Heilung der Seele

Heilung der Seele

Viele von denen, die hilfesuchend zu Christo kamen, hatten die Krankheit selber verschuldet, aber doch wies er sie nicht zurück, sondern heilte sie. Wenn seine Kraft sie durchdrang, wurden sie ihrer Sünden überführt, und viele wurden ebensowohl von ihrer geistigen Krankheit wie von ihren körperlichen Leiden geheilt. Unter diesen befand sich der Gelähmte von Kapernaum. Dieser Gichtbrüchige hatte gleich dem Aussätzigen alle Hoffnung auf Wiedergenesung verloren. Seine Krankheit war die Folge eines sündhaften Lebens und seine Leiden wurden durch Gewissensbisse vermehrt. Vergebens hatte er sich an die Pharisäer und Ärzte gewandt, ihn davon zu befreien; statt dessen erklärten sie ihn für unheilbar, verurteilten ihn als einen Sünder und behaupteten, dass er unter dem Zorn Gottes sterben werde. Der Gichtbrüchige war in Verzweiflung versunken. Da hörte er von den Werken Jesu. Andere, ebenso sündhaft und hilflos wie er, waren geheilt worden. Dies gab ihm Mut zu glauben, dass auch er geheilt werden möchte, wenn er zu dem Heiland gebracht werden könnte. Seine Hoffnung schwand jedoch, als er an die Ursache seiner Krankheit dachte, und doch konnte er die Möglichkeit der Heilung nicht von sich weisen.   

Sein größtes Verlangen war, von der Last der Sünde befreit zu werden. Ihn verlangte danach, Jesum zu sehen und die Versicherung der Vergebung und Frieden mit Gott zu erlangen. Dann wollte er zufrieden sein, nach Gottes Willen zu leben oder zu sterben. Es war keine Zeit zu verlieren, sein abgezehrtes Fleisch trug schon die Spuren des Todes. Er flehte seine Freunde an, ihn auf seinem Bett zu Jesus zu tragen und diese unternahmen dies gern. Aber die Menge, welche sich in und vor dem Hause versammelt hatte, wo der Heiland sich aufhielt, war so dicht, dass es für den Kranken und seine Freunde unmöglich war, ihn zu erreichen oder selbst in den Bereich seiner Stimme zu kommen. Jesus lehrte in dem Hause Petri, seine Jünger saßen nach ihrer Gewohnheit dicht um ihn herum; „und saßen da die Pharisäer und Schriftgelehrten, die da gekommen waren aus allen Märkten in Galiläa und Judäa und von Jerusalem.“ (Lukas 5,17) Viele von ihnen waren als Spione gekommen und suchten eine Anschuldigung gegen Jesum zu finden. Draußen drängte sich die gemischte Menge: Begierige, Ehrerbietige, Neugierige und Ungläubige. Verschiedene Nationen und alle Gesellschaftsklassen waren vertreten „und die Kraft des Herrn ging von ihm, und half jedermann.“ (Lukas 5,17) Der Geist des Lebens schwebte über der Versammlung, aber die Pharisäer und Schriftgelehrten bemerkten seine Gegenwart nicht. Sie fühlten kein Bedürfnis und die Heilung war nicht für sie. „Die Hungrigen füllet er mit Gütern und lässt die Reichen leer.“ (Lukas 1,53)   

