Die Auferweckung des Lazarus

Die Auferweckung des Lazarus

Lukas 10,38-42; Johannes 11,1-44

Einer der treuesten Anhänger von Jesus war Lazarus aus Betanien. Von ihrer ersten Begegnung an glaubte er fest an Christus und seine Liebe zu ihm war innig. Auch Jesus hatte ihn sehr lieb. Für ihn vollbrachte er das größte seiner Wunder. Der Erlöser segnete alle, die seine Hilfe suchten. Er liebte alle Menschen, doch mit einigen verband ihn eine besonders innige Freundschaft. Die Familie in Betanien war ihm in besonders herzlicher Liebe zugetan, und für einen von ihnen vollbrachte Jesus seine wunderbarste Tat. Im Heim von Lazarus hatte Jesus oft Ruhe gefunden, denn er selbst besaß kein eigenes Zuhause. Er war auf die Gastfreundschaft seiner Freunde und Jünger angewiesen. Und oft, wenn er erschöpft war und sich nach Gemeinschaft sehnte, war er froh, Zuflucht in diesem friedlichen Heim zu finden, weg vom Argwohn und Neid der bösartigen Pharisäer. Hier wurde er herzlich willkommen geheißen. Die ihm entgegengebrachte Freundschaft war echt und tief. Hier konnte er in aller Einfachheit und Freiheit reden, mit der Gewissheit, dass seine Worte verstanden und geschätzt wurden. Unser Erlöser schätzte ein ruhiges Zuhause und interessierte Zuhörer. Er sehnte sich nach menschlicher Wärme, Höflichkeit und Zuneigung. Stets war er bereit, Menschen mit der guten Botschaft vom Himmel zu beschenken. Wer sie aufnahm, wurde reich gesegnet. Während die Menge Christus durch die weiten Felder nachfolgte, enthüllte er vor ihnen die Schönheiten der Natur. Er versuchte ihren Blick zu öffnen, damit sie erkannten, wie Gottes Hand die Welt erhält. Damit sie Gottes Güte und Wohlwollen schätzen lernten, lenkte er die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer auf den Tau, der sich leise niederlegte, auf den milden Regen und die leuchtenden Sonnenstrahlen, die gleichermaßen über Gut und Böse scheinen. Er wünschte sich, dass die Menschen besser erkennen würden, wie groß Gottes Anteilnahme an seinen Geschöpfen ist. Doch die Menge war schwer von Begriff, und im Heim von Betanien fand Christus Ruhe nach den ermüdenden Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit. Hier enthüllte er den verständnisvollen Zuhörern den Umfang der göttlichen Vorsehung. In diesen persönlichen Gesprächen legte er Dinge offen, die er der bunt zusammengewürfelten Menge nicht mitzuteilen versuchte. Bei seinen Freunden war es nicht nötig, in Gleichnissen zu reden.

Während Christus seine wunderbaren Lehren vorbrachte, saß Maria zu seinen Füßen und hörte andächtig und hingebungsvoll zu. Einmal ging Marta, die mit der Sorge um die Vorbereitung des Essens beschäftigt war, zu Jesus und sagte: »Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die Bewirtung mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie solle mir zur Hand gehen!« (Lukas 10,40b ZÜ) Dies geschah, als Jesus zum ersten Mal in Betanien zu Besuch war. Er und seine Jünger hatten gerade einen beschwerlichen Fußmarsch aus Jericho hinter sich. Marta war sehr um deren Wohlergehen besorgt, vergaß jedoch in all ihren Bemühungen, ihrem Gast die gebührende Höflichkeit entgegenzubringen. Jesus antwortete ihr freundlich und mit Geduld: »Marta, Marta, du sorgst und mühst dich um vieles; doch eines ist nötig: Maria hat das gute Teil erwählt; das soll ihr nicht genommen werden.« (Lukas 10,41.42 ZÜ) Maria nahm die kostbaren Worte aus dem Mund des Erlösers in sich auf. Sie bedeuteten ihr mehr als die wertvollsten Juwelen der Welt. Das Eine, das Marta fehlte, waren ein ruhiger, andächtiger Geist und ein tieferes Verlangen, mehr über die Zukunft, das ewige Leben und Gottes Gnade, die für das geistliche Wachstum notwendig ist, zu wissen. Sie hätte sich mehr um ewige statt um vergängliche Dinge sorgen sollen. Jesus wollte seine Kinder lehren, jede Gelegenheit zu ergreifen, um sich jenes Wissen anzueignen, das ihnen Heil verschafft. Für Gottes Sache braucht es gewissenhafte und kraftvolle Arbeiter. Es gibt ein großes Wirkungsfeld für alle »Martas«, die sich eifrig um religiöse Belange kümmern. Doch zuerst sollten sie mit Maria zu den Füßen des Heilandes sitzen! Eifer, Bereitwilligkeit und Tatkraft müssen durch die göttliche Gnade geheiligt werden. Dann wird das Leben eine unüberwindbare Kraft für das Gute sein.

