Warum gibt es soviel Leid?

Warum gibt es soviel Leid?

Vielen Menschen ist der Ursprung der Sünde und der Grund für deren Dasein eine Quelle großer Verwirrung. Sie sehen das Werk der Sünde mit seinen schrecklichen Folgen von Kummer und Verwüstung und sie fragen sich, wie dies alles unter der Herrschaft dessen bestehen kann, der unendlich an Weisheit, an Macht und an Liebe ist. Das ist ein Geheimnis, das sie nicht zu ergründen vermögen. Und in ihrer Ungewissheit und ihrem Zweifel sind sie blind gegenüber den so deutlich in Gottes Wort offenbarten und zur Erlösung so wesentlichen Wahrheiten. Es gibt Menschen, die in ihrem Forschen über das Dasein der Sünde das zu ergründen suchen, was Gott nie offenbart hat, und daher finden sie auch keine Lösung ihrer Schwierigkeiten; und solche Menschen, die einen Hang zum Zweifeln oder zu Spitzfindigkeiten haben, führen dies als Entschuldigung dafür an, die Worte der Heiligen Schrift zu verwerfen. Andere ermangeln eines befriedigenden Verständnisses des großen Problems über das Böse, weil Überlieferungen und falsche Auslegungen die Lehren der Bibel über den Charakter Gottes, die Art und Weise seiner Regierung und die Grundsätze seines Verfahrens mit der Sünde verdunkelt haben.

Es ist unmöglich, den Ursprung der Sünde so zu erklären, dass dadurch eine Begründung für ihr Dasein gegeben würde. Doch kann genug von dem Ursprung und dem endgültigen Schicksal der Sünde verstanden werden, um die Gerechtigkeit und Güte Gottes in all seinem Verfahren mit dem Bösen völlig zu offenbaren. Nichts lehrt die Heilige Schrift deutlicher, als dass Gott in keiner Hinsicht für das Eindringen der Sünde verantwortlich war, und dass weder ein willkürliches Entziehen der göttlichen Gnade noch eine Unvollkommenheit in der göttlichen Regierung Anlass zum Entstehen einer Empörung gab. Die Sünde ist ein Eindringling, für dessen Erscheinen keine Ursache angegeben werden kann. Sie ist geheimnisvoll, unerklärlich; sie zu entschuldigen, hieße sie verteidigen. Könnte eine Entschuldigung für sie gefunden oder ein Grund für ihr Dasein nachgewiesen werden, so würde sie aufhören, Sünde zu sein. Unsere einzige Auslegung von der Sünde entnehmen wir dem Worte Gottes, sie ist „die Übertretung des Gesetzes“ (1. Joh. 3, 4.); sie ist die Ausübung eines Grundsatzes, der in Feindschaft steht mit dem großen Gesetz der Liebe, das die Grundlage der göttlichen Regierung bildet.
Ehe das Böse Eingang fand, walteten Friede und Freude im ganzen Weltall. Alles befand sich in vollkommener Übereinstimmung mit dem Willen des Schöpfers. Die Liebe zu Gott war über alles erhaben, die Liebe zueinander rein in ihren Beweggründen. Christus, das Wort, der eingeborene Sohn Gottes, war eins mit dem ewigen Vater — eins in Natur, im Wesen und im Vorhaben — das einzige Wesen im ganzen Weltall, das mit allen Ratschlüssen und Absichten Gottes vollkommen vertraut war. Durch Christus wirkte der Vater bei der Erschaffung aller himmlischen Wesen. „Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel … ist, das Sichtbare und Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten“ (Kol. 1, 16); und Christus samt dem Vater gelobte der ganze Himmel Treue und Gehorsam.
Da das Gesetz der Liebe die Grundlage der Regierung Gottes war, so hing die Glückseligkeit aller erschaffenen Wesen von ihrer vollkommenen Übereinstimmung mit den erhabenen Grundsätzen der Gerechtigkeit ab. Gott sieht bei allen seinen Geschöpfen auf den Dienst der Liebe, auf eine Huldigung, die einer einsichtsvollen Wertschätzung seines Charakters entspringt. Ihm gefällt keine erzwungene Treue, und er verleiht allen Wesen Willensfreiheit, damit sie ihm einen freiwilligen Dienst darbringen.