Immer wieder versuchten die Träger des Gichtbrüchigen, sich durch die Menge zu drängen, aber es war vergeblich. Der Kranke blickte in unaussprechlicher Qual um sich. Wie konnte er die Hoffnung aufgeben, wenn die langersehnte Hilfe so nahe war? Auf seine Bitten trugen ihn seine Freunde auf das Dach des Hauses und indem sie dasselbe aufbrachen, ließen sie ihn zu den Füßen Jesu nieder. Der Vortrag wurde unterbrochen. Der Heiland blickte auf das Traurige Angesicht und sah die bittenden Augen auf sich gerichtet. Er kannte wohl das Verlangen jener beladenen Seele, er hatte ja sein Gewissen von den Sünden überzeugt, als der Gichtbrüchige noch in seinem Hause war. Als er seine Sünden bereute und an die Kraft des Heilandes glaubte, ihn gesund machen zu können, hatte die Barmherzigkeit des Herrn seine Seele gesegnet. Jesus hatte beobachtet, wie der erste Funken von Glauben zu der Überzeugung heranwuchs, dass er des Sünders einzige Hilfe sei; er hatte gesehen, wie er mit jeder Anstrengung, in seine Nähe zu kommen, gewachsen war. Christus hatte den Leidenden zu sich gezogen. Nun sprach der Heiland Worte, die gleich Musik an des Lauschenden Ohr klangen: „Sei getrost, mein Sohn; deine Sünden sind dir vergeben.“ (Matthäus 9,2) Die Schuldenlast fällt von der Seele des kranken Mannes, er kann nicht zweifeln. Die Worte Christi offenbaren sein Vermögen, in dem Herzen zu lesen. Wer kann seine Macht in Abrede stellen, Sünden zu vergeben? Hoffnung tritt an Stelle der Verzweiflung und Freude an die Stelle tiefer Traurigkeit. Die körperlichen Schmerzen des Mannes sind verschwunden und sein ganzes Wesen ist verwandelt. Er hatte kein weiteres Verlangen, sondern lag in friedevoller Ruhe da, zu glücklich, ein Wort zu äußern. Viele folgten mit atemlosen Interesse jeder Bewegung dieser wunderbaren Handlung. Viele fühlten, dass die Worte Christi eine Einladung an sie waren. War ihre Seele nicht krank infolge der Sünde? Wären sie nicht gern von dieser Last befreit gewesen?


Aber die Pharisäer, welche fürchteten, ihren Einfluss auf die Menge zu verlieren, sprachen in ihren Herzen: „Wie redet dieser solche Gotteslästerung? Wer kann Sünden vergeben denn allein Gott?“ (Markus 2,7) Indem Jesus seinen Blick auf sie richtete, unter welchem sie sich ängstlich zurückzogen, sagte er: „Warum denkt ihr so Arges in euren Herzen? Welches ist leichter, zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben; oder zu sagen: Stehe auf, und wandle? Auf dass ihr aber wisset, dass des Menschen Sohn Macht habe auf Erden, die Sünden zu vergeben — sprach er zu dem Gichtbrüchigen: Stehe auf, hebe dein Bett auf, und gehe heim!“ (Matthäus 9,4-6) Bei diesen Worten trat derjenige, der auf einer Bahre zu Jesus gebracht worden war, mit der Elastizität und Kraft der Jugend auf seine Füße und sofort „stand er auf, nahm sein Bett, und ging hinaus vor allen, so daß sie sich alle entsetzten, und priesen Gott und sprachen: Wir haben solches noch nie gesehen.“ Markus 2,12. Es war nichts Geringeres als Schöpfungskraft notwendig, um jenem verfallenen Körper die Gesundheit wiederzugeben. Dieselbe Stimme, welche dem aus Erde geschaffenen Menschen bei der Schöpfung Leben verlieh, gab auch dem sterbenden Gichtbrüchigen das Leben wieder. Und dieselbe Kraft, welche dem Leibe Leben gab, hatte das Herz erneuert. Derselbe, der bei der Schöpfung „sprach und es war“, und „gebot und es stand da“ (Psalm 33,9) hatte der in Übertretungen und Sünden toten Seele Leben verliehen. Die Heilung des Körpers war ein Beweis der Kraft, welche das Herz erneuert hatte. Christus gebot dem Gichtbrüchigen, sich zu erheben und zu wandeln, damit ihr wisset, „dass des Menschen Sohn Macht habe auf Erden, die Sünden zu vergeben.“ 