Im friedlichen Zuhause, wo sich Jesus ausgeruht hatte, kehrte Kummer ein. Lazarus wurde plötzlich krank. Da ließen seine Schwestern Jesus ausrichten: »Herr, der, den du lieb hast, ist sehr krank.« (Johannes 11,3b NLB) Sie sahen, wie ernst die Krankheit ihres Bruders war, aber sie wussten auch, dass Christus alle Arten von Krankheiten zu heilen vermochte. Sie waren überzeugt, dass er in ihrer Not Mitleid mit ihnen haben würde. Deshalb drängten sie ihn nicht, sofort zu ihnen zu kommen, sondern sandten ihm die vertrauensvolle Nachricht: »Der, den du lieb hast, ist sehr krank.« Sie dachten, er würde umgehend auf ihre Nachricht antworten und so schnell wie möglich zu ihnen nach Betanien kommen. Bange warteten sie auf eine Antwort von Jesus. Solange ihr Bruder noch am Leben war, beteten sie und hielten Ausschau nach Jesus. Doch der Bote kehrte ohne ihn zurück, er überbrachte ihnen aber eine Nachricht: »Diese Krankheit führt nicht zum Tod.« (Johannes 11,4b GNB) Und so klammerten sie sich an die Hoffnung, dass Lazarus am Leben bleiben würde. Liebevoll versuchten sie, dem Kranken, der kaum noch bei Bewusstsein war, Mut und Hoffnung zuzusprechen. Als Lazarus starb, waren sie bitter enttäuscht, und doch fühlten sie sich in der Gnade von Christus geborgen. Dies hielt sie davon ab, dem Erlöser Vorwürfe zu machen. Als Christus die Nachricht vernahm, dachten die Jünger, sie berühre ihn gar nicht. Er zeigte keinerlei Besorgnis, was sie eigentlich verwunderte. Er schaute sie nur an und sagte: »Diese Krankheit führt nicht zum Tod. Sie dient dazu, die Herrlichkeit Gottes offenbar zu machen; denn durch sie wird der Sohn Gottes zu seiner Herrlichkeit gelangen.« (Johannes 11,4b GNB) Er blieb noch zwei Tage am selben Ort. Dieser Aufenthalt war den Jüngern ein Rätsel. Welch einen Trost könnte seine Gegenwart doch dieser trauernden Familie spenden, dachten sie. Sie wussten, wie innig Jesus diese Familie in Betanien liebte, und waren daher überrascht, dass er nicht auf die traurige Nachricht »Der, den du lieb hast, ist sehr krank« (Johannes 11,3 NLB) reagierte. Weil er während dieser zwei Tage nie von Lazarus sprach, schien es, als hätte Christus die Nachricht aus seinen Gedanken verbannt. Die Jünger mussten an Johannes den Täufer, den Wegbereiter von Jesus, denken. Schon damals hatten sie sich darüber gewundert, dass es Jesus, der die Macht hatte, großartige Wunder zu vollbringen, zuließ, dass Johannes im Kerker schmachtete und eines gewaltsamen Todes sterben musste. Warum hatte er ihm nicht das Leben gerettet, wo er doch solche Macht besaß? Diese Frage hatten die Pharisäer oft gestellt. Sie sahen darin einen unwiderlegbaren Beweis, dass Jesus nicht Gottes Sohn sein konnte, wie er behauptete. Der Erlöser hatte seine Jünger vor Prüfungen, Verlusten und Verfolgungen gewarnt. Würde er sie in Anfechtungen verlassen? Einige fragten sich, ob sie seinen Auftrag vielleicht missverstanden hatten. Alle waren tief bekümmert. Nachdem er zwei Tage abgewartet hatte, sagte Jesus zu den Jüngern: »Lasst uns wieder nach Judäa ziehen!« (Johannes 11,7) Die Jünger fragten sich, warum Jesus zwei Tage gewartet hatte, bevor er nach Judäa aufbrach. Im Moment waren ihre Gedanken von der Sorge um ihn und sich selbst erfüllt. Auf dem Weg, den er jetzt einschlug, sahen sie nur noch Gefahren. »Meister, eben noch wollten die Juden dich steinigen, und du willst wieder dorthin ziehen? Jesus antwortete: Hat nicht der Tag zwölf Stunden?