Es lebte jedoch einer, der es vorzog, diese Freiheit zu verkehren. Die Sünde hatte ihren Ursprung bei dem, der nächst Christus am meisten von Gott geehrt worden war und der unter den Bewohnern des Himmels an Macht und Ehre am höchsten stand. Vor seinem Fall war Luzifer der erste der schirmenden Engel, heilig und unbefleckt. „So spricht Gott der Herr: Du warst das Abbild der Vollkommenheit, voller Weisheit und über die Maßen schön. … Du warst ein glänzender, schirmender Cherub, und auf den heiligen Berg hatte ich dich gesetzt; … und wandeltest inmitten der feurigen Steine. Du warst ohne Tadel in deinem Tun von dem Tage an, als du geschaffen wurdest, bis an dir Missetat gefunden wurde.“ (Hes. 28, 12-15.)

Luzifer hätte, geliebt und geehrt von allen Engelscharen, in der Gunst Gottes bleiben und alle seine hohen Begabungen zum Segen anderer und zur Verherrlichung seines Schöpfers anwenden können. Aber der Prophet sagt: „Dein Herz erhob sich wegen deiner Schönheit, du verlorest deinen Verstand wegen deines Glanzes.“ (Hes. 28, 17. v. Eß.) Ganz allmählich ließ Luzifer eine Neigung zur Selbsterhebung in sich aufkommen. „Weil sich denn dein Herz erhebt, als wäre es eines Gottes Herz.“ „Du aber gedachtest in deinem Herzen: Ich will … meinen Thron über die Sterne Gottes erhöhen; ich will mich setzen auf den Berg der Versammlung. … Ich will auffahren über die hohen Wolken und gleich sein dem Allerhöchsten.“ (Hes. 28, 6; Jes. 14, 13. 14.)

Anstatt danach zu trachten, Gott durch die Anhänglichkeit und Treue seiner Geschöpfe über alles zu erhöhen, war es Luzifers Bestreben, ihren Dienst und ihre Huldigung für sich zu gewinnen. Und, indem ihn nach der Ehre gelüstete, die der unendliche Vater seinem Sohn gegeben hatte, strebte dieser Engelfürst nach einer Macht, die ausschließlich Christus vorbehalten war.
Der ganze Himmel hatte Freude daran gefunden, die Herrlichkeit des Schöpfers widerzustrahlen und seine Gerechtigkeit zu rühmen. Und während Gott auf diese Weise geehrt wurde, war alles voller Friede und Freude gewesen. Doch störte nun ein Misston den himmlischen Einklang. Die Selbsterhebung und ihr Dienst, die dem Plan des Schöpfers zuwider sind, erweckten Vorahnungen des Übels in Gemütern, denen die Verherrlichung Gottes das Höchste bedeutete. Der himmlische Rat verhandelte die Sache mit Luzifer. Der Sohn Gottes stellte ihm die Größe, die Güte und die Gerechtigkeit des Schöpfers und das heilige und unveränderliche Wesen seines Gesetzes vor. Gott selbst habe die Ordnung des Himmels eingeführt, und Luzifer würde seinen Schöpfer verachten und sich selbst ins Verderben stürzen, wenn er davon abwiche. Aber die in unendlicher Liebe und Barmherzigkeit erteilte Warnung erregte nur den Geist des Widerstandes. Luzifer ließ sich von der Eifersucht gegen Christus beherrschen und handelte um so entschlossener.
Der Stolz auf seine Herrlichkeit nährte das Verlangen nach der Oberherrschaft. Die Luzifer erwiesenen hohen Ehren wurden von ihm nicht als die Gabe Gottes anerkannt und riefen keine Dankbarkeit gegen den Schöpfer wach. Er brüstete sich mit seiner Herrlichkeit und erhabenen Stellung und strebte danach, Gott gleich zu sein. Die himmlischen Heerscharen liebten und ehrten ihn. Engel fanden Freude daran, seine Anordnungen auszuführen, und er war mehr als sie alle mit Weisheit und Herrlichkeit ausgestattet. Dennoch war der Sohn Gottes der anerkannte Fürst des Himmels, eins mit dem Vater an Macht und Gewalt. An allen Beratungen Gottes nahm Christus teil, während es Luzifer nicht gestattet war, so tief in die göttlichen Absichten eingeweiht zu werden. Warum, so fragte sich dieser gewaltige Engel, sollte Christus die Oberherrschaft haben? Warum wird er auf diese Weise höher geehrt als ich?

