Am Jakobsbrunnen

Am Jakobsbrunnen

Johannes 4,3-42

Auf dem Weg nach Galiläa zog Jesus durch Samarien. Es war Mittag, als er das wunderschöne Tal von Sichem erreichte. Dort, wo sich das Tal öffnete, war der Jakobsbrunnen. Erschöpft vom langen Fußmarsch, ließ sich Jesus nieder, um Rast zu machen, während seine Jünger weggingen, um etwas zu essen zu kaufen.

Juden und Samariter waren erbitterte Feinde und versuchten, möglichst wenig miteinander zu tun zu haben. Wenn es allerdings notwendig war, erlaubten die Rabbiner den Handel mit den Samaritern. Alle gesellschaftlichen Beziehungen hingegen waren streng verboten. Ein Jude lieh nichts von einem Samariter aus, noch nahm er eine Gefälligkeit an, nicht einmal ein Stück Brot oder einen Becher Wasser. Als die Jünger Nahrungsmittel kauften, bewegten sie sich innerhalb der vorgeschriebenen Sitten ihres Volkes. Darüber hinaus gingen sie aber nicht. Niemand hätte daran gedacht, einen Samariter um einen Gefallen zu bitten oder ihm etwas Gutes zu tun – auch die Jünger nicht. Von Hunger und Durst geschwächt saß Jesus am Brunnen. Die Reise, die am frühen Morgen begonnen hatte, war lang, und nun brannte die heiße Mittagssonne auf ihn nieder. Der Gedanke an das kühle, erfrischende Wasser, das so nahe war, verschlimmerte seinen Durst. Doch es war für ihn unerreichbar. Der Brunnen war tief, und er hatte weder ein Seil noch einen Wasserkrug zur Verfügung. Er teilte das menschliche Los und wartete, bis jemand herzutrat, um Wasser zu schöpfen. Da kam eine Frau aus Samarien des Weges und füllte ihren Krug. Es schien, als hätte sie die Anwesenheit von Jesus gar nicht bemerkt. Als sie sich umdrehte, um wegzugehen, bat Jesus sie um etwas Wasser. Eine solche Bitte würde ein Orientale niemals abschlagen. Im Morgenland galt das Wasser als Gabe Gottes. Dem durstigen Wanderer etwas zu trinken anzubieten, wurde als eine solch heilige Pflicht angesehen, dass die Araber, die in der Wüste lebten, keine Mühe scheuten, sie zu erfüllen. Die Feindschaft, die zwischen den Juden und den Samaritern bestand, hielt die Frau jedoch davon ab, Jesus diesen Gefallen anzubieten. Aber der Erlöser wollte Zugang zu ihrem Herzen finden. Mit einem Feingefühl, das der göttlichen Liebe entspringt, bat er sie zuerst um einen Gefallen, statt ihr einen solchen anzubieten. Das Angebot einer Liebestat hätte sie ausschlagen können, doch Vertrauen weckt Vertrauen. Der König des Himmels kam zu dieser von den Juden verachteten Frau und erbat ihre Hilfe. Er, der den Ozean schuf, der Gewalt über die tiefsten Fluten hatte, der die Quellen entspringen ließ und den Flüssen ihren Weg bahnte, ruhte sich erschöpft am Jakobsbrunnen aus und war sogar auf die Hilfsbereitschaft einer Fremden angewiesen, um etwas trinken zu können. Die Frau sah, dass Jesus Jude war. In ihrer Überraschung vergaß sie, seinen Wunsch zu erfüllen, und versuchte, den Grund für seine Bitte zu erfahren. »Du bist ein Jude und ich bin eine Samariterin. Wie kannst du mich da um etwas zu trinken bitten?« (Johannes 4,9 GNB) Jesus antwortete: »Wenn du wüsstest, was Gott den Menschen schenken will und wer es ist, der dich jetzt um Wasser bittet, dann hättest du ihn um Wasser gebeten und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.« (Johannes 4,10 GNB) Du wunderst dich, dass ich dich um einen so geringen Gefallen bitte? Um einen Schluck Wasser aus diesem Brunnen? Hättest du mich darum gebeten, ich hätte dir vom Wasser des ewigen Lebens gegeben. Die Frau verstand die Worte von Jesus nicht, spürte aber deren ernste Bedeutung. Ihre leicht scherzende Art begann sich zu ändern. Da sie annahm, dass Jesus von diesem Brunnen sprach, entgegnete sie: »Aber, Herr, du hast weder ein Seil noch einen Eimer … und dieser Brunnen ist sehr tief. Woher willst du denn dieses lebendige Wasser nehmen? Bist du etwa größer als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen hinterließ? Wie kannst du besseres Wasser versprechen, als er und seine Söhne und sein Vieh hatten?