Der verlorene Sohn

Der verlorene Sohn

Lukas 15,11-32

Die Gleichnisse vom verlorenen Schaf, vom verlorenen Groschen und vom verlorenen Sohn machen deutlich, mit welch erbarmender Liebe Gott den Menschen begegnet, die sich fern von ihm verirrt haben. Er überlässt sie nicht ihrem Elend, obwohl sie sich von ihm abgewandt haben. Es tut ihm herzlich leid um alle, die den teuflischen Verlockungen und Versuchungen ausgesetzt sind. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn vermittelt uns eine Vorstellung davon, wie Gott sich Menschen gegenüber verhält, die früher einmal die Liebe des Vaters kannten, sich dann aber vom Versucher auf Abwege bringen ließen.

„Ein Mensch hatte zwei Söhne. Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie. Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land.“ Lukas 15,11-13. Dieser jüngere Sohn hat die strengen Sitten zu Hause satt. Er fühlt sich in seiner Freiheit eingeschränkt und fasst die liebevolle Fürsorge seines Vaters völlig falsch auf. In Zukunft will er nur noch das tun, wozu er gerade Lust hat. Der junge Mann fühlt sich seinem Vater gegenüber in keiner Weise verpflichtet und kennt auch keine Dankbarkeit; dennoch pocht er auf sein Recht, einen angemessenen Teil des väterlichen Erbes zu erhalten. Er verlangt schon jetzt, was ihm eigentlich erst nach dem Tod des Vaters zusteht, wobei er keinen Gedanken an die Zukunft verschwendet, sondern nur daran denkt, wie er die Gegenwart genießen kann. Als er sein Erbe erhalten hat, zieht er „in ein fernes Land“, fort von seinem Elternhaus. Jetzt, da er Geld im Überfluss hat und tun und lassen kann, was er will, bildet er sich doch wirklich ein, dass damit sein größter Wunsch in Erfüllung gegangen ist. Niemand kann ihm mehr vorschreiben: Lass dies, sonst schadest du dir selbst! oder: Tu das, weil es so richtig ist! Falsche Freunde helfen ihm, sich immer tiefer in Sünde zu verstricken, und so bringt er „sein Erbteil durch mit Prassen“. Lukas 15,13. Über manche Menschen urteilt die Bibel: „Da sie sich für Weise hielten, sind sie zu Narren geworden.“ Römer 1,22. Genau das trifft auf den jungen Mann zu: Das Vermögen, das er so egoistisch von seinem Vater forderte, verschleudert er an Huren. Die besten Jahre seines jungen Lebens vergeudet er sinnlos, opfert sie wie auch seine Geisteskräfte, seine hohen Ideale, seine geistlichen Ziele der Genusssucht.