« (Johannes 11,8.9a) Ich stehe unter der Führung meines Vaters im Himmel. Solange ich seinen Willen tue, ist mein Leben außer Gefahr. Meine zwölf Stunden des Tages sind noch nicht beendet. Ich habe den letzten Abschnitt meines Tages begonnen, und solange der andauert, bin ich sicher. »Wenn jemand seinen Weg geht, während es Tag ist, stößt er nirgends an«, fuhr Jesus fort, »weil er das Licht dieser Welt sieht« (Johannes 11,9b NGÜ). Wer Gottes Willen tut und auf dem von Gott vorgegebenen Weg geht, kann weder stolpern noch fallen. Durch das Licht von Gottes führendem Geist erhält er eine klare Vorstellung seiner Aufgaben. So wird er recht geführt, bis sein Werk vollendet ist. »Wenn jemand aber in der Nacht unterwegs ist, stößt er sich, weil das Licht nicht in ihm ist.« (Johannes 11,10 NGÜ) Wer auf einem selbstgewählten Weg vorangeht, den Gott nicht gutgeheißen hat, wird straucheln. Für ihn wird der Tag zur Nacht. Wo immer er sich aufhält, ist er doch nicht sicher. »Das sagte er, und danach spricht er zu ihnen: Lazarus, unser Freund, schläft, aber ich gehe hin, ihn aufzuwecken.« (Johannes 11,11) »Lazarus, unser Freund, schläft.« Welch berührende Worte! Wie viel Anteilnahme drückten sie doch aus! Vor lauter Sorge, ihr Meister würde sich auf dem Weg nach Jerusalem großen Gefahren aussetzen, hatten die Jünger die Hinterbliebenen in Betanien beinahe vergessen. Christus aber dachte an sie. Die Jünger fühlten sich zurechtgewiesen. Sie waren enttäuscht, weil Jesus nicht schneller auf die Mitteilung reagiert hatte. Sie waren versucht zu denken, dass Jesus Lazarus und dessen Schwestern doch nicht so innig liebte, wie sie geglaubt hatten, sonst wäre er bestimmt mit dem Boten zurückgeeilt. Aber die Worte: »Lazarus, unser Freund, schläft« lenkten ihre Gedanken wieder in die richtigen Bahnen. Nun waren sie überzeugt, dass Jesus seine leidgeprüften Freunde nicht vergessen hatte. »Da sagten seine Jünger zu ihm: Herr, wenn er schläft, dann wird er gesund werden. Jesus hatte aber von seinem Tod gesprochen, während sie meinten, er spreche von dem gewöhnlichen Schlaf.« (Johannes 11,12.13 EÜ) Jesus stellt seinen gläubigen Nachfolgern den Tod als Schlaf dar. Ihr »wahres Leben ist mit Christus in Gott verborgen« (Kolosser 3,3b NLB), und bis zum Schall der letzten Posaune schlafen die Verstorbenen in ihm (vgl. 1. Korinther 15,52).

»Da sagte es ihnen Jesus frei heraus: Lazarus ist gestorben; und ich bin froh um euretwillen, dass ich nicht da gewesen bin, damit ihr glaubt. Aber lasst uns zu ihm gehen!« (Johannes 11,14.15) Thomas konnte in der Reise nach Judäa nur den bevorstehenden Tod seines Meisters sehen. Doch er fasste Mut und sagte zu den anderen Jüngern: »Lasst uns mit ihm gehen, dass wir mit ihm sterben!« (Johannes 11,16) Er kannte den Hass der jüdischen Obersten Jesus gegenüber. Sie hatten die Absicht, ihn zu töten. Doch bislang war ihnen das nicht gelungen, weil die für ihn bestimmte Zeit noch nicht abgelaufen war. Während dieser Zeit stand Jesus unter dem Schutz himmlischer Engel. Selbst in der Gegend von Judäa, wo sich die Rabbiner gegen ihn verschworen hatten, um ihn zu ergreifen und zu töten, konnte man ihm nichts anhaben. Die Jünger waren über die Worte von Jesus erstaunt: »Lazarus ist gestorben; und ich bin froh … dass ich nicht da gewesen bin« (Johannes 11,14b.15). Hatte Jesus das Heim seiner leidgeprüften Freunde in Betanien absichtlich gemieden? Dem Anschein nach waren Maria, Marta und der sterbende Lazarus allein gelassen worden, in Wirklichkeit aber waren sie nicht auf sich allein gestellt. Christus beobachtete das ganze Geschehen, und nachdem Lazarus gestorben war, stand er den leidtragenden Schwestern gnädig bei. Als ihr Bruder mit dem mächtigen Feind – dem Tod – rang, war er Zeuge ihrer herzzerreißenden Trauer. Er selbst fühlte ihren tiefen Schmerz, als er seinen Jüngern sagen musste: »Lazarus ist gestorben.