« (Johannes 4,11.12 NLB) Vor sich sah sie nur einen durstigen Wanderer, der müde und staubig war. In Gedanken verglich sie ihn mit dem hochverehrten Stammesvater Jakob. Sie war überzeugt, dass kein anderer Brunnen jenem ihrer Väter ebenbürtig sein konnte. Sie schaute zurück in die Zeit ihrer Vorfahren und voraus auf das Kommen des Messias, während die Hoffnung der Väter – der Messias selbst – neben ihr stand. Doch sie erkannte ihn nicht. Wie viele durstige Menschen sind heute in unmittelbarer Nähe des lebendigen Brunnens, suchen aber die Lebensquelle in weiter Ferne! »Ihr braucht nicht zu fragen: ›Wer steigt für uns in den Himmel hinauf?‹ – als müsste man Christus erst von dort herabholen. Auch nicht: ›Wer steigt für uns in die Totenwelt hinab?‹ – als müsste man Christus aus dem Tod zurückholen. Nein, die Stimme sagt: ›Das Wort, das von Gott kommt, ist euch ganz nahe; es ist in eurem Mund und in eurem Herzen.‹ … Wenn ihr also mit dem Mund bekennt: Jesus ist der Herr‹, und im Herzen glaubt, dass Gott ihn vom Tod auferweckt hat, werdet ihr gerettet.« (Römer 10,6-9 GNB) Jesus beantwortete die Frage in Bezug auf seine Person nicht sofort, sondern sagte mit feierlichem Ernst: »Wenn die Menschen dieses Wasser getrunken haben, werden sie schon nach kurzer Zeit wieder durstig. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, der wird niemals mehr Durst haben. Das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm zu einer nie versiegenden Quelle, die unaufhörlich bis ins ewige Leben fließt.« (Johannes 4,13.14 NLB) 

Wer versucht, seinen Durst an den Quellen dieser Welt zu stillen, wird immer wieder durstig werden. Überall sind die Menschen unzufrieden. Sie sehnen sich nach etwas, um das Verlangen ihrer Seele zu stillen. Nur einer kann diesen Wunsch erfüllen: Jesus Christus, der »Ersehnte aller Nationen« (Haggai 2,7 Elb. Anm.). Die göttliche Gnade, die nur er allein gewähren kann, ist wie lebendiges Wasser, das den Menschen innerlich reinigt, erfrischt und belebt. Jesus vermittelte dadurch nicht den Gedanken, dass ein einziger Schluck vom Lebenswasser ausreicht. Wer von der Liebe von Christus kostet, verlangt stets nach mehr, ohne nach etwas anderem zu suchen. Reichtum, Ruhm und Vergnügen dieser Welt ziehen ihn nicht mehr an. Der ständige Ruf seines Herzens lautet: Mehr von dir! Und er, der dem Menschen die Not offenbart, wartet darauf, dessen Hunger und Durst zu stillen, denn menschliche Mittel und Wege vermögen dies nicht. Brunnen können leer geschöpft werden, Teiche können austrocknen, aber unser Erlöser ist eine unversiegbare Quelle. Wir können trinken und immer wieder schöpfen und finden beständig frisches Wasser. Wer in Christus wohnt, hat die Quelle des Segens in sich, eine »nie versiegende Quelle, die unaufhörlich bis ins ewige Leben fließt« (Johannes 4,14). Aus dieser Quelle kann er so viel Kraft und Gnade schöpfen, wie er braucht. Als Jesus vom lebendigen Wasser sprach, sah ihn die Frau aufmerksam und verwundert an. Er hatte in ihr ein Interesse und ein Verlangen nach jener Gabe geweckt, von der er sprach. Sie verstand, dass er nicht das Wasser des Jakobsbrunnens meinte, denn davon trank sie täglich und wurde doch immer wieder durstig. »Bitte, Herr«, sagte sie zu ihm, »gib mir von diesem Wasser! Dann werde ich nie wieder durstig und brauche nicht mehr herzukommen, um Wasser zu schöpfen.« (Johannes 4,15 NLB) Plötzlich wechselte Jesus das Gesprächsthema. Er sehnte sich sehr danach, den Wunsch dieser Frau zu erfüllen. Doch bevor sie diese Gabe empfangen konnte, musste sie ihre Sünde und ihren Erlöser erkennen. Er sagte zu ihr: »Geh hin, ruf deinen Mann und komm wieder her! Die Frau antwortete und sprach zu ihm: Ich habe keinen Mann.« (Johannes 4,16.17) Mit dieser Antwort hoffte sie, weitere Fragen in diese Richtung zu vermeiden. Doch Jesus fuhr fort: »Du hast recht geantwortet: Ich habe keinen Mann. Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann; das hast du recht gesagt.« (Johannes 4,17.18) Die Samariterin erschrak. Eine geheimnisvolle Hand blätterte in ihrer Lebensgeschichte und machte sichtbar, was sie für immer zu verbergen gehofft hatte. Wer war dieser Mann, der die Geheimnisse ihres Lebens so genau kannte? Sie musste an die Ewigkeit und an das zukünftige Gericht denken, wenn alles Verborgene offenbar wird. In diesem Licht erwachte ihr Gewissen. Sie konnte nichts leugnen, versuchte aber, diesem unliebsamen Thema auszuweichen. Geradezu ehrfurchtsvoll sagte sie: »Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist.« (Johannes 4,19) In der Hoffnung, das Bewusstsein ihrer Schuld zu dämpfen, lenkte sie das Gespräch auf religiöse Streitfragen. Wenn er wirklich ein Prophet wäre, könnte er ihr bestimmt alles erklären, worüber man sich schon so lange stritt.

Geduldig überließ ihr Jesus die Führung des Gesprächs und wartete auf eine Gelegenheit, ihr die Wahrheit aufs Neue nahezubringen. »Unsere Väter haben auf diesem Berg angebetet«, sagte die samaritische Frau, »und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll« (Johannes 4,20). Vor ihren Blicken erhob sich der Berg Garizim. Der dortige Tempel lag verwüstet da, nur der Altar war übrig geblieben. Um diesen Ort der Anbetung hatte es zwischen Juden und Samaritern Streit gegeben. Deren Vorfahren gehörten einst zum Volk Israel. Aber wegen ihrer Sünden ließ sie Gott unter die Herrschaft einer abgöttischen Nation kommen. Schon seit vielen Generationen lebten sie unter Götzendienern, durch deren Religion ihre eigene allmählich entstellt wurde. Sie behaupteten zwar, ihre Götzen würden sie nur an den lebendigen Gott, den Herrscher des Universums, erinnern, dennoch wurden sie dazu verführt, Götzenbilder zu verehren (vgl. 2. Könige 17,24-41). Als zur Zeit Esras der Tempel in Jerusalem wieder aufgebaut wurde, wollten die Samariter den Juden beim Aufbau helfen. Dieses Vorrecht wurde ihnen verweigert, wodurch eine erbitterte Feindschaft zwischen den beiden Völkern entstand (vgl. Esra 4,1-3). Aus Abneigung gegenüber den Juden bauten sich die Samariter deshalb ihren eigenen Tempel auf dem Berg Garizim. Hier hielten sie nach den mosaischen Opfervorschriften ihre Gottesdienste ab, obwohl sie den Götzendienst nicht völlig aufgaben. Aber Unheil kam über sie. Ihr Tempel wurde von Feinden zerstört, und es schien, als würden sie unter einem Fluch stehen. Dennoch hielten sie an ihren Gepflogenheiten und Anbetungsriten fest. Den Tempel in Jerusalem erkannten sie nicht als Gottes Haus an. Sie gaben auch nicht zu, dass die jüdische Religion ihrer eigenen überlegen war. Auf die Frage der Samariterin antwortete Jesus: »Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, da werdet ihr den Vater weder auf diesem Berg noch in Jerusalem anbeten. Ihr Samariter betet zu Gott, aber ihr kennt ihn nicht; doch wir kennen ihn, denn die Rettung für alle Menschen kommt von den Juden.« (Johannes 4,21.22 GNB) Jesus hatte damit bewiesen, dass er frei vom jüdischen Vorurteil gegenüber den Samaritern war. Nun wollte er auch das Vorurteil dieser Frau gegen die Juden abbauen. Während er darauf hinwies, dass der Glaube der Samariter durch den Götzendienst verfälscht worden war, machte er deutlich, dass die großen Wahrheiten über die Erlösung den Juden anvertraut worden waren. Aus ihrer Mitte würde der Messias kommen. In den heiligen Schriften hatten die Juden eine klare Darstellung vom Wesen Gottes und von den Grundsätzen seiner Regierung. Jesus reihte sich damit in das Volk der Juden ein und bestätigte, dass Gott ihnen Erkenntnis über sich selbst anvertraut hatte. Er wollte die Gedanken seiner Zuhörerin dahin lenken, dass sie mehr als nur über Formen, Zeremonien und Streitfragen nachdachte. »Aber die Zeit kommt, ja sie ist schon da, in der die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten. Der Vater sucht Menschen, die ihn so anbeten. Denn Gott ist Geist; deshalb müssen die, die ihn anbeten wollen, ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.