Die Juden vor Jesu Geburt

Die Juden vor Jesu Geburt

Johannes 1,10-12

Mehr als tausend Jahre lang hatte das jüdische Volk auf die Ankunft des Erlösers gewartet. Auf dieses Ereignis hatten sich ihre größten Hoffnungen gerichtet. In Liedern und Prophezeiungen, in Tempelriten und im täglichen Gebet war sein Name verehrt worden. Doch als er zu ihnen kam, erkannten sie ihn nicht. Der Geliebte des Himmels war für sie nur »wie ein kümmerlicher Spross aus dürrem Boden«, sie »fanden nichts Anziehendes an ihm« (Jesaja 53,2 GNB). »Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.« (Johannes 1,11) 

Doch Gott hatte Israel erwählt. Er hatte sein Volk berufen, die Kenntnis seines Gesetzes, der Sinnbilder und Weissagungen, die auf den Erlöser hinwiesen, unter den Menschen zu bewahren. Gott wünschte sich, dass die Israeliten zu Quellen des Heils für die Welt würden. Was Abraham im Land seiner Wanderung war, Josef in Ägypten und Daniel am Hof in Babylon, das sollte das Volk der Hebräer unter den Nationen sein. Sie sollten den Menschen Gott offenbaren. Als Gott, der Herr, Abraham berief, sagte er: »Ich will dich segnen … Ich will dich zum Segen für andere machen … Alle Völker der Erde werden durch dich gesegnet werden.« (1. Mose 12,2.3b NLB) Die gleiche Botschaft wurde von den Propheten wiederholt. Selbst als Israel durch Krieg und Gefangenschaft verwüstet war, galt ihnen diese Verheißung: »Dann ist der Rest Jakobs inmitten vieler Völker wie der Tau, der vom Herrn kommt, wie der Regen, der auf die Pflanzen fällt, der auf niemand angewiesen ist und auf keinen Menschen zu warten braucht.« (Micha 5,6 EÜ) Über den Tempel in Jerusalem kündigte der Herr durch Jesaja an: »Mein Haus wird ein Bethaus heißen für alle Völker.« (Jesaja 56,7c) Doch die Israeliten richteten ihre Hoffnungen auf weltliche Größe. Seitdem sie das Land Kanaan betreten hatten, wichen sie von den Geboten Gottes ab und folgten den Gepflogenheiten der Heiden. Vergeblich warnte sie Gott durch seine Propheten; vergebens litten sie unter der Bestrafung durch heidnische Unterdrückung. Jeder Reform folgte ein umso tieferer Abfall. Wenn Israel Gott treu geblieben wäre, hätte Gott sein Ziel durch die Ehre und Erhöhung des Volkes erreichen können. Wären sie gehorsam geblieben, hätte er sie »zum höchsten über alle Völker« gemacht, »die er geschaffen hat«, und sie wären »gerühmt, gepriesen und geehrt« worden (5. Mose 26,19). Mose sagte: »Dann werden alle Völker der Welt sehen, dass ihr das Volk des Herrn seid, und werden sich vor euch fürchten.« (5. Mose 28,10 NLB) »Denn wenn die anderen Völker hören, nach was für Geboten ihr lebt, werden sie voll Achtung auf euch blicken und sagen: ›Wie klug und einsichtig ist doch dieses große Volk!‹« (5. Mose 4,6 GNB) Weil sie aber treulos waren, konnte Gottes Absicht nur durch anhaltende Not und durch Demütigung erreicht werden.

Das Volk Israel wurde von Babylon unterworfen und in heidnische Länder zerstreut. Im Elend erneuerten viele ihre Treue dem Bund Gottes gegenüber. Als sie ihre Harfen an die Weiden hängten und um den heiligen Tempel, der verwüstet war, trauerten (vgl. Psalm 137,1-3), ging von ihnen das Licht der Wahrheit aus, und sie verbreiteten die Erkenntnis Gottes unter den Völkern. Die heidnischen Opferbräuche waren eine Verzerrung des Opferdienstes, den Gott eingesetzt hatte. Manche Heiden aber, die ernsthafte Anbeter waren, erfuhren durch die Israeliten, was der von Gott vorgeschriebene Dienst bedeutete, und nahmen im Glauben die Verheißung eines Erlösers an. Viele der Verbannten erduldeten Verfolgung; nicht wenige büßten ihr Leben ein, weil sie sich weigerten, den Sabbat zu missachten und an heidnischen Festen teilzunehmen. Als die Götzendiener angestachelt wurden, die Wahrheit auszulöschen, stellte der Herr seine Diener vor Könige und Herrscher, damit diese und ihre Völker zur wahren Erkenntnis gelangen konnten. Immer wieder wurden die mächtigsten Monarchen dazu gebracht, die Überlegenheit jenes Gottes zu verkünden, den ihre hebräischen Gefangenen anbeteten.

