Ringt, durch die enge Pforte zu gehen

Ringt, durch die enge Pforte zu gehen

„Es sprach aber einer zu ihm: Herr, meinst du, dass nur wenige selig werden? Er aber sprach zu ihnen: Ringt darum, dass ihr durch die enge Pforte hineingeht; denn viele, das sage ich euch, werden danach trachten, dass sie hineinkommen, und werden’s nicht können.“ (Lukas 13,23.24)

Der Reisende, der sich beeilen musste, das Stadttor noch vor Sonnenuntergang zu erreichen, durfte sich nicht irgendeines Anziehungspunktes wegen auf des Weges Seite schlagen. Er musste alle seine Kraft auf die Erreichung des Zieles richten. Die gleiche Zielstrebigkeit ist nach dem Ausspruch Jesu im Christenleben erforderlich. Jesus hat uns die Herrlichkeit seines Wesens schauen lassen, die auch die wahre Herrlichkeit seines Königtums ausmacht. Darin liegt zwar keine Verheißung irdischer Herrschaft, aber doch ist dies dein Hochziel, wert aller Anstrengung. Jesus ruft dich nicht zum Kampf um die Vorherrschaft eines Reiches dieser Welt; daraus darfst du aber nicht schließen, es gebe hier keinen Kampf auszufechten, keinen Sieg zu gewinnen. Er gebietet dir zu ringen und zu streiten, um in sein geistliches Königreich zu kommen.
Des Christen Leben ist ein Kampf , ein Feldzug. Den Sieg trägt jedoch keiner in menschlicher Kraft davon. Das Schlachtfeld ist des Menschen Herz. Die Schlacht, die wir kämpfen – ein ungeheurer und wohl auch der größte Kampf, geht um die Übergabe des Ichs an den Willen Gottes, um die Auslieferung des Herzens an die Herrschaft der Liebe. Der alte Mensch, nach dem Geblüt und dem Willen des Fleisches geboren, kann nicht ins Reich Gottes eingehen. Er muss seine vererbten Neigungen und seine alten Gewohnheiten aufgeben.

Wer sich zum Eintritt ins Reich des Geistes entschließt, wird bald feststellen, dass alle Macht und Leidenschaft einer ungezügelten Natur zusammen mit den Mächten aus dem Reich der Finsternis sich gegen ihn stellen. Selbstsucht und Stolz werden sich wider alles erheben, was ihre Sündhaftigkeit bloßstellen könnte. Wir können nicht aus uns selbst böse Wünsche und Gewohnheiten besiegen, die um die Herrschaft ringen. Wir können den mächtigen Feind, der uns in seinen Fängen hält, nicht überwinden. Gott allein kann uns den Sieg geben. Er will, dass wir uns selber, unseres Willens und unseres Weges Herr sein sollen. Doch kann er ohne unsere Einwilligung und unseren Krafteinsatz nichts in uns ausrichten. Der Geist Gottes wirkt sich durch die dem Menschen verliehenen Fähigkeiten und Kräfte aus. Gott fordert den Einsatz unserer Willenskraft.
Wir können den Sieg nicht ohne viel ernstes Gebet erringen und auch nicht ohne Demut bei jedem Schritt. Unser Wille wird nicht zur Zusammenarbeit mit göttlichen Mächten gezwungen, das bleibt Sache freien Entschlusses. Wäre es möglich, in dir den Heiligen Geist zu hundertfach stärkerer Wirkung zu bringen, dann würdest du doch nicht zu einem Christen werden und auch nicht fürs Himmelreich geeignet sein; die Festung Satans würde nicht geschleift. Du musst deinen Willen auf die Seite des Gotteswillens stellen. Aus dir selbst kannst du deine Absichten, Wünsche und Neigungen dem Willen Gottes nicht unterwerfen. Doch wenn du bereit bist, willig zu werden, wird Gott an deiner Statt das Werk vollbringen und selbst zerstören die „Anschläge und alles Hohe, das sich erhebt wider die Erkenntnis Gottes, und nehmen gefangen alle Gedanken unter den Gehorsam Christi“. Dann wirst du schaffen, dass du selig wirst, mit Furcht und Zittern. „Denn Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, zu seinem Wohlgefallen.“ (2.Korinther 10,5; Philipper 2,12.13)