« (Johannes 4,23.24 NLB) Diese Worte enthalten dieselbe Wahrheit, die Jesus bereits Nikodemus offenbart hatte, als er sagte: »Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.« (Johannes 3,3 Elb.) Menschen finden nicht zur Gemeinschaft mit Gott, indem sie einen heiligen Berg oder einen geweihten Tempel aufsuchen. Religion darf sich nicht auf äußere Formen und Zeremonien beschränken. Die Religion, die von Gott kommt, ist die einzige, die zu Gott führt. Um ihm wirklich dienen zu können, müssen wir aus Gottes Geist neu geboren sein. Dieser wird unsere Herzen reinigen, unsere Gedanken erneuern und uns eine neue Fähigkeit schenken, Gott zu erkennen und zu lieben. Er wird uns die willige Bereitschaft verleihen, allen seinen Forderungen gehorsam zu sein. Das ist wahre Anbetung und die Frucht des Heiligen Geistes. Jedes aufrichtige Gebet wird durch Gottes Geist gewirkt. Ein solches Gebet ist Gott angenehm. Wo immer sich ein Mensch Gott zuwendet, zeigt sich das Wirken des Geistes, und Gott wird sich ihm offenbaren. Nach solchen Betern sucht Gott. Er wartet darauf, sie zu empfangen und zu seinen Söhnen und Töchtern zu machen.

Als die Frau mit Jesus redete, wurde sie von seinen Worten beeindruckt. Nie zuvor hatte sie solche Gedanken gehört, weder bei den Priestern ihres Volkes noch bei den Juden. Nachdem Jesus ihr vergangenes Leben vor ihr ausgebreitet hatte, wurde sie sich ihrer großen Not bewusst. Sie spürte einen großen Durst, den das Wasser des Brunnens von Sychar niemals stillen konnte. Nichts von dem, was ihr bislang begegnet war, weckte ein so tiefes Verlangen nach Höherem in ihr. Jesus hatte sie davon überzeugt, dass er die geheimen Seiten ihres Lebens genau kannte. Trotzdem spürte sie, dass er ihr Freund war, der Mitleid mit ihr hatte und sie liebte. Obwohl die Reinheit seiner Gegenwart ihre Sünden verurteilte, klagte er sie mit keinem Wort an, sondern sprach mit ihr über seine Gnade, die jedes Herz erneuern kann. Immer mehr wurde sie von seinem Wesen überzeugt und fragte sich, ob dieser Mann nicht der lang ersehnte Messias sein könnte. Sie sagte zu ihm: »›Ich weiß, dass der Messias kommen wird – der, den man den Christus nennt. Wenn er kommt, wird er uns alle diese Dinge erklären.‹ Da sagte Jesus zu ihr: ›Ich bin es, der mit dir spricht!‹« (Johannes 4,25.26 NLB) Als die Frau diese Worte hörte, wurde in ihrem Herzen ein neuer Glaube wach und sie nahm die wunderbare Botschaft aus dem Mund des göttlichen Lehrers an. Diese Frau hatte ein offenes Herz und war bereit, die kostbarste Offenbarung zu empfangen. Weil sie Interesse an den heiligen Schriften hatte und der Heilige Geist sie darauf vorbereitete, erhielt sie mehr Licht. Sie hatte die Verheißung aus dem Alten Testament studiert: »Einen Propheten wie mich wird dir der Herr, dein Gott, erwecken aus dir und aus deinen Brüdern; dem sollt ihr gehorchen.« (5. Mose 18,15) Sie sehnte sich danach, diese Weissagung zu verstehen. Und nun wurde ihr Verstand erleuchtet. Das geistliche Leben, verglichen mit dem Wasser des Lebens, das Christus jedem gibt, dessen Seele danach dürstet, bahnte sich einen Weg in ihr Herz. Gottes Geist wirkte an ihr. Diese einfach verständliche Erklärung, die Jesus dieser Frau gab, konnte er vor den selbstgerechten Juden nicht äußern. Christus war viel zurückhaltender, wenn er mit ihnen sprach. Was den Juden vorenthalten wurde und die Jünger später auf ausdrücklichen Befehl von Jesus geheim halten mussten, offenbarte er dieser Samariterin. Jesus wusste, dass sie die neugewonnene Erkenntnis an andere weitergeben würde, damit auch sie an seiner Gnade teilhaben könnten. Als die Jünger von ihren Besorgungen zurückkamen, waren sie überrascht, ihren Meister im Gespräch mit dieser Frau vorzufinden. Er hatte nichts vom erfrischenden Wasser, nach dem ihn so dürstete, getrunken.