Durch die babylonische Gefangenschaft wurden die Israeliten wirksam von der Verehrung von Götzenbildern geheilt. In den darauf folgenden Jahrhunderten litten sie unter den Angriffen heidnischer Völker, bis sie zur Überzeugung kamen, dass sie nur dann zu Wohlstand gelangen könnten, wenn sie das Gesetz Gottes treu befolgen. Bei allzu vielen Juden beruhte dieser Gehorsam jedoch nicht auf Liebe, sondern auf eigennützigen Beweggründen. Sie dienten Gott nur äußerlich, um dadurch nationale Größe zu erlangen. Sie wurden nicht zu Lichtträgern für die Welt, sondern schotteten sich aus Angst vor der Versuchung, wieder dem Götzendienst zu verfallen, ab. Durch Mose hatte ihnen Gott einst Auflagen für den Umgang mit Götzenanbetern erteilt, doch diese Lehre wurde falsch ausgelegt. Gott wollte sie zwar davon abhalten, die Praktiken der Heiden anzunehmen, doch nun errichteten sie eine Mauer zwischen sich und allen anderen Völkern. Die Juden betrachteten Jerusalem als ihren Himmel und waren besorgt, dass Gott auch den Heiden seine Gnade erweisen könnte. Nach ihrer Rückkehr aus Babylon schenkten die Juden der religiösen Unterweisung große Aufmerksamkeit. Überall im Land errichteten sie Synagogen, in denen Priester und Schriftgelehrte das Gesetz auslegten. Sie gründeten auch Schulen, auf denen neben den Künsten und Wissenschaften auch die Grundsätze wahrer Frömmigkeit gelehrt wurden. Diese Einrichtungen gerieten jedoch auf Abwege. Während der Gefangenschaft hatten viele Israeliten heidnische Vorstellungen und Bräuche übernommen, die sie nun in den Gottesdienst einbrachten. In vielen Dingen passten sie sich den Gewohnheiten der Götzendiener an.

Als sich die Juden von Gott abwandten, verloren sie weitgehend das Verständnis für die Bedeutung des Opferdienstes, der von Christus selbst eingeführt worden war. Dieser Dienst war in allen Teilen ein Symbol für den Messias, erfüllt von Lebenskraft und geistlicher Schönheit. Das geistliche Leben verschwand aus ihren Zeremonien, und die Juden klammerten sich stattdessen an tote Formen. Sie setzten ihr Vertrauen auf die Ausführung der Opfer und Bräuche, statt auf denjenigen, auf den diese hinwiesen. Um zu ersetzen, was sie verloren hatten, fügten die Priester und Rabbiner eigene Anforderungen hinzu. Je strenger diese wurden, desto weniger war die Liebe Gottes erkennbar. Der Gradmesser ihrer Frömmigkeit war die Vielzahl ihrer kultischen Handlungen, während ihre Herzen voller Stolz und Heuchelei waren. Bei all diesen überaus genauen und beschwerlichen Vorschriften war es unmöglich, das Gesetz zu halten. Wer Gott dienen und dabei den Regeln der Rabbiner gehorchen wollte, mühte sich unter einer schweren Last ab. Er konnte vor den Anklagen seines beunruhigten Gewissens nicht zur Ruhe kommen. Auf diese Weise versuchte Satan, das Volk zu entmutigen, die Vorstellung vom Charakter Gottes herabzuwürdigen und den Glauben Israels in Verruf zu bringen. Er hoffte, beweisen zu können, was er bei seinem Aufruhr im Himmel behauptet hatte: dass Gottes Gebote ungerecht seien und man ihnen nicht gehorchen könne. Selbst Israel, erklärte er, halte das Gesetz nicht.

Die Juden sehnten zwar die Ankunft des Messias herbei, hatten aber keine richtige Vorstellung von seiner Mission. Sie sehnten sich nicht nach Erlösung von ihren Sünden, sondern nach Befreiung von den Römern. Sie erwarteten als Messias einen Eroberer, der das Joch der Unterdrückung zerbrechen und Israel zur Weltherrschaft verhelfen werde. Dadurch wurde der Weg geebnet, den Erlöser abzulehnen. Als Jesus geboren wurde, litt das Volk unter der Macht seiner fremden Herren, und es war von inneren Streitigkeiten geplagt. Den Juden war es erlaubt, der Form nach ihre eigene Regierung beizubehalten. Trotzdem war niemandem verborgen, dass sie sich unter römischem Joch befanden. Mit dieser Einschränkung ihrer Macht konnten sie sich nicht abfinden. Die Römer nahmen das Recht für sich in Anspruch, den Hohenpriester zu ernennen und abzusetzen. Dieses Amt wurde oft durch Betrug, Bestechung oder gar Mord erlangt. Die Priester wurden immer korrupter. Diese übten jedoch immer noch eine große Macht aus, die sie für selbst und gewinnsüchtige Ziele einsetzten. Das Volk war ihren erbarmungslosen Forderungen ausgeliefert und musste auch noch hohe Steuern an die Römer entrichten. Dieser Zustand löste überall Unzufriedenheit aus. Häufig kam es zu Volksaufständen. Gier und Gewalt, Misstrauen und geistliche Gleichgültigkeit zehrten am Herzen der Nation. Der Hass auf die Römer und der nationale und geistliche Stolz ließen die Juden streng an ihren religiösen Formen festhalten. Die Priester versuchten den Schein der Heiligkeit durch eine übergenaue Einhaltung religiöser Zeremonien aufrechtzuerhalten. Das einfache Volk in seiner Finsternis und Unterdrückung und ihre machthungrigen Regenten sehnten den Einen herbei, der ihre Feinde überwinden und das Königreich Israel wiederherstellen würde. Die Vorhersagen über den Messias hatten sie zwar studiert, aber ohne geistliche Einsicht. Sie übersahen daher jene Stellen der heiligen Schriften, die auf die niedrige Herkunft bei seinem ersten Kommen hinwiesen, und sie wendeten jene Texte falsch an, die von der Herrlichkeit seines zweiten Kommens sprachen. Stolz verdunkelte ihre Sichtweise, und die Weissagungen legten sie nach ihren eigenen selbstsüchtigen Wünschen aus.

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