Der Gichtbrüchige fand in Christo Heilung für Leib und Seele. Es bedurfte Heilung der Seele, ehe er die Heilung des Leibes würdigen konnte. Ehe die körperliche Krankheit geheilt werden konnte, musste Christus dem Geiste Befreiung bringen und die Seele von Sünden reinigen. Diese Lehre sollte nicht übersehen werden. Es gibt heutzutage Tausende, welche an körperlicher Krankheit leiden und welche gleich dem Gichtbrüchigen nach der Botschaft verlangen: „Deine Sünden sind dir vergeben.“ Die Last der Sünde mit ihren ruhelosen und unbefriedigten Wünschen ist die Ursache ihrer Krankheit. Sie können keine Befreiung finden, bis sie zu dem Seelenarzt kommen. Der Friede, den er allein mitteilen kann, würde die Kraft des Geistes und die Gesundheit des Körpers wieder herstellen. Die Wirkung, welche die Heilung des Gichtbrüchigen bei dem Volk erzeugte, war gleichsam, als wenn der Himmel sich geöffnet und die Herrlichkeit der besseren Welt offenbart habe. Als der Geheilte durch die Menge schritt, bei jedem Schritt Gott pries und seine Last trug als ob sie federleicht sei, wich das Volk zurück, um ihm Platz zu machen; sie schauten mit entsetzten Gesichtern auf ihn und sprachen untereinander: „Wir haben heute seltsame Dinge gesehen.“ (Lukas 5,26) In der Familie des Gichtbrüchigen herrschte große Freude als er zurückkehrte und mit Leichtigkeit das Bett trug, auf welchem er vor kurzer Zeit behutsam von ihnen weggetragen worden war. Mit Freudentränen versammelten sie sich um ihn, indem sie kaum ihren Augen zu trauen wagten. Er stand in voller Manneskraft vor ihnen. Die Arme, welche sie völlig leblos gesehen hatten, gehorchten seinem Willen. Das vorher zusammengeschrumpfte und bleifarbene Fleisch war nun frisch und rosig. Er ging mit festen, leichten Schritten, Freude und Hoffnung sprachen aus jedem Zuge seines Angesichtes und ein Ausdruck der Reinheit und des Friedens hatte die Stelle der Zeichen von Sünde und Leiden eingenommen. Freudige Danksagung stieg aus diesem Hause auf und Gott wurde verherrlicht durch seinen Sohn, welcher dem Hoffnungslosen wieder Hoffnung und dem Niedergeschlagenen Kraft geschenkt hatte. Dieser Mann und seine Angehörigen waren bereit, ihr Leben für Jesum hinzugeben. Kein Zweifel verdunkelte ihren Glauben, kein Unglaube befleckte ihre Treue gegen ihn, der Licht in ihr dunkles Heim gebracht hatte.   

„Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen! Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! Der dir alle deine Sünden vergibt, und heilet alle deine Gebrechen; der dein Leben vom Verderben erlöset … Und du wieder jung wirst wie ein Adler. Der Herr schaffet Gerechtigkeit und Gericht allen, die Unrecht leiden … Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden, und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat … Wie sich ein Vater über Kinder erbarmet, so erbarmet sich der Herr über die, so ihn fürchten. Denn er weiß, was für ein Gemächte wir sind; er gedenket daran, dass wir Staub sind.“ (Psalm 103,1-4)


Willst du gesund werden? Stehe auf und wandle! 

„Es ist aber zu Jerusalem bei dem Schaftor ein Teich, der heißet auf hebräisch Bethesda, und hat fünf Hallen, in welchen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Verdorrte, die warteten, wann sich das Wasser bewegte.“ (Johannes 5,2.3)   