Auch durch das Essen, das ihm seine Jünger brachten, ließ er sich nicht unterbrechen. Als die Frau gegangen war, drängten ihn die Jünger, etwas zu sich zu nehmen. Sie stellten fest, dass er still und tief in Gedanken versunken dasaß. Auf seinem Gesicht lag ein Glanz, und sie fürchteten, sie könnten seine Gemeinschaft mit dem Himmel stören. Sie wussten aber, dass er hungrig und müde war. Sie fühlten sich verpflichtet, ihn an seine leiblichen Bedürfnisse zu erinnern. Jesus erkannte ihre liebevolle Fürsorge und sagte: »Ich habe eine Speise zu essen, von der ihr nicht wisst.« (Johannes 4,32) Verwundert fragten sich die Jünger, wer ihm das Essen gebracht haben könnte. Doch der Herr erklärte ihnen: »Meine Speise ist die, dass ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk.« (Johannes 4,34) Jesus freute sich, dass seine Worte das Gewissen der Samariterin berührt hatten. Er sah, wie sie vom Wasser des Lebens trank. Dadurch wurden sein eigener Hunger und sein eigener Durst gestillt. Die Erfüllung seiner Aufgabe, für die er den Himmel verlassen hatte, verlieh ihm Kraft für sein Wirken und ließ die Bedürfnisse der menschlichen Natur in den Hintergrund treten. Sich um einen Menschen zu kümmern, der großen Hunger und Durst nach Wahrheit hatte, war für Jesus wohltuender als selbst zu essen und zu trinken. Das war ihm Trost und Stärkung. Sein Leben war lauter Güte. Unser Erlöser dürstet danach, erkannt zu werden. Er hungert nach der Zustimmung und Liebe derer, die er mit seinem eigenen Blut erkauft hat. Mit unaussprechlichem Verlangen sehnt er sich danach, dass sie zu ihm kommen und das Leben empfangen. Wie die Mutter auf das anerkennende Lächeln ihres kleinen Kindes wartet, das vom Erwachen der Intelligenz zeugt, so wartet Christus auf den Ausdruck dankbarer Liebe, der zeigt, dass geistliches Leben in der Seele begonnen hat. Die Worte von Jesus hatten die Samariterin mit Freude erfüllt. Die wunderbare Offenbarung war geradezu überwältigend. Sie ließ ihren Krug stehen und eilte in die Stadt, um anderen diese Botschaft zu überbringen. Jesus wusste, warum sie gegangen war. Die Tatsache, dass sie ihren Wasserkrug zurückließ, zeigte unmissverständlich, welche Wirkung seine Worte auf sie gehabt hatten. Sie hegte den aufrichtigen Wunsch, lebendiges Wasser zu bekommen. Die Frau vergaß den Grund ihres Kommens, vergaß auch den Durst von Jesus, den sie zu stillen beabsichtigt hatte. Sie eilte mit freudigem Herzen in die Stadt zurück, um anderen Menschen die kostbare Erkenntnis mitzuteilen, die sie empfangen hatte. »Kommt her, seht, da ist ein Mann, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe: Ist er vielleicht der Messias?« (Johannes 4,29 EÜ) So rief sie den Leuten in der Stadt zu. Diese Worte berührten ihre Herzen. Auf dem Gesicht der Frau lag ein neuer Ausdruck, und ihre ganze Erscheinung hatte sich verändert. Die Leute wollten Jesus auch sehen. Sie gingen »aus der Stadt heraus und kamen zu ihm« (Johannes 4,30).