Viele jedoch fühlen sich von der Schönheit Christi und der himmlischen Herrlichkeit angezogen, schrecken aber vor den Bedingungen zurück, unter denen allein sie ihrer teilhaftig werden können. Auf dem breiten Weg gibt es gar viele, die nicht recht damit
zufrieden sind, dass sie dort wandeln. Sie wollen aus der Knechtschaft der Sünde heraus und geben sich auch alle Mühe, gegen ihre Gewohnheitssünden anzugehen. Sie schauen nach dem schmalen Weg und der engen Pforte; doch selbstisches Vergnügen, Weltliebe, Stolz und unheiliger Ehrgeiz schieben sich als Schranke zwischen sie und den Heiland. Von ihrem Eigenwillen, von den Zielen ihrer Zuneigung und ihres Strebens loszukommen, erfordert ein Opfer, vor dem sie sich scheuen und wovor sie zurückschrecken. „Viele werden … danach trachten, wie sie hineinkommen, und werden’s nicht können.“ (Lukas 13,24) Sie sehnen sich nach dem Guten, strengen sich auch an, es zu erreichen, erwählen es aber nicht. Sie setzen nicht ihren ganzen Willen dafür ein, es um jeden Preis zu erringen.
Die einzige Hoffnung auf Überwindung liegt für uns darin, unseren Willen dem Willen Gottes beizugesellen, mit ihm zusammen zu wirken, und zwar Stunde um Stunde und Tag für Tag. Wir können nicht bleiben, wie wir sind, und dennoch ins Reich Gottes eingehen. Wenn wir je die Heiligung erlangen, dann nur durch Verleugnung des Ichs und Annahme der Gesinnung Christi. Stolz und Eigendünkel müssen gekreuzigt werden. Sind wir willens, den von uns geforderten Preis zu zahlen? Sind wir entschlossen, unseren Willen vollkommen dem Willen Gottes anzupassen? Die umgestaltende Gnade Gottes wird uns nicht eher zuteil, bis wir zu dem allen bereit sind.
Der Kampf, in den wir ziehen müssen, ist der „gute Kampf des Glaubens“. „Daran ich auch arbeite und ringe in der Wirkung des, der in mir kräftig wirkt“ (Kolosser 1,29), hat der Apostel Paulus gesagt.
Jakob hat sich am größten Wendepunkt seines Lebens zum Gebet gewandt. Es stand ihm dabei ein ungeheures Hochziel vor Augen: die Umwandlung seines Wesens. Doch während er zu Gott betete, griff ihn seiner Meinung nach ein Feind an, und nun rang er die ganze Nacht hindurch um sein Leben. Aber sein inneres Ziel änderte sich trotz seiner Lebensgefahr nicht. Als er seine Kraft fast verausgabt hatte, da trat der Engel mit seiner göttlichen Kraft hervor, und bei seiner Berührung erkannte Jakob den, mit dem er die ganze Nacht hindurch gerungen hatte. Verletzt und hilflos fiel er seinem Heiland an die Brust und bat ihn um seinen Segen. Er ließ sich weder abweisen, noch hörte er auf zu bitten, und so erfüllte Christus dem hilflosen, reuigen Menschen die Bitte entsprechend seiner Verheißung: „O halte er fest an meinem Schatz, und schaffe er mir den Frieden, den Frieden schaffe er mir.“ Jakob bat entschlossen: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“ (Jesaja 27,5; 1.Mose 32,27)
Von diesem Geist der Beharrlichkeit wurde der Erzvater durch den beseelt, der mit ihm gerungen hatte. Der gab ihm auch den Sieg und änderte seinen Namen Jakob in den Namen Israel mit den Worten: „Du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen.“ (1.Mose 32,29) Wonach Jakob in eigener Kraft vergeblich getrachtet hatte, das gewann er durch Selbsthingabe und unentwegten Glauben. „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat“. (1.Johannes 5,4)

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