Zu gewissen Zeiten wurde das Wasser des Teiches bewegt und man glaubte allgemein, dass dies die Folge einer übernatürlichen Kraft sei, und wer zuerst nach einer solchen Erregung in das Wasser stieg, von jeglicher Krankheit geheilt würde. Hunderte von Leidenden besuchten den Ort; aber die Menge war so groß, dass sie, wenn das Wasser sich bewegte, mit Ungestüm vordrängten und Männer, Frauen und Kinder unter die Füße traten, die schwächer waren als sie selbst. Viele konnten dem Teich gar nicht nahe genug kommen und viele, die ihn glücklich erreicht hatten, starben an seinem Rand. Es waren Hallen errichtet worden, damit die Kranken vor der Hitze des Tages und der Kühle der Nacht Schutz hätten. Etliche brachten die Nacht in diesen Hallen zu und krochen Tag für Tag nach dem Rand des Teiches in der vergeblichen Hoffnung einer Erlösung von ihren Leiden. Jesus war in Jerusalem. Anscheinend in Betrachtung und Gebet versunken wandelte er allein dahin und kam zu dem Teich. Er sah die elenden Kranken, wie sie auf das warteten, was sie für ihre einzige Gelegenheit zur Heilung hielten. Ihn verlangte danach, seine Heilkraft zu beweisen und alle Kranken gesund zu machen. Aber es war Sabbat. Große Scharen gingen nach dem Tempel zum Gottesdienst und er wußte, dass eine solche Handlung der Heilung das Vorurteil der Juden erwecken und sein Werk abkürzen würde. Aber der Heiland sah einen Fall von besondrer Hilflosigkeit; es war derjenige eines Mannes, der seit achtunddreißig Jahren ein hilfloser Krüppel war. Seine Krankheit war in hohem Grad die Folge seiner eigenen schlechten Gewohnheiten und wurde als ein Gericht Gottes betrachtet. Allein und freundlos, fühlend, dass er von der Gnade Gottes ausgeschlossen sei, hatte der Kranke lange Jahre des Elendes durchlebt. Zu der Zeit, wo man erwartete, dass das Wasser bewegt wurde, trugen ihn solche, die mit seiner Hilflosigkeit Mitleid hatten, nach den Hallen, aber in dem günstigen Augenblick hatte er niemand, der ihm hinein half. Er hatte das Kräuseln des Wassers gesehen, war aber niemals imstande gewesen, weiter als bis an den Rand des Teiches zu kommen. Andere, die stärker waren als er, stiegen vor ihm hinein. Seine ausdauernden Bemühungen um diesen einen Gegenstand, seine Furcht und fortgesetzte Enttäuschung zehrten schnell den Rest seiner Kraft auf.   

Der Kranke lag auf einer Matte und hob nur von Zeit zu Zeit den Kopf, um nach dem Teich zu blicken, als ein zärtliches, mitleidsvolles Angesicht sich über ihn beugte und die Worte: „Willst du gesund werden?“ seine Aufmerksamkeit fesselten. Ein Strahl der Hoffnung durchzuckte ihn. Er fühlte, dass ihm auf irgend eine Weise Hilfe zuteil würde. Aber der Hoffnungsstrahl schwand bald wieder. Er gedachte daran, wie oft er versucht hatte, den Teich zu erreichen und nun hatte er wenig Aussicht, so lange zu leben, bis das Wasser sich wieder bewegte. Er wandte sich müde ab und sagte: „Herr, ich habe keinen Menschen, wenn das Wasser sich bewegt, der mich in den Teich lasse; und wenn ich komme, so steigt ein anderer vor mir hinein.“ Jesus spricht zu ihm: „Stehe auf, nimm dein Bett und gehe hin.“ (Johannes 5,6-8) Mit neuer Hoffnung blickt der Kranke auf Jesum. Der Ausdruck seines Gesichts, der Ton seiner Stimme sind gleich keinem anderen. Liebe und Macht scheinen von seiner Gegenwart auszugehen. Des Krüppels Glaube erfasst das Wort Christi. Ohne Frage ist er bereit zu gehorchen und als er dies tut, folgt sein ganzer Körper seinem Willen. Jeden Nerv und jeden Muskel durchzuckt neues Leben und in seine verkrüppelten Glieder kommt gesunde Tätigkeit. Auf seine Füße springend geht er mit festem, leichtem Schritt seinen Weg, dankt Gott und freut sich seiner neugefundenen Kraft. Jesus hatte dem Gelähmten keine Versicherung göttlicher Hilfe gegeben. Der Mann hätte sagen können: „Herr, wenn du mich gesund machen willst, will ich deinen Worten gehorchen.“ Er hätte sich besinnen und zweifeln können und hätte dann seine einzige Gelegenheit zur Heilung verloren. Aber nein, er glaubte dem Wort Christi, glaubte, dass er gesund geworden war und machte sofort eine Anstrengung; er wollte wandeln und er wandelte. Er handelte nach dem Wort Christi und Gott gab ihm die Kraft, er war gesund gemacht.   