Jesus saß noch immer am Brunnenrand und ließ seinen Blick über die vor ihm liegenden Getreidefelder schweifen, auf deren zartes Grün das goldene Licht der Sonne fiel. Er lenkte die Aufmerksamkeit seiner Jünger auf diese Felder und verwendete sie als ein Sinnbild: »Sagt ihr nicht selber: Es sind noch vier Monate, dann kommt die Ernte? Siehe, ich sage euch: Hebt eure Augen auf und seht auf die Felder, denn sie sind reif zur Ernte.« (Johannes 4,35) Während er so sprach, blickte er auf die Menschen, die sich dem Brunnen näherten. Es waren noch vier Monate bis zur Getreideernte, doch hier sah er eine Ernte, die schon für den Schnitter bereit war. »Wer erntet«, sagte er, »empfängt schon seinen Lohn und sammelt Frucht zum ewigen Leben, damit sich miteinander freuen, der da sät und der da erntet. Denn hier ist der Spruch wahr: Der eine sät, der andere erntet.« (Johannes 4,36.37) Damit wies Christus auf den heiligen Dienst hin, den alle, die das Evangelium angenommen haben, Gott schulden. Sie sollen seine lebendigen Werkzeuge sein. Gott erwartet ihren persönlichen Dienst. Ob wir nun säen oder ernten, wir arbeiten für den Herrn. Einer streut den Samen aus, der andere bringt die Ernte ein: Beide empfangen ihren Lohn. Sie freuen sich gemeinsam über den Erfolg ihrer Arbeit. Jesus sagte zu den Jüngern: »Ich habe euch gesandt zu ernten, wo ihr nicht gearbeitet habt; andere haben gearbeitet, und euch ist ihre Arbeit zugutegekommen.« (Johannes 4,38) Der Erlöser hatte hier die spätere große Ernte am Pfingstfest vor Augen. Die Jünger sollten diese nicht als Ergebnis ihrer eigenen Bemühungen betrachten. Sie sollten nur das weiterführen, was andere begonnen hatten. Seitdem Adam gesündigt hatte, gab Christus die Saat seines Wortes an seine auserwählten Diener weiter, damit diese sie in die Herzen der Menschen streuen konnten. Eine unsichtbare, aber allmächtige Kraft hatte in aller Stille erfolgreich gewirkt, um die Ernte hervorzubringen. Gott schickte den Tau, den Regen und den Sonnenschein seiner Gnade und hegte und pflegte den ausgestreuten Samen der Wahrheit. Christus war nun da, um den Samen mit seinem eigenen Blut zu begießen. Seine Jünger hatten das große Vorrecht, mit Gott zusammenzuarbeiten. Sie waren Mitarbeiter von Christus und standen in derselben Nachfolge wie gläubige Menschen in früheren Zeiten. Durch die Ausgießung des Heiligen Geistes zu Pfingsten bekehrten sich dann Tausende an einem Tag. Das war das Ergebnis der Aussaat von Christus, die Ernte seines Dienstes. Durch die Worte, die Jesus beim Brunnen zur Samariterin gesagt hatte, war guter Same ausgesät worden. Wie schnell konnte die Ernte eingebracht werden! Die Samariter kamen, hörten Jesus und glaubten an ihn. Sie scharten sich am Brunnen um ihn, überhäuften ihn mit Fragen und nahmen seine Erklärungen begierig auf. Vieles, was ihnen bislang unverständlich war, wurde ihnen klar. Während sie ihm zuhörten, begann ihre Ratlosigkeit zu schwinden. Sie waren wie Menschen, die in großer Dunkelheit einem plötzlich aufleuchtenden Lichtstrahl folgten, bis sie ans Tageslicht kamen. Aber sie waren mit dieser kurzen Begegnung nicht zufrieden. Sie wurden nicht müde, Jesus zuzuhören, und wollten, dass auch ihre Freunde diesen großartigen Lehrer hören konnten. So luden sie ihn ein, mit ihnen zu kommen und in ihrer Stadt zu bleiben. Zwei Tage hielt er sich in Samarien auf, und viele Samariter wurden gläubig. Die Pharisäer verachteten die Einfachheit von Jesus. Sie leugneten seine Wunder, forderten aber ein Zeichen, dass er der Sohn Gottes sei. Die Samariter dagegen forderten kein Zeichen. Jesus wirkte auch keine Wunder unter ihnen, außer dem einen, als er der Samariterin am Brunnen die Geheimnisse ihres Lebens offenbarte. Und doch nahmen ihn viele als ihren Erlöser an. Freudig sagten sie zur Frau: »Nicht mehr aufgrund deiner Aussage glauben wir, sondern weil wir ihn selbst gehört haben und nun wissen: Er ist wirklich der Retter der Welt.