Bis Himmel und Erde vergehen

Bis Himmel und Erde vergehen

„Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht. Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich.“ (Matthäus 5,17-19)

Es war Christus, der auf dem Berge Sinai unter Donner und Blitz das Gesetz verkündet hatte. Die Herrlichkeit Gottes glühte als verzehrendes Feuer auf dem Gipfel, und der ganze Berg bebte angesichts des Ewigen. Die Scharen Israels hatten sich in den Staub gebeugt und lauschten ehrfurchtsvoll der Verkündigung der heiligen Satzungen. Welch ein Gegensatz zu dem Bild auf dem Berg der Seligpreisungen! Sonnigen Himmel über sich, Stille ringsumher, nur dann und wann durch Vogelsang unterbrochen, legte Jesus die Grundzüge seines Reiches dar. Und doch war das, was der Sohn Gottes an jenem Tage vor dem Volk in Worte der Liebe kleidete, nichts anderes, als was er einst vom Berg Sinai in Gesetzesform verkündet hatte. Als das Gesetz einst unter Donner und Blitz gegeben wurde, brauchte Israel, das in langer Fron der Ägypter niedergezwungene Volk, eine kraftvolle und großartige Gottesoffenbarung. Doch war der Offenbarungsgott trotzdem ein Gott der Liebe.
„Der Herr ist vom Sinai gekommen und ist ihnen aufgeleuchtet von Seir her. Er ist erschienen vom Berge Paran her und ist gezogen nach Meribath-Kadesch; In seiner Rechten ist ein feuriges Gesetz für sie. Wie hat er sein Volk so lieb! Alle Heiligen sind in deiner Hand. Sie werden sich setzen zu deinen Füßen Und werden lernen von deinen Worten.“ (5.Mose 33,2.3)
Gott offenbarte Mose seine Herrlichkeit in jenen tiefen, als köstliches Erbe auf uns gekommenen Worten: „Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde.“ (2.Mose 34,6.7)

Das sinaitische Gesetz ist aus dem göttlichen Grundzug der Liebe entsprossen; es ist eine Offenbarung himmlischer Ordnung vor der ganzen Erde. Es wurde in die Hände eines Mittlers gelegt. Verkündigt aber hat es der, dem auch die Kraft innewohnt, Menschenherzen auf den Klang seiner Grundtöne abzustimmen. Den Zweck seines Gesetzes hat Gott mit seinen Worten an Israel erklärt: „Ihr sollt mir heilige Leute sein.“ (2.Mose 22,30)
Israel konnte indessen den geistlichen Gehalt des Gesetzes nicht erfassen. Nur zu oft war ihr angeblicher Gehorsam nichts als eine Erfüllung von Formen und Vorschriften, während er doch Hingabe des Herzens an die Herrschaft der Liebe sein sollte. Als Jesus in seinem Wesen und Wirken den Menschen die Heiligkeit, Barmherzigkeit und Vaterliebe Gottes vorlebte und die Wertlosigkeit veräußerlichten Gehorsams an den Tag brachte, konnten ihn die jüdischen Führer nicht begreifen und zeigten sich daher auch nicht empfänglich. Nach ihrer Ansicht nahm er es viel zu leicht mit dem Gesetzesgehorsam. Als er ihnen daher den Gehalt ihrer göttlich verordneten Religionsübung offenbarte, beschuldigten sie ihn der Auflösung des Gesetzes, eben weil sie nur die Schale vor Augen hatten.