Durch die Sünde sind wir von dem Leben Gottes getrennt, unser Geist ist gelähmt, wir sind von uns selbst nicht imstande, ein heiliges Leben zu führen, so wenig wie der lahme Mann imstande war zu gehen. Es gibt viele, welche ihre Hilflosigkeit erkennen und welche nach dem geistigen Leben verlangen, welches sie in Übereinstimmung mit Gott bringt; sie streben umsonst danach, es zu erlangen. In Verzweiflung rufen sie aus: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes“ (Römer 7,24) Diese Verzagten und Kämpfenden sollten aufschauen. Der Heiland beugt sich über seine Bluterkauften und spricht mit unaussprechlicher Zärtlichkeit und in Mitleid: „Willst du gesund werden?“ Er gebietet euch in Kraft und Frieden euch zu erheben. Wartet nicht darauf, bis ihr fühlt, dass ihr gesund seid. Glaubt dem Wort des Heilandes. Stellt euren Willen auf die Seite Christi. Wenn ihr ihm dient und nach seinem Wort handelt, werdet ihr Kraft empfangen. Was auch die böse Gewohnheit sein mag, die Hauptleidenschaft, welche durch lange Befriedigung Leib und Seele bindet, Christus kann und will davon befreien. Er will der Seele Leben mitteilen, welche tot ist in Übertretungen. (Epheser 2,1) Er wird die Gefangenen befreien, welche von Schwäche, Unglück und den Ketten der Sünde gehalten werden.   
Das Gefühl der Sünde hat die Quelle des Lebens vergiftet. Aber Christus sagt: „Ich will deine Sünden nehmen; ich will dir Frieden geben. Ich habe dich mit meinem Blut erkauft. Du bist mein. Meine Gnade wird deinen geschwächten Willen kräftigen; deine Gewissensbisse will ich beseitigen.“ Wenn Versuchungen dich bestürmen, wenn Sorgen und Schwierigkeiten dich umgeben, wenn du niedergeschlagen und entmutigt, bereit bist, dich der Verzweiflung hinzugeben, so blicke auf Jesum und die Dunkelheit, welche dich umgibt, wird durch den herrlichen Glanz seiner Gegenwart vertrieben werden.   

Wenn die Sünde deine Seele in ihre Gewalt zu bekommen sucht und dein Gewissen beschwert, schau zu dem Heiland auf; seine Gnade genügt, die Sünde zu besiegen. Lass dein dankbares Herz, das wegen der Ungewissheit zittert, sich zu ihm wenden. Ergreife die dir vorgehaltene Hoffnung. Christus wartet darauf, dich in seine Familie aufzunehmen. Seine Stärke will deiner Schwachheit aufhelfen. Er will dich führen Schritt für Schritt. Lege deine Hand in die seinige und er wird dich leiten. Hege nie das Gefühl, der Heiland sei ferne; er ist stets nahe. Seine liebevolle Gegenwart umgibt dich. Suche ihn als den Einen, der wünscht, von dir gefunden zu werden. Er wünscht, dass du nicht nur den Saum seines Gewandes berührst, sondern dass du mit ihm in ständiger Gemeinschaft wandelst.


Gehe hin und sündige hinfort nicht mehr

Das Laubhüttenfest war zu Ende. Die Anschläge der Priester und Schriftgelehrten zu Jerusalem gegen Jesus waren vereitelt worden und als der Abend hereinbrach, ging ein jeglicher also heim. „Jesus aber ging an den Ölberg.“ (Johannes 7,53; 8,1) Aus der Aufregung und Verwirrung der Stadt, von der begierigen Menge und den verräterischen Schriftgelehrten wandte sich Jesus nach der Stille der Olivengärten, wo er mit Gott allein sein konnte. Aber früh morgens kehrte er nach dem Tempel zurück und als das Volk sich um ihn sammelte, setzte er sich nieder und lehrte sie. Bald wurde er unterbrochen; eine Anzahl Pharisäer und Schriftgelehrte näherten sich ihm und schleppten ein erschrecktes Weib mit sich, welches sie mit harter, ereiferter Stimme beschuldigten, das siebente Gebot übertreten zu haben. Sie brachten sie vor Jesus und sagten mit einem heuchlerischen Schein von Hochachtung: „Meister, dieses Weib ist ergriffen auf frischer Tat im Ehebruch. Moses aber hat uns im Gesetz geboten, solche zu steinigen; was sagst du?“ (Johannes 8,4.5) Ihre vorgebliche Ehrerbietung verhüllte einen verborgenen Anschlag zu seinem Verderben. Würde Jesus das Weib freisprechen, so könnte er der Verachtung des Gesetzes Moses beschuldigt werden. Würde er sie des Todes schuldig erklären, so könnte er bei den Römern verklagt werden, dass er sich eine Autorität anmaße, die nur ihnen zukam. Jesus blickte auf die Szene – auf das scharmerfüllte, zitternde Opfer, auf die harten Gesichtszüge der Würdenträger, die kein menschliches Mitleid besaßen. Seine Seele mit ihrer fleckenlosen Reinheit schreckte vor dem Schauspiel zurück. Kein Zeichen verriet, dass er ihre Frage gehört hatte, er beugte sich nieder und fing an, auf die Erde zu schreiben. Ungeduldig über seine Verzögerung und scheinbare Gleichgültigkeit kamen die Verkläger näher, um seine Aufmerksamkeit auf den Fall zu lenken. Aber als ihre Augen den Blicken Jesu folgend auf den Boden zu ihren Füßen fielen, verstummten sie. Da standen vor ihnen die strafbaren Geheimnisse ihres eigenen Lebens. Sich erhebend und seine Augen auf die anschuldigenden Ältesten richtend, sagte Jesus: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Und bückte sich wieder nieder, und schrieb auf die Erde.“ (Johannes 8,7.8)   