« (Johannes 4,42 EÜ) Die Samariter glaubten, dass der Messias als Erlöser nicht nur für die Juden, sondern für die ganze Welt kommen würde. Durch Mose hatte der Heilige Geist ihn als einen von Gott gesandten Propheten angekündigt (vgl. 5. Mose 18,15). Durch Jakob wurde vorausgesagt, dass ihm alle Völker anhangen würden (vgl. 1. Mose 49,10), und durch Abraham ließ er die Menschen wissen, dass in dem Einen alle Völker der Erde gesegnet werden sollten (vgl. 1. Mose 12,3). Auf diese Schriftstellen gründeten die Samariter ihren Glauben an den Messias. Die Tatsache, dass die Juden die späteren Propheten falsch ausgelegt hatten, indem sie dem ersten Kommen von Jesus den Glanz seines zweiten Kommens zuschrieben, veranlasste die Samariter, alle heiligen Schriften mit Ausnahme der Bücher Mose zu verwerfen. Doch als der Erlöser diese falschen Darstellungen widerlegte, glaubten viele den späteren Weissagungen und besonders den Worten von Christus, die sich auf das Reich Gottes bezogen.

Jesus hatte damit begonnen, die trennende Mauer zwischen Juden und Heiden niederzureißen und der ganzen Welt die Heilsbotschaft zu verkünden. Obwohl er Jude war, pflegte er einen freien Umgang mit den Samaritern und missachtete damit die pharisäischen Bräuche seines Volkes. Trotz der Vorurteile der Pharisäer nahm er die Gastfreundschaft dieser verachteten Menschen an. Er schlief unter ihrem Dach, saß mit ihnen am Tisch und aß von ihren Speisen, die ihre Hände zubereitet und aufgetragen hatten. Er lehrte in ihren Straßen und behandelte sie äußerst freundlich und höflich. Im Tempel in Jerusalem trennte eine niedrige Mauer den äußeren Vorhof von allen anderen Bereichen des heiligen Gebäudes. An dieser Mauer stand in verschiedenen Sprachen zu lesen, dass es nur den Juden erlaubt war, diese Abgrenzung zu überschreiten. Würde es ein Nichtjude gewagt haben, den inneren Bezirk zu betreten, hätte er den Tempel entweiht und diesen Verstoß mit seinem Leben bezahlt. Doch Jesus, der Gründer des Tempels und Urheber aller dort stattfindenden Zeremonien, zog die Heiden durch das Band menschlicher Zuneigung zu sich. Seine göttliche Gnade brachte ihnen das Heil, das die Juden ablehnten. Der Aufenthalt von Jesus in Samarien sollte für seine Jünger ein Segen sein. Sie standen noch immer unter dem Einfluss der jüdischen Eiferer und meinten, die Treue zu ihrer eigenen Nation bedeute Feindschaft gegen die Samariter. Darum wunderten sie sich über das Verhalten von Jesus, folgten aber seinem Beispiel. Während des zweitägigen Aufenthalts in Samarien hielt die Treue zu ihrem Meister die Vorurteile gegen die Samariter unter Kontrolle, doch im Herzen blieben sie unversöhnlich. Nur langsam begriffen sie, dass ihre Verachtung und ihr Hass der Barmherzigkeit und dem Mitgefühl weichen mussten. Aber nach der Himmelfahrt von Jesus bekamen seine Lehren für sie eine völlig neue Bedeutung. Nach der Ausgießung des Heiligen Geistes erinnerten sie sich daran, wie Jesus diese verachteten Menschen betrachtet und mit ihnen gesprochen hatte. Sie dachten auch an die Wertschätzung und Freundlichkeit, die er ihnen entgegengebracht hatte. Als Petrus später nach Samarien ging, um dort zu predigen, war sein Wirken von demselben Geist erfüllt. Als Johannes nach Ephesus und Smyrna gerufen wurde, erinnerte er sich an die Begebenheiten in Sichem. Sein Herz wurde mit großer Dankbarkeit seinem