Ruht ein wenig

Ruht ein wenig

Matthäus 14,1.2.12.13; Markus 6,30-32; Lukas 9,7-10

Als die Apostel von ihrer Missionsreise zurückkehrten, versammelten sie sich um Jesus und »verkündeten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. Und er sprach zu ihnen: Geht ihr allein an eine einsame Stätte und ruht ein wenig. Denn es waren viele, die kamen und gingen, und sie hatten nicht Zeit genug zum Essen« (Markus 6,30.31).

Die Jünger kamen zu Jesus und erzählten ihm alles. Durch ihre innige Beziehung zu Jesus waren sie ermutigt, ihm ihre guten und schlechten Erfahrungen zu erzählen. Sie berichteten von der Freude über die Erfolge in ihrer Arbeit, vom Kummer über ihre Misserfolge, von ihren Fehlern und Schwächen. Zu Beginn ihrer Arbeit als Evangelisten hatten sie Fehler gemacht. Als sie Jesus frei und offen von ihren Erfahrungen erzählten, erkannte er, dass sie noch viel Unterweisung nötig hatten. Er sah auch, dass sie von ihrer Arbeit erschöpft waren und Ruhe brauchten. Aber da, wo sie waren, konnten sie nicht ungestört sein, denn »es waren viele, die kamen und gingen, und sie hatten nicht Zeit genug zum Essen« (Markus 6,31b). Die Menschen scharten sich um Jesus, begierig nach seinen Worten und Heilungen. Viele fühlten sich zu ihm hingezogen, denn sie betrachteten ihn als Quelle aller Segnungen. Viele von denen, die sich um Christus drängten, um das kostbare Geschenk der Gesundheit zu empfangen, nahmen ihn als ihren Erlöser an. Viele andere, die wegen der Pharisäer Angst hatten, sich zu ihm zu bekennen, wurden am Pfingstfest nach der Ausgießung des Heiligen Geistes bekehrt und erkannten ihn vor den wütenden Priestern und Führern des Volkes als Sohn Gottes an. Doch nun sehnte sich Jesus nach Ruhe, um mit seinen Jüngern allein zu sein. Er hatte ihnen viel zu sagen. Während ihrer Arbeit wurden sie durch manche Auseinandersetzungen geprüft und waren auf Widerstand in verschiedenen Formen gestoßen. Bis dahin hatten sie Christus immer um Rat fragen können. Doch nun waren sie einige Zeit allein gewesen und wussten manchmal nicht, wie sie handeln sollten. Christus hatte sie nicht ohne seinen Geist ausgesandt, durch den sie in ihrer Arbeit sehr ermutigt wurden. Im Glauben an ihn hatten sie viele Wunder getan. Aber nun mussten sie sich mit dem »Brot des Lebens« stärken (vgl. Johannes 6,35). Sie brauchten einen Ort der Ruhe, wo sie mit Jesus Gemeinschaft pflegen und Anweisungen für ihren zukünftigen Dienst erhalten konnten. »Und er sprach zu ihnen: Geht ihr allein an eine einsame Stätte und ruht ein wenig.