« Doch Christus durfte nicht nur an die Geliebten in Betanien denken. Er musste auch Rücksicht auf die Ausbildung seiner Jünger nehmen. Sie sollten seine Repräsentanten in der Welt sein, damit der Segen des Vaters alle Menschen erreichen könnte. Um ihretwillen ließ er es zu, dass Lazarus starb. Hätte er ihn von seiner Krankheit geheilt, wäre das Wunder, das der größte Beweis seines göttlichen Charakters war, nicht erbracht worden. Wäre Christus im Zimmer des kranken Lazarus gewesen, wäre dieser nicht gestorben, denn Satan hätte keine Macht über ihn gehabt. Der Tod hätte seine Hand nicht in der Gegenwart des Lebensspenders nach Lazarus ausstrecken können. Darum blieb er fern und ertrug es, dass der Gegner seine Macht ausspielte, um ihn dann als besiegten Feind zurückzudrängen. Christus ließ es zu, dass Lazarus unter die Herrschaft des Todes kam und die leidtragenden Schwestern zusehen mussten, wie ihr Bruder ins Grab gelegt wurde. Christus wusste, dass ihr Glaube an ihren Erlöser schwer geprüft wurde, als sie in das tote Gesicht ihres Bruders schauten. Er wusste aber auch, dass sie mit neugestärktem Glauben aus diesem Ringen hervorgehen würden. Er durchlitt jeden Schmerz, den sie zu ertragen hatten. Er liebte sie nicht weniger, weil er so lange wegblieb. Doch er wusste, dass für sie, für Lazarus, für ihn selbst und für seine Jünger ein Sieg errungen werden musste. »Um euretwillen … damit ihr glaubt.« (Johannes 11,15) Für alle, die sich nach der führenden Hand Gottes ausstrecken, ist der Augenblick der größten Entmutigung zugleich der Moment, in dem die göttliche Hilfe am nächsten ist. Mit Dankbarkeit werden sie auf den dunkelsten Abschnitt ihres Lebens zurückblicken. »Der Herr weiß, wie er die gottesfürchtigen Menschen aus der Versuchung rettet.« (2. Petrus 2,9a NLB) Gott wird sie gestärkt im Glauben und reich an Erfahrungen aus jeder Versuchung und Prüfung hervorgehen lassen. Indem er seinen Besuch bei Lazarus hinauszögerte, wollte Christus denen, die ihn nicht angenommen hatten, Barmherzigkeit erweisen. Er kam später, damit er durch die Auferweckung des Lazarus seinem halsstarrigen und ungläubigen Volk einen weiteren Beweis geben konnte, dass er wirklich die »Auferstehung und das Leben« (Johannes 11,25) ist. Er war nicht bereit, jede Hoffnung für das Volk – für die armen, umherirrenden Schafe aus dem Haus Israel – aufzugeben. Es brach Jesus das Herz, weil sie so verstockt waren. Aus Erbarmen wollte er ihnen noch einmal einen Beweis dafür liefern, dass er der ist, der alles wiederherstellen kann – der Einzige, der Leben und Unsterblichkeit verleihen kann. Dies sollte ein Beweis sein, den die Priester nicht falsch auslegen könnten. Das war der Grund, warum er die Reise nach Betanien hinausgezögert hatte. Dieses krönende Wunder – die Auferweckung von Lazarus – sollte das Siegel des Allerhöchsten auf sein Werk und seinen göttlichen Anspruch sein.