Da bricht eine große Hungersnot aus, und als auch er nichts mehr zu essen hat, lässt er sich von einem Bürger des Landes als Schweinehirte anstellen. Lukas 15,14.15. Das war für einen Juden die erniedrigendste Arbeit überhaupt. Der junge Mann, der auf seine Freiheit so stolz gewesen war, ist zum Sklaven geworden, ist in die denkbar schlimmste Knechtschaft geraten, „mit den Stricken seiner Sünde gebunden“. Sprüche 5,22. Vorbei sind Glanz und Vergnügen, die für ihn einmal so verlockend waren; jetzt spürt er nur noch die Last seiner Sünde. Er sitzt auf dem kahlen Boden in dem öden, vom Hunger geplagten Land, und seine einzige Gesellschaft sind die Schweine. Was würde er nicht darum geben, wenn er sich an ihrem Trog endlich wieder einmal satt essen könnte! Von den lebenslustigen „Freunden“, die sich in seiner Glanzzeit an ihn hielten und auf seine Kosten aßen und tranken, ist keiner bei ihm geblieben. Was ist von seiner früheren Ausgelassenheit noch übrig? Damals, als er sein Gewissen und seine bessere Einsicht betäubte, hielt er sich für glücklich; aber jetzt — ohne Geld, mit leerem Magen, tief gedemütigt, moralisch heruntergekommen, willensschwach und anscheinend schon recht abgestumpft — ist er der bedauernswerteste aller Menschen. Was für ein treffendes Bild vom Zustand des Sünders! Obwohl Gott ihn mit den Segnungen seiner Liebe umgibt, hat der sündige Mensch vor lauter Egoismus und Vergnügungssucht keinen größeren Wunsch, als sich von seinem himmlischen Vater loszusagen. Er verlangt — wie der verlorene Sohn — Gottes gute Gaben als sein Eigentum und nimmt sie mit einer Selbstverständlichkeit hin, die Dank oder Gegenleistung aus Liebe ausschließt. Wie Kain „hinweg von dem Angesicht des Herrn“ ging, um sich einen Wohnplatz zu suchen (1.Mose 4,16), und wie der verlorene Sohn „in ein fernes Land“ zog, so suchen auch die anderen Sünder ihr Glück darin, Gott zu vergessen: Ihnen liegt „nichts daran … die Erkenntnis Gottes festzuhalten“. Römer 1,28 (Albrecht). Doch so sehr auch der äußere Schein trügen mag, ein Leben, das nur um das eigene Ich kreist, ist letztlich weggeworfen. Wer ohne Gott leben will, vergeudet das, was ihm anvertraut worden ist: seine besten Jahre, seine intellektuellen Fähigkeiten und seine Seelenkraft. Mit Riesenschritten läuft er ins ewige Verderben. Der Gottlose, der eigentlich sein eigener Herr sein wollte, wird zum Sklaven des Reichtums. Das vernunftbegabte Wesen, das Gott einmal erschuf, damit es Umgang mit den Engeln haben sollte, stellt sich freiwillig auf die Stufe des bloß Materiellanimalischen, um ihm zu dienen. So geht es jedem, der nur seinen eigenen Bedürfnissen leben will. Wer sich für ein solches Leben entschieden hat, ist sich im Grunde klar darüber, dass er sein Geld für Dinge ausgibt, die ihn nicht glücklich machen, und dass er sich abmüht, ohne mit dem Ergebnis zufrieden zu sein. Es gibt Stunden, in denen er seine verzweifelte Situation erkennt und im „fernen Land“ einsieht, wie tief er gesunken ist. Dann ruft er vielleicht auch aus: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?“ Römer 7,24. Der Prophet spricht eine allgemein gültige Wahrheit aus, wenn er sagt: „Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt und hält Fleisch für seinen Arm und weicht mit seinem Herzen vom Herrn. Der wird sein wie ein Dornstrauch in der Wüste und wird nicht sehen das Gute, das kommt, sondern er wird bleiben in der Dürre der Wüste, im unfruchtbaren Lande, wo niemand wohnt.“ Jeremia 17,5.6. Gott „lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Matthäus 5,45. Der Mensch selbst hat aber die Freiheit, auf Sonnenschein und Regen zu verzichten, indem er sich davor schützt. So können wir auch, wenn die Sonne der Gerechtigkeit scheint und der Regen der Gnade für alle umsonst fällt, von Gott getrennt „in der Dürre der Wüste“ wohnen.