Seinen Platz in der unmittelbaren Nähe Gottes verlassend, ging Luzifer hin und säte den Geist der Unzufriedenheit unter die Engel. Sein Werk mit geheimnisvoller Verborgenheit betreibend und eine Zeitlang seine wahren Absichten unter dem Anschein der Ehrfurcht vor Gott verbergend, versuchte er, Unzufriedenheit zu erregen über die den himmlischen Wesen gegebenen Gesetze, und deutete an, dass diese unnötige Einschränkungen auferlegten. Er behauptete, dass, da die Engel von Natur heilig seien, sie auch den Eingebungen ihres eigenen Willens gehorchen dürften, und versuchte, Mitgefühl für sich selbst zu gewinnen, indem er es so darstellte, als ob Gott ihn ungerecht behandelte, indem er Christus die höchste Ehre erzeigte. Er gab vor, dass er nicht nach Selbsterhebung trachte, wenn er nach größerer Macht und Ehre suche, sondern Freiheit für alle Bewohner des Himmels sichern wolle, damit sie dadurch eine höhere Stufe des Daseins erreichen möchten.

Gott trug Luzifer lange mit großer Barmherzigkeit. Er enthob ihn nicht sofort seiner hohen Stellung, als er anfing, den Geist der Unzufriedenheit aufkommen zu lassen, selbst dann noch nicht, als er seine falschen Ansprüche den getreuen Engeln unterbreitete. Er wurde noch lange im Himmel geduldet. Wieder und wieder wurde ihm unter der Bedingung der Reue und der Unterwürfigkeit Vergebung angeboten. Anstrengungen, wie sie nur die unendliche Liebe und Weisheit ersinnen konnte, wurden unternommen, ihn seines Irrtums zu überführen. Bisher hatte man im Himmel den Geist der Unzufriedenheit nicht gekannt. Luzifer selbst sah anfangs nicht, wohin er getrieben wurde; er erkannte, die wahre Natur seiner Gefühle nicht. Als dann seine Unzufriedenheit als grundlos nachgewiesen wurde, kam er zu der Überzeugung, dass er im Unrecht gewesen, dass die göttlichen Ansprüche gerecht waren, und er sie als solche vor dem ganzen Himmel anerkennen müsste. Hätte er dies getan, so hätte er sich selbst und viele Engel retten können. Zu dieser Zeit hatte er seine Unterwürfigkeit gegen Gott noch nicht ganz fahren lassen, und obgleich er seine Stellung als schirmender Engel verlassen hatte, hätte er doch, wenn er zu Gott zurückgekehrt wäre, die Weisheit des Schöpfers anerkannt und sich begnügt hätte, den ihm nach dem großen Plane Gottes bestimmten Platz zu bekleiden, wieder in sein Amt eingesetzt werden können. Aber der Stolz hinderte ihn, sich zu unterwerfen. Er verteidigte beharrlich sein eigenes Verhalten, behauptete, keiner Buße zu bedürfen, und überließ sich völlig dem großen Streit mit seinem Schöpfer.