Wenn Christi Rede auch Ruhe atmete, war sie doch von so tiefem Ernst und solcher Kraft, dass sie die Herzen der Hörer erschütterte. Die Leute hatten nichts anderes zu hören erwartet, als was ihnen von den Rabbinern bis zum Überdruss gepredigt und geboten worden war. Doch welche angenehme Überraschung erlebten sie! „Denn er lehrte mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten.“ (Matthäus 7,29) Die Pharisäer merkten gar bald, welcher Abgrund sich zwischen ihrer Lehrweise und der des Herrn auftat. Sie beobachteten, dass die Größe, Reinheit und Schönheit der Wahrheit sich mit ihrer ganzen veredelnden Macht in viele Herzen hineinsenkte. Die göttliche Liebe und das Mitgefühl des Heilandes gewannen ihm die Herzen der Menschen. Die Schriftgelehrten mussten zusehen, wie seine Lehre ihren ganzen Unterrichtserfolg im Volke in Frage stellte. Er riss die Scheidewand nieder, hinter der ihr Stolz und ihre Einbildung so üppig gedeihen konnten, und sie fürchteten mit Recht, dass er ihnen das Volk noch ganz entfremden würde. Deshalb folgten sie ihm mit entschlossener Feindseligkeit in der Hoffnung, eines Tages könnte sich die Gelegenheit bieten, ihm die Gunst der Masse abwendig zu machen und dann beim Hohen Rat seine Verurteilung und seinen Tod durchzusetzen.

Jesus war auf dem Berge von Spähern umgeben. Während er die Grundzüge der Gerechtigkeit entwickelte, setzten die Pharisäer das Geschwätz in Umlauf, dass seine Lehre in Widerspruch stehe zu den Geboten, die Gott vom Sinai gegeben habe. Der Heiland sagte jedoch nichts, was geeignet war, den Glauben an die Religion und die Bräuche zu erschüttern, die durch Mose gegeben waren. Hatte doch der große Führer Israels alles Licht, mit dem er den Pfad Israels erleuchtete, von Christus empfangen. Während viele in ihren Herzen sprechen, dass Christus gekommen sei, das Gesetz auszulöschen, hat dieser ganz unmissverständlich seine Stellung zu den göttlichen Geboten kundgetan. „Ihr sollt nicht wähnen“, sprach er, „dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen.“
Es ist der Schöpfer des Menschen, der Stifter des Gesetzes, der hier erklärt, dass es nicht seine Absicht sei, diese Gebote beiseite zu stellen. Die gesamte Schöpfung, vom Stäubchen im Sonnenstrahl bis zu den Weltenkörpern in unermesslicher Ferne, unterliegt Gesetzen. Ordnung und Einklang der natürlichen Welt hängen von der Beachtung dieser Gesetze ab. Nun gibt es aber auch ein Gesetz der Gerechtigkeit, dem das Leben aller vernünftigen Wesen unterliegt. Von der Einheit mit diesem Gesetz hängt das Wohl und Wehe des ganzen Weltalls ab. Noch ehe es überhaupt eine Erde gab, bestand das Gesetz Gottes. Engel sind ihm untertänig, und wenn die Erde mit dem Himmel in Einklang stehen soll, muss auch der Mensch nach den göttlichen Richtlinien handeln. Christus machte schon in Eden die Menschen mit dem Gesetz bekannt, da „mich die Morgensterne miteinander lobten und jauchzten alle Gottessöhne“. (Hiob 38,7) Die Sendung Christi auf Erden bestand nicht darin, das Gesetz aufzulösen, sondern durch seine Gnade den Menschen zum Gehorsam gegen die göttlichen Vorschriften zurückzuführen.