Gott geht in seiner Liebe auch dem noch nach, der sich frei dafür entschieden hat, sich von ihm zu lösen, und lässt nichts unversucht, ihn ins Vaterhaus zurückzuführen. Vom verlorenen Sohn heißt es: „Da ging er in sich.“ Von Satan ließ er sich jetzt nichts mehr vormachen. Er erkannte klar, dass er sein Unglück durch törichtes Verhalten selbst verschuldet hatte, und sagte sich: „Wie viel Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen.“ Lukas 15,17.18. So elend der verlorene Sohn sich auch fühlt — die Überzeugung, dass sein Vater ihn liebt, macht ihn hoffnungsfroh. Diese Liebe des Vaters zieht ihn nach Hause zurück. Gottes Liebe wirkt auf die gleiche Weise: Sie bewegt den Sünder, der sie erfährt, zur Umkehr. „Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?“ Römer 2,4. Gott legt um jede gefährdete Seele eine goldene Kette seiner Liebe, Gnade und Barmherzigkeit. Er sagt dir: „Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.“ Jeremia 31,3. Der Sohn entschließt sich, seine Schuld einzugestehen. Er will zu seinem Vater gehen und zu ihm sagen: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.“ Wie wenig er die Liebe des Vaters kennt, zeigt sich darin, dass er ihm vorschlagen will: „Mache mich zu einem deiner Tagelöhner!“ Lukas 15,18.19. Der junge Mann verlässt die Schweineherde mit ihren Trebern und macht sich auf den Heimweg. Vom Hunger geschwächt, beeilt er sich, so sehr er kann. Er ist nur in Lumpen gehüllt, doch die Not hat seinen Stolz besiegt. Er will dort um Arbeit als Tagelöhner bitten, wo er früher einmal der geliebte Sohn war. Als er damals in jugendlichem Leichtsinn sein Elternhaus verließ, ahnte er kaum, wie viel Schmerz und Sehnsucht er damit bei seinem Vater auslöste. Auch beim Tanzen und Trinken mit seinen Zechkumpanen dachte er selten daran, welcher Schatten mit seinem Weggang auf sein Zuhause gefallen war. Und auch jetzt, auf dem Heimweg, da er so müde ist, dass ihm jeder Schritt zur Qual wird, weiß er noch nicht, dass einer auf seine Rückkehr wartet: „Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater.“ Liebe hat gute Augen. Wenn der Sohn in den Jahren der Sünde auch noch so tief gesunken ist, so erkennt der Vater ihn doch. „Es jammerte ihn“, er „lief und fiel ihm um den Hals“ und hielt ihn lange in seinen Armen. Lukas 15,20.

Der Vater will nicht, dass sich jemand über die schäbige Kleidung seines Sohnes lustig macht. Er zieht seinen eigenen kostbaren Mantel aus und legt ihn dem Sohn um die Schultern, der voller Reue bekennt: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.“ Lukas 15,21. Doch der Vater drückt ihn an sich, führt ihn ins Haus und lässt ihn gar nicht erst um die Stelle eines Tagelöhners bitten. Als Sohn soll er geehrt werden mit dem Besten, was das Haus zu bieten hat. Die Knechte und Mägde haben ihn zu achten und zu bedienen. „Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße und bringt das gemästete Kalb und schlachtet‘s; lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.“ Lukas 15,22-24. In seinem jugendlichen Ungestüm hielt der Sohn den Vater einmal für übermäßig streng. Wie anders urteilt er jetzt! Genauso geht es denen, die sich von Satan dazu verleiten lassen, sich Gott streng und hartherzig vorzustellen; sie meinen, er warte nur darauf, Menschen bedrohen und bestrafen zu können, und sei nicht willens Sünder anzunehmen, solange es eine vor dem Gesetz zu rechtfertigende Entschuldigung gäbe, sie abzuweisen. Ihrer Ansicht nach ist sein Gesetz nur dazu da, um zu verhindern, dass sie glücklich sein können, und so betrachten sie es als eine schwere Last, die man am besten möglichst schnell los wird. Wem jedoch die Liebe Christi die Augen geöffnet hat, der erkennt, dass Gott für ihn Mitgefühl hat; dass er kein unnachgiebiger Tyrann ist, sondern wie ein Vater, der sich danach sehnt, den reuigen Sohn in die Arme schließen zu können. Der Sünder mag dann mit dem Psalmisten ausrufen: „Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, die ihn fürchten.“ Psalm 103,13. Der verlorene Sohn im Gleichnis braucht sich keine Vorwürfe wegen seines schlechten Lebenswandels anzuhören. Er hat wirklich das Gefühl: Das Vergangene ist vergeben, vergessen und für immer ausgelöscht. Ebenso sagt Gott zu jedem Sünder: „Ich tilge deine Missetat wie eine Wolke und deine Sünden wie den Nebel.“ Jesaja 44,22. „Ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ Jeremia 31,34. „Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und bekehre sich zum Herrn, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung.“ Jesaja 55,7. „Zur selben Zeit und in jenen Tagen wird man die Missetat Israels suchen, spricht der Herr, aber es wird keine da sein, und die Sünden Judas, aber es wird keine gefunden werden; denn ich will sie vergeben …“ Jeremia 50,20. Was für ein herrliches Versprechen Gottes, den reuigen Sünder anzunehmen! Bist du, lieber Leser, deine eigenen Wege gegangen? Hast du dich weit von Gott entfernt? Wolltest du auch einmal entdecken, wie die Sünde schmeckt, und musstest dann feststellen, dass sie schal und ohne bleibende Schönheit ist? Fühlst du dich jetzt, wo deine guten, von Gott geschenkten Gaben vergeudet, deine Lebenspläne in einer Sackgasse und deine Hoffnungen zerstört sind, einsam und verlassen? Dann achte doch auf die Stimme, die du so lange überhört hast, obwohl sie schon seit langem klar und deutlich sagt: „Darum macht euch auf! Ihr müsst davon, ihr sollt an dieser Stätte nicht bleiben! Um der Unreinheit willen muss sie unsanft zerstört werden.“ Micha 2,10. Geh nach Hause zu deinem himmlischen Vater! Gott ruft dir zu: „Kehre dich zu mir, denn ich erlöse dich!“ Jesaja 44,22.

