Entstehung der Adventisten 2/2

In der Weissagung über die erste Engelsbotschaft in Offenbarung 14 wird unter der Verkündigung der baldigen Ankunft Christi eine große religiöse Erweckung vorhergesagt. Johannes sieht einen Engel fliegen „mitten durch den Himmel, der hatte ein ewiges Evangelium zu verkündigen denen, die auf Erden wohnen, und allen Nationen und Stämmen und Sprachen und Völkern.“ „Mit großer Stimme“ verkündigte er die Botschaft: „Fürchtet Gott und gebt ihm die Ehre; denn die Stunde seines Gerichts ist gekommen! Und betet an den, der gemacht hat Himmel und Erde und Meer und die Wasserquellen.“ (Offenbarung 14, 6.7) Die Tatsache, dass ein Engel als der Bote dieser Warnung bezeichnet wird, ist bedeutungsvoll. Es hat der göttlichen Weisheit gefallen, durch die Reinheit, die Herrlichkeit und die Macht des himmlischen Boten die Erhabenheit des durch die Botschaft zu verrichtenden Werkes und die Macht und Herrlichkeit, welche sie begleiten sollten, darzustellen. Und das Fliegen des Engels „mitten durch den Himmel“, die „große Stimme“, mit der die Botschaft verkündigt wird, und ihre Verbreitung unter allen, „die auf Erden wohnen“, „allen Nationen und Geschlechtern und Sprachen und Völkern“ – bekunden die Schnelligkeit und die weltweite Ausdehnung der Bewegung.

Die Botschaft selbst gibt Licht über die Zeit, wann diese Bewegung stattfinden soll. Es heißt, dass sie ein Teil des „ewigen Evangeliums“ sei; und sie kündigt den Beginn des Gerichts an. Die Heilsbotschaft ist in allen Zeitaltern verkündigt worden; aber diese Botschaft ist ein Teil des Evangeliums, das nur in den letzten Tagen verkündigt werden kann, denn nur dann würde es wahr sein, dass die Zeit des Gerichts gekommen ist. Die Weissagungen zeigen eine Reihenfolge von Ereignissen, welche bis zum Beginn des Gerichts reichen. Dies ist besonders bei dem Buch Daniel der Fall. Jenen Teil seiner Weissagungen, welcher sich auf die letzten Tage bezog, sollte Daniel verbergen und versiegeln „bis auf die letzte Zeit.“ Erst dann, wenn diese Zeit erreicht war, konnte die Botschaft des Gerichts, welche sich auf die Erfüllung dieser Weissagung gründet, verkündigt werden. Aber in der letzten Zeit, sagt der Prophet, „werden viele darüberkommen und großen Verstand finden.“ (Daniel 12, 4)
Der Apostel Paulus warnte die Gemeinde, das Kommen Christi in seinen Tagen zu erwarten: „Denn er [der Tag Christi] kommt nicht, es sei denn, dass zuvor der Abfall komme, und offenbart werde der Mensch der Sünde.“ (2. Thessalonicher 2, 3) Erst nach dem großen Abfall und der langen Regierungszeit des „Menschen der Sünde“ dürfen wir die Ankunft unseres Herrn erwarten. Der „Mensch der Sünde“, auch das „Geheimnis der Gesetzlosigkeit“„das Kind des Verderbens“ und der „Gesetzlose“ genannt, stellt das Papsttum dar, welches, wie in der Weissagung vorhergesagt, seine Oberherrschaft 1260 Jahre lang innehaben sollte. Diese Zeit endete im Jahre 1798. Das Kommen Christi konnte nicht vor jener Zeit stattfinden. Die Warnung Pauli erstreckt sich über die lange christliche Bundeszeit bis zum Jahre 1798. Erst nach diesem Jahr sollte die Botschaft von der Wiederkunft Christi verkündigt werden.