Alle Kräfte seines gewaltigen Geistes wurden nun auf Täuschung gerichtet, um das Mitgefühl der Engel zu erregen, die unter seinem Befehl gestanden hatten. Sogar die Tatsache, dass Christus ihn gewarnt und ihm Rat erteilt hatte, wurde verdreht, um seinen verräterischen Zwecken zu dienen. Denen, die durch liebevolles Vertrauen am innigsten mit ihm verbunden waren, hatte er vorgehalten, dass er ungerecht beurteilt werde, dass man seine Stellung nicht achte und dass seine Freiheit beschränkt werden solle. Von falschen Darstellungen der Worte Christi ging er auf Verdrehungen und direkte Unwahrheiten über und beschuldigte den Sohn Gottes der Absicht, ihn vor den Bewohnern des Himmels demütigen zu wollen. Auch suchte er Streitigkeiten zwischen sich und den treuen Engeln hervorzurufen. Alle, die er nicht verführen und völlig auf seine Seite bringen konnte, klagte er der Gleichgültigkeit gegen das Wohl der himmlischen Wesen an. Gerade das Werk, das er selbst betrieb, legte er denen zur Last, die Gott treu blieben. Und um seiner Anklage über Gottes Ungerechtigkeit gegen ihn Nachdruck zu geben, nahm er seine Zuflucht zu falschen Darstellungen der Worte und Handlungen des Schöpfers. Es lag in seiner Absicht, die Engel mit spitzfindigen Beweisführungen hinsichtlich der Absichten Gottes zu verwirren, alles, was einfach war, hüllte er ins Geheimnisvolle und erregte durch listige Verdrehung Zweifel gegen die deutlichsten Aussagen des Allerhöchsten. Seine hohe Stellung in solch enger Verbindung mit der göttlichen Regierung verlieh seinen Vorspiegelungen eine um so größere Kraft, und viele Engel wurden veranlasst, sich ihm in der Empörung gegen die Autorität des Himmels anzuschließen.
Der allweise Gott gestattete Satan, sein Werk weiterzuführen, bis der Geist der Unzufriedenheit zu einem offenen Aufruhr heranreifte. Seine Pläne mussten sich völlig entwickeln, damit ihr wahres Wesen und Streben von allen erkannt werden konnten. Luzifer war als der gesalbte Cherub hoch erhöht gewesen; er war von den himmlischen Wesen sehr geliebt worden und hatte großen Einfluss auf sie ausgeübt.

Gottes Regierung erstreckte sich nicht nur über die Geschöpfe des Himmels, sondern über die aller Welten, die er geschaffen hatte, und Satan glaubte, falls er die Engel des Himmels mit in die Empörung hineinziehen könnte, er das gleiche auch bei den andern Welten zustandebringen würde. Mit großem Geschick hatte er seine Stellung in der Angelegenheit klargemacht und Scheingründe und Betrug angewandt, um seine Absichten zu erreichen. Seine Macht, zu täuschen, war sehr groß, und indem er sich in ein Lügengewand kleidete, hatte er einen großen Vorteil gewonnen. Sogar die treuen Engel konnten seinen Charakter nicht völlig durchschauen oder erkennen, wohin sein Werk führte.
Satan war so hoch geehrt worden, und alle seine Handlungen waren derart in Geheimnis gehüllt, dass es schwierig war, den Engeln die wahre Natur seines Wirkens zu enthüllen. Bis zu ihrer völligen Entfaltung konnte die Sünde nicht so böse erscheinen, wie sie wirklich war. Bis dahin hatte sie keinen Platz in Gottes Weltall gehabt, und die heiligen Wesen hatten keinen Begriff von ihrer Natur und Bösartigkeit. Sie konnten die schrecklichen Folgen, die aus einer Beiseitesetzung des göttlichen Gesetzes hervorgehen würden, nicht erkennen.

Satan hatte anfangs sein Werk verborgen, indem er eine scheinbare Anhänglichkeit an Gott heuchelte. Er gab vor, die Ehre Gottes, die Beständigkeit seines Reiches und das Wohl aller Himmelsbewohner fördern zu wollen. Während er den ihm untergeordneten Engeln Unzufriedenheit einflößte, wusste er sich sehr geschickt den Anschein zu geben, als wolle er jede Unzufriedenheit beseitigen. Als er darauf drang, dass Veränderungen an den Gesetzen und Verordnungen der Regierung Gottes vorgenommen werden sollten, geschah es unter dem Vorwand, dass sie notwendig seien, um die Eintracht des Himmels zu bewahren.