Er hatte das mosaische Gesetz nicht beiseite gesetzt, noch in die Autorität Roms eingegriffen, aber die Ankläger waren geschlagen. Als das Gewand der vorgeblichen Heiligkeit von ihnen genommen war, standen sie schuldig und verurteilt in der Gegenwart göttlicher Reinheit. Sie zitterten davor, dass die verborgene Ungerechtigkeit ihres Lebens der Menge offenbart werden könne und schlichen mit gebeugtem Haupt und niedergeschlagenen Augen hinweg, indem sie ihr Opfer mit dem mitleidsvollen Heiland allein ließen. „Jesus aber richtete sich auf; und da er niemand sah denn das Weib, sprach er zu ihr: Weib, wo sind sie, deine Verkläger? Hat dich niemand verdammt? Sie aber sprach: Herr, niemand. Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; gehe hin und sündige hinfort nicht mehr.“ (Johannes 8,10.11) Das Weib hatte vor Jesus gestanden, vor Furcht eingeschüchtert. Seine Worte: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie“, hatten ihr wie ein Todesurteil geklungen. Sie wagte nicht, ihre Augen zu dem Angesicht des Heilandes zu erheben, sondern erwartete schweigend ihr Schicksal. Erstaunt sah sie dann ihre Verkläger schweigend und bestürzt davongehen und dann klangen die Worte der Hoffnung an ihr Ohr: „So verdamme ich dich auch nicht; gehe hin und sündige hinfort nicht mehr.“ Ihr Herz schmolz, sie warf sich voll dankbarer Liebe Jesus zu Füßen und bekannte mit bitteren Tränen ihre Sünden. Dies war für sie der Anfang eines neuen Lebens, eines Lebens der Reinheit und des Friedens, Gott geweiht. In der Aufrichtung dieser gefallenen Seele vollbrachte Jesus ein größeres Wunder als in der Heilung der schrecklichsten körperlichen Krankheit; er heilte die Krankheit der Seele, welche zum ewigen Tode führt. Dies reuige Weib wurde eine seiner treuesten Nachfolgerinnen. Mit selbstaufopfernder Liebe und Hingebung vergalt sie seine vergebende Gnade. Die Welt hatte für dies irrende Weib nur Verachtung und Zorn; aber der Sündlose hatte Mitleid mit ihrer Schwäche und reichte ihr eine helfende Hand. Während die heuchlerischen Pharisäer sie verdammten, sprach Jesus zu ihr: „Gehe hin, und sündige hinfort nicht mehr.“ 