Wie die große Reformation im 16. Jahrhundert, so kam die Adventbewegung gleichzeitig in verschiedenen Ländern der Christenheit auf. Sowohl in Europa als auch in Amerika wurden Männer des Glaubens und Gebets zum Studium der Weissagungen geführt, und indem sie die inspirierten Berichte verfolgten, fanden sie überzeugende Beweise, dass das Ende aller Dinge nahe war. In verschiedenen Ländern entstanden vereinzelte Gruppen von Christen, welche allein durch das Studium der Heiligen Schrift zu dem Glauben gelangten, dass die Ankunft des Heilandes nahe sei.

William Miller und seinen Mitarbeitern war die Aufgabe zuteil geworden, die Warnung in Amerika zu predigen. Dies Land wurde der Mittelpunkt der großen Adventbewegung. Hier hatte die Weissagung von der ersten Engelsbotschaft ihre unmittelbare Erfüllung. Die Schriften Millers und seiner Gefährten wurden in entfernte Länder getragen. Überall, wohin die Missionare gedrungen waren, wurde auch die frohe Kunde von der baldigen Wiederkunft Christi hingesandt. Weit und breit erscholl die Botschaft der ersten Engelsbotschaft: „Fürchtet Gott und gebt ihm die Ehre; denn die Stunde seines Gerichts ist gekommen.“ Verhältnismäßig waren es nur wenige Prediger, die diese Botschaft annahmen; deshalb wurde sie meistens bescheidenen Laien anvertraut. Landleute verließen ihre Felder, Handwerker ihre Werkstätten, Händler ihre Waren, andere berufstätige Männer ihre Stellung; und doch war die Zahl der Arbeiter im Verhältnis zu dem zu vollbringenden Werk gering. Der Zustand einer gottlosen Kirche und einer in Bosheit liegenden Welt lastete auf den Seelen der treuen Wächter, und willig ertrugen sie Mühsal, Entbehrung und Leiden, um Menschen zur Buße und zum Heil zu rufen. Obwohl Satan ihnen widerstand, ging doch das Werk beständig vorwärts und die Adventwahrheit wurde von vielen Tausenden angenommen.

Überall wurde das herzergründende Zeugnis gehört, das Sünder, sowohl Weltmenschen als Gemeindeglieder, warnte, dem zukünftigen Zorn zu entfliehen. Wie Johannes der Täufer, der Vorläufer Christi, legten die Prediger die Axt dem Baum an die Wurzel und nötigten alle, rechtschaffene Früchte der Buße zu bringen (Matthäus 3,7-10). Ihre ergreifenden Aufrufe standen in auffallendem Gegensatz zu den Versicherungen des Friedens und der Sicherheit, die von volkstümlichen Kanzeln herab gehört wurden, und wo die Botschaft ertönte, bewegte sie das Volk. Das einfache direkte Zeugnis der Heiligen Schrift, den Menschen durch die Macht des Heiligen Geistes ans Herz gelegt, brachte eine gewichtige Überzeugung hervor, der nur wenige völlig widerstehen konnten. Bekenntliche Christen wurden aus ihrer falschen Sicherheit aufgeschreckt und erkannten ihre Abtrünnigkeit, ihre Weltlichkeit und ihren Unglauben, ihren Stolz und ihre Selbstsucht. Viele suchten den Herrn mit Reue und Demut. Neigungen, die solange auf irdische Dinge gerichtet waren, wandten sich jetzt dem Himmel zu.

