbare Nähe des Erlösers gebracht, in seine Gemeinschaft und in seinen Dienst. Es war Maria, die zu seinen Füßen saß, um von ihm zu lernen. Und es war ebenfalls Maria, die das kostbare Öl auf sein Haupt goss und seine Füße mit ihren Tränen netzte. Sie war es, die am Fuß des Kreuzes stand und Jesus bis zur Grabstätte begleitete. Maria war auch die Erste, die nach seiner Auferstehung beim Grab war und den anderen verkündete, dass der Erlöser auferstanden sei.

Jesus kennt die Lebensumstände eines jeden Menschen. Vielleicht sagst du von dir: »Ich bin sündig, sehr sündig.« Das mag sein. Doch je größer deine Schuld ist, desto mehr brauchst du Jesus. Er wendet sich von keinem ab, der unter Tränen bereut, und er erzählt niemandem etwas über das Verborgene der Seele, obwohl er es offenlegen könnte. Stattdessen bittet er jeden bangenden Menschen, Mut zu fassen. Er wird allen großzügig verzeihen, die zu ihm kommen, um Vergebung und Heilung zu erfahren. Christus könnte die Engel beauftragen, die Schalen seines Zornes über unsere Erde auszugießen, um alle zu vernichten, die Gott hassen. Er könnte diesen dunklen Fleck aus dem Universum wegwischen, aber er tut es nicht. Heute steht er am Räucheraltar und bringt Gott die Gebete jener dar, die um seine Hilfe bitten. Wer bei Jesus Zuflucht und Rettung sucht, wird über Anklagen und Wortgefechte erhoben. Kein Mensch und kein gefallener Engel kann diese Menschen beschuldigen. Christus verbindet sie mit seiner eigenen göttlich-menschlichen Natur. Sie stehen im Licht, das vom Thron Gottes ausgeht, neben dem großen Sündenträger. »Wer wagt es, gegen die Anklage zu erheben, die von Gott auserwählt wurden? Gott selbst ist ja der, der sie gerecht spricht. Wer sollte uns verurteilen? Christus Jesus selbst ist ja für uns gestorben. Mehr noch, er ist der Auferstandene. Er sitzt auf dem Ehrenplatz zur rechten Seite Gottes und tritt für uns ein.« (Römer 8,33.34 NLB)

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