Jesus kennt die Umstände einer jeden Seele. Je größer des Sünders Schuld ist, desto nötiger hat er den Heiland. Sein Herz voll göttlicher Liebe und Mitleid fühlt sich am meisten zu dem hingezogen, der am hoffnungslosesten in die Schlingen des Feindes verstrickt ist. Er hat mit seinem eigenen Blute die Freilassungsurkunde des Menschengeschlechtes unterzeichnet.   
Jesus wünscht nicht, dass der Seelenfeind sich an den Versuchungen derer ergötze, welche er um solcher Kosten von den Versuchungen Satans losgekauft hat. Er wünscht keineswegs, dass wir unterliegen und verloren gehen. Er, der die Löwen in ihrer Grube bändigte, und mit seinen treuen Zeugen inmitten der Feuersglut wandelte, steht auch heute bereit, für uns zu wirken, und alles Böse in unserer Natur zu unterdrücken. Er steht heute vor dem Gnadenthron und bringt vor seinem Vater die Gebete derer dar, welche seine Hilfe wünschen. Christus stößt keinen Weinenden noch Zerknirschten zurück. Er will allen gern vergeben, die um Vergebung und Heilung zu ihm kommen. Er sagt keinem alles, was er offenbaren könnte, aber er lädt jede zitternde Seele ein, Mut zu fassen. Wer nur will kann die Kraft Gottes erfassen, Friede mit ihm machen und er wird Frieden schließen.   

Jesus erhebt die Seelen, die sich um Schutz zu ihm wenden, über die anklagenden und zänkischen Zungen. Weder Menschen noch böse Engel können diese Seelen beschuldigen. Christus verbindet sie mit seiner eigenen göttlich-menschlichen Natur. Sie stehen an der Seite des großen Sündenträgers in dem Licht, welches von dem Throne Gottes ausgeht. Das Blut Jesu Christi macht „rein von aller Sünde.“ (1.Johannes 1,7) „Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der da gerecht macht. Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns.“ (Römer 8,33.34)


Der Raub des Starken soll los werden

Christus zeigte, dass er über Wind und Wellen, sowie über die von bösen Geistern besessenen Menschen unbeschränkte Gewalt hatte. Er, der den Sturm stillte und das erregte Meer beruhigte, verlieh den von Satan Beunruhigten und Überwältigten Frieden.   

In der Schule zu Kapernaum sprach Jesus von seiner Mission, die Sklaven der Sünde frei zu machen, als er durch einen Schreckensschrei unterbrochen wurde. Ein Besessener sprang aus der Menge hervor und rief aus: „Halt, was haben wir mit dir zu schaffen, Jesus von Nazareth? Du bist gekommen, uns zu verderben. Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes.“ Jesus bedrohte den bösen Geist und sprach: „Verstumme, und fahre aus von ihm! Und der Teufel warf ihn mitten unter sie, und fuhr von ihm aus, und tat ihm keinen Schaden.“ (Markus 1,24; Lukas 4,34.35) Die Ursache, warum dieser Mann mit solchem Leiden behaftet war, lag auch in seinem eigenen Leben. Die Freuden der Sünde hatten ihn so bezaubert, dass er nur daran dachte, aus dem Leben einen großen Karneval zu machen. Unmäßigkeit und leichtsinniges Leben verdarben die edlen Eigenschaften seiner Natur und Satan beherrschte ihn gänzlich. Dann kam die Reue zu spät. Als er gern Reichtum und Vergnügen geopfert hätte, um seine verlorene Mannheit wieder zu gewinnen, war er in den Krallen des Bösen hilflos geworden.   

In der Gegenwart des Heilandes stieg das Verlangen in ihm auf, frei zu werden. Aber der böse Geist widerstand der Macht Christi. Als der Mensch versuchte, Jesum um Hilfe anzuflehen, legte der böse Geist Worte in seinen Mund und er schrie in großer Furcht auf. Der Besessene begriff teilweise, dass er sich in der Gegenwart dessen befand, der ihn frei machen konnte; aber als er versuchte, in den Bereich jener mächtigen Hand zu gelangen, hielt ihn ein anderer Wille zurück; die Worte eines anderen wurden durch ihn ausgesprochen.   Der Kampf zwischen der Macht Satans und seinem eigenen Verlangen nach Freiheit war schrecklich. Es schien, als ob der gepeinigte Mensch sein Leben in dem Kampfe mit dem Feind, der seine Mannheit untergraben hatte, verlieren müsse. Aber der Heiland sprach mit Macht und befreite den Gefangenen. Der Besessene stand vor dem verwunderten Volk in der Freiheit der Selbstbeherrschung. Mit freudiger Stimme pries er Gott für seine Befreiung. Das Auge, welches vorher im Irrtum funkelte, strahlte nun in Vernunft und floss von dankbaren Tränen über. Das Volk war vor Erstaunen stumm. Sobald sie die Sprache wiedererlangt hatten, riefen sie aus: „Was ist das? Was ist das für eine neue Lehre? Er gebietet mit Gewalt den unsaubern Geistern, und sie gehorchen ihm.“ (Markus 1,27)   