« (Markus 6,31a) Christus ist voller Mitgefühl und kann sich in die Lage eines jeden versetzen, der in seinem Dienst steht. Er wollte seinen Jüngern zeigen, dass sich Gott keine Opfer, sondern Barmherzigkeit wünscht. Sie hatten ihren Dienst für die Menschen von ganzem Herzen getan und waren dadurch körperlich und seelisch erschöpft; nun war es ihre Pflicht, sich auszuruhen. Als die Jünger sahen, wie erfolgreich ihre Arbeit gewesen war, standen sie in der Gefahr, sich diesen Erfolg selbst zuzuschreiben, geistlichen Stolz zu hegen und dadurch den Versuchungen Satans zu erliegen. Eine große Aufgabe lag vor ihnen. Als Erstes mussten sie lernen, dass die erforderliche Kraft nicht von ihnen, sondern von Gott kam. So wie Mose in der Wüste Sinai, David in den Bergen von Judäa und Elia am Bach Krit brauchten die Jünger nun Abstand von ihren vielen Beschäftigungen, um Gemeinschaft mit Christus zu haben, in der Natur aufzutanken und sich auf sich selbst zu besinnen. Während die Apostel auf ihrer Missionsreise gewesen waren, hatte Jesus andere Städte und Dörfer aufgesucht und dort das Evangelium vom Reich Gottes gepredigt. Zu jener Zeit erreichte ihn die Nachricht vom Tod Johannes des Täufers. Dieses Ereignis führte ihm das Schicksal, dem er selbst entgegenging, lebhaft vor Augen. Dunkle Wolken sammelten sich über seinem Weg. Priester und Rabbiner warteten auf eine Gelegenheit, um ihn zu töten. Spione folgten ihm dicht auf den Fersen. Es verschworen sich immer mehr Menschen gegen ihn, um ihn zugrunde zu richten. Berichte über das Wirken der Apostel in ganz Galiläa erreichten Herodes Antipas und machten ihn auf Jesus und dessen Wirken aufmerksam. »Das ist Johannes der Täufer; er ist von den Toten auferstanden, darum tut er solche Taten.« (Matthäus 14,2b) Herodes wollte Jesus sehen. Er lebte in ständiger Angst, ein geheimer Aufstand werde vorbereitet, um ihn vom Thron zu stürzen und die jüdische Nation vom römischen Joch zu befreien. Ein Geist von Unzufriedenheit und Auflehnung machte sich unter dem Volk breit. Es wurde deutlich, dass Jesus sein öffentliches Wirken in Galiläa nicht lange fortführen konnte. Seine Leidenszeit rückte immer näher. Er sehnte sich danach, dem Lärm der großen Menge eine Zeitlang zu entkommen. Mit traurigen Herzen hatten die Jünger von Johannes dessen sterbliche Überreste begraben, »und sie kamen und verkündeten das Jesus« (Matthäus 14,12). Diese Jünger waren auf Jesus eifersüchtig gewesen, weil sie dachten, er würde das Volk von Johannes abspenstig machen. Gemeinsam mit den Pharisäern hatten sie ihn angegriffen, weil er mit den Zöllnern beim Fest des Matthäus Umgang gepflegt hatte. Sie zweifelten an der göttlichen Mission von Jesus, weil er den Täufer nicht befreit hatte. Aber nun, da ihr Lehrer tot war und sie in ihrem tiefen Kummer nach Trost und Führung für ihr zukünftiges Wirken suchten, kamen sie zu Jesus, um mit ihm zusammenzuarbeiten. Auch sie brauchten eine Zeit der Ruhe, um mit dem Erlöser Gemeinschaft zu pflegen.