Höre nicht auf Satan, der dir einreden will, Christus lieber fern zu bleiben, bis du dich gebessert hast und gut genug bist, um vor Gott zu treten. Wenn du so lange warten willst, kommst du nie zu Gott. Weist Satan dich auf deine schmutzigen Kleider hin, dann wiederhole ihm die Verheißung Jesu: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.“ Johannes 6,37. Sag dem Feind, dass das Blut Christi von allen Sünden rein macht, und bete mit David: „Entsündige mich mit Ysop, dass ich rein werde; wasche mich, dass ich schneeweiß werde.“ Psalm 51,9. Mache dich auf den Weg zu deinem Vater! Er wird dir weit entgegenkommen. Wenn du dich nur zu diesem ersten Schritt der Reue entschließt, dann beeilt er sich, um dich in seine Arme zu nehmen. Er hat ein offenes Ohr für jeden, der in seiner Seelennot zu ihm ruft. Gott spürt bei einem Menschen schon die allererste zaghafte Sehnsucht nach ihm. Mag ein Gebet noch so gestammelt, eine Träne noch so im Verborgenen geweint, ein aufrichtiges Sehnen nach Gott noch so schwach sein — der Heilige Geist Gottes kommt einem solchen Menschen entgegen. Schon ehe das Gebet gesprochen oder die Sehnsucht des Herzens in Worte gefasst ist, geht die Gnade Christi aus, um sich mit der Gnade zu vereinen, die an der Menschenseele wirksam ist. Dein himmlischer Vater wird dir die von der Sünde beschmutzten Kleider abnehmen. In der wunderbaren, gleichnishaften Prophezeiung des Sacharja stellt der Hohepriester Joschua, der in unreinen Gewändern vor dem Engel des Herrn steht, den Sünder dar. Der Herr sagt dort: „Tut die unreinen Kleider von ihm … Sieh her, ich nehme deine Sünde von dir und lasse dir Feierkleider anziehen … Und sie setzten ihm einen reinen Kopfbund auf das Haupt und zogen ihm reine Kleider an.“ Sacharja 3,4.5. Ebenso will Gott dir „die Kleider des Heils“ und den „Mantel der Gerechtigkeit“ anziehen. Jesaja 61,10. „Wenn ihr zu Felde liegt, glänzt es wie Flügel der Tauben, die wie Silber und Gold schimmern.“ Psalm 68,14. Gott wird dich in seinen Festsaal führen, und „die Liebe ist sein Zeichen über dir“. Hohelied 2,4. „Wirst du in meinen Wegen wandeln“, so verspricht er dir, dann will ich „dir Zugang zu mir geben mit diesen, die hier stehen“ (Sacharja 3,7), das heißt, mit den Engeln, die seinen Thron umgeben. „Wie sich ein Bräutigam freut über die Braut, so wird sich dein Gott über dich freuen.“ Jesaja 62,5. „Er wird sich über dich freuen und dir freundlich sein, er wird dir vergeben in seiner Liebe und wird über dich mit Jauchzen fröhlich sein.“ Zephanja 3,17. Himmel und Erde werden an der Freude des Vaters teilhaben und mit ihm sagen: „Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden.“ Lukas 15,24.