Heute befinden sich viele ebenso gewiss in der Macht böser Geister, wie der Besessene von Kapernaum. Alle, die absichtlich von den Geboten Gottes abweichen, stellen sich damit unter die Herrschaft Satans. Gar mancher lässt sich mit dem Bösen ein und glaubt, dass er nach Belieben damit brechen könne; aber er wird allmählich immer mehr umschlungen, bis er findet, dass er von einem Willen beherrscht wird, der stärker ist als sein eigener. Er kann der geheimnisvollen Macht nicht entfliehen. Geheime Sünde oder eine starke Leidenschaft kann ihn zu einem ebenso hilflosen Gefangenen machen, wie der Besessene von Kapernaum war.   
Doch ist sein Zustand nicht hoffnungslos. Gott beherrscht unsere Sinne nicht ohne unsere Einwilligung; aber jeder Mensch hat die Freiheit zu wählen, welche Macht über ihn herrschen soll. Keiner ist so tief gefallen, keiner so schlecht, dass er nicht Befreiung in Christo finden könnte. Der Besessene konnte an Stelle des Gebets nur die Worte Satans aussprechen; aber die unausgesprochene Bitte des Herzens wurde vernommen. Kein Schrei einer in Not befindlichen Seele, obgleich er nicht in Worten ausgedrückt werden kann, wird unbeachtet bleiben. Diejenigen, welche einen Bund mit Gott eingehen wollen, werden nicht der Macht Satans oder der Schwachheit ihrer eigenen Natur überlassen.   

„Kann man auch einem Riesen den Raub nehmen? – So spricht der Herr: Nun sollen die Gefangenen dem Riesen genommen werden, und der Raub des Starken los werden; und Ich will mit deinen Haderern hadern, und deinen Kinder helfen.“ (Jesaja 49,24.25)  Wunderbar wird die Verwandlung sein, die in denen vollbracht wird, welche im Glauben dem Heiland die Herzenstür öffnen. Die siebzig Jünger, welche Christus später aussandte, empfingen gleich den zwölf Aposteln übernatürliche Gaben als ein Siegel ihrer Mission. Als ihr Werk vollendet war, kehrten sie mit Freuden zurück und sagten: „Herr, es sind uns auch die Teufel untertan in deinem Namen.“ Jesus antwortete: „Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz.“ (Lukas 10,17.18) Hinfort können die Nachfolger Christi auf Satan als auf einen überwundenen Feind blicken. Jesus hat am Kreuze den Sieg für sie gewonnen und er wünscht, dass sie diesen Sieg als ihren eigenen annehmen. „Sehet,“ sagt er, „ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen und Skorpione, und über alle Gewalt des Feindes; und nichts wird euch schaden.“ (Lukas 10,19) Die allmächtige Kraft des heiligen Geistes ist für jede zerknirschte Seele eine Verteidigung. Christus wird nicht zulassen, dass eine Seele, die in Reue und Glauben seinen Schutz beansprucht, unter die Macht des Feindes gerate. Es ist wohl wahr, dass Satan viel Gewalt besitzt; aber Gott sei Dank, wir haben einen mächtigeren Heiland, welcher den Satan aus dem Himmel verstoßen hat. Dem Satan gefällt es, wenn wir seine Macht verherrlichen. Warum nicht von Jesus reden? Warum nicht seine Macht und seine Liebe verherrlichen?   
Der Regenbogen der Verheißung, welcher den Thron des Allerhöchsten umgibt, ist ein ewiges Zeugnis, dass Gott also die Welt geliebt hat, „dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Johannes 3,16) Er zeugt für das Weltall, dass Gott niemals seine Kinder in ihrem Kampf mit dem Bösen vergessen wird. Er ist für uns eine Versicherung der Stärke und des Schutzes, solange wie der Thron Gottes selbst besteht.