In der Nähe von Betsaida, am nördlichen Ufer des Sees Genezareth, lag eine einsame Gegend. Dieser wunderschöne Platz, der im frischen Grün des Frühlings erblühte, bot sich Jesus und seinen Jüngern als willkommener Zufluchtsort an. Dorthin wollten sie gehen. Sie stiegen in ihr Boot und stießen vom Ufer ab. Dort würden sie fernab vom öffentlichen Verkehr und von der Betriebsamkeit und Unruhe der Stadt sein. Allein schon die Umgebung der Natur war eine wohltuende Abwechslung für das Gemüt. Hier konnten sie den Worten von Jesus zuhören, ohne unfreundlich unterbrochen oder von den Pharisäern und Schriftgelehrten zurechtgewiesen und beschuldigt zu werden. Hier konnten sie für kurze Zeit die kostbare Gemeinschaft genießen, vereint mit ihrem Herrn. Die Ruhe, die sich Jesus und seine Jünger gönnten, war wohlverdient. Sie zogen sich nicht zu ihrem eigenen Vergnügen zurück. Sie sprachen miteinander über den Dienst in Gottes Werk und wie sie wirkungsvoller arbeiten könnten. Die Jünger waren mit Christus zusammen gewesen und verstanden ihn, ohne dass er in Gleichnissen zu ihnen reden musste. Er korrigierte ihre Fehler und machte ihnen deutlich, wie sie am besten auf Menschen zugehen sollten. Er offenbarte ihnen immer mehr die kostbaren Schätze der göttlichen Wahrheit. Auf diese Weise wurden sie durch die göttliche Kraft gestärkt und mit Hoffnung und Mut erfüllt. Obwohl Jesus Wunder wirken konnte und auch seinen Jüngern diese Macht verliehen hatte, empfahl er seinen erschöpften Mitarbeitern, eine ländliche Gegend aufzusuchen, um dort auszuruhen. Als er ihnen sagte, dass die Ernte groß sei, aber nur wenige Arbeiter zur Verfügung stünden, forderte er sie nicht auf, pausenlos zu arbeiten, sondern fügte hinzu: »Bittet deshalb den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter auf sein Erntefeld schickt.« (Matthäus 9,38 NGÜ) Gott hat jedem Menschen eine Aufgabe zugewiesen, die seinen Fähigkeiten entspricht. Er möchte nicht, dass einige wenige mit vielen Verpflichtungen überhäuft werden, während andere kein Verantwortungs- und Pflichtgefühl für das Werk Gottes verspüren. Die mitfühlenden Worte von Jesus, die er damals an seine Jünger richtete, gelten heute seinen Mitarbeitern genauso: »Geht … an eine einsame Stätte und ruht ein wenig!« (Markus 6,31a) Das sagt er zu jenen, die müde und matt sind. Es ist nicht vernünftig, immer unter dem Druck von Arbeit und Anspannung zu stehen, selbst dann nicht, wenn wir dem geistlichen Wohl anderer dienen. Die eigene Frömmigkeit kann auf diese Weise vernachlässigt und die Kraft des Geistes, des Gemüts und des Körpers überfordert werden. Die Nachfolger von Jesus brauchen Selbstbeherrschung und müssen Opfer bringen, aber es muss auch darauf geachtet werden, dass Satan nicht durch ihren Übereifer Vorteile aus der menschlichen Schwachheit ziehen und so dem Werk Gottes schaden kann. Nach Ansicht der Rabbiner war der Inbegriff aller Religion eine ständige Betriebsamkeit. Sie verließen sich auf sichtbare Leistungen, um zu zeigen, wie überaus fromm sie waren. Doch damit trennten sie sich von Gott und brüsteten sich in ihrer Selbstgenügsamkeit. Dieselbe Gefahr besteht noch heute. Wenn die Arbeit zunimmt und wir im Werk für Gott erfolgreich sind, laufen wir Gefahr, uns auf menschliche Pläne und Vorgehensweisen zu verlassen. Dann sind wir geneigt, weniger zu beten und weniger auf Gott zu vertrauen. So wie die Jünger stehen auch wir in der Gefahr, unsere Abhängigkeit von Gott aus den Augen zu verlieren und unsere Werke zu unserem Erlöser zu machen. Wir müssen ständig auf Jesus blicken und erkennen, dass es seine Kraft ist, die das Werk Gottes voranbringt. Obwohl wir ernsthaft für die Errettung der Verlorenen arbeiten sollen, müssen wir uns auch Zeit zum Nachdenken, zum Beten und zum Studium des Wortes Gottes nehmen. Nur die Arbeit, die mit viel Gebet ausgeführt wird und durch die Verdienste von Christus geheiligt ist, wird sich am Ende als gut und erfolgreich erweisen.