Jesus widmete sich auf dem Weg nach Betanien wie gewohnt den Kranken und Notleidenden. Als er das Dorf erreichte, sandte er einen Boten zu den Schwestern, um ihnen seine Ankunft mitzuteilen. Er betrat das Haus nicht sofort, sondern verweilte zuerst an einem stillen Platz, etwas abseits vom Weg. Die große äußerliche Bekundung von Trauer, welche die Juden beim Tod von Freunden oder Verwandten an den Tag legten, stand nicht im Einklang mit dem Geist von Christus. Jesus hörte das Jammern der angeheuerten Klagefrauen und wollte den beiden Schwestern nicht in diesem Trubel begegnen. Unter den Trauernden befanden sich Familienangehörige, von denen einige hohe, verantwortungsvolle Ämter in Jerusalem bekleideten. Einige von ihnen gehörten zu den erbittertsten Feinden von Jesus. Christus kannte ihre Absichten. Darum gab er sich nicht gleich zu erkennen. Der Bote überbrachte Marta die Nachricht so unauffällig, dass niemand im Raum etwas davon bemerkte. Maria – ganz in ihre Trauer versunken – hörte die Worte nicht. Marta stand sofort auf und ging hinaus – ihrem Herrn entgegen. In der Annahme, ihre Schwester gehe zum Grab ihres Bruders, blieb Maria tief bekümmert sitzen und rührte sich nicht. Marta eilte auf Jesus zu. Ihr Herz war aufgewühlt, und zwiespältige Gefühle bemächtigten sich ihrer. In seinem ausdrucksvollen Gesicht erkannte sie wie stets zuvor dasselbe Mitgefühl und dieselbe Liebe. Ihr Vertrauen zu ihm war ungebrochen. Doch gleichzeitig dachte sie an ihren innig geliebten Bruder, den Jesus auch geliebt hatte. Ihr Herz war von Schmerz erfüllt, weil Christus nicht früher gekommen war. Aber in der Hoffnung, dass er auch jetzt noch etwas tun werde, um sie zu trösten, sagte sie: »Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.« (Johannes 11,21) Immer wieder, mitten im großen Lärm der wehklagenden Frauen, hatten die Schwestern diese Worte wiederholt. Mit menschlichem und göttlichem Erbarmen blickte Jesus in das traurige, von Kummer gezeichnete Gesicht Martas. Sie wollte das Vergangene nicht noch einmal erzählen. Sie brachte das Geschehene mit den herzergreifenden Worten »Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben« zum Ausdruck. Und während sie in sein liebevolles Gesicht blickte, fügte sie hinzu: »Aber auch jetzt weiß ich: Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben.« (Johannes 11,21.22) Jesus ermutigte sie im Glauben und antwortete: »Dein Bruder wird auferstehen.« (Johannes 11,23) Es war nicht seine Absicht, mit dieser Antwort die Hoffnung auf eine sofortige Veränderung zu wecken. Er lenkte ihre Gedanken über eine gegenwärtige Wiederherstellung ihres Bruders hinaus auf die zukünftige Auferstehung der Gerechten. Er tat dies, damit sie in der Auferweckung von Lazarus eine Zusicherung für die Auferstehung aller gläubigen Toten sehen konnten. Und sie sollte die Gewissheit erhalten, dass dies durch seine Macht geschehen werde. Marta antwortete: »Ich weiß wohl, dass er auferstehen wird – bei der Auferstehung am Jüngsten Tag.« (Johannes 11,24) Jesus versuchte noch immer, ihren Glauben in die richtigen Bahnen zu lenken, und sagte: »Ich bin die Auferstehung und das Leben.« (Johannes 11,25a) In Christus ist ursprüngliches, nicht verliehenes, sondern ureigenes Leben. »Wer den Sohn hat, der hat das Leben.« (1. Johannes 5,12a) Die Gottheit von Christus bedeutet für den Gläubigen die Gewissheit des ewigen Lebens. »Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das?« (Johannes 11,25b.26) Christus schaute hier voraus auf die Zeit seines zweiten Kommens. Dann werden die gerechten Toten »auferweckt in Unvergänglichkeit« (1. Korinther 15,42b Elb.), und die lebenden Gerechten werden, ohne zu sterben, verwandelt und in den Himmel aufgenommen werden. Das Wunder, das Christus mit der Auferweckung von Lazarus vollbringen wollte, war ein Sinnbild für die Auferstehung aller Gerechten. Durch sein Wort und sein Wirken erklärte er sich selbst zum Urheber der Auferstehung. Er, der bald selbst am Kreuz sterben sollte, stand nun da, mit den Schlüsseln des Todes in der Hand, als Überwinder des Grabes, und beteuerte sein Recht und die Macht, ewiges Leben zu verleihen. Die Frage von Jesus, »Glaubst du das?