In dem Verfahren mit der Sünde konnte Gott nur mit Gerechtigkeit und Wahrheit vorgehen. Satan benutzte das, dessen Gott sich nicht bedienen konnte — Schmeichelei und Betrug. Er hatte versucht, das Wort Gottes zu verfälschen, und hatte den Plan seiner Regierung den Engeln falsch dargestellt, indem er behauptete, Gott sei nicht gerecht, wenn er den Bewohnern des Himmels Gesetze und Vorschriften auferlege; er wolle sich durch die Forderung der Unterwürfigkeit und des Gehorsams seitens seiner Geschöpfe nur selbst erheben. Deshalb müsse es sowohl den Bewohnern des Himmels als auch denen aller Welten klar gezeigt werden, dass Gottes Regierung gerecht und sein Gesetz vollkommen sei. Satan hatte sich den Schein gegeben, dass er selbst das Wohl des Weltalls zu fördern suchte. Der wahre Charakter dieses Aufrührers und seine eigentlichen Absichten sollten von allen verstanden werden, und deshalb musste er Zeit haben, sich durch seine gottlosen Werke zu offenbaren.
Die Uneinigkeit, die durch sein Verhalten im Himmel entstanden war, legte Satan dem Gesetz und der Regierung Gottes zur Last. Alles Böse, erklärte er, sei die Folge der göttlichen Regierung. Seine Absicht sei, die Satzungen Gottes zu verbessern. Deshalb war es notwendig, dass er das Wesen seiner Ansprüche entfaltete und die Wirkung seiner vorgeschlagenen Veränderungen am göttlichen Gesetz praktisch zeigte. Satans eigenes Werk musste ihn verdammen. Er hatte von Anfang an behauptet, dass er kein Empörer sei; daher musste das ganze Weltall den Betrüger entlarvt sehen.

Selbst als es beschlossen war, dass Satan nicht länger im Himmel bleiben könnte, vernichtete ihn die unendliche Weisheit nicht. Da nur der Dienst der Liebe Gott angenehm sein kann, so muss sich die Treue seiner Geschöpfe auf die Überzeugung von seiner Gerechtigkeit und Güte gründen. Die Bewohner des Himmels und anderer Welten hätten, da sie unvorbereitet waren, das Wesen oder die Folgen der Sünde zu begreifen, die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes bei der Vernichtung Satans nicht erkennen können. Wäre er unmittelbar aus dem Dasein ausgetilgt worden, so hätten sie Gott mehr aus Furcht als aus Liebe gedient. Der Einfluss des Betrügers wäre nicht völlig verwischt noch der Geist der Empörung gänzlich ausgetilgt worden. Das Böse musste reifen. Zum Besten des gesamten Weltalls für ewige Zeiten musste Satan seine Grundsätze ausführlicher entfalten, damit seine Anklagen gegen die göttliche Regierung von allen erschaffenen Wesen in ihrem wahren Lichte gesehen und die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes sowie die Unveränderlichkeit seines Gesetzes für immer ohne allen Zweifel hinaus festgestellt werden könnten.
Satans Empörung sollte dem Weltall für alle kommenden Zeiten eine Lehre sein, ein beständiges Zeugnis für die Natur und die schrecklichen Folgen der Sünde. Die Befolgung der Grundsätze Satans und ihre Auswirkung auf Menschen und Engel sollten zeigen, was die Frucht der Missachtung der göttlichen Autorität sein würde. Sie mussten bezeugen, dass mit dem Bestehen der Regierung Gottes und seines Gesetzes die Wohlfahrt aller von ihm geschaffenen Wesen verbunden ist. So sollte die Geschichte dieses schrecklichen Empörungsversuches allen heiligen Wesen eine beständige Schutzwehr sein, um sie vor einer Täuschung hinsichtlich des Wesens der Übertretung, dem Begehen der Sünde und dem Erleiden der Strafe zu bewahren.

Bis zum Ende des Streites im Himmel fuhr der große Machtanmaßer fort, sich zu rechtfertigen. Als angekündigt wurde, dass er mit allen seinen Anhängern aus den Stätten der Wonne ausgestoßen werden müsse, erklärte der Rädelsführer kühn seine Verachtung gegen des Schöpfers Gesetz. Er wiederholte immer wieder seine Behauptung, dass die Engel keiner Aufsicht bedürften, sondern frei sein müssten, ihrem eigenen Willen zu folgen, der sie allezeit richtig führen werde. Er schmähte die göttlichen Satzungen als eine Beschränkung ihrer Freiheit und erklärte, dass es sein Vorhaben sei, die Abschaffung des Gesetzes herbeizuführen, auf dass, befreit von diesem Zwang, die Heerscharen des Himmels zu einem erhabeneren, herrlicheren Dasein gelangen möchten.