Bis dahin wird die Freudenszene im Gleichnis des Heilands durch keinen Missklang gestört. Doch nun führt Christus auch dieses Element ein: Als der verlorene Sohn nach Hause kam, war sein älterer Bruder auf dem Feld. „Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen und rief zu sich einen der Knechte, und fragte, was das wäre. Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen.“ Lukas 15,25-28. Dieser ältere Bruder hat sich nicht wie der Vater Sorgen gemacht, hat keine Ausschau nach seinem Bruder gehalten. Er kann deshalb auch nicht die Wiedersehensfreude seines Vaters teilen. Er lässt sich nicht von der Festtagsstimmung der anderen anstecken, sondern wird zornig vor Eifersucht, als er von einem Knecht erfährt, warum gefeiert wird. Er weigert sich, seinen Bruder zu begrüßen, und ist beleidigt, weil man um diesen so viel Aufhebens macht. Sein Stolz und sein falsches Denken treten deutlich zu Tage, als der Vater zu ihm hinausgeht, um mit ihm zu reden. In seinen Augen war sein Leben im Elternhaus bisher nichts als eine lange Kette unbelohnter Dienstleistungen. Kleinlich rechnet er dagegen auf, wie großzügig auf der anderen Seite der soeben heimgekehrte Sohn bewirtet wird. Er lässt durchblicken, dass er sich immer eher als Knecht und weniger als Sohn gefühlt hat. Nie ist er froh und dankbar gewesen, dass er bei seinem Vater sein konnte, sondern hat bei seiner besonnenen Lebensführung immer nur seinen Vorteil im Auge gehabt. Seine Worte beweisen, dass er nur zu geizig war, um auf die schiefe Bahn zu kommen. Jetzt, wo der Bruder vom Vater so reich beschenkt wird, fühlt er sich ungerecht behandelt. Dem Bruder gönnt er die großzügige Willkommensfeier nicht und zeigt klar und deutlich, dass er an seines Vaters Stelle den verlorenen Sohn nicht wieder aufgenommen hätte. Er nennt ihn deshalb auch nicht „mein Bruder“, sondern spricht von ihm ganz kühl als „dein Sohn“. Doch der Vater bleibt freundlich. „Mein Sohn“, antwortet er, „du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein.“ Lukas 15,31. Hattest du nicht das Glück, in all den Jahren, die dein Bruder im Elend lebte, bei mir zu sein? Den Söhnen stand alles zur Verfügung, was sie glücklich machen konnte. Die Frage des älteren nach Belohnung ist daher nicht berechtigt; der Vater versichert ihm: „Alles, was mein ist, das ist dein.“ Du brauchst nur auf meine Liebe zu vertrauen und all die Gaben anzunehmen, die dir angeboten werden. Der eine Sohn hatte sich eine Zeit lang von der Familie getrennt, weil er sich der Liebe des Vaters nicht bewusst war. Doch nun, bei seiner Rückkehr, lässt die Freude alles vergessen, was stören könnte. „Denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wieder gefunden.“ Lukas 15,32. Sah der ältere Bruder später ein, wie böse und undankbar er sich verhalten hatte? Erkannte er, dass der jüngere, obwohl er gottlos gehandelt hatte, dennoch sein Bruder war? Bereute er seine Eifersucht und Hartherzigkeit? Christus sagte darüber nichts aus; das Gleichnis fand ja im Alltag immer noch statt, und es lag allein bei seinen Zuhörern, wie es ausgehen sollte.