Kein Leben war jemals mit so viel Arbeit und Verantwortung ausgefüllt wie das Leben von Jesus; und doch, wie oft fand man ihn im Gebet! Wie beständig war doch seine Verbindung mit Gott! Immer wieder findet man in der Geschichte seines irdischen Lebens Aussagen wie diese: »Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.« (Markus 1,35) »Es kam eine große Menge zusammen, zu hören und gesund zu werden von ihren Krankheiten. Er aber zog sich zurück in die Wüste und betete.« (Lukas 5,15a.16) »Es begab sich aber zu der Zeit, dass er auf einen Berg ging, um zu beten; und er blieb die Nacht über im Gebet zu Gott.« (Lukas 6,12) In einem Leben, ganz dem Wohl für andere hingegeben, hielt es der Erlöser für notwendig, die öffentlichen Verkehrswege zu verlassen und sich von der Menge, die ihm täglich folgte, zurückzuziehen. Er musste sich von einem Leben der pausenlosen Arbeit und der ständigen Berührung mit der menschlichen Not abwenden, um Ruhe und ungestörte Gemeinschaft mit seinem Vater zu finden. Als einer von uns, der unsere Bedürfnisse und Schwächen teilte, war er ganz von Gott abhängig. In der Stille bat er um göttliche Kraft, damit er seine Pflichten erfüllen konnte und den Prüfungen gewachsen war. In einer von Sünde geprägten Welt ertrug er seelische Kämpfe und Qualen. In der Gemeinschaft mit Gott konnte er sein Herz ausschütten und sagen, was ihn bedrückte. Hier fand er Trost und Freude. Durch Christus erreichte der Aufschrei der Menschheit den Vater des grenzenlosen Erbarmens. Als Mensch flehte er vor Gottes Thron, bis seine menschliche Natur von himmlischer Kraft erfüllt war, die die Menschheit mit der Gottheit verband. Durch diese ständige Gemeinschaft empfing er Leben von Gott, um es an die Welt weiterzugeben. Diese Erfahrung soll auch unsere sein. Er fordert uns auf: »Geht … an eine einsame Stätte« (Markus 6,31a). Würden wir diesen Worten mehr Beachtung schenken, wären wir stärker und brauchbarer. Die Jünger suchten Jesus auf und erzählten ihm alles. Er ermutigte und unterwies sie. Nähmen wir uns heute die Zeit, zu Jesus zu gehen, um ihm unsere Bedürfnisse vorzubringen, würden wir nicht enttäuscht werden. Er würde uns zur Seite stehen und uns helfen. Wir brauchen mehr Vertrauen und einen einfachen Glauben unserem Erlöser gegenüber. Er, dessen Name »starker Gott, Vater der Ewigkeit, Fürst des Friedens« heißt und von dem geschrieben steht, dass »die Herrschaft auf seiner Schulter ruht«, ist der »wunderbare Ratgeber« (Jesaja 9,5 Elb.). Wir sind aufgefordert, ihn um Weisheit zu bitten, »denn er gibt sie allen gerne, ohne ihnen Vorwürfe zu machen« (Jakobus 1,5b GNB). Alle, die sich in der Schule Gottes befinden, sollen ein Leben führen, das sich von der Welt mit ihren Bräuchen und Gewohnheiten unterscheidet. Jeder muss persönlich erfahren, wie man den Willen Gottes erkennen kann. Jeder einzelne Mensch muss hören, wie Gott zu seinem Herzen spricht. Wenn jede andere Stimme verstummt ist und wir in Ruhe und Stille vor ihm warten, können wir die Stimme Gottes deutlicher vernehmen. Er sagt: »Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!« (Psalm 46,11a) Bei ihm allein können wir wahre Ruhe finden. Dies ist die wirksamste Vorbereitung für alle, die für Gott arbeiten. Wer sich auf diese Weise stärkt, wird auch inmitten von Hast und Belastungen des täglichen Lebens von einer Atmosphäre des Lichts und des Friedens umgeben sein. Dieses Leben ist wohltuend und offenbart eine göttliche Kraft, welche die menschlichen Herzen erreichen wird.

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