In völligem Einverständnis legten Satan und seine Scharen die Verantwortlichkeit für ihre Empörung gänzlich Christus zur Last und behaupteten, dass, falls sie nie gerügt worden wären, sie sich auch nie aufgelehnt hätten. Da der Erzempörer und alle seine Anhänger hartnäckig und herausfordernd in ihrer Treulosigkeit verharrten, sich vergeblich bemühten, die Regierung Gottes zu stürzen und dennoch sich, Gott lästernd, als unschuldige Opfer einer ungerechten Macht hinstellten, wurden sie schließlich aus dem Himmel verbannt. (Offb. 12, 7-9.)
Derselbe Geist, der die Empörung im Himmel anstiftete, erregt noch immer Aufruhr auf Erden. Satan verfolgt denselben Plan bei den Menschen wie unter den Engeln. Sein Geist herrscht nun in den Kindern des Ungehorsams (Eph. 2, 2.). Gleich ihm versuchen auch sie die Schranken des Gesetzes Gottes niederzureißen und versprechen den Menschen Freiheit durch die Übertretung seiner Vorschriften. Rüge wegen der Sünde erweckt noch immer den Geist des Hasses und des Widerstandes. Wirken Gottes Warnungsbotschaften auf das Gewissen, so verleitet Satan die Menschen, sich zu rechtfertigen und bei andern Teilnahme für ihr sündiges Leben zu suchen. Anstatt ihre Irrtümer zu berichtigen, nähren sie den Unwillen gegen den Mahnenden, als sei er die einzige Ursache ihrer Schwierigkeit. Von den Tagen des gerechten Abels bis in unsere Zeit hat sich dieser Geist denen gegenüber offenbart, die es wagten, die Sünde zu rügen.

Durch die gleiche verkehrte Darstellung des Charakters Gottes, deren Satan sich im Himmel bediente und wodurch Gott als streng und herrschsüchtig abgestempelt wurde, verleitete er auf Erden die Menschen zur Sünde. Und als er damit erfolgreich war, behauptete er, Gottes ungerechte Einschränkungen hätten zum Fall des Menschen geführt, gleichwie sie auch Anlass zu seiner eigenen Empörung gewesen wären.
Aber der Ewige selbst verkündet seinen Charakter, als „Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, und vor welchem niemand unschuldig ist.“ (2. Mose 34, 6. 7.)

Durch die Verbannung Satans aus dem Himmel bekundete Gott seine Gerechtigkeit und behauptete die Ehre seines Thrones. Als aber der Mensch sündigte, weil er auf die Täuschungen dieses abgefallenen Engelfürsten einging, bewies Gott seine Liebe dadurch, dass er seinen eingeborenen Sohn für die sündigen Menschen in den Tod gab. In der Versöhnung bekundet sich der Charakter Gottes. Das Kreuz ist für das ganze Weltall der offenbare und mächtigste Beweis, dass das sündige Verhalten Luzifers in keiner Hinsicht der Regierung Gottes zur Last gelegt werden kann.

In dem Kampf zwischen Christus und Satan wurde zur Zeit des irdischen Wirkens Jesu der Charakter des großen Betrügers entlarvt. Nichts hätte Satan so gründlich von der Liebe der himmlischen Engel und des ganzen untertänigen Weltalls trennen können als dieser grausame Streit gegen den Erlöser der Welt. Die vermessene Lästerung in seiner Forderung, dass Christus ihn anbeten sollte, seine anmaßende Dreistigkeit, ihn auf den Bergesgipfel und die Tempelzinne zu tragen, die heimtückische Absicht, die sich in dem Vorschlag zu erkennen gab, dass Christus sich von dieser schwindelnden Höhe hinabstürzen solle, die nie ruhende Bosheit, die ihn von Ort zu Ort verfolgte und die Herzen von Priestern und Volk anfeuerte, seine Liebe zu verwerfen, und schließlich der Schrei: „Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“ – dies alles erregte das Staunen und die Entrüstung des Weltalls.
Satan verführte die Welt, Christus zu verwerfen. Der Fürst des Bösen wandte alle seine Macht und seine Verschlagenheit an, Jesus zu verderben; denn er sah, dass des Heilandes Barmherzigkeit und Liebe, seine mitleidsvolle Zärtlichkeit und Teilnahme der Welt den Charakter Gottes veranschaulichten.