« (Johannes 11,26b), beantwortete Marta mit dem Bekenntnis: »Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.« (Johannes 11,27) Sie verstand seine Worte nicht in ihrer vollen Bedeutung, doch sie bekannte ihren Glauben an seine Göttlichkeit. Sie vertraute darauf, dass er tun konnte, was immer ihm gefiel. »Als sie das gesagt hatte, ging sie hin und rief ihre Schwester Maria heimlich und sprach zu ihr: Der Meister ist da und ruft dich.« (Johannes 11,28) Sie sprach so leise wie möglich, denn die anwesenden Priester und Obersten standen bereit, Jesus festzunehmen, sollte sich dazu eine günstige Gelegenheit bieten. Das Wehklagen der Frauen jedoch verhinderte, dass ihre Worte gehört wurden. Kaum hatte Maria die Nachricht vernommen, erhob sie sich eilig und verließ mit erwartungsvollem Blick den Raum. Die Trauernden glaubten, sie begebe sich zum Grab, um zu weinen. Sie folgten ihr. Als Maria den Ort erreichte, wo Jesus wartete, fiel sie zu seinen Füßen nieder und sagte mit bebender Stimme: »Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.« (Johannes 11,32b) Das Wehklagen der Frauen quälte sie. Sie sehnte sich danach, von Jesus ganz persönlich ein paar beruhigende Worte zu hören, doch sie kannte den Neid und die Eifersucht auf Christus im Herzen einiger Anwesender und beherrschte sich, um ihren Schmerz nicht zu zeigen. »Als Jesus die weinende Maria und die Leute sah, die mit ihr trauerten, erfüllten ihn Zorn und Schmerz.« (Johannes 11,33 NLB) Er konnte in die Herzen aller Versammelten sehen und erkannte, dass viele sich heuchlerisch dem Trauerzug angeschlossen hatten. Er wusste, dass einige der Gäste, die scheinheilig Anteil nahmen, schon bald seinen Tod planen würden – nicht nur den Tod des mächtigen Wundertäters, sondern auch den Tod dessen, den er nun von den Toten auferwecken wollte. Christus hätte sie entlarven und ihre gespielte Trauer aufdecken können, doch er hielt seinen gerechten Zorn zurück. Die Worte, die er wahrheitsgemäß hätte aussprechen können, kamen nicht über seine Lippen, weil ein geliebter Mensch in seinem ganzen Schmerz vor ihm kniete und wahrhaft an ihn glaubte.

»Wo habt ihr ihn hingelegt?«, fragte er. Da sagte man ihm: »Herr, komm und sieh es!« (Johannes 11,34) Gemeinsam schritten sie zum Grab. Es war ein trauriger Anblick, denn Lazarus war sehr beliebt gewesen. Seine Schwestern weinten herzzerreißend um ihn. Und auch seine Freunde vergossen Tränen. Dieses menschliche Elend und die Tatsache, dass betrübte Freunde über einen Toten trauern mussten, während der Retter dieser Welt daneben stand, rührte auch Jesus zu Tränen. Er »weinte« (Johannes 11,35 Elb.). Obwohl er Gottes Sohn war, hatte er die menschliche Natur auf sich genommen. Menschliches Leid rührte ihn. Leid weckt stets Mitgefühl in seinem liebevollen und empfindsamen Herzen. Er weint mit den Weinenden und freut sich mit den Fröhlichen (vgl. Römer 12,15). Aber Jesus weinte nicht nur aus menschlichem Mitgefühl gegenüber Maria und Marta. In seinen Tränen kam ein Schmerz zum Ausdruck, der weit über die menschliche Trauer hinausging – so weit, wie der Himmel höher ist als die Erde. Christus weinte nicht um Lazarus, den er ja bald aus dem Grab herausrufen würde. Er weinte, weil viele von denen, die jetzt um Lazarus trauerten, bald seinen eigenen Tod planen würden, wo er doch die Auferstehung und das Leben war. Wie unmöglich war es doch für diese ungläubigen jüdischen Führer, seine Tränen richtig zu deuten! Einige, die nur die äußerlichen Umstände dieses Geschehens als Grund für seine Trauer sehen konnten, sagten leise: »Siehe, wie hat er ihn lieb gehabt!« (Johannes 11,36) Andere, die versuchten, den Samen des Unglaubens in die Herzen der Anwesenden zu streuen, sagten spöttisch: »Dieser Mann hat doch einen Blinden geheilt. Warum konnte er Lazarus nicht vor dem Tod bewahren?