Der Lieblingsjünger des Herrn, der auch zu der Hörergemeinde auf dem Berge gehört hatte, schrieb lange danach, durch den Heiligen Geist getrieben, dass das Gesetz für immer bindend sei. Aus seiner Feder stammt das Wort: „Die Sünde besteht in der Übertretung des Gesetzes“, und „jeder, der Sünde tut, übertritt das Gesetz“. (1.Johannes 3,4) Er zeigt deutlich, welches Gesetz er damit meint, nämlich „das alte Gebot, das ihr habt von Anfang gehabt“. (1.Johannes 2,7) Er spricht von dem Gesetz, das schon bei der Schöpfung bestand und auf dem Berge Sinai erneut verkündet wurde. Und von diesem Gesetz sagt Jesus: „Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.“ Er bedient sich hier des Wortes „erfüllen“ in demselben Sinn wie vorher, als er Johannes dem Täufer seine Absicht kundtat, „alle Gerechtigkeit zu erfüllen“ (Matthäus 3,15), d.h. das Maß der Gesetzesbefolgung vollzumachen und damit ein Beispiel vollkommener Übereinstimmung mit dem Willen Gottes zu geben.
Seine Sendung bestand darin, „dass er sein Gesetz herrlich und groß mache“. (Jesaja 42,21) Er sollte die geistliche Beschaffenheit des Gesetzes offenbaren, seine allumfassenden Grundlagen aufdecken und seine ewige Gültigkeit darlegen.
O Jesus in Deiner Schöne, was sind die ehrenhaftesten und edelsten Menschen gegen Dich! Du, von dem der Geist der Weissagung durch Salomo schrieb, dass Du seiest „auserkoren unter Tausenden … und lieblich“ (Hohelied 5,10-16); von dem David, als er Dich im Gesicht schaute, sprach: „Du bist der Schönste unter den Menschenkindern“ (Psalm 45,3); der du bist das Ebenbild Deines Vaters, der Abglanz seiner Herrlichkeit; Du, Dich opfernder Erlöser, warst auf Deinem Liebesgang über die Erde ein lebendiges Gesetz Gottes! Durch Dein Leben ist es offenbar geworden, dass die Liebe von oben, dass christliche Lebensführung auf den Gesetzen der ewigen Gerechtigkeit beruht.

Jesus sagte: „Bis dass Himmel und Erde vergehe, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis dass es alles geschehe.“ Durch seinen eigenen Gehorsam gegen das Gesetz hat Christus dessen Unwandelbarkeit bezeugt und den Beweis erbracht, dass alle Söhne und Töchter Adams auch diesen vollkommenen Gehorsam aufbringen können. Auf dem Berge erklärte er, dass nicht ein Pünktchen vom Gesetz vergehen werde, bis alles sich erfüllt habe; alles, was dem Menschengeschlecht bestimmt ist und sich auf den Erlösungsplan bezieht.

Er lehrt nicht, dass das Gesetz jemals abgeschafft werden soll, richtet dagegen das Auge nach dem äußersten Punkt des menschlichen Blickfeldes und versichert uns, dass das Gesetz in Kraft bleiben werde, bis wir dort angelangt sind, damit ja niemand annehmen könne, seine Sendung habe auf die Auslöschung der heiligen Vorschriften abgezielt. Solange Himmel und Erde bestehen, wird auch das heilige Gesetz Gottes bleiben. Seine Gerechtigkeit wird bestehen „wie die Berge Gottes“ (Psalm 36,7), wird eine Segensquelle sein, von der erquickende Wasser sich über die Erde ergießen.
Da das Gesetz des Herrn vollkommen, mithin unwandelbar ist, vermag der sündige Mensch aus sich nicht die Höhe seiner Forderungen zu erklimmen. Hier nun griff Jesus als Erlöser ein. Seine Aufgabe bestand darin, den Menschen der göttlichen Natur teilhaftig zu machen, zwischen ihm und dem himmlischen Gesetz den Einklang herzustellen. Wenn wir unsere Sünden lassen und Christus als Heiland aufnehmen, wird das Gesetz erhöht. Der Apostel Paulus stellte die Frage: „Wie? Heben wir denn das Gesetz auf durch den Glauben? Das sei ferne! Sondern wir richten das Gesetz auf.“ (Römer 3,31)
Die Verheißung des Neuen Bundes lautet: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben, und in ihren Sinn will ich es schreiben.“ (Hebräer 10,16) Während die Vorbilder, die auf Christus als das Lamm Gottes hinwiesen, mit seinem Tode verschwinden sollten, sind die Grundlagen der Gerechtigkeit, die in den Zehn Geboten sinnfälligen Ausdruck fanden, so unveränderlich wie der ewige Stuhl Gottes. Nicht ein Gebot ist für ungültig erklärt worden, nicht ein Jota, nicht ein Tüttel verändert worden. Die Grundsätze, die der Mensch im Paradies als Lebensgesetz kennenlernte, werden unverändert auch im wiederhergestellten Paradies bestehen. Wenn die Erde wieder als Garten Eden erblühen wird, werden alle, denen Gottes Sonne scheint, seinem Liebesgesetz gehorchen.
„Herr, dein Wort bleibt ewiglich.“ (Psalm 119,89) „Alle seine Ordnungen sind beständig. Sie stehen fest für immer und ewig; sie sind recht und verlässlich.“ (Psalm 111,7.8) „Längst weiß ich aus deinen Mahnungen, dass du sie für ewig gegründet hast.“ (Psalm 119,152.)

„Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich“

Er wird der Kleinste heißen bedeutet, dass er dort keine Stätte finden wird. Denn wer mutwillig ein Gebot übertritt, bricht sie dem Geiste und der Wahrheit nach allesamt. „So jemand das ganze Gesetz hält und sündiget an einem, der ist’s ganz schuldig.“ (Jakobus 2,10)
Nicht die Größe einer Tat des Ungehorsams macht die Sünde aus, vielmehr jede Handlung, die, sei es auch im geringsten, vom ausdrücklichen Willen Gottes abweicht. Eine solche lässt nämlich erkennen, dass der Mensch noch immer an die Sünde gebunden ist. Das Herz dient zwei Herren. Und das ist tatsächlich eine Verleugnung Gottes, Auflehnung gegen die Gesetze seiner Herrschaft.
Stünde es den Menschen frei, von den Geboten des Herrn abzuweichen und das Maß ihrer Pflichten selbst zu bestimmen, dann würde es so viele Gesetze wie Sinne geben, und Gott hätte keine Möglichkeit mehr, diese Menschen zu regieren. Menschenwille wäre maßgebend, und Gottes Wille, seine Liebesabsicht mit seinen Geschöpfen, würde entehrt und verachtet werden.
Sobald der Mensch seinen eigenen Weg wählt, macht er sich zum Gegner Gottes. Er hat keinen Raum mehr im Königreich der Himmel, steht er doch im Widerspruch zu den himmlischen Geboten. Wer den Willen Gottes verachtet, stellt sich auf die Seite des Teufels, des Feindes Gottes und der Menschen. Weder durch irgendein Wort noch durch ihrer viele, sondern durch jedes Wort, das aus dem Munde Gottes geht, soll der Mensch leben. Wir können nicht ohne Gefahr selbst über das unscheinbarste Gotteswort achtlos hinweggehen. Es gibt nicht ein einziges Gebot im Gesetz, das nicht auf Wohlfahrt und Glück des Menschen abzielte, sowohl für dieses als auch für das zukünftige Leben. Wenn der Mensch das Gesetz Gottes befolgt, ist er wie mit Festungsmauern umgeben und bleibt vor dem Bösen bewahrt. Wer jedoch diesen göttlichen Schutzwall auch nur an einer Stelle einreißt, hat dem Feinde den Weg geöffnet, dass er einsteigen, verwüsten und verderben kann.

Als unsere ersten Eltern es wagten, den Willen Gottes in einer einzigen Hinsicht zu übergehen, öffneten sie der Welt die Schleusen des Unheils. Jeder, der ihrem Beispiel folgt, wird ähnliche Folgen zu tragen haben. Jedes Gebot des Gesetzes Gottes ist auf dem Grundstein der Liebe errichtet, und wer von den Geboten weicht, stürzt sich ins Unglück und führt seinen eigenen Untergang herbei.

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