Satan machte jeglichen Anspruch des Sohnes Gottes streitig und benutzte Männer als seine Werkzeuge, um das Leben des Heilandes mit Leiden und Sorge anzufüllen. Die Spitzfindigkeiten und Unwahrheiten, durch die er das Werk Christi zu hindern versucht hatte, der durch die Kinder des Ungehorsams bekundete Hass, seine grausamen Anschuldigungen gegen den, dessen Leben ein beispielloser Liebesdienst war, alles entsprang einer tiefgewurzelten Rachsucht. Das zurückgehaltene Feuer des Neides und der Bosheit, des Hasses und der Rachsucht brach auf Golgatha gegen den Sohn Gottes los, während der gesamte Himmel in stillem Entsetzen auf dieses Geschehen herabblickte.
Als das große Opfer vollbracht war, fuhr Christus auf zum Vater, weigerte sich jedoch, die Anbetung der Engel entgegenzunehmen, ehe er dem Vater die Bitte vorgelegt hatte: „Vater, ich will, daß, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast.“ (Joh. 17, 24.) Dann kam mit unaussprechlicher Liebe und Macht vom Throne Gottes die Antwort: „Es sollen ihn alle Engel Gottes anbeten.“ (Hebr. 1, 6.) Kein einziger Flecken ruhte auf Jesus. Nach Beendigung seiner Erniedrigung, nach der Vollendung seines Opfers wurde ihm ein Name gegeben, der über alle Namen ist.

Nun stand Satans Vergehen ohne Entschuldigung da. Er hatte seinen wahren Charakter als Lügner und Mörder offenbart. Es erwies sich, dass er denselben Geist, mit dem er die unter seiner Macht stehenden Menschenkinder beherrschte, auch im Himmel bekundet haben würde, wäre ihm gestattet gewesen, dessen Bewohner zu regieren. Er hatte behauptet, dass die Übertretung des Gesetzes Gottes Freiheit und Erhebung bringen würde; statt dessen zeigte es sich, dass die Folgen nur Knechtschaft und Entartung waren. 

Satans lügenhafte Anschuldigungen gegen den göttlichen Charakter und die göttliche Regierung erschienen in ihrem wahren Licht. Er hatte Gott angeschuldigt, dass er um seiner eigenen Erhebung willen Unterwerfung und Gehorsam von seinen Geschöpfen fordere, und hatte erklärt, dass der Schöpfer, während er von allen anderen Selbstverleugnung erpresse, sie selbst nicht übe, noch irgendein Opfer bringe. Nun zeigte es sich, dass zum Heil der gefallenen und sündigen Menschen der Herrscher des Weltalls das größte Opfer gebracht hatte, das die Liebe zu bringen vermochte; „denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber.“ (2. Kor. 5, 19.)