Der ältere Sohn steht für die in falschen religiösen Vorstellungen verhafteten Juden zur Zeit Jesu und für die Pharisäer aller Zeiten, die voller Verachtung auf alle herabblicken, die in ihren Augen Zöllner und Sünder sind. Weil sie selbst nie vom Pfad der Tugend abgewichen sind, bilden sie sich etwas ein auf ihre Selbstgerechtigkeit. Christus begegnet diesen notorischen Nörglern mit der Schärfe ihrer eigenen Kritik. Wie der ältere Sohn hatten sie bestimmte gottgegebene Vorrechte genossen. Aber wenn sie auch darauf pochten, die Söhne im Hause Gottes zu sein, so verhielten sie sich doch eher so, als hätte man sie für Geld angeheuert. Sie arbeiteten nicht aus Liebe, sondern wegen der Belohnung, denn in ihren Augen war Gott nichts als ein strenger Aufseher. Als sie nun mit ansehen mussten, wie Christus den Zöllnern und Sündern seine Gnade völlig umsonst, als Geschenk anbot — dieselbe Gabe, die die Schriftgelehrten nur durch große Anstrengung und Bußübungen zu erhalten hofften —, da waren sie vor den Kopf gestoßen. Die Rückkehr des Sohnes, die das Herz des Vaters vor Freude höher schlagen ließ, weckte bei ihnen nur Neid. Das Gespräch des Vaters mit dem älteren Sohn im Gleichnis war der liebevolle Ruf Gottes an die Pharisäer: „Alles, was mein ist, das ist dein“, nicht als Lohn, sondern als Geschenk. Wie der verlorene Sohn kannst auch du es nur als unverdiente Gabe vom Vater bekommen, weil er dich liebt. Selbstgerechtigkeit verführt nicht nur dazu, falsche Gottesvorstellungen zu verbreiten, sondern macht auch hartherzig und überkritisch im Umgang mit dem Bruder. Der ältere Sohn betrachtet den Heimgekommenen voll Egoismus und Neid, bereit, alles, was er tut, zu kritisieren und ihn beim geringsten Anlass anzuschwärzen. Ihm kommt es darauf an, jeden Fehler des anderen aufzudecken, jede Kleinigkeit aufzubauschen, um so die eigene Unversöhnlichkeit rechtfertigen zu können. Viele handeln heute noch genauso: Da macht jemand, der gerade erst zu Christus gefunden hat, seine ersten Erfahrungen im Kampf gegen eine ganze Flut von Versuchungen, und sie sehen zu, kritisieren und klagen an. Kinder Gottes behaupten sie zwar zu sein, aber sie handeln im Sinne Satans. Durch ihr falsches Verhalten gegenüber ihren Glaubensgeschwistern stellen sich solche Leute selbst außerhalb des Lichtes, das vom Angesicht Gottes ausstrahlt.

Viele fragen sich immer wieder: „Womit soll ich mich dem Herrn nahen, mich beugen vor dem hohen Gott? Soll ich mich ihm mit Brandopfern nahen und mit einjährigen Kälbern? Wird wohl der Herr Gefallen haben an viel tausend Widdern, an unzähligen Strömen von Öl?“ Die Antwort darauf lautet: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist, und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Micha 6,6-8. Das verlangt Gott von dir: „Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! … und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ Jesaja 58,6.7. Wer sich selbst als Sünder begreift, der nur durch die Liebe Gottes gerettet werden kann, wird auch ein Herz für andere Menschen haben, die noch in die Sünde verstrickt sind. Wenn sie in sich gehen und zur Buße bereit sind, wird er sie keine Eifersucht und Kritik spüren lassen. Ist erst das Eis der Selbstsucht in uns geschmolzen, dann leben wir in Harmonie mit Gott und freuen uns mit ihm, wenn jemand gerettet werden kann, der vom rechten Weg abgekommen war. Wenn wir wirklich Gottes Kinder sind — als die wir uns ja bezeichnen —, dann ist der unser Bruder, von dem es heißt. Er „war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wieder gefunden.“ Lukas 15,32. Er ist eng mit uns verbunden, denn Gott nennt ihn seinen Sohn. Streiten wir diese Verwandtschaft mit ihm ab, dann verhalten wir uns wie einer, der für Geld angeheuert wurde, und nicht wie ein Kind aus Gottes Familie. Selbst wenn jemand unter uns den verlorenen Sohn nicht willkommen heißen will, geht das Fest weiter. Der Heimgekehrte darf Seite an Seite mit dem Vater essen und arbeiten. Wem viel vergeben wird, der liebt auch viel. Der andere aber wird draußen in der Finsternis stehen, denn „wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.“ 1.Johannes 4,8.

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