« (Johannes 11,37 NLB) Wenn Christus die Macht hatte, Lazarus zu retten, warum hatte er es dann zugelassen, dass er starb? Mit vorhersehendem Blick erkannte Christus die Feindseligkeit der Pharisäer und Sadduzäer. Er wusste, dass sie seinen Tod im Kopf hatten. Er wusste auch, dass einige von denen, die nun Mitgefühl vortäuschten, bald für sich selbst die Tür der Hoffnung und die Tore der Stadt Gottes verschließen würden. Bald würde es zu seiner Erniedrigung und Kreuzigung kommen, was schlussendlich die Zerstörung von Jerusalem zur Folge haben würde. Zu der Zeit würde aber niemand die Toten beklagen. Jesus hatte das Strafgericht, das über Jerusalem kommen sollte, deutlich vor Augen. Er sah, wie die Stadt von römischen Legionen eingeschlossen wurde. Er wusste, dass viele, die jetzt um Lazarus weinten, bei der Belagerung der Stadt umkommen würden, und er sah, dass es für sie keinerlei Hoffnung über den Tod hinaus geben würde. Jesus weinte nicht nur wegen des traurigen Ereignisses in Betanien. Der Schmerz und das Leid aller Zeiten lasteten auf ihm. Er sah die schrecklichen Folgen der Übertretung des göttlichen Gesetzes. Er sah, dass seit Abels Tod ein unaufhörlicher Konflikt zwischen Gut und Böse in der Weltgeschichte ausgetragen wurde. Und wenn er in die Zukunft blickte, sah er, dass Leid, Trauer, Tränen und Tod das Los der Menschheit sein würde. Tief in seinem Herzen verspürte er den Schmerz, den die Menschen der ganzen Welt und aller Zeiten zu ertragen hatten. Das Leid des sündigen Geschlechts bedrückte seine Seele schwer. Als er sich so sehr danach sehnte, all ihrem Elend ein Ende zu bereiten, füllten sich seine Augen mit Tränen.

»Während Jesus nun zum Grab ging, erfüllten ihn von Neuem Zorn und Schmerz. Lazarus lag in einem Höhlengrab, dessen Eingang mit einem großen Stein verschlossen war. ›Wälzt den Stein weg!‹, befahl Jesus.« (Johannes 11,38.39a NGÜ) Marta dachte, er wolle nur den Toten sehen. Darum wandte sie ein, dass der Tote schon seit vier Tagen im Grab liege und die Verwesung bereits eingesetzt habe. Diese Aussage, die Marta unmittelbar vor der Auferweckung des Lazarus machte, nahm den Feinden von Christus die Möglichkeit zu behaupten, sie sei eine Täuschung gewesen. In der Vergangenheit hatten die Pharisäer immer wieder falsche Aussagen verbreitet, wenn sie Zeugen von Gottes wunderbarsten Machtbeweisen geworden waren. Bevor Jesus die verstorbene Tochter von Jairus auferweckte, sagte er: »Das Kind ist nicht gestorben, sondern es schläft.« (Markus 5,39b) Die Tochter war nur kurze Zeit krank gewesen und unmittelbar nach ihrem Tod auferweckt worden. Da hatten die Pharisäer behauptet, das Kind sei überhaupt nicht tot gewesen, denn Jesus habe ja selbst gesagt, dass es nur schlafe. Sie wollten den Anschein erwecken, als könnte Christus keine Krankheiten heilen und als wären seine Wunder nur Täuschungen. Doch in diesem Fall konnte niemand leugnen, dass Lazarus tot war. Immer wenn der Herr ein Wunder wirken will, veranlasst Satan jemanden, Einwände vorzubringen. Jesus befahl: »Wälzt den Stein weg!« (Johannes 11,39a NGÜ) Bereitet soweit wie möglich alles für mein Wunder vor! Doch nun kam Martas bestimmte und ehrgeizige Art zum Vorschein. Sie wollte den Körper ihres Bruders, der bereits am Verwesen war, nicht zur Schau stellen. Der Mensch tut sich oft schwer, die Worte von Christus zu verstehen. Darum hatte auch Martas Glaube die wahre Bedeutung seiner Verheißung nicht begriffen. Christus tadelte Marta zwar, doch seine Worte waren äußerst behutsam: »Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?« (Johannes 11,40) Warum zweifelst du an meiner Macht? Warum argumentierst du gegen meine Anweisungen? Darauf gebe ich mein Wort! Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen. Auch was von Natur aus unmöglich ist, kann das Werk des Allmächtigen nicht aufhalten. Zweifel und Unglaube sind keine Zeichen von Demut. Bedingungsloser Glaube an die Worte von Christus ist wahre Demut und echte Selbsthingabe. »Wälzt den Stein weg!