Gottes Geist ruhte auf ihnen, und mit besänftigten und gedemütigten Herzen stimmten sie ein in den Ruf: „Fürchtet Gott und gebt ihm die Ehre, denn die Stunde seines Gerichts ist gekommen.“ (Offb. 14, 7) Sünder fragten weinend: „Was soll ich tun, dass ich selig werde?“ Wer einen unehrlichen Wandel geführt hatte, war besorgt, sein Unrecht gutzumachen. Alle, die in Christus Frieden fanden, sehnten sich danach, auch andere an den Segnungen teilhaben zu sehen. Die Herzen der Eltern wandten sich zu ihren Kindern, und die Herzen der Kinder zu ihren Eltern. Die Schranken des Stolzes und der Zurückhaltung wurden beseitigt. Tiefempfundene Bekenntnisse wurden abgelegt, und die Glieder eines Haushaltes arbeiteten für das Heil jener, die ihnen am nächsten und teuersten waren. Oft hörte man ernste Fürbitten. Überall beteten Seelen in tiefer Angst zu Gott. Viele rangen die ganze Nacht im Gebet um die Gewissheit, dass ihre Sünden vergeben seien, oder um die Bekehrung ihrer Verwandten oder Nachbarn.
Alle Menschenklassen strömten zu den Versammlungen der Adventisten. Reich und arm, hoch und niedrig wollten aus verschiedenen Gründen selbst die Lehre von der Wiederkunft Christi vernehmen. Der Herr hielt den Geist des Widerstandes im Zaum, während seine Diener die Gründe ihres Glaubens darlegten. Oft war das Werkzeug schwach, aber der Geist Gottes gab seiner Wahrheit Macht. Die Gegenwart heiliger Engel bekundete sich in diesen Versammlungen, und viele wurden täglich zu den Gläubigen hinzugetan. Wenn die Beweise für die baldige Ankunft Christi wiederholt wurden, lauschten große Mengen in atemlosem Schweigen den feierlichen Worten. Himmel und Erde schienen sich einander zu nähern. Die Macht Gottes wurde von jung und alt verspürt. Die Menschen suchten ihre Wohnungen auf mit Lobpreisungen Gottes auf ihren Lippen, und der fröhliche Klang ertönte durch die stille Nachtluft. Niemand, der jenen Versammlungen beiwohnte, kann jene bedeutungsvollen Vorgänge je vergessen.

Die Verkündigung einer bestimmten Zeit für das Kommen Christi rief unter vielen Menschen aus allen Klassen großen Widerstand hervor, von den Predigern auf der Kanzel an bis zum verwegensten, dem Himmel trotzenden Sünder. Die Worte der Weissagung gingen in Erfüllung: „Ihr sollt vor allem wissen, daß in den letzten Tagen Spötter kommen werden, die ihren Spott treiben, und ihren eigenen Begierden nachgehen und sagen: Wo bleibt die Verheißung seines Kommens? Denn nachdem die Väter entschlafen sind, bleibt alles, wie es von Anfang der Schöpfung gewesen ist.“ (2. Petr. 3, 3. 4.) Viele, die vorgaben, ihren Heiland zu lieben, erklärten, dass sie keine Einwände gegen die Lehre von seinem zweiten Kommen zu machen hätten; sie seien nur gegen die festgesetzte Zeit. Gottes Auge las jedoch, was in ihren Herzen war. Sie wünschten nichts davon zu hören, dass Christus kommen werde, um die Welt mit Gerechtigkeit zu richten. Sie waren untreue Diener gewesen, ihre Werke konnten die Prüfung Gottes, der die Herzen ergründet, nicht ertragen, und sie fürchteten sich, ihrem Herrn zu begegnen. Gleich den Juden zur Zeit Christi waren sie nicht vorbereitet, Jesus zu begrüßen. Sie weigerten sich nicht nur, die deutlichen Beweise aus der Schrift zu hören, sondern verlachten auch die, die auf den Herrn warteten. Satan und seine Engel frohlockten und schleuderten Schmähungen in das Angesicht Christi und der heiligen Engel, dass sein angebliches Volk so wenig Liebe zu ihm habe und sein Erscheinen nicht wünsche.