göttlichen Lehrer gegenüber erfüllt. In Voraussicht der unumgänglichen Schwierigkeiten, die ihnen begegnen würden, hatte er ihnen durch sein eigenes Beispiel geholfen. Der Erlöser wirkt heute noch wie damals, als er der Samariterin das Wasser des Lebens anbot. Jene, die sich als Nachfolger von Jesus ausgeben, mögen die Verstoßenen verachten und meiden. Doch weder Herkunft noch Staatszugehörigkeit, noch irgendwelche Umstände können seine Liebe von den Menschen abwenden. Zu allen, wie sündig sie auch sein mögen, sagt er: »Hättest du mich gebeten, ich hätte dir lebendiges Wasser gegeben.« Die Einladung des Evangeliums darf nicht beschränkt, nur wenigen Ausgewählten überbracht werden, von denen wir annehmen, ihre Bekehrung würde uns zur Ehre gereichen. Die Botschaft soll allen Menschen angeboten werden. Wo immer Menschen offen sind, die Wahrheit anzunehmen, ist Christus bereit, sie zu unterweisen. Er offenbart ihnen den Vater, der die Herzen kennt, und zeigt, welche Anbetung ihm gebührt. Zu ihnen spricht er nicht in Gleichnissen. Wie damals bei der Frau am Brunnen sagt er zu ihnen: »Ich bin es, der mit dir spricht!« (Johannes 4,26 NLB)

Als sich Jesus am Jakobsbrunnen niederließ, um sich auszuruhen, kam er aus Judäa, wo sein Dienst nur wenig ausgerichtet hatte. Er war von den Priestern und Rabbinern abgelehnt worden, und selbst die Männer, die angeblich seine Jünger waren, hatten sein göttliches Wesen nicht erkannt. Obwohl er müde und matt war, versäumte es Jesus nicht, mit einer Frau zu reden, die dabei noch eine Fremde, eine Nichtisraelitin, war und in offener Sünde lebte. Der Erlöser wartete nicht, bis sich viele versammelt hatten. Oft begann er mit seinen Unterweisungen, auch wenn nur wenige um ihn herumstanden. Aber die Vorübergehenden blieben einer nach dem anderen stehen und hörten zu. Schließlich lauschte eine große Menge verwundert und ehrfürchtig den Worten des vom Himmel gesandten Lehrers. Wer im Dienst von Christus steht, soll zu wenigen Menschen mit derselben Ernsthaftigkeit reden wie zu einer großen Versammlung. Es könnte sein, dass nur ein einziger Mensch die Botschaft hört, doch wer kann sagen, wie weitreichend sein Einfluss sein wird? Sogar den Jüngern, schien es eine unbedeutende Angelegenheit zu sein, als Jesus seine Zeit mit einer Frau aus Samarien verbrachte. Jesus aber redete ernster und gewandter mit ihr, als er es mit Königen, Ratsmitgliedern oder Hohenpriestern getan hätte. Was er jener Frau vermittelte, wurde bis an die entlegensten Orte der Erde getragen. Sobald die Samariterin den Erlöser gefunden hatte, brachte sie andere zu ihm. Sie bewies, dass sie als Glaubensbotin erfolgreicher war als die Jünger von Jesus. Diese konnten in Samarien nichts entdecken, was auf ein vielversprechendes Arbeitsfeld hingewiesen hätte. Ihre Gedanken richteten sich auf eine große Aufgabe, die in der Zukunft getan werden musste. Sie sahen nicht, dass das Feld, das vor ihnen lag, für die Ernte bereit war. Aber durch diese Frau, die sie verachteten, kamen die Einwohner einer ganzen Stadt, um den Erlöser zu hören. Sie hatte die gute Nachricht des Evangeliums unverzüglich ihren Landsleuten überbracht. Diese Frau ist ein Beispiel für die Auswirkung eines praktischen Glaubens. Jeder wahre Nachfolger wird als ein Missionar in das Reich Gottes hineingeboren. Wer von dem lebendigen Wasser trinkt, wird selbst zu einer Quelle des Lebens. So wird der Empfänger zum Geber. Die Gnade von Christus im Herzen des Menschen gleicht einer Quelle in der Wüste, die alle erfrischt und im Sterbenden das Verlangen weckt, vom Wasser des Lebens zu trinken.

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