« (Johannes 11,39a NGÜ) Christus hätte dem Stein befehlen können, sich wegzubewegen; dieser hätte seiner Stimme gehorcht. Er hätte auch die Engel an seiner Seite bitten können, dies zu tun. Auf seinen Befehl hin hätten unsichtbare Hände den Stein weggewälzt. Doch menschliche Hände sollten den Stein wegrollen. Damit wollte Christus zeigen, dass die Menschen mit Gott zusammenarbeiten sollen. Die göttliche Kraft muss nicht herbemüht werden, wenn etwas aus menschlicher Kraft getan werden kann. Gott verzichtet nicht auf die menschliche Mitarbeit. Er macht den Menschen stark und wirkt in dem Maß mit ihm zusammen, wie dieser seine Kräfte und Fähigkeiten gebraucht. Auf seinen Befehl hin wurde der Stein weggerollt. Alles geschah öffentlich und wohlüberlegt. Alle hatten die Möglichkeit zu sehen, dass dies keine Täuschung war. Dort im Felsengrab lag der Leichnam von Lazarus, kalt und still im Tod. Das Wehklagen der Frauen war verstummt. Erstaunt und erwartungsvoll standen die Anwesenden um das Grab und warteten darauf, was nun folgen würde. Ruhig stand Christus vor dem Grab. Ein feierlicher Ernst lag über allen Anwesenden. Jesus trat näher an das Grab heran. Er hob seine Augen auf zum Himmel und sagte: »Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast.« (Johannes 11,41b) Noch kurz zuvor hatten ihn seine Feinde der Gotteslästerung beschuldigt und Steine aufgehoben, um ihn zu töten, weil er behauptet hatte, Gottes Sohn zu sein. Sie hatten ihm auch vorgeworfen, er vollbringe seine Wunder durch Satans Macht. Doch Christus erhob hier erneut den Anspruch, dass Gott sein Vater sei, und erklärte damit in vollem Vertrauen, Gottes Sohn zu sein. In allem, was Jesus tat, arbeitete er mit seinem Vater zusammen. Er war stets darauf bedacht zu verdeutlichen, dass er nicht unabhängig wirkte. Durch Glauben und Gebet vollbrachte er seine Wunder. Christus wünschte sich, dass alle sehen könnten, welch enge Beziehung er mit seinem Vater pflegte. »Vater«, sprach er, »ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich weiß, dass du mich allezeit hörst; aber um des Volkes willen, das umhersteht, sage ich‘s, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast.« (Johannes 11,41b.42) Hier sollten seine Jünger und das Volk den überzeugendsten Beweis für die Beziehung zwischen Christus und Gott erhalten. Ihnen sollte gezeigt werden, dass der Anspruch von Christus kein Betrug war.

»Als er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!« (Johannes 11,43) Seine klare und deutliche Stimme drang an das Ohr des Toten. Während er sprach, leuchtete seine Göttlichkeit durch seine menschliche Natur. In seinem von Gottes Herrlichkeit erleuchteten Gesicht sahen die Menschen seine Macht bestätigt. Alle Augen starrten wie gebannt auf den Eingang der Höhle. Jedes Ohr konzentrierte sich auf das kleinste Geräusch. Bis aufs Äußerste gespannt warteten alle auf die Bestätigung seiner Göttlichkeit. Diese würde entweder seinen Anspruch, Gottes Sohn zu sein, beweisen oder alle Hoffnungen für immer zunichtemachen. Da regte sich etwas in der Stille des Grabes. Der, der tot war, erschien im Eingang der Felsengruft. Die Grabtücher, in denen Lazarus zur Ruhe gelegt worden war, behinderten seine Bewegungen. Christus sagte zu den erstaunten Zuschauern: »Löst die Binden und lasst ihn gehen!« (Johannes 11,44b) Wieder wurde ihnen gezeigt, dass der Mensch im Wirken für andere mit Gott zusammenarbeiten soll. Menschen sollen sich für andere einsetzen. Nun stand Lazarus, befreit von den Tüchern, vor den Anwesenden – nicht als Schwacher und als von Krankheit Gezeichneter oder mit zitternden Gliedern, sondern als Mann in den besten Jahren seines Lebens und im vollen Besitz seiner Kräfte. Seine Augen leuchteten voller Verstand und brachten die Liebe seinem Retter gegenüber zum Ausdruck. Anbetend warf er sich vor Jesus nieder. Zuerst waren die Anwesenden vor Erstaunen sprachlos. Dann aber verwandelte sich der Schauplatz in ein unbeschreibliches Jubel und Dankesfest. Die Schwestern erhielten ihren Bruder lebendig als ein Gottesgeschenk zurück. Mit Tränen der Freude und stammelnden Worten drückten sie ihrem Retter den Dank aus. Doch während sich der Bruder, die Schwestern und die Freunde über das Wiedersehen freuten, zog sich Jesus von diesem Ort zurück. Als sie wieder nach dem Lebensspender suchten, war er nirgends zu finden.

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