Man sah ferner, dass Luzifer durch sein Verlangen nach Ehre und Oberherrschaft der Sünde Einlass verschafft hatte, dass Christus aber, um die Sünde auszutilgen, sich gedemütigt hatte und bis zum Tode gehorsam geworden war.
Gott hatte seinen Abscheu gegen die Grundsätze der Empörung deutlich bekundet. Der gesamte Himmel sah sowohl in der Verdammung Satans als auch in der Erlösung des Menschen eine Offenbarung seiner Gerechtigkeit. Luzifer hatte erklärt, dass, falls das Gesetz Gottes unveränderlich und seine Strafe unerlässlich sei, jeder Übertreter auf ewig von der Gunst des Schöpfers ausgeschlossen sein müsse. Er hatte behauptet, dass das sündige Geschlecht nicht erlöst werden könne und deshalb seine rechtmäßige Beute sei. Aber der Tod Christi war eine Beweisführung zugunsten der Menschen, die nicht widerlegt werden konnte. Die Strafe des Gesetzes fiel auf den, der Gott gleich war, und der Mensch konnte die Gerechtigkeit Christi annehmen und durch einen reumütigen und demütigen Wandel über die Macht Satans siegen, wie auch der Sohn Gottes gesiegt hatte. Somit ist Gott gerecht und ist dennoch der Rechtfertiger aller, die an Jesus glauben.
Aber es war nicht nur, um die Erlösung des Menschen zu vollbringen, dass Christus auf diese Erde kam, um zu leiden und zu sterben. Er kam, um das „Gesetz herrlich und groß“ zu machen. Nicht nur, damit die Bewohner dieser Welt das Gesetz achten möchten, wie es ihm gebührt, sondern um allen Welten der ganzen Schöpfung zu beweisen, dass das Gesetz Gottes unveränderlich ist. Hätten seine Ansprüche beiseitegesetzt werden können, dann hätte Gottes Sohn nicht sein Leben opfern müssen, um die Übertretung zu sühnen. Der Tod Christi beweist seine Unveränderlichkeit. Und das Opfer, zu dem die unendliche Liebe den Vater und den Sohn drang, damit Sünder erlöst werden möchten, zeigt dem ganzen Weltall — wie nichts Geringeres als dieser Erlösungsplan es hätte zeigen können — dass Gerechtigkeit und Barmherzigkeit die Grundlage des Gesetzes und der Regierung Gottes sind.

In der endgültigen Vollstreckung des Gerichtes wird es sich herausstellen, dass kein Grund für die Sünde besteht. Wenn der Richter der ganzen Erde Satan fragen wird: Warum hast du dich wider mich empört und mich der Untertanen meines Reiches beraubt?, dann wird der Urheber des Übels keine Entschuldigung vorbringen können. Aller Mund wird verstopft werden, und die aufrührerischen Scharen werden stumm dastehen. Während das Kreuz auf Golgatha das Gesetz als unveränderlich erklärt, verkündigt es der Welt, dass der Tod der Sünde Sold ist. Mit dem Todesruf des Heilandes: „Es ist vollbracht!“ wurde dem Satan die Sterbeglocke geläutet. Der große so lange andauernde Streit wurde entschieden und die endgültige Austilgung der Sünde sichergestellt. Der Sohn Gottes ging durch die Tore des Todes, „damit er durch seinen Tod die Macht nähme dem, der Gewalt über den Tod hatte, nämlich dem Teufel.“ (Hebr. 2, 14.) Luzifers Verlangen nach Selbsterhebung hatte ihn verleitet zu sagen: „Ich will … meinen Thron über die Sterne Gottes erhöhen. … Ich will … gleich sein dem Allerhöchsten.“ Gott sagt: „Darum … will ich dich zu Asche machen auf der Erde, dass du … nicht mehr aufkommen kannst.“ (Jes. 14, 13. 14; Hes. 28, 18. 19.) „Denn siehe, es kommt ein Tag, der brennen soll wie ein Ofen. Da werden alle Verächter und Gottlosen Stroh sein, und der kommende Tag wird sie anzünden, spricht der Herr Zebaoth, und er wird ihnen weder Wurzel noch Zweig lassen.“ (Mal. 3, 19.)

Das ganze Weltall wird Zeuge von dem Wesen und den Folgen der Sünde geworden sein, und ihre gänzliche Ausrottung, die, wäre sie gleich am Anfang geschehen die Engel in Furcht versetzt und Gott Schande gebracht hätte, wird nun seine Liebe rechtfertigen und seine Ehre vor allen Wesen des Weltalls erheben, deren größte Freude es ist, seinen Willen zu tun, und in deren Herzen sein Gesetz geschrieben steht. Nie wird das Übel wieder auftreten. Das Wort Gottes sagt: „Es wird das Unglück nicht zweimal kommen.“ (Nahum 1, 9.) Das Gesetz Gottes, das Satan als ein Joch der Knechtschaft geschmäht hat, wird als das Gesetz der Freiheit geehrt werden. Die geprüfte und bewährte Schöpfung wird nie wieder abfallen von ihrer Ergebenheit gegen den, dessen Charakter sich völlig in unergründlicher Liebe und unendlicher Weisheit offenbart hat.