„Niemand weiß den Tag oder die Stunde,“ lautete die von den Verwerfern des Adventglaubens am häufigsten vorgebrachte Beweisführung. Die Bibelstelle heißt: „Von dem Tage aber und von der Stunde weiß niemand, auch die Engel nicht im Himmel, sondern allein der Vater.“ (Matthäus 24, 36) Eine klare und zutreffende Auslegung dieser Bibelstelle gaben die, die auf ihren Herrn warteten, und die verkehrte Anwendung, die ihre Gegner davon machten, zeigte sich deutlich. Diese Worte wurden von Christus in jener denkwürdigen Unterhaltung mit seinen Jüngern auf dem Ölberg gesprochen, als er zum letzten Male aus dem Tempel gegangen war. Die Jünger hatten die Frage gestellt: „Was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt?“ Jesus gab ihnen gewisse Zeichen und sagte: „Wenn ihr das alles seht, so wisst, dass er nahe vor der Tür ist.“ (Matth. 24, 3. 33) Ein Ausspruch des Heilandes darf nicht so dargestellt werden, dass er dem andern widerspricht. Wenn auch niemand den Tag und die Stunde seines Kommens weiß, so werden wir doch unterrichtet, und es wird von uns verlangt zu wissen, wann es nahe ist. Wir werden ferner gelehrt, dass es für uns ebenso verderblich ist, seine Warnung zu missachten und uns zu weigern oder es zu vernachlässigen, die Zeit seines Kommens zu wissen, wie es für die, die in den Tagen Noahs lebten, verderblich war, nicht zu wissen, wann die Sintflut kommen sollte. Das Gleichnis im selben Kapitel, das den treuen Knecht mit dem ungetreuen vergleicht und das Urteil dessen anführt, der in seinem Herzen sagte: „Mein Herr kommt noch lange nicht,“ zeigt, wie Christus, bei seiner Wiederkunft, diejenigen betrachten und belohnen wird, die wachen und sein Kommen verkündigen, und die, die es in Abrede stellen. „Darum wacht!“ sagt er. „Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, das tun sieht.“ (Matthäus 24, 42.51) „Wenn du aber nicht wachen wirst, werde ich kommen wie ein Dieb, und du wirst nicht wissen, zu welcher Stunde ich über dich kommen werde.“ (Offenbarung 3, 3.)

Paulus spricht von den Menschen, denen die Erscheinung des Herrn unerwartet kommen wird: „Der Tag des Herrn wird kommen wie ein Dieb in der Nacht. Wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es hat keine Gefahr, — dann wird sie das Verderben schnell überfallen … und sie werden nicht entfliehen.“Aber für die, die die Warnung des Herrn beachtet haben, fügt er hinzu: „Ihr aber, liebe Brüder, seid nicht in der Finsternis, daß der Tag wie ein Dieb über euch komme. Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis.“ (1. Thessalonicher 5, 25) Somit war deutlich erwiesen, dass die Bibel den Menschen keinen Vorschub leistet, hinsichtlich der Nähe des Kommens Christi in Unwissenheit zu bleiben. Wer aber eine Entschuldigung suchte, nur um die Wahrheit zu verwerfen, verschloss dieser Erklärung sein Ohr, und die Worte: „Von dem Tage aber und von der Stunde weiß niemand,“ wurden von dem kühnen Spötter und sogar von dem angeblichen Diener Christi beständig wiederholt. Als Leute erweckt wurden und anfingen nach dem Weg des Heils zu fragen, stellten sich Religionslehrer zwischen sie und die Wahrheit und versuchten, ihre Befürchtungen mittels falscher Auslegungen des Wortes Gottes zu zerstreuen. Untreue Wächter verbanden sich mit dem Werk des großen Betrügers und schrien: „Friede! Friede!“, wenn Gott nicht von Frieden gesprochen hatte. Gleich den Pharisäern zur Zeit Christi weigerten sich viele, in das Himmelreich einzugehen, und hinderten die, die hineingehen wollten. Das Blut dieser Seelen wird von ihrer Hand gefordert werden.
Die Demütigsten und Ergebensten in den Gemeinden waren gewöhnlich die ersten, die Botschaft anzunehmen. Wer die Bibel selbst studierte, musste unvermeidlich den schriftwidrigen Charakter der volkstümlichen Ansichten über die Weissagungen sehen, und wo das Volk nicht durch den Einfluss der Geistlichkeit geleitet wurde und das Wort Gottes für sich selbst erforschte, brauchte die Adventlehre nur mit der Heiligen Schrift verglichen zu werden, um deren göttliche Autorität zu bestätigen.

Viele wurden von ihren ungläubigen Brüdern verfolgt. Um ihre Stellung in der Gemeinde zu bewahren, willigten einige ein, bezüglich ihrer Hoffnung zu schweigen; andere aber fühlten, dass die Treue zu Gott ihnen verbiete, die Wahrheiten, die er ihrer Obhut anvertraut hatte, zu verbergen. Nicht wenige wurden aus keinem anderen Grund aus der Kirche ausgeschlossen, als dass sie ihrem Glauben an die Wiederkunft Christi Ausdruck gegeben hatten. Köstlich waren die Worte des Propheten denen, die die Prüfung ihres Glaubens bestanden: „Es sprechen eure Brüder, die euch hassen und verstoßen um meines Namens willen: ‚Lasst doch den Herrn sich verherrlichen, dass wir eure Freude mit ansehen‘ ; doch sie sollen zuschanden werden.“ (Jesaja 66, 5.)

Engel Gottes überwachten mit größter Teilnahme den Erfolg der Warnung. Als die Kirchen die Botschaft allgemein verwarfen, wandten sie sich betrübt ab. Aber es gab noch viele Seelen, die betreffs der Adventwahrheit noch nicht geprüft waren; viele, die durch Ehemänner, Frauen, Eltern oder Kinder irregeleitet worden waren und glaubten, es sei eine Sünde, solche Ketzereien, wie sie von den Adventisten gelehrt wurden, auch nur anzuhören. Den Engeln wurde befohlen, über diese Seelen treulich zu wachen; denn es sollte noch ein anderes Licht vom Throne Gottes auf sie scheinen.
Mit unaussprechlichem Verlangen harrten alle, die die Botschaft angenommen hatten, der Ankunft ihres Heilandes. Die Zeit, da sie erwarteten, ihm zu begegnen, war vor der Tür. Sie näherten sich dieser Stunde mit einem stillen Ernst. Sie verblieben in freundlicher Gemeinschaft mit Gott — ein Pfand des Friedens, der in der zukünftigen Herrlichkeit ihnen zuteil werden sollte. Keiner, der diese Hoffnung und dies Vertrauen erfuhr, kann jene köstlichen Stunden des Wartens vergessen. Schon einige Wochen vor der Zeit wurden die weltlichen Geschäfte von den meisten beiseitegelegt. Die aufrichtigen Gläubigen prüften sorgfältig jeden Gedanken und jede Empfindung ihres Herzens, als ob sie auf dem Totenbett lägen und in wenigen Stunden gegen alles Irdische ihre Augen schließen müssten. Alle fühlten die Notwendigkeit eines inneren Zeugnisses, dass sie zubereitet waren, dem Heiland zu begegnen; ihre weißen Kleider waren Reinheit der Seele – durch das versöhnende Blut Christi gereinigte Charaktere. Hätte doch das Volk Gottes noch denselben herzerforschenden Geist, denselben ernsten, entschiedenen Glauben! Hätte es weiterhin sich auf diese Weise vor dem Herrn gedemütigt und seine Bitten zum Gnadenthron emporgesandt, so würde es jetzt im Besitze weit köstlicherer Erfahrungen sein. Das Volk Gottes betet zu wenig, wird zu wenig wirklich überzeugt von der Sünde, und der Mangel an lebendigem Glauben lässt viele unberührt von der Gnadengabe, die von unserem Erlöser so reichlich vorgesehen wurde.

Gott beabsichtigte sein Volk zu prüfen. Seine Hand bedeckte den in der Rechnung der prophetischen Zeitperioden gemachten Fehler. Die Adventisten entdeckten den Irrtum zwar nicht sofort, jedoch wurde er auch nicht von den Gelehrtesten ihrer Gegner entdeckt. Diese sagten: „Eure Berechnung der prophetischen Perioden ist richtig. Irgendein großes Ereignis wird stattfinden; aber es ist nicht die Wiederkunft.“
Die Zeit der Erwartung ging vorüber, und Christus erschien nicht, um sein Volk zu befreien. Alle, die mit aufrichtigem Glauben und herzlicher Liebe auf ihren Heiland gewartet hatten, erfuhren eine bittere Enttäuschung. Doch wurde Gottes Absicht erreicht; er prüfte die Herzen derer, die vorgaben, auf seine Erscheinung zu warten. Es waren unter ihnen viele, die aus keinem höheren Beweggrund getrieben worden waren als aus Furcht. Ihr Glaube hatte weder ihre Herzen noch ihren Lebenswandel beeinflusst. Als das erwartete Ereignis ausblieb, erklärten diese Leute, dass sie nicht enttäuscht seien; sie hätten nie geglaubt, dass Christus kommen werde; und sie gehörten zu den ersten, die den Schmerz der wahren Gläubigen verspotteten.
Aber Jesus und die himmlischen Scharen sahen mit Liebe und Teilnahme auf die geprüften und doch enttäuschten Gläubigen herab. Hätte der Schleier, der die sichtbare Welt von der unsichtbaren trennt, zurückgeschlagen werden können, so würde man gesehen haben, wie Engel sich jenen standhaften Seelen näherten und sie vor den Pfeilen Satans beschützten.

Die Adventisten unter der ersten Engelsbotschaft hatten bei der Verkündigung der Wiederkunft Christi den alleinigen Zweck im Auge, ihre Mitmenschen zu einer Vorbereitung auf das Gericht anzuspornen. Sie hatten versucht, vorgebliche Gläubige zur Erkenntnis der wahren Hoffnung der Gemeinde und zur Notwendigkeit einer tieferen christlichen Erfahrung zu erwecken; auch arbeiteten sie darauf hin, die Unbekehrten von ihrer Pflicht, unverzüglicher Buße und Bekehrung zu Gott, zu überzeugen. „Sie machten keine Versuche, irgend jemand zu einer Sekte oder Religionsgemeinschaft zu bekehren, und arbeiteten daher unter allen Gruppen und Sekten, ohne in ihre Organisation und Kirchenzucht einzugreifen.“
Ein Adventprediger sagte: „In all meinem Wirken habe ich nie gewünscht oder beabsichtigt, irgendeine Sonderrichtung außerhalb der bestehenden Gemeinschaften hervorzurufen oder eine auf Kosten einer anderen zu begünstigen. Ich gedachte, ihnen allen zu nützen. Unter der Voraussetzung, dass alle Christen sich auf das Kommen Jesu freuten, und dass die, die nicht so sehen konnten, wie ich, nichtsdestoweniger jene lieben würden, die diese Lehre annähmen, ahnte ich nicht, dass abgesonderte Versammlungen jemals nötig werden könnten. Mein einziges Ziel war, Seelen zu Gott zu bekehren, der Welt ein kommendes Gericht kundzutun und meine Mitmenschen zu bewegen, jene Vorbereitung des Herzens zu treffen, die sie befähigt, ihrem Gott in Frieden zu begegnen. Die große Mehrheit derer, die unter meinem Wirken bekehrt wurden, vereinigten sich mit den verschiedenen bestehenden Gemeinden.“ (Bliß, Erinnerungen an Wm. Miller, S. 328.)

Da das frühe Adventwerk zum Aufbau der Gemeinden diente, wurde es eine Zeitlang günstig angesehen. Doch als Prediger und religiöse Leiter sich gegen die Adventlehre entschieden und alle Erörterung des Gegenstandes zu unterdrücken wünschten, traten sie nicht nur von der Kanzel aus dagegen auf, sondern gestatteten ihren Mitgliedern auch nicht das Vorrecht, Predigten über die Wiederkunft Christi zu besuchen oder auch nur ihre Hoffnung in den Erbauungsstunden der Gemeinde auszusprechen. So befanden sich die Gläubigen in einer sehr schwierigen Lage. Sie liebten ihre Gemeinden und wollten sich ungern von ihnen trennen; doch als sie sahen, dass das Zeugnis des Wortes Gottes unterdrückt und ihnen das Recht, in den Weissagungen zu forschen, versagt wurde, erkannten sie, dass die Treue gegen Gott ihnen verbot, sich zu fügen. Die das Zeugnis des Wortes Gottes verwarfen, konnten sie nicht als die Gemeinde Christi, als „Pfeiler und Grundfeste der Wahrheit“ (1. Timotheus 3,15) ansehen, und daher fühlten sie sich gerechtfertigt, sich von ihren früheren Verbindungen zu trennen. Im Sommer des Jahres 1844 zogen sich ungefähr 50.000 Glieder aus den Gemeinden zurück.

Um diese Zeit ließ sich in den meisten Kirchen der Vereinigten Staaten eine auffällige Veränderung erkennen. Schon seit vielen Jahren hatte eine allmähliche aber beständig zunehmende Gleichförmigkeit mit den weltlichen Gebräuchen und Gewohnheiten und ein dementsprechendes Abnehmen des wirklichen geistlichen Lebens bestanden; aber in diesem Jahre zeigten sich in fast allen Gemeinschaften des Landes Spuren eines plötzlichen und entschiedenen Verfalls. Während niemand imstande zu sein schien, die Ursache zu ergründen, wurde die Tatsache selbst doch von der Presse und der Kanzel weit und breit bemerkt und besprochen.
Man bemerkte in vielen Gemeinden, es „gäbe es keine Erweckungen, keine Bekehrungen mehr, nicht viel offenbares Wachstum in der Gnade unter den Bekennern […]. Mit der Zunahme des Geschäftsverkehrs und den blühenden Aussichten des Handels und der Industrie komme auch eine Vermehrung der weltlichen Gesinnung. So ist es mit allen religiösen Gemeinschaften.“(Congreg. Journal, 23. Mai 1844.)
Im Monat Februar desselben Jahres sagte Prof. Finney am Oberlin-College: „Wir haben die Tatsachen vor Augen gehabt, dass im großen Ganzen die protestantischen Kirchen unseres Landes als solche entweder beinahe allen sittlichen Reformen des Zeitalters gegenüber abgeneigt oder feindlich waren. Es gibt teilweise Ausnahmen, doch nicht genug, um diese Tatsache anders denn allgemein erscheinen zu lassen. Noch eine andere bewiesene Tatsache besteht: das fast gänzliche Fehlen des Erweckungsgeistes in den Gemeinden. Die geistliche Abgestumpftheit durchdringt beinahe alles und geht ungeheuer tief; das bezeugt die religiöse Presse des ganzen Landes. … In sehr ausgedehntem Maße ergeben sich die Gemeindeglieder der Mode und gehen Hand in Hand mit den Gottlosen zu Ausflügen, zum Tanz und anderen Festlichkeiten usw. … Doch wir brauchen uns nicht weiter über dieses peinliche Thema auszusprechen. Es genügt, dass die Beweise sich mehren und uns schwer bedrücken, dass die Kirchen im allgemeinen auf traurige Weise entarten. Sie sind sehr weit von dem Herrn abgewichen, und er hat sich von ihnen zurückgezogen.“

Und ein Schreiber im „Religious Telescope“ bezeugt: „Wir haben nie einen so allgemeinen Verfall wie gerade jetzt wahrgenommen. Wahrlich, die Kirche sollte aufwachen und die Ursache dieses Notstandes zu ergründen suchen; denn als einen solchen muss jeder, der Zion liebt, diesen Zustand ansehen. Wenn wir die wenigen und vereinzelten Fälle wahrer Bekehrung und die beinahe beispiellose Unbußfertigkeit und Härte der Sünder erwägen, so rufen wir fast unwillkürlich aus: Hat Gott vergessen gnädig zu sein, oder ist die Tür der Barmherzigkeit geschlossen?“
Der Grund eines solchen Zustandes liegt stets in der Gemeinde selbst. Die geistliche Finsternis, die Völker, Gemeinden und einzelne befällt, ist keineswegs einem willkürlichen Entziehen der helfenden göttlichen Gnade seitens des Herrn, sondern einer Vernachlässigung oder Verwerfung des göttlichen Lichtes seitens der Menschen zuzuschreiben. Ein treffendes Beispiel dieser Wahrheit bietet uns die Geschichte der Juden zur Zeit Christi. Dadurch dass sie sich der Welt hingaben und Gott und sein Wort vergaßen, waren ihre Sinne verfinstert und ihre Herzen irdisch und sinnlich geworden; sie waren in Unwissenheit über das Kommen des Messias und verwarfen in ihrem Stolz und Unglauben den Erlöser. Gott entzog auch dann noch nicht der jüdischen Nation die Erkenntnis oder einen Anteil an den Segnungen des Heils; aber alle, die die Wahrheit verwarfen, verloren jegliches Verlangen nach der Gabe des Himmels. Sie hatten „aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis“ gemacht, bis das Licht, das in ihnen war, zur Finsternis wurde; und wie groß war die Finsternis!

Es entspricht den Absichten Satans, den Schein der Religion zu bewahren, wenn nur der Geist der lebendigen Gottseligkeit fehlt. Nach ihrer Verwerfung des Evangeliums fuhren die Juden eifrigst fort, ihre gebräuchlichen Zeremonien zu beobachten; sie bewahrten streng ihre nationale Abgeschlossenheit, während sie sich selbst eingestehen mussten, dass die Gegenwart Gottes sich nicht länger in ihrer Mitte offenbarte. Die Weissagung Daniels wies so unverkennbar auf die Zeit der Ankunft des Messias und sagte seinen Tod so deutlich voraus, dass sie dessen Studium umgingen, und schließlich sprachen die Rabbiner einen Fluch über alle aus, die eine Berechnung der Zeit unternehmen wollten. Achtzehnhundert Jahre lang hatte das Volk Israel in Blindheit und Unbußfertigkeit dagestanden, gleichgültig gegen die gnädigen Heilsgaben, rücksichtslos gegen die Segnungen des Evangeliums – eine feierliche und schreckliche Warnung vor der Gefahr, das Licht vom Himmel zu verwerfen.

Gleiche Ursachen haben gleiche Wirkungen. Wer absichtlich sein Pflichtgefühl unterdrückt, weil es seinen Neigungen entgegen ist, wird schließlich das Vermögen verlieren, zwischen Wahrheit und Irrtum zu unterscheiden; der Verstand wird verfinstert, das Gewissen verhärtet, das Herz verstockt und die Seele von Gott getrennt. Wo die Botschaft der göttlichen Wahrheit gering geschätzt und verachtet wird, da wird die Gemeinde in Finsternis gehüllt; der Glaube und die Liebe erkalten, und Entfremdung und Spaltung treten ein. Gemeindeglieder vereinigen ihre Bestrebungen und Kräfte zu weltlichen Unternehmungen, und Sünder werden in ihrer